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"85 Prozent der von uns befragten Unternehmer würden sich wieder für Crowdinvesting entscheiden"

Anders als beim Crowdfunding beteiligen sich beim Crowdinvesting (Equity-Based-Crowdfunding) Investoren oder Kleinanleger an Start-ups bzw. innovativen Wachstumsunternehmen. In der Regel handelt es sich um eine stille Beteiligung oder um partiarische, also gewinnabhängige Nachrangdarlehen, bei denen die Investoren zwar Informationsrechte, aber keinen Einfluss auf das operative Geschäft haben. Welche Rolle Crowdinvesting dabei für Unternehmensgründungen spielt, hatdas Institut für Mittelstandsforschung IfM Bonn untersucht. Jonas Löher und Dr. Stefan Schneck, Mitglieder des IfM-Autorenteams, stellen im folgenden Interview die wichtigsten Ergebnisse der Studie vor.

Herr Löher, was war aus Ihrer Sicht das überraschendste Ergebnis Ihrer Untersuchung?

Löher: Dass Crowdinvesting mit anderen Finanzierungsformen harmoniert. Das wurde zuvor immer wieder bezweifelt. In unserer Befragung sowie durch intensive Gespräche mit Start-ups, Plattformen und Experten wurde deutlich, dass Crowdinvesting scheinbar gut mit Vorab-, Anschluss- oder Parallelfinanzierungen durch Business Angels oder VC-Gesellschaften kombiniert werden kann. Eine weitere spannende Erkenntnis war, dass Unternehmerinnen und Unternehmer sich im Vorfeld offensichtlich ganz bewusst für das Crowdinvesting entscheiden. Häufig war ja immer wieder behauptet worden, dass die Wahl auf das Crowdinvesting fällt, weil keine andere Finanzierungsquelle zur Verfügung steht. Das konnten wir nicht bestätigen.

Jonas Löher Jonas Löher
© IfM Bonn

Dr. Schneck: Interessant war auch festzustellen, dass Unternehmer auch im Nachgang sehr zufrieden mit den Ergebnissen des Crowdinvestings sind. Und zwar sowohl mit den monetären als auch nicht-monetären Ergebnissen. Zu letzteren zählen insbesondere der Werbeeffekt beim Endkunden, der Zugang zu Netzwerken und Kooperationsmöglichkeiten, ein möglicher Markt- und Produkttest und die damit einhergehende Weiterentwicklung des Produkts. Das bedeutet: 85 Prozent der von uns befragten Unternehmerinnen und Unternehmer würden sich wieder für Crowdinvesting entscheiden.

Dr. Stefan Schneck Dr. Stefan Schneck
© Stefan Schneck, IfM Bonn

Sie kommen in Ihrer Studie auch zu dem Ergebnis, dass die finanzierten Unternehmen tendenziell immer älter werden. Ist Crowdinvesting damit überhaupt noch für eine Frühphasenfinanzierung geeignet?

Dr. Schneck: Wir waren zunächst überrascht, dass so viele Projekte erfolgreich finanziert wurden und eine so hohe Bestandsfestigkeit haben. Deswegen haben wir uns die Unternehmen etwas näher angesehen und festgestellt, dass der Anteil der drei bis vier Jahre alten Betriebe immer größer wird. Der Grund dafür ist naheliegend:  Wir wissen aus der Gründungsforschung, dass etwa die Hälfte der neu gegründeten Unternehmen eines Jahrgangs nach vier bis fünf Jahren wieder vom Markt verschwindet. Bei denjenigen, die nach diesem Zeitraum immer noch aktiv sind, stehen die Chancen gut, dass sie am Markt bleiben. Das wissen die Plattformen und Investoren natürlich. Die Folge ist: Start-ups, die nicht mehr als nur eine Idee oder einen gerade fertiggestellten Businessplan präsentieren können, haben es schwer heutzutage noch eine Finanzierung zu erhalten. Insofern muss man vermuten, dass die jüngeren Unternehmen zunehmend von den Plattformen verdrängt werden.

Löher: Hinzu kommt, dass Crowdinvesting-Plattformen inzwischen sehr viele Bewerbungen von kapitalsuchenden Unternehmen erhalten, von denen nur ein geringer Prozentsatz berücksichtigt werden kann. Dabei wählen die Plattformbetreiber natürlich diejenigen Unternehmen aus, die für die Investoren am erfolgversprechendsten sind. Und das sind tendenziell immer Geschäftsmodelle, die sich in einer etwas späteren Unternehmensphase befinden und die typischen "Kinderkrankheiten" von jungen Start-ups hinter sich haben.

Sie sagten, dass Crowdinvesting mit anderen Finanzierungsinstrumenten harmoniert. Was ist daran so erstaunlich?

Löher: In der Theorie ging man jahrelang vom klassischen Financial Growth Cycle aus: Je nach Unternehmensphase stehen bestimmte Finanzierungsquellen zur Verfügung. Das ist ein Stück weit auch so. Gründer investieren in der Regel zunächst ihr eigenes Kapital und das ihrer Familie oder Freunde in ihr Start-up. Mit etwas Glück kommt dann ein Business Angel mit an Bord. In einer späteren Finanzierungsrunde steigt vielleicht noch ein VC-Geber ein. Dieses Bild wurde inzwischen etwas korrigiert und ist deutlich vielfältiger geworden. Mittlerweile weiß man, dass auch in der Frühphase immer mehrere Finanzierungsquellen parallel zum Zug kommen können. Dabei fügt sich das Crowdinvesting scheinbar sehr gut ein, ohne dass etablierte Investoren abgeschreckt werden.                     

Seit letztem Sommer gibt es die Neuregelung beim Kleinanlegerschutzgesetz. Wird es den Crowdinvesting-Markt eher beschleunigen oder ausbremsen?

Dr. Schneck: Ich glaube, dass das Kleinanlegerschutzgesetz letztlich eine positive Wirkung hat, denn es sorgt bei allen Beteiligten für Rechtssicherheit. Wir begrüßen auch, dass das Kleinanlegerschutzgesetz wissenschaftlich überprüft werden soll.

Kommen wir zum Thema Hochschule: Inzwischen gibt es auch die eine oder andere Universität, die sich im Bereich der Crowdfinanzierung engagiert. Was halten Sie davon?

Löher: Im Bereich des Crowdinvestings finde ich es nicht ganz unproblematisch, weil es dabei vor allem um die Rendite für Investoren geht. Hier würde ich das Engagement einer öffentlichen Hochschule eher kritisch sehen. Anders sieht es beim Reward-Based-Crowdfunding aus, das in sinnvoller Weise als Kooperation zwischen einer Hochschule und einer etablierten privatwirtschaftlichen Crowdfunding-Plattform umgesetzt werden kann. Und dafür gibt es schon einige erfolgreiche Beispiele.

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