Navigationsbereich

Sie befinden sich hier:

"Wir nähern uns immer mehr einem modernen Verständnis Humboldtscher Universitätskultur"

Prof. Dr. Lambert T. Koch Prof. Dr. Lambert T. Koch
© Bergische Universität Wuppertal

Die Bergische Universität Wuppertal gehörte im Jahr 1998 zu den ersten fünf EXIST-Modellregionen (EXIST I). Seitdem hat die Hochschule mit Unterstützung von EXIST II und III die bergische Gründungsinitiative "bizeps" zu einer festen Größe in der Region entwickelt. Darüber, was diese Entwicklung für die Hochschule bedeutet, berichtet Prof. Dr. Lambert T. Koch. Er ist nicht nur Rektor der Wuppertaler Hochschule, sondern auch im besten Sinne Spiritus Rector einer Entrepreneurial University.

Inwieweit hat EXIST zum Unternehmergeist an Ihrer Hochschule beigetragen?

Prof. Dr. Koch: EXIST hat von Anfang an entscheidende Anstöße gegeben. Die Bergische Region befindet sich seit Jahrzehnten in einem schwierigen Strukturwandel. Diesen Strukturwandel konnten wir durch Innovations- und Gründungsimpulse positiv begleiten. Das konnte deshalb gelingen, weil auch unsere Universität selbst sehr von EXIST profitiert hat. So haben wir in Lehre und Forschung eigene Strukturen für den Bereich "Gründung und Innovation" etabliert – mit Ausstrahlung in die gesamte Hochschule hinein. Nicht zuletzt die Verwaltung ist heute viel flexibler und serviceorientierter eingestellt; Tugenden, die sich auch in der Förderung von Gründerinnen und Gründern auszahlen bzw. dadurch ständig weiterentwickelt werden.

Entscheidend ist, dass es gelungen ist, ein dynamisches, entwicklungsoffenes Denken in weiten Teilen der Universität zu etablieren und bei den Studierenden über Fachbereichsgrenzen hinweg problemorientierte Kreativität, wissensbasierte Innovativität und sozialverantwortlichen Gestaltungswillen zu fördern.

Welche Meilensteine würden Sie rückblickend besonders hervorheben?

Prof. Dr. Koch: Die wichtigsten Meilensteine gehen unmittelbar mit institutionellen Veränderungen zusammen. Dazu gehört vor allem die Einrichtung von drei Lehrstühlen, die unmittelbar mit Gründung, Innovation und Technologiemanagement zu tun haben. Hinzu kommen das Institut für Gründungs- und Innovationsforschung, IGIF, sowie jüngst zwei thematisch einschlägige Junior-Stiftungsprofessuren.

Ein weiterer Meilenstein ist es, dass wir im offiziellen Leitbild der Bergischen Universität Wuppertal die ineinandergreifenden Themen "Unternehmertum, Innovation und wirtschaftlicher Wandel" als eines von insgesamt sechs Hauptprofilen verankern konnten. Soweit ich weiß, waren wir damit im Jahr 2009 die erste Universität in Deutschland, die diesen thematischen Kontext an so prominenter Stelle in ihr Zukunftskonzept integriert hat.

Da alle unsere sechs Profillinien interdisziplinär angelegt sind, wurden jeweils sogenannte "Interdisziplinäre Zentren" gegründet, die Angehörige unterschiedlicher Fächer in Forschung, Lehre und Transfer auch tatsächlich und aktiv zusammenbringen sollen. Für das erwähnte Entrepreneurship-Profil nimmt diese Aufgabe vor allem das neu gegründete Dr. Werner Jackstädt-Zentrum für Unternehmertums- und Innovationsforschung, finanziert durch die gleichnamige Stiftung, wahr. In seinem Fokus steht zum Beispiel die Zusammenarbeit zwischen den Ingenieur- und den Wirtschaftswissenschaften, also – vereinfacht gesprochen – zwischen Ideengebern und ökonomischer Verwertung.

Betonen möchte ich bei all dem auch die nachhaltige Wirkung unserer institutionellen Weichenstellungen. Wir wollen das Rad an dieser Stelle nicht mehr zurückdrehen und haben uns deshalb über die Schaffung fester Organisationseinheiten, zusammen mit entsprechenden Personalentscheidungen, langfristig gebunden. Und das ist gut so!

Welche Vorteile hat eigentlich die Hochschule von diesem Gründungsengagement?

Prof. Dr. Koch: Zunächst einmal verzeichnen wir über die Jahre hinweg eine beachtliche Zahl an wissens- und technologiebasierten Ausgründungen. Doch darum geht es nicht allein, vielmehr konnten wir das zukunftsweisende Thema "Selbständigkeit als berufliche Perspektive" in einer Zeit auf die Agenda setzen, in der dauerhafte Arbeitsverhältnisse immer mehr auf dem Rückzug sind.

Ein weiterer Vorteil ist die Reputation, die wir durch unser Engagement in der Gründungslehre und -forschung sowie der praxisbezogenen Unterstützung von Gründerinnen und Gründern gewonnen haben. Es zeigt sich, dass das Thema "Entrepreneurship" die von uns hochgehaltenen drei "I’s" "Interdisziplinarität, Innovativität und Internationalität" perfekt ergänzt. Die Verbindung steht für ein modernes Verständnis Humboldtscher Universitätskultur, die einer von allzu großen staatlichen Restriktionen befreiten Hochschule im 21. Jahrhundert gut zu Gesichte steht.

Eine Entwicklung, die ebenfalls dem frühen "Gründungsengagement" unserer Hochschule entsprungen ist und sich genauso mit einem großen Namen verbindet, habe ich noch gar nicht erwähnt: Es ist die programmatische Umbenennung unserer Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft in "Schumpeter School of Business and Economics" im Jahre 2008. Auch da ist es gelungen, eine mehrwertstiftende Identität zu schaffen. Es gab einen enormen Reputationsschub, was Rückmeldungen aus der internationalen Forschungsszene genauso zeigen, wie das Feedback von Studierende, die uns sagen: 'Genau dieses Profils wegen sind wir hierhergekommen.' Außerdem ist es höchst erfreulich, dass darüber exzellente Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer neu zu uns gestoßen sind.

Und so verdanken wir zuletzt auch die sehr guten Ergebnisse sowohl beim jährlichen Ranking der gründungsfreundlichsten deutschen Universitäten als auch beim allgemeinen Hochschulranking des Centrums für Hochschulentwicklung im Bereich Wirtschaftswissenschaften zumindest im weiteren Sinne den Impulsen durch EXIST.

Welche Schritte planen Sie für die Zukunft?

Prof. Dr. Koch: Wir werden unsere Strukturen und Aktivitäten stetig weiterentwickeln und uns hoffentlich auch in zehn Jahren noch regelmäßig fragen: Was kann der nächste Schritt sein? Entscheidend ist, dass alle Beteiligten immer wieder neu die Kreativität und Motivation aufbringen, die Erfordernisse der sich ständig verändernden Berufs- und Arbeitswelt "vorzudenken". Die Grundideen von EXIST, die man in den Statuten nachlesen kann, gelten ja bis heute weiter – sie sind in diesem Sinne dynamisch formuliert und treiben uns weiter an.