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"Unter den Studierenden hier gibt es ein Motto: ‚Ilmenau ist das, was Du draus machst‘. Genau aus dieser Philosophie entspringt unser Engagement.“

Bild von Dr. Dörte Gerhardt, Leiterin des Referats Forschungsservice und Technologietransfer

Sensibilisieren, informieren, beraten und betreuen: Damit der Gründergeist durch die Hochschulen wehen kann, braucht es kräftigen Rückenwind. Finanziell und personell. Was tun, wenn beides fehlt? Dann ist Eigeninitiative gefragt. Wie zum Beispiel an der Technischen Universität (TU) Ilmenau in Thüringen. Dort haben gründungsbegeisterte Studierende, Mitarbeiter und Professoren das Heft selbst in die Hand genommen. Von Anfang an dabei ist Dr. Dörte Gerhardt, Leiterin des Referats Forschungsservice und Technologietransfer.

Frau Dr. Gerhardt, „auftakt. Das Gründerforum Ilmenau“ ist auf Initiative von Gründungsinteressierten an der TU Ilmenau entstanden. Wie kam es dazu?

Dr. Gerhardt: Angefangen hat alles im Jahr 2010. Damals hatte ein Mitarbeiter von der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der TU Ilmenau die Idee, alle Interessierten, die sich über Hierarchien und Ausbildungsstrukturen hinweg für das Thema Gründen begeisterten, zu einem Treffen einzuladen. Zusammen kamen dabei Studierende, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Professoren, Absolventen und Gründer, die gemeinsam überlegt haben, wie sie die Gründungsförderung an der TU Ilmenau wieder in Schwung bringen können. Das war der Start für eine Bottom-up-Initiative, die in den letzten Jahren ohne jegliche Förderung gewachsen ist.

Aber die TU Ilmenau war doch bei der Gründungsförderung schon ganz aktiv?

Dr. Gerhardt: Das war im Rahmen des EXIST I und II Projekts „GET UP“ gewesen. Die Förderung war aber schon im Jahr 2006 ausgelaufen, und eine Anschlussfinanzierung war nicht in Sicht. Also hat man alle Stellen aufgelöst, die Strukturen brachen zusammen und die Angebote verschwanden von der Bildfläche. Zu dem Zeitpunkt ging die Verantwortlichkeit für das Existenzgründungsthema an mein Referat über. Ich hatte und habe aber nur eine Viertelstelle, um mich des Themas anzunehmen. Für die Gründungsberatung habe ich inzwischen noch einen Mitarbeiter mit einer halben Stelle. Das reicht aber nicht aus. Eine vernünftige Gründungsberatung und alle weiteren Aufgaben, die mit dem Technologietransfer verbundenen sind, können wir zeitlich kaum schaffen. Immerhin konnten wir zusammen mit den Fakultäten in der Entrepreneurship-Lehre einiges auf die Beine stellen. Aber für Maßnahmen im Bereich der Gründungs-Sensibilisierung, die von essentieller Bedeutung ist, hatte ich schlichtweg keine Ressourcen. Dabei ist gerade hier Kontinuität wichtig. Wer nicht auf die Idee gebracht wird, über eine Karriere als Unternehmerin oder Unternehmer nachzudenken, der wird kaum die Angebote der Gründerberatung in Anspruch nehmen.

Und dann hat die Basis die Initiative ergriffen?

Dr. Gerhardt: Ja, diejenigen, denen das Thema am Herzen lag, wussten ja, wie die Situation war, und so kam es dann zu einem ersten Treffen. Den harten Kern bildeten anfangs ungefähr zehn Leute, die sich von Anbeginn sehr engagiert haben und dies bis heute tun. Wir hatten uns darauf verständigt, zum einen alle Gründungsakteure im Umfeld der TU Ilmenau sichtbarer zu machen und die noch verbliebenen Angebote an der TU Ilmenau zu bündeln. Zum anderen wollten wir Studierende, Absolventen, Doktoranden und Professoren für das Thema Unternehmertum sensibilisieren.

Gerade dieses Thema liegt uns am Herzen: Wer gründen will, findet viel Unterstützung und Beratungsangebote. Aber bis zu dieser Entscheidung ist es ein langer Weg. Deshalb setzen wir gerade hier einen Schwerpunkt. Kurz darauf konnten wir das Rektorat der TU Ilmenau mit ins Boot holen, das uns zwar nicht finanziell, aber ideell tatkräftig unterstützt. Wir können beispielsweise hier auf dem Campus sehr frei agieren und führen viele Aktionen durch, ohne Gegenwind zu bekommen. Schließlich kamen noch zwei weitere wichtige Partner dazu: das Technologie- und Gründerzentrum Ilmenau und die Technologiegesellschaft Thüringen mbh & Co. KG.

Ein Jahr später wurde dann der Verein Gründerforum Ilmenau e.V. gegründet.

