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"Die Wissenschaft ist insgesamt noch zu wenig für das Thema Unternehmensgründung sensibilisiert."

Dr. Teita Bijedić Dr. Teita Bijedić
© privat

Dr. Teita Bijedić ist Wissenschaftlerin im Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn. Die Psychologin und Wirtschaftswissenschaftlerin befasst sich mit den Themen Entrepreneurship, Innovation, Gender und ökonomischer Bildung. Sie gehört zum Autorenteam der Studie "Gründungserfolg von Wissenschaftlern an deutschen Hochschulen".

Frau Dr. Bijedić, Sie haben untersucht, wie es um den Gründungserfolg von Wissenschaftlern an deutschen Hochschulen steht. Was war der Grund dafür, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Dr. Bijedić: Vor drei Jahren hatten wir untersucht, welchen Einfluss die institutionellen Rahmenbedingungen auf die Gründungsneigung von Wissenschaftlern an deutschen Hochschulen besitzen. Hierfür hatten wir rund 7.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Fächergruppen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, Kreativwirtschaft, Gesundheit und Soziales sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an 73 deutschen Hochschulen befragt. Es zeigte sich, dass beispielsweise finanzielle Leistungsanreize in der Forschung und Lehre prinzipiell gründungsfördernd wirken. In der Folgestudie wollten wir nun von den rund 1.200 gründungsinteressierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wissen, ob sie ihre Gründungsidee tatsächlich auch umgesetzt haben bzw. was sie daran gehindert hat, dies zu tun.

In Ihrer Studie heißt es: "Es besteht eine Diskrepanz zwischen der Gründungsneigung, also der Idee, ein Unternehmen zu gründen und der eigentlichen Gründung." Worauf führen Sie diese Diskrepanz zurück?

Dr. Bijedić: Das Thema "Gründung" wird an den Hochschulen sehr häufig und in verschiedenen Veranstaltungsformen thematisiert. Dennoch sind die Beratungs- und Unterstützungsangebote gerade Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern teilweise nicht bekannt und werden insgesamt relativ selten in Anspruch genommen. Unsere Ergebnisse haben aber auch gezeigt, dass diejenigen, die die gründungsfördernde Infrastruktur an den Hochschulen nutzen, erfolgreicher in die Selbstständigkeit starten als diejenigen, die dies nicht tun.

Als Gründe für die Diskrepanz zwischen der Idee zu gründen und der Umsetzung haben wir vor allem fehlende Zeit, mangelnde finanzielle Ressourcen und Marktkenntnisse oder ein noch unkonkretes Geschäftskonzept identifiziert. Besonders auffallend dabei: Es sind vor allem die Wissenschaftlerinnen, die insgesamt stärker die Hemmnisse wahrnehmen. Insbesondere aufgrund fehlender Finanzmittel verfolgen sie häufig ihr Gründungsvorhaben nicht weiter.

Trotz der positiven Effekte der Gründungsförderung nimmt sie nur etwas mehr als jeder zehnte Wissenschaftler in Anspruch, heißt es in Ihrer Studie. Was sind die Gründe dafür?

Dr. Bijedić:  Bei unserer ersten Befragung vor drei Jahren haben wir festgestellt, dass nur ein geringer Teil der Wissenschaftler überhaupt Kenntnis über die Unterstützungsangebote hatte. Dies hat sich in der Folgestudie bestätigt. Aber auch, wenn sie über die Unterstützungsmöglichkeiten informiert sind, nutzt dennoch nur ein Bruchteil diese Angebote. Generell ist es daher sicherlich sinnvoll, wenn gründungsinteressierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch stärker für die Angebote der Gründungsförderung an Hochschulen sensibilisiert werden. Häufig sprechen die Angebote nämlich vordergründig andere Zielgruppen an, beispielsweise Studierende. Zugleich liegt es aber auch klar in der Verantwortung jedes einzelnen Wissenschaftlers, sich beispielsweise fehlende betriebswirtschaftliche Kenntnisse anzueignen oder sie aktiv von extern einzuholen. 

Welche Disziplinen sind eher gründungsstark, welche eher gründungsschwach?

Dr. Bijedić: Unsere Befragung hat gezeigt, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik seltener gründen als diejenigen aus anderen Fachrichtungen. Wenn sie jedoch gründen, sind die Gründungen schneller ertragreich. Die Gründerinnen und Gründer können ihren Lebensunterhalt häufig schon im frühen Stadium der Unternehmung besser damit bestreiten als Wissenschaftler beispielsweise in den Fachgebieten Geistes- und Sozialwissenschaften, die sich oft in den Medienberufen selbstständig machen.

Welchen Einfluss haben Ihrer Ansicht nach Förderinstrumente wie bspw. EXIST-Forschungstransfer auf die Gründungsmotivation von Wissenschaftlern?

Dr. Bijedić: Sie haben einen hohen Einfluss: Schon allein aufgrund der Antragsstellung sind die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gezwungen, sich mit ihrer Gründungsidee umfassend auseinanderzusetzen. Werden sie finanziell gefördert, erleichtert ihnen dies die Umsetzung.

Welche Handlungsempfehlungen würden Sie Hochschulen und Politik geben?

Dr. Bijedić: Unsere Befragung ergab, dass die Wissenschaft insgesamt noch zu wenig für das Thema "Unternehmensgründung" sensibilisiert ist. Folglich fehlt auch häufig die entsprechende Wertschätzung für die Kommerzialisierung der eigenen Forschungsergebnisse. Dies hängt aber auch stark von der jeweiligen Fachkultur ab. Gegensteuern könnte man beispielsweise mit Vorbildern: Erfolgreiche Gründerinnen und Gründer aus der Wissenschaft könnten in den Fachbereichen aber auch in den Fachcommunities sichtbarer gemacht werden. Sie könnten beispielsweise durch erweiterte Berufungskriterien oder durch die Einrichtung von Praxisprofessuren, wie es sie beispielsweise in der Schweiz gibt, für die Hochschulen angeworben werden. Wenn Vorbilder, mit denen sich die Wissenschaftler identifizieren können, ihre Erfahrungen weitergeben, ist dies nicht nur erleichternd für die Umsetzung der Ideen bereits Gründungswilliger, sondern vor allem ein Motivationsschub für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Unternehmensgründung bisher wenig oder gar nicht beschäftigt haben.

Um das Gründungsklima darüber hinaus zu verbessern, empfiehlt es sich aber auch, das Anreizsystem an den Hochschulen anzupassen. So sollte der Erfolg eines Wissenschaftlers nicht nur an der Veröffentlichungs- und Lehrleistung gemessen werden, sondern auch an seinem Beitrag zum Wissenstransfer. Hilfreich wären zudem innovative Arbeitszeitmodelle, die mehr Freiräume für Gründungsvorhaben gewähren. Eine Möglichkeit wäre eine temporäre Reduktion der laufenden Verpflichtungen in Forschung und Lehre, wie es bislang ja schon in Form von Forschungsfreisemestern gehandhabt wird.