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 "Deutschland ist die weltweit am stärksten verflochtene Volkswirtschaft. Das wirkt sich zweifellos auch auf die Gründerszene aus."

Prof. Dr. Reinhard Meckl Prof. Dr. Reinhard Meckl
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Prof. Dr.  Reinhard Meckl ist Inhaber des Lehrstuhls für Internationales Management an der Universität Bayreuth. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Internationalisierung digitaler Geschäftsmodelle, Cross-border Mergers & Acquisitions und Internationalisierungsstrategien chinesischer Unternehmen.

Herr Prof. Meckl, um was geht es, wenn wir über Internationalisierung im Zusammenhang mit jungen Unternehmen sprechen?

Prof. Meckl: Internationalisierung bedeutet zunächst nichts anderes als Ertragspotenziale auf Auslandsmärkten auszuschöpfen. Das ist das primäre Ziel jedes Unternehmens. Was den Einstieg in den internationalen Markt betrifft, muss man unterscheiden:  Auf der einen Seite haben wir die Gründer, die ein klassisches Geschäftsmodell verfolgen. Die haben ein physisches Produkt oder ein Verfahren, zum Beispiel im Bereich der erneuerbaren Energien, im Maschinen- oder Elektroanlagenbau entwickelt. Bei diesen Unternehmen erfolgt die Internationalisierung erst im zweiten oder dritten Schritt. An erster Stelle stehen zunächst der Aufbau des Geschäftsmodells, die Erstellung eines Prototypen und die Etablierung auf dem nationalen oder sogar erst regionalen Markt, um zu zeigen, dass das Geschäftsmodell funktioniert. Erst dann ist es für die meisten Unternehmen sinnvoll, sich international auszurichten. Und das geschieht dann häufig in Kooperation mit ausgewählten Kunden oder Geschäftspartnern, was schon allein aus Kostengründen eine durchaus erfolgreiche Strategie sein kann. 

Und wie sieht es mit den Start-ups in der Digitalwirtschaft aus?

Prof. Meckl: Da sind die Bedingungen ganz andere. Nehmen Sie zum Beispiel die FinTechs, also Start-ups, die Finanzdienstleistungen anbieten und zur Zeit für viele Schlagzeilen sorgen. Bei diesen digitalisierten Geschäftsmodellen, denen kein physisches Produkt zugrundeliegt, sind die Internationalisierungsbarrieren wesentlich geringer, weil der Distributionsweg internetbasiert ist und die Kundenpotenziale im Ausland relativ einfach erschlossen werden können. Nicht umsonst werden diese Start-ups daher auch als Born Globals bezeichnet. Hinzu kommt, dass es bei digitalen Geschäftsmodellen häufig Vorbilder im Ausland - insbesondere den USA - gibt. Viele der Gründer haben bereits das eine oder andere Semester im Ausland studiert oder internationale Meetings besucht und sich womöglich schon mit Gründungsinteressierten aus aller Welt ausgetauscht. Diesen Start-ups steckt dieser internationale Appeal nicht selten sozusagen schon in den Genen. Das spiegelt sich auch bei der Zusammensetzung der Gründungsteams und auch auf der Personalseite wider, wo wir eine relativ hohe Internationalität beobachten können, ohne dass dabei alle Beteiligten physisch am Standort des Start-ups sein müssen.

Wie präsent ist Gründerinnen und Gründern an deutschen Hochschulen der internationale Aspekt?

Prof. Meckl: Deutschland ist die weltweit am stärksten verflochtene Volkswirtschaft. Das wirkt sich zweifellos auch auf die Gründerszene aus. Darüber hinaus ist das Fach "Internationales Management"  an Universitäten und Fachhochschulen inzwischen schon sehr weit verbreitet. Wir vermitteln darüber hinaus hier in Bayreuth im Rahmen von Vorlesungen und Workshops auch Kompetenzen im interkulturellen Management und berücksichtigen dabei auch den besonderen Bedarf von jungen Unternehmen und Start-ups.

In welchem Stadium der Gründungsvorbereitung sollten sich Gründer mit dem Thema Internationalisierung beschäftigen?

Prof. Meckl: Unabhängig davon, in welcher Branche man gründet, steht die Entwicklung des Geschäftsmodells an erster Stelle. Einfach ausgedrückt geht es um Fragen wie diese: Wie will ich mit meinem Unternehmen Geld verdienen? Welchen Kundennutzen kann ich anbieten? Welche Ressourcen benötige ich dafür? Und da ist es zweifellos sinnvoll, über den nationalen Tellerrand zu schauen. Eventuell gibt es in anderen Ländern eher Mitarbeiter mit genau den Kompetenzen, die das Start-up benötigt. Oder die Qualität bestimmter Materialien oder Werkstücke ist unter Umständen im Ausland besser oder günstiger zu beschaffen.

Es gibt Förderprogramme, wie den German Accelerator oder Erasmus for Young Entrepreneurs, die Gründer beim Einstieg in den Auslandsmarkt unterstützen. In welchen Bereichen gibt es Ihrer Erfahrung nach noch Nachholbedarf?

Prof. Meckl: Die diesbezügliche Leitidee sollte immer sein, Internationalisierungsbarrieren abzubauen. Ein Beispiel: Gründer verfügen in der Regel noch über kein Netzwerk auf dem ausländischen Zielmarkt. Der Kontakt zu potenziellen Geschäftspartnern, Kunden, Beratern und Investoren ist jedoch entscheidend für einen erfolgreichen Markteintritt. Insofern würde ich mir in der Beziehung mehr branchen- und produktbezogene Workshops, Konferenzen oder Veranstaltungen wünschen, um Gründer in Kontakt mit Auslandshandelskammern, Wirtschaftsfördereinrichtungen usw. zu bringen.

Auch der Kontakt zu Alumni-Unternehmern, die bereits im Ausland erfolgreich sind, könnte besser strukturiert werden. Wir planen zum Beispiel in Bayreuth einen Innovations-Inkubator und dabei auch ein Netzwerk mit Alumni aufzubauen, die bereits internationale Erfahrung haben.

Eine weitere Internationalisierungsbarrieren, die in Angriff genommen werden sollte, ist die Finanzierung. Vor allem junge Unternehmen, die erst im zweiten oder dritten Schritt ins Ausland gehen, sind in der Regel auf eine VC-Finanzierung angewiesen. Hier wäre eine zusätzliche Förderung überlegenswert; in jedem Fall aber sollte das Beratungsangebot über entsprechende Finanzierungsmöglichkeiten intensiviert werden.

Stand: Juni 2016