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"Ich würde den Erfolg der Entrepreneurship Education nicht allein daran messen, wie viele der Studierenden sich tatsächlich selbständig machen."

Prof. Dr. Jörn Block Prof. Dr. Jörn Hendrich Block
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Prof. Dr. Jörn Hendrich Block, Sprecher der Forschungsstelle Mittelstand an der Universität Trier und Präsident des Förderkreises Gründungsforschung (FGF), ist Mitglied des Round Table Mittelstand im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und als Gründer und Beirat in der Start-up Szene aktiv.

Herr Prof. Block, wie steht es um die Unternehmerausbildung an deutschen Hochschulen?

Prof. Dr. Block: Erfreulicherweise hat sich der Stellenwert der Entrepreneurship Education in den letzten Jahren deutlich erhöht. Es gibt inzwischen an nahezu allen Hochschulen in Deutschland vielfältige Lehrangebote, die zwar nicht immer unter der Bezeichnung Entrepreneurship Education firmieren, aber im Wesentlichen deren Inhalte und Zielsetzung verfolgen. Also rein quantitativ gesehen, ist die bisherige Entwicklung gut, wobei ich mir für die Zukunft eine Erweiterung des Angebots insbesondere an Universitäten und in Studiengängen wünschen würde, die nicht explizit wirtschaftswissenschaftlich, sondern eher technisch, naturwissenschaftlich oder geisteswissenschaftlich geprägt sind. Nicht zuletzt, weil Entrepreneurship Education im Kern interdisziplinär angelegt ist und daher eine wichtige „soft skill“ für viele Studiengänge und Berufe darstellt.

Wenn man die bisherige Entwicklung darüber hinaus qualitativ bewerten möchte, muss man nach den Zielen der Entrepreneurship Education unterscheiden. Dazu gehört zunächst, die Studierenden und Absolventen mit den Besonderheiten einer Unternehmensgründung vertraut zu machen und sie dafür zu sensibilisieren, die berufliche Selbständigkeit eventuell als berufliche Option in Betracht zu ziehen: entweder direkt nach dem Studium oder im Verlauf des späteren Berufslebens. Diese Sensibilisierungsphase funktioniert an den meisten Hochschulen ganz gut.

Aber auch in den vertiefenden Angeboten ist die Entrepreneurship Education deutlich reifer geworden. Während in den anfänglichen Veranstaltungen meist nur kurz erklärt wurde, was ein Businessplan ist und wie man eine Geschäftsidee findet, wird heute viel mehr mit Fallstudien, Planspielen und Gastvorträgen von Unternehmern gearbeitet. Dennoch sehe ich hier Optimierungsbedarf. Das betrifft vor allem Hochschulen, die aufgrund ihres Studienangebots und Fächerspektrums ein hohes Gründungspotenzial besitzen. Dazu würde ich zum Beispiel die Technischen Hochschulen oder auch die Hochschulen für angewandte Wissenschaften zählen. Dort ist es sinnvoll, mehr noch als bisher, über eine reine Sensibilisierung hinauszugehen und das Angebot an vertiefenden Kursen zu Themen wie Gründungsmarketing, Gründungsfinanzierung oder geistiges Eigentum auszubauen. 

An welchen Inhalten orientiert sich die Entrepreneurship-Lehre in Deutschland?

Prof. Dr. Block: Wie in den meisten Wissenschaften orientieren wir uns auch in der Entrepreneurship-Forschung und -Lehre sehr stark an den USA. Entrepreneurship hat dort schon seit längerer Zeit einen hohen Stellenwert an Hochschulen. Von daher wurden bei uns in der Lehre viele Lehrbücher und Fallstudien aus den USA übernommen. Allerdings ist in jüngster Zeit festzustellen, dass zunehmend auch Lehrmaterialien und Praxisbeispiele aus Deutschland eingesetzt werden. Ich denke, dass dies auch der richtige Weg ist, denn die Gründungslandschaft in Deutschland ist einfach eine andere als in den USA. Nehmen Sie zum Beispiel das Thema Venture Capital (VC). Das ist in den USA, insbesondere im Silicon Valley, von viel größerer Bedeutung als bei uns. Im Vergleich dazu ist der VC-Markt bei uns noch unterentwickelt. Natürlich muss das Thema VC auch bei uns Bestandteil der Lehrinhalte sein, aber eine Vorlesung zur Gründungsfinanzierung, die ausschließlich auf eine VC-Finanzierung abstellt, und nicht auch die Finanzierungsmöglichkeiten durch Banken und vor allem auch durch öffentliche Förderprogramme berücksichtigt, geht schlichtweg an der Realität vorbei. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich als Lehrender im Rahmen der Sensibilisierungsphase auch über Programme wie EXIST informieren muss, um den Absolventen und Studenten, die Chance zu bieten, dieses oder andere adäquate Programme zu nutzen. Insofern hilft es wenig, wenn man ausschließlich nur das wiedergibt, was in den USA unterrichtet wird.

