Navigationsbereich

Sie befinden sich hier:

"Deutschland ist stark auf den Export angewiesen. Das ist Unternehmensgründern durchaus bewusst."

Rolf Sternberg Prof. Dr. Rolf Sternberg
© Rolf Sternberg

Prof. Dr. Rolf Sternberg leitet das Institut für Wirtschafts- und Kulturgeographie an der Leibniz Universität Hannover. Er betreut federführend die Länderstudie Deutschland, die im Rahmen des Global Entrepreneurship Monitor (GEM) erscheint. Der GEM ist das weltweit größte Forschungskonsortium zur Analyse von Gründungsaktivitäten, zu dem derzeit mehr als 70 Länder gehören.

Herr Prof. Sternberg, im internationalen Vergleich hinkt Deutschland bei den Gründungszahlen deutlich hinterher. Gilt das auch für technologieorientierte Gründungen?

Prof. Dr. Sternberg: Wenn wir uns die Gründungszahlen der 23 innovationsbasierten Länder ansehen, nimmt Deutschland tatsächlich mit einer Gründungsquote von knapp fünf Prozent den letzten Platz ein. Da hat sich in den letzten Jahren leider nicht viel verändert. Dabei messen wir immer die sogenannte TEA, die Total early-stage Entrepreneurial Activity. Das entspricht dem Prozentanteil der 18- bis 64-Jährigen, die während der letzten 3,5 Jahre ein Unternehmen gegründet haben und/oder gerade dabei sind, ein Unternehmen zu gründen. Was die technologieintensiven Gründerinnen und Gründer betrifft, also ein kleiner Teil der zuvor genannten Gründer, die entweder bereits am Markt sind oder erst noch vorhaben, ein technologieintensives Produkt auf den Markt zu bringen, nimmt Deutschland mit Rang 18 unter 23 Ländern einen etwas höheren Rang ein. Wobei ich hinzufügen muss, dass sich der GEM nicht explizit mit technologieorientierten Gründungen beschäftigt. Da gibt es aussagekräftigere Daten quellen. Aber innerhalb der GEM-Erhebung ist es tatsächlich so, dass Deutschland bei den technologieorientierten Gründungen etwas besser abschneidet als bei den Gründungszahlen insgesamt.

Worauf führen Sie das bessere Abschneiden der technologieaffinen Gründungen zurück?

Prof. Dr. Sternberg: Wir können mit dem GEM-Daten nicht begründen, warum die technologieorientierten Gründungen besser abschneiden. Das kann ein Resultat der Förderung auf Bundes- und Landesebene sein. Von meinem persönlichen Standpunkt aus scheint EXIST da ein ganzwirkungsvolles und erfolgreiches Programm zu sein, das auch im Ausland wahrgenommen wird. Im Policy Brief des GEM 2016 wird EXIST zum Beispiel sehr positiv hervorgehoben. Aber letztlich wissen wir nicht, welchen Einfluss es auf die Gründungszahlen hat, weil eine solche Programmevaluation nicht Aufgabe des GEM ist.

Nicht nur im Tech-Bereich spielt der internationale Markt eine wichtige Rolle. Inwiefern haben Gründer aus Deutschland ausländische Märkte im Visier?

Prof. Dr. Rolf Sternberg: Deutschland ist stark auf den Export angewiesen. Das ist Unternehmensgründern durchaus bewusst. Von daher schneidet Deutschland bei dieser Frage relativ gut ab. Wir haben einen Wert von 0,8 Prozent der 18- bis 64-Jährigen, die entweder erwarten, weil sie noch nicht gegründet haben, oder bereits wissen, weil sie schon gegründet haben, dass sie zukünftig bzw. aktuell 50 Prozent ihrer Kunden im Ausland haben werden bzw. schon haben. Deutschland liegt damit unter den 23 innovationsbasierten Ländern immerhin auf dem sechsten Platz, gefolgt von Israel. Auf den ersten Plätzen befinden sich Slowenien, Luxemburg, Irland und Kanada. Ein Grund für die allgemein niedrige Gründungsquote in Deutschland ist bekanntermaßen der gute Arbeitsmarkt.

Gibt es laut GEM noch weitere Gründe, warum der Unternehmergeist hierzulande so schwach ist?