Dr. Gerhardt: Genau. Die Initiative auftakt. wird von zwei Organisationen getragen: dem gemeinnützigen Verein Gründerforum Ilmenau e.V. und dem Referat Forschungsservice und Technologietransfer an der TU Ilmenau. In dem Verein engagieren sich circa 25 Studierende, wissenschaftliche Mitarbeiter, Professoren und externe Partner. Sie führen, je nachdem was geplant ist, die wichtigsten Beteiligten zusammen und sorgen für eine effektive und effiziente Zusammenarbeit. Das Entscheidende ist: Fast alle arbeiten dabei ehrenamtlich, voller Herzblut und in dem tiefen Glauben, dass sie andere für das Thema Unternehmertum begeistern können.

Welche Aufgaben übernehmen die Ehrenamtlichen?

Dr. Gerhardt: Sie stemmen den Großteil der Arbeit. Dazu gehören vor allem die strategische Arbeit der Initiative, Netzwerken und Fundraising, Organisation von Veranstaltungen, die Betreuung von PR- und Presseaktionen oder auch hin und wieder die Referententätigkeit in Gründungsveranstaltungen. Zum Teil können wir auch Studierende einbinden, die im Rahmen der Lehre bestimmte Aufgaben erfüllen müssen. Aber es muss ja immer jemanden geben, der das Ganze organisiert und die Fäden in der Hand hält. Und das übernehmen in der Regel die Vereinsmitglieder, die neben ihrer beruflichen Tätigkeit hier ihre Zeit und Arbeitskraft investieren.

Mit lachendem und weinendem Auge beobachten wir dabei, dass wir von außen wahrgenommen werden wie ein vollberuflich agierendes Team von acht bis zehn Mitarbeitern. Aber das sind wir nicht – leider. Außerdem binden wir auch Mitglieder aus dem Verein oder aus dessen Umfeld in die Gründungsberatung mit ein. Unternehmer zum Beispiel, die bereit sind, ihre Erfahrungen und ihr Know-how weiterzugeben. Sei es in Gesprächen mit den Gründerinnen und Gründer oder im Rahmen von Veranstaltungen. Natürlich können die Ehrenamtlichen solche Beratungen nur in einem überschaubaren Rahmen leisten. Aber da hat sich die enge Zusammenarbeit mit den Gründungsakteuren in der Region bewährt. Wenn wir zeitlich oder inhaltlich an unsere Grenzen stoßen, können wir unsere Gründerinnen und Gründer an weiterführende Ansprechpartner weitervermitteln, zum Beispiel an das Thüringer Zentrum für Existenzgründungen und Unternehmertum ThEx.

Was meinen Sie, woher kommt dieses Engagement? Warum hat das Thema Existenzgründung an der TU Ilmenau einen so hohen Stellenwert?

Dr. Gerhardt: Unter den Studierenden hier gibt es ein Motto: „Ilmenau ist das, was Du draus machst“. Genau aus dieser Philosophie entspringt unser Engagement: Unser Team brennt einfach für das Thema Unternehmertum, und da es keine Initiative gab, haben wir selbst das Ruder in die Hand genommen. Außerdem ist die TU Ilmenau eine technologieorientierte Universität. Neben den ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen haben wir auch wirtschaftswissenschaftliche und medienwissenschaftliche Studiengänge. Das ist eine ideale Kombination, denn die drei Fachrichtungen können sich gut ergänzen und unternehmerisch gemeinsam viel auf die Beine stellen. Außerdem hat die Hochschulleitung ein großes Interesse daran, Ausgründungen im Rahmen des Technologietransfers zu unterstützen. Und nicht zuletzt hat der unternehmerische Nachwuchs eine große Bedeutung für die Wirtschaftsregion Ilm-Kreis.

Apropos Nachwuchs: Welche Perspektive hat Ihre Initiative?

Dr. Gerhardt: Wir müssen kämpfen. Ein Wermutstropfen ist, dass die Studierenden oder Doktoranden, die sich ehrenamtlich engagieren, irgendwann die Hochschule verlassen. Man muss also immer am Ball bleiben, um neue Mitstreiter zu gewinnen. Ein zweiter Knackpunkt ist die Finanzierung. Wir haben natürlich viele Ideen, was wir noch alles umsetzen könnten, aber wir müssen uns aus finanziellen Gründen doch sehr beschränken. Die Finanzierung ist prekär, da gibt es nichts zu beschönigen. Wir sind daher dabei, ein Spendenmanagement aufzubauen, das allerdings auch mit einem sehr hohen Zeitaufwand verbunden ist, zumal nicht nur neue Spender akquiriert, sondern auch bestehende Spender regelmäßig gepflegt werden müssen. Im Vergleich zu großen, industrienahen Standorten mit entsprechend stark aufgestelltem Netzwerk an Kooperationspartnern und Gründeralumni, ist dies für uns eine besonders anspruchsvolle Herausforderung.

Zu guter Letzt: Was würden Sie den Gründungsakteuren an anderen Hochschulen empfehlen, die ebenfalls mit knappen Ressourcen haushalten müssen?

Dr. Gerhardt: Am wichtigsten ist: Man muss „Überzeugungstäter“ sein und sich für die Gründung von Start-ups wirklich begeistern. Und: Es braucht eine enge Zusammenarbeit in hochschulinternen und regionalen Netzwerken. Dadurch lassen sich Doppelangebote vermeiden beziehungsweise bestehende Angebote von Dritten nutzen. Letztlich können Netzwerke auch dabei helfen, die eine oder andere Finanzierung auf die Beine zu stellen.