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"Die Gründung der Universität war aus meiner Sicht die wichtigste strukturpolitische Entscheidung für Nord-Hessen nach dem Zweiten Weltkrieg."

Porträt von Bertram Hilgen Bertram Hilgen, Oberbürgermeister von Kassel
© Stadt Kassel

Die Stadt Kassel und die Universität Kassel arbeiten seit Anfang der 70er Jahre eng zusammen mit dem Ziel, die wirtschaftliche Entwicklung in der Region Nordhessen voranzutreiben. Einer der wichtigsten Bausteine ist dabei die Förderung universitärer Ausgründungen. Dazu sprechen wir mit dem Oberbürgermeister von Kassel, Bertram Hilgen.

Herr Hilgen, dass Hochschule und Kommune beim Thema Gründungsförderung kooperieren, ist nicht selbstverständlich. Wie kam es in Kassel dazu?

Hilgen: Unsere Universität und die Stadt Kassel haben eine ganz besonders enge Beziehung. Das geht auf die Anfänge der Hochschule zurück. Anfang der 70er Jahre hat sich der damalige Kasseler Oberbürgermeister Karl Branner gemeinsam mit Kasseler Bürgerinnen und Bürgern für die Gründung einer Hochschule in unserer Stadt eingesetzt. Mit Erfolg: Die damalige Gesamthochschule Kassel – heute Universität Kassel – öffnete 1971 ihre Pforten.

Aufgrund dieser gemeinsamen Entstehungsgeschichte pflegen Stadt und Hochschule nach wie vor einen sehr intensiven Austausch. Der Präsident der Universität stellt zum Beispiel einmal im Jahr in der Stadtverordnetenversammlung die wesentlichen Ziele der Universität vor. Darüber hinaus treffen wir uns regelmäßig mit dem Präsidium, um über gemeinsam interessierende Fragen zu sprechen. Wir empfangen sowohl die Erstsemester als auch die neu berufenen Professorinnen und Professoren. Darüber hinaus gibt es unterhalb dieser eher politisch-administrativen Ebene viele Kontakte zwischen der Stadtverwaltung zu den verschiedenen Fachbereichen der Hochschule. Dabei spielt natürlich auch das Gründerthema eine wichtige Rolle.     

Bleiben wir beim Thema Gründung: Inwiefern arbeiten Stadt und Hochschule hier zusammen?

Hilgen: Der Anstoß dazu kam von der Universität. Dazu muss man wissen, dass die Universität Kassel sich von ihrem Selbstverständnis her sehr für die Prosperität und wirtschaftliche Entwicklung in Nordhessen und in der Stadt einsetzt. Die Förderung von universitären Ausgründungen ist dabei zweifellos ein wichtiger Baustein, den wir als Stadt frühzeitig unterstützt haben, indem wir uns finanziell am Gründungs-Inkubator der Hochschule beteiligt haben. Dass dieses Geld gut angelegt war, wird deutlich, wenn man sich das bisherige Gründungsgeschehen ansieht: Etwa 380 bis 400 Start-ups wurden in den vergangenen Jahren aus der Universität Kassel heraus gegründet. Vor allem aber fällt dabei ins Gewicht, dass die meisten dieser Unternehmen sich hier in der Stadt und der Region angesiedelt und weit mehr als 10.000 Arbeitsplätze geschaffen haben. Insofern war es nur konsequent, dass wir uns auch am "Science Park Kassel" beteiligt haben.

Der Science Park gehört zu den Leuchtturm-Projekten in Kassel. Wie kam es dazu?

