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„Wir müssen sicherstellen, dass ländliche Regionen im digitalen Zeitalter attraktive Rahmenbedingungen für Gründer, Unternehmer und Arbeitnehmer vorhalten.“

Franz-Reinhard Habbel Franz-Reinhard Habbel
© Franz-Reinhard Habbel

Bisher zieht es nur wenige Start-ups aufs Land. Um daran etwas zu ändern, braucht es nicht nur eine flächendeckende Breitbandversorgung. Gefragt seien darüber hinaus Ideen, die die besonderen Stärken ländlicher Regionen hervorheben, sagt Franz-Reinhard Habbel*. Ehemaliger Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB) sowie Gründer und Leiter des Innovators Clubs des DStGB.

Herr Habbel, folgt man der Berichterstattung in den Medien, entsteht der Eindruck, dass das Gros der innovativen Gründungen in den Ballungszentren stattfindet. Ist der ländliche Raum für Start-ups tatsächlich so uninteressant?

Habbel: Es stimmt, dass die Berichterstattung sehr stark auf die Ballungszentren ausgerichtet ist, insbesondere, wenn über Start-ups berichtet wird. Dabei gerät leider aus dem Blickwinkel, dass auch der ländliche Raum - bei allen regionalen Unterschieden – insgesamt ökonomisch sehr stark ist. Mehr als die Hälfte der 3,5 Millionen Betriebe, die wir in Deutschland haben, sind im ländlichen Raum ansässig. Mehr als die Hälfte der Menschen leben in ländlichen Regionen. Mehr als 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wird dort erzielt. Das bedeutet, wenn Deutschland weiterhin ökonomisch stark bleiben will, sind wir auch in Zukunft auf die Attraktivität ländlicher Räume angewiesen. Wir müssen deshalb sicherstellen, dass ländliche Regionen im digitalen Zeitalter attraktive Rahmenbedingungen für Gründer, Unternehmer und Arbeitnehmer vorhalten.

Unter Rahmenbedingungen verstehen Sie vermutlich mehr als einen zuverlässigen und schnellen Internetzugang.

Habbel: Ja, weitaus mehr. Obwohl natürlich, wie wir alle wissen, die gesamte Entwicklung im ländlichen Raum mit einer ausreichenden Breitbandversorgung steht und fällt. Das ist die Lebensader im 21. Jahrhundert. Ohne die führen alle anderen Bereiche ins Abseits. Ich gehe davon aus, dass alle Akteure inzwischen erkannt haben, zeitnah die notwendigen Weichen zu stellen. Dennoch wäre es zu kurz gedacht, sich nur auf die technische Infrastruktur zu beschränken. Damit allein entsteht noch kein investitions- und gründungsfreudiges Klima. Auch die Kommunen sind in der Pflicht, kreative Ideen zu entwickeln. In vielen Städten und Gemeinden gibt es zum Beispiel sogenannte Neujahrs-Empfänge der örtlichen Wirtschaft. Warum lässt sich daraus nicht die eine oder andere Fachkonferenz entwickeln, die nach Lösungen sucht, um vor Ort Unternehmensgründungen – auch von innovativen Start-ups – zu initialisieren und zu unterstützen?

Welche Rolle spielen die Hochschulen dabei? Müssen Hochschulen und Kommunen nicht mehr miteinander ins Gespräch kommen?

Habbel: Ja, auf jeden Fall. Ich denke, es braucht eine starke Allianz zwischen Wissenschaft und kommunaler Verwaltung. Wenn man Abwanderung, Unternehmensschließungen und Arbeitsplatzverluste in der Region vermeiden möchte, muss man frühzeitig auf Studierende und Wissenschaftler zugehen und ihnen signalisieren: Wir unterstützen dich bei der Gründung deines Unternehmens hier vor Ort und wir sorgen dafür, dass du dich mit deiner Familie hier wohlfühlen wirst. Das bedeutet, man muss sich Gedanken darüber machen, welche weichen Standortfaktoren für die jungen Leute attraktiv sein könnten. Was für ein Wohn- und Lebensumfeld wünschen sie sich? Darüber muss man mit allen Beteiligten sprechen, auch in den digitalen Netzwerken. 

Gründungsinteressierte zieht es aber doch gerade deswegen in Ballungsräume, weil sie dort Gleichgesinnte treffen, weil es eine Szene gibt, weil kulturell mehr los ist und es insgesamt einfach spannend ist. Der ländliche Raum hat doch da keine Chance, oder?