Wo liegen derzeit die Forschungsschwerpunkte bei der Entrepreneurship Education?

Prof. Dr. Block: Die Thema Entrepreneurship Education ist - wie die Gründungsforschung allgemein - sehr interdisziplinär angelegt. Sie können die Unternehmerausbildung zum Beispiel aus einem pädagogischen Blickwinkel betrachten: Wie kann es der Lehre gelingen, Studenten zu motivieren, ein Unternehmen zu gründen? Oder Sie nähern sich dem Thema aus Sicht der Psychologie: Welche Persönlichkeitsstruktur braucht es, um erfolgreich ein Unternehmen zu gründen? Sie können auch eine volkswirtschaftliche Perspektive einnehmen und fragen, inwiefern die Gründungsausbildung tatsächlich einen signifikanten Effekt auf das Gründungsgeschehen einer Region hat.

In jüngster Zeit sind zunehmend Analysen zur Wirkung der  Gründungsausbildung entstanden. Solche Studien sind hochkomplex und werden zunehmend auf Basis robuster ökonometrischer und statistischer Methoden durchgeführt. Das Ergebnis ist zum Teil auf den ersten Blick etwas ernüchternd, da sich die Effekte der Gründungsausbildung auf die Gründungsneigung und die tatsächliche Gründung nicht immer klar zeigen und belegen lassen. Die Wirkung der Gründungsausbildung ausschließlich anhand der Gründungszahlen zu messen, ist allerdings zu kurz gesprungen. Zum einen kann eine (positive) Wirkung der Gründungsausbildung auch darin bestehen, Gründer mit schlechten Ideen und geringen Gründungsfähigkeiten vom Gründen abzuhalten. Zum anderen hilft die Unternehmerausbildung auch denjenigen Studierenden, die im Anschluss an das Studium in eine abhängige Beschäftigung wechseln.  Schließlich wird heutzutage von vielen Mitarbeitern erwartet, dass sie unternehmerisch Denken und Handeln. Stichwort "Intrapreneurship"! Insofern würde ich den Erfolg der Entrepreneurship Education nicht allein daran messen, wie viele der Studierenden sich tatsächlich im Laufe ihres Berufslebens selbständig machen.

Sie sagten, die Gründungsforschung sei interdisziplinär aufgestellt. Wo verläuft der Austausch zwischen den verschiedenen Disziplinen?

Prof. Dr. Block: Der Treffpunkt für alle Gründungsforscher im deutschsprachigen Raum ist das G-Forum, das vom Förderkreis Gründungsforschung, FGF, jährlich veranstaltet wird. Der FGF ist die Vereinigung der Gründungsforscher und organisiert diese Veranstaltung seit nunmehr 20 Jahren einmal jährlich. Dass die Entrepreneurship Education dort als Thema fest verankert ist, versteht sich von selbst. Im Kern geht es bei den Diskussionen und Beiträgen immer wieder um die Frage, wie sich das Wissen um das praktische unternehmerische Handwerkszeug in die Lehre integrieren lässt, ohne dass das Ganze zu theoretisch wird. Da gibt es verschiedene Ansätze: Die einen arbeiten mit Fallstudien, die anderen bevorzugen Computersimulationen. Es gibt auch Dozenten, die ihren Studenten einfach sagen: "Nehmt 5 Euro und versucht damit im Laufe des Semesters ein kleines Unternehmen zu gründen." 

Im englisch- und deutschsprachigen Raum ist die Entrepreneurship Education recht gut aufgestellt. Worin bestehen Ihrer Erfahrung nach innerhalb der EU die größten Unterschiede in der akademischen Unternehmerausbildung?

Prof. Dr. Block: Unterschiede sind vor allem zwischen den west- und osteuropäischen Ländern festzustellen. In letzteren lagen die Themen Unternehmensgründung, Unternehmensnachfolge, mittelständisches Unternehmertum und Marktwirtschaft im Grunde 50, 60 Jahre lang brach. Inzwischen gibt es dort sehr westlich orientierte private Hochschulen bzw. Business Schools, die nach amerikanischem Vorbild aufgebaut sind. Dort spielt das Thema Entrepreneurship natürlich eine ganz wichtige Rolle. Wohingegen es an den staatlichen Hochschulen nur vereinzelt vergleichbare Angebote gibt. Da sind die Unterschiede zwischen den Hochschulen noch sehr groß, so dass ich dort und auch in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens noch einen großen Nachholbedarf sehe.

Stand: November 2016