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"In Cambridge und Umgebung ist ein Hightech-Cluster mit etwa 1.200 Unternehmen und 40.000 Beschäftigten entstanden."

Bild von Walter Herriot, ehemaliger Managing Director des St John's Innovation Centre (Universität Cambridge) Walter Herriot, ehemaliger Managing Director des St John's Innovation Centre an der Universität Cambridge
© Universität Cambridge/Walter Herriot

Walter Herriot hat von 1990 bis 2008 das St John's Innovation Centre an der Universität Cambridge geleitet. Er gehört zu den Architekten des so genannten Cambridge-Phänomens. Demnach ist in Cambridge die Zahl von Hightech-Unternehmen in den letzten 35 Jahren signifikant gestiegen, obwohl die traditionsreiche Universitätsstadt für alles andere als für ihren Unternehmergeist bekannt war. Auch jetzt noch betreut er eine Reihe von Hochschulen wie die Anglia Ruskin und die East Anglia Universität. Er berät außerdem die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen im Rahmen von "EXIST Gründungskultur – Die Gründerhochschule".

Herr Herriot, Sie kennen die britische Hochschullandschaft sehr gut. Wie sieht es mit der akademischen Gründungskultur aus?

Herriot: In den letzten dreißig Jahren hat das Interesse an Gründungsthemen deutlich zugenommen. Einen wichtigen Beitrag dazu hat die Regierung mit dem so genannten Higher Education Innovation Funding, HEIF, geleistet. Das Förderprogramm unterstützt Hochschulen, die ihre Absolventen und Studenten zu Ausgründungen ermutigen und praktische Hilfestellung leisten. Mit Hilfe von HEIF können zum Beispiel Inkubatoren eingerichtet oder spezielle gründungsbezogene Lehrveranstaltungen angeboten werden. Darüber hinaus spielt auch NACUE eine wichtige Rolle. Dieser landesweite Zusammenschluss von Gründungsinteressierten und Gründern aus Colleges und Universitäten [Anm. d. Red.: National Association of College and University Entrepreneurs] besteht aus studentischen Initiativen, so genannten Enterprise Societies, die von den Studierenden an fast allen britischen Hochschulen selbst organisiert werden. Ihre Aufgabe ist es, den Unternehmergeist an ihren Hochschulen zum Beispiel durch Vorlesungen oder Businessplanwettbewerbe zu fördern. Um sicherzustellen, dass sich an allen Hochschulen solche Enterprise Societies bilden können und zugleich auch ein bestimmter Qualitätsanspruch gewährleistet ist, erhält NACUE Fördergelder.

Sie haben mit gründungsinteressierten Studierenden, Absolventinnen und Absolventen an der Universität Cambridge gearbeitet. Wie kann man sich die Unterstützung von Gründern in Cambridge vorstellen?

Herriot: Elite-Hochschulen wie Oxford und Cambridge sowie die Londoner Hochschulen konzentrieren sich vor allem auf technologie- und innovationsorientierte Vorhaben. Um Gründerinnen und Gründer in diesem Bereich zu unterstützen, gibt es in Cambridge das St. John's Innovation Centre. Während meiner Tätigkeit dort, hatte ich im Schnitt mit 300 Gründungsvorhaben im Jahr zu tun. Neben der Beratung und Begleitung der Gründer waren meine Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und ich aber auch damit beschäftigt, Branchencluster aufzubauen, Lobbyarbeit zu betreiben und weitere Unterstützung durch Business Angels oder Mentoren für unsere Gründerinnen und Gründer zu akquirieren. Insofern ist während der letzten Jahre in Cambridge und der Umgebung ein Cluster mit etwa 1.200 Unternehmen und 40.000 Beschäftigten entstanden. Zum Vergleich: Vor 35 Jahren hatten wir hier in diesem Bereich gerade mal zwölf Unternehmen mit 200 Beschäftigten.

Neben der Unterstützung durch das hochschuleigene Innovationszentrum, gibt es in Cambridge außerdem die bereits erwähnten studentischen Initiativen, die Cambridge University Entrepreneurs und die Cambridge University Technology Enterprises. Beide führen Businessplanwettbewerbe und Veranstaltungen durch.

Wie sieht es an den anderen Hochschulen in Großbritannien aus?

Herriot: Es gibt relative junge Universitäten wie beispielsweise die Anglia Ruskin Universität. Dort werden Lehrveranstaltungen oder auch ganze Module zum Thema Unternehmensgründung angeboten. Diese Hochschulen konzentrieren sich auf das unternehmerische Handwerkszeug. Dann gibt es Hochschule wie die Universität East Anglia, die traditioneller ausgerichtet ist und sich allmählich dank HEIFHigher Education Innovation Fund deutlich mehr für das Gründungsthema engagiert.

Wie sieht es mit dem Interesse der Studierenden und Absolventen aus?

Herriot: Das Gründungsinteresse hat in den letzten zehn, zwanzig Jahren deutlich zugenommen. Und es nimmt weiterhin zu, was nicht zuletzt mit den Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt zusammenhängt, aber auch mit dem schlechten Ruf den einige Branchen, wie beispielsweise die Bankenbranche, mittlerweile haben. Für Hochschulabsolventen sind sie als Arbeitgeber daher zur Zeit eher unattraktiv. Das größere Interesse ist aber sicherlich auch auf die hohe Anzahl von unternehmerischen Vorbildern zurückzuführen: Erfolgreiche junge Unternehmerinnen und Unternehmern, die ihren Betrieb aufgebaut haben, Geld verdienen und denen es offensichtlich Freude macht, beruflich selbständig zu sein.

Erhalten die Gründer einen Zuschuss wenn Sie mit Ihrem Vorhaben starten?

Herriot: Nein, das nicht, aber jede Hochschule führt Wettbewerbe durch und die Preisgelder, die von der regionalen Wirtschaft gesponsert werden, belaufen sich immerhin auf 20.000 oder 30.000 Euro. Und wenn die Geschäftsidee der Gewinner gut genug ist und wenn sie zeigen, dass sie die Idee umsetzen können, besteht die Möglichkeit, dass sie eine Business-Angel-Finanzierung erhalten. In Cambridge gibt es zum Beispiel zwei sehr große Business-Angel-Initiativen, die erfolgversprechende junge Start-ups unterstützen.