Habbel: Letztlich geht es immer um Attraktivität. Aufmerksamkeit ist die Währung im digitalen Zeitalter, und die muss und kann auch im ländlichen Raum sichergestellt werden. Voraussetzung ist, dass man mit viel Fantasie und Offenheit an die Sache herangeht. Die Politik darf nicht den Fehler machen, die Angebote der Metropolen zum Maßstab zu nehmen. Das hat keinen Sinn. Viel wichtiger ist es, die eigenen Stärken zu erkennen und hervorzuheben. Viele junge Menschen begeistern sich zum Beispiel für Outdoor-Aktivitäten, für Natur, für Freiräume. Das können große Städte in der Regel nicht in dem Maße bieten. Oder nehmen Sie das Beispiel „Sommer-Universität“: Die lässt sich auch an einem ansprechenden Standort auf dem Land gemeinsam mit einer Hochschule umsetzen. Als Highlight können Videobotschaften von Professoren namhafter Hochschulen aus dem Ausland eingespielt werden. Warum nicht aus Stanford? Natürlich kann ich Berlin, Hamburg oder New York nicht vergleichen mit Hückeswagen, Angermünde oder mit anderen Orten, die vielleicht nur zweitausend Einwohner haben. Umso wichtiger ist es, regionale innovative Konzepte zu entwickeln. Wobei schon allein das ein Anlass wäre, junge Leute aus der Region und den dort ansässigen Hochschulen einzuladen, um genau darüber zu diskutieren. Ein weiterer Punkt: Kommunikation – virtuelle und reale – spielt bekanntermaßen eine wichtige Rolle. Das bedeutet, wir brauchen ein kommunikatives Ambiente. Mein Vorschlag wäre zum Beispiel, Bibliotheken im ländlichen Raum völlig neu auszurichten, indem man sie zu Points of Interest macht. Also dort nicht nur Bücher ausleiht, sondern Räume schafft, wo Menschen sich begegnen können, wo Start-ups Räume finden, wo 3D-Drucker stehen usw. Selbst wenn es sich dabei nur um ein kleines Zentrum in einem Dorf handelt, sollte man dabei nicht unterschätzen, welche Strahlkraft so eine Einrichtung haben kann. Vor allem dann, wenn sich junge Leute gewinnen lassen, die an dem Konzept einer solchen Einrichtung mitarbeiten.

Inwieweit können Social Start-ups zur Daseinsvorsorge im ländlichen Raum und damit zur Attraktivitätssteigerung beitragen?

Habbel: Hier gibt es ein großes Potenzial. Denken wir an den Bereich der Pflege. Mit Hilfe digitaler Anwendungen könnten unterschiedliche Dienstleistungen miteinander verknüpft werden. Mitfahrzentralen auf Dorfebene könnten den öffentlichen Nahverkehr ergänzen. Kommunikationsplattformen mit ehrenamtlichen Unterstützungsangeboten könnten regional aufgestellt werden. Also da gibt es wirklich Raum für jede Menge Ideen. 

Aber sind gerade kleinere Kommunen nicht damit überfordert, hier die Weichen zu stellen?

Habbel: Es braucht rechtliche Rahmenbedingungen, Förderprogramme und eine angemessene technische Infrastruktur. Dafür stehen Bund und Länder in der Verantwortung. Aber mindestens genauso wichtig ist es, eine Kultur des Innovierens zu schaffen. Das ist auch die Aufgabe des Bürgermeisters und der lokalen Multiplikatoren. Sie müssen sich die Frage stellen, wie sie in ihrer Gemeinde für ein Ambiente der Offenheit, der Transparenz, des Miteinanders sorgen. Ich weiß, das ist in einem Dorf, wo nur zehn Häuser stehen, schwierig. Umso wichtiger ist es, dass Dörfer und Kleinstädte an einem Strang ziehen und damit die ganze Region nach vorne bringen. Hier ist mehr Kooperation angesagt. Zukunft wird heute lokal gemacht, nicht im Bundestag und nicht im Landtag. Je lokaler und regionaler die Initiativen starten, desto eher stellt sich der Erfolg ein. Gefordert sind Bürgermeister, Kommunalpolitiker und Unternehmer vor Ort als Promotoren, die das Ganze vorantreiben. Auch die Hochschulen gehören dazu. Es reicht nicht, einmal im Jahr einen Tag der Offenen Tür zu veranstalten. Viel wichtiger ist der ständige Austausch zwischen Wissenschaft, Studierenden und den Bürgerinnen und Bürgern in der Region. Da können schon kleine Angebote einiges bewirken, indem zum Beispiel zu dem einen oder anderen Seminar auch die interessierte Öffentlichkeit eingeladen wird.

Kennen Sie Beispiele aus dem Ausland, von denen kleine Kommunen hier in Deutschland lernen können?

Habbel: Es ist interessant, was sich in den letzten Jahren in Österreich getan hat. Dort hat sich eine Start-up-Kultur im ländlichen Raum, gerade auch in den kleinen Gemeinden entwickelt, die auf wissens- und technologieorientierten Geschäftsideen basiert. In den USA beschäftigt sich aktuell die Universität Michigan im Rahmen einer Studie damit, wie man die daniederliegende Wirtschaft im sogenannten Rust Belt durch kommunales Engagement wieder aktivieren kann. Die Frage, inwiefern Kommunen dabei die Gründung junger Unternehmen unterstützen können, spielt da zweifellos eine große Rolle. 

In gewisser Weise fordern Sie ja auch einen gewissen Mentalitätswandel bei politischen Entscheidern und in der Verwaltung.

Habbel: Ohne das geht es nicht. Damit junge Leute mit ihren kreativen Ideen tatsächlich aufs Land kommen, müssen wir die richtigen Weichen stellen. Das muss man wollen. Wir müssen weg von einem vorrangig gegenwartsbezogenen Denken hin zu einem zukunftsbezogenen Gestaltungswillen. Dazu braucht es Menschen, die einen langen Atem haben und in der Lage sind, über den Tellerrand zu schauen. Auch die Wirtschaftsförderung muss sich da neu ausrichten. Wirtschaftsförderung bedeutet zukünftig eben auch Wissensförderung. Darüber hinaus müssen wir lernen, junge Leute stärker zu unterstützen. Die unterschiedlichen Arbeitskulturen zu überwinden muss von beiden Seiten kommen. Beide müssen aufeinander zu gehen. Ein bisschen Offenheit und Lust aufeinander wäre da glaube ich ganz gut.

Stand: Januar 2018

*) Herr Habbel ist zum 1.1.2018 als Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes aus dem Dienst ausgeschieden.

Die Langfassung dieses Interviews finden Sie in der Broschüre „Das ist EXIST 2017“ auf S. 31