Prof. Dr. Sternberg: Eigentlich kann man sich über die Arbeitsmarktsituation in Deutschland nur freuen – vor allem wenn man die Situation in anderen Ländern betrachtet. Es ist aber leider so, dass die gute Konjunktur zweifellos auch eine wichtige Ursache für die niedrige Gründungsquote hierzulande ist. Das heißt, die Opportunitätskosten von Menschen, die einen gut bezahlten, vielleicht auch zufriedenstellenden Arbeitsplatz haben, wären sehr hoch, wenn sie sich beruflich selbständig machen würden.

Darüber hinaus gibt es Faktoren, die nicht primär mit dem Arbeitsmarkt zu erklären sind. Dazu gehören insbesondere die vergleichsweise wenig entwickelte Kultur der unternehmerischen Selbständigkeit und die negative Sicht auf gescheiterte Unternehmerinnen und Unternehmer. Die gesellschaftlichen Werte und Normen erweisen sich seit Jahren als große Schwäche des Gründungsstandortes Deutschland. Das größte Versäumnis ist, dass die unternehmerische Selbständigkeit an allgemeinbildenden Schulen nicht als echte Alternative zu einer abhängigen Beschäftigung aufgezeigt wird. Die Lehrer kommunizieren diesbezüglich zu wenig – sieht man von einigen Projekten wie zum Beispiel JUNIOR, Jugend gründet oder business@school ab. Hinzu kommt, dass es aufgrund der geringen Gründungsquote an unternehmerischen Rollenvorbildern fehlt. Die Situation spiegelt leider die insgesamt geringe Wertschätzung von Unternehmertum in der Gesellschaft wider. Auch die Europäische Kommission sieht hier beträchtlichen Nachholbedarf.

Dabei gibt es durchaus erfolgreiche Beispiele in Israel, den USA, Estland und den Niederlanden, an denen sich die deutsche Bildungspolitik orientieren könnte.

Aber an den Hochschulen hat sich doch schon einiges geändert.

Prof. Dr. Sternberg:Es ist richtig, dass an Hochschulen in den letzten Jahren in Forschung und Lehre verstärkt Entrepreneurship-Aktivitäten zu beobachten sind. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Gründungslehrstühlen. Den noch muss immer noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Viele Lehrpersonen sind auch weiterhin nicht davon überzeugt, dass Entrepreneurship zum Curriculum gehören sollte. Auch der OECD-Report 2014 stellt fest, dass die Lehrmethoden an deutschen Hochschulen wesentlich praxisbezogener ausgerichtet sein und dabei zum Beispiel Unternehmensbesuche, die Entwicklung von Prototypen oder auch den Umgang mit unternehmerischem Scheitern/Fehlern stärker berücksichtigen sollten. Dies darf und braucht – zumindest an wissenschaftlichen Universitäten – natürlich nicht auf Kosten einer forschungsorientierten, auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Lehre gehen.

Apropos „Scheitern“: In Deutschland wird das unternehmerische Scheitern sowohl im persönlichen Umfeld als auch bei Geldgebern nach wie vor als großes Manko gesehen, dem nicht selten mit Schadenfreude und Häme begegnet wird. In Ländern wie Israel, den USA, Portugal und Kanada sieht man da viel mehr die positiven Seiten von Menschen, die ein unternehmerisches Risiko eingegangen sind und gesellschaftliche Anerkennung verdienen.

Wie sieht es mit der Förderung von Gründerinnen und  Gründern aus. Hat Deutschland in der Hinsicht auch Nachholbedarf?

Prof. Dr. Sternberg: Nein, die Gründungsförderung ist keine Schwachstelle in Deutschland – im Gegenteil. Allerdings gibt es eine Ausnahme: Junge und kleine Unternehmen haben keinen erleichterten Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen bzw. zum öffentlichen Beschaffungswesen. In den USA zum Beispiel muss bei öffentlichen Aufträgen immer ein gewisser Prozentsatz an junge und/oder sehr

kleine Unternehmen vergeben werden. Eine solche Regelung würden wir uns für Deutschland auch wünschen, verbunden mit einer Vereinfachung und Verschlankung der Ausschreibungsverfahren.

Stand: Oktober 2016