Hilgen: Wir haben uns vor etwa zehn Jahren gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern über den demografischen Wandel und den damit verbundenen Handlungsoptionen Gedanken gemacht. Dabei wurde deutlich, dass eine Stadt nur dann wachsen wird, wenn sie hinreichend qualifizierte Arbeitsplätze zur Verfügung stellen kann. Wenn wir also langfristig gute, sichere und zusätzliche Arbeitsplätze anbieten wollen, sind Unternehmensgründungen eine zentrale Voraussetzung dafür. Das war der Grund, warum wir gut sieben Millionen Euro aus dem städtischen Etat für den "Science Park Kassel", das Innovations- und Gründerzentrum der Universität Kassel, zur Verfügung gestellt haben. Gründungsinteressierte erhalten hier die Möglichkeit, ihre kreativen Ideen vorzustellen, sie zu Produkten weiterzuentwickeln und letztlich ein Unternehmen zu gründen und Arbeitsplätze zu schaffen. Das ist unsere Vision. Und wenn ich mir die bisherige Entwicklung unserer Stadt ansehe, hat die Bevölkerung hier tatsächlich in den letzten Jahren zugenommen – auch wenn dafür natürlich auch noch andere  Faktoren eine Rolle spielen. Aber der Science Park und überhaupt die gemeinsame Gründungsförderung durch Stadt, Region und Universität haben dazu eben auch maßgeblich zu beigetragen.

Sie sagten, dass viele der Start-ups in Kassel und Umgebung bleiben. Kassel gilt nun nicht gerade als Hotspot in der Gründerszene. Warum ist die Region Nord-Hessen dennoch attraktiv für Gründer?

Hilgen: Wir bieten in Zusammenarbeit mit der Universität zum einen eine kontinuierliche Betreuung bei der Gründungsvorbereitung an: vom Inkubator über den Science Park bis zu unserem Technologie- und Gründerzentrum in der Marbachshöhe.  Wir stellen den Gründerinnen und Gründern auch mit Unterstützung der Sparkasse, der Industrie- und Handelskammer und Handwerkskammer eine optimale Infrastruktur zur Verfügung. Zum anderen sprechen für Kassel auch die weichen Standortfaktoren, die für Unternehmerinnen und Unternehmer und deren Mitarbeiter wichtig sind. Wir haben eine leistungsfähige Verwaltung und eine für eine Stadt mit 200.000 Einwohnern einmalige Kulturlandschaft, die von klassischer Kultur, den Rembrandts in Wilhelmshöhe und die Grimm-Welt bis zur documenta reicht. Auch in der alternativen Szene spielt sich hier viel ab. Das heißt, in Kassel kann man gut leben, und das zu vernünftigen Preisen. Eine wichtige Rolle spielt aber auch nicht zuletzt die Anbindung an die Universität. Für viele Ausgründungen ist es wichtig, den Kontakt zur Forschung sowie zum persönlichen und beruflichen Netzwerk zu behalten.

Um was für Start-ups handelt es sich, die sich in der Stadt oder in der Region Kassel niederlassen?

Hilgen: Was wir hier an Ausgründungen haben, ist praktisch die gesamte Palette der universitären Fakultäten bis hin zu unserer Kunsthochschule. Ein Schwerpunkt der Universität liegt aber auf den erneuerbaren Energien. Wir als Stadt sehen darin einen Wachstumsmarkt, denn die Energiepreise werden schon allein aufgrund der Knappheitsphänomene zukünftig steigen. Und wenn wir mit unserer Erde weiter so umgehen, wird sie am Ende nicht mehr bewohnbar sein. Das alles spricht dafür, dass man in das Thema erneuerbare Energien sehr stark investieren muss – wissenschaftlich wie wirtschaftlich. Von daher haben wir bereits eine ganze Reihe von Projekten gemeinsam mit der Universität durchgeführt. Dazu gehört zum Beispiel die gemeinsame Agenda, die wir mit den regionalen Energieversorgen aufgelegt haben. Unser Ziel ist es, im Umfeld der erneuerbaren Energien – also in der Produktion und auch im Handwerk – 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze in Nord-Hessen zu schaffen. Und das ist uns auch gelungen – nicht zuletzt auch durch die Gründungsaktivitäten, die aus der Uni Kassel entstanden sind. Eines der Start-ups ist inzwischen übrigens der größte Wechselrichterproduzent der Welt und hat seinen Sitz in der Region.

Diese Beispiele machen deutlich, welchen Stellenwert die Stadt Kassel der engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit in diesem Netzwerk mit der Universität Kassel beimisst. Ich bin davon überzeugt, dass die Gründung der Universität die wichtigste strukturpolitische Entscheidung für Nordhessen nach dem Zweiten Weltkrieg war.

Stand: Juli 2016