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"Mit der Standardisierung des Gründungsprozesses wollen wir die Überlebenswahrscheinlichkeit von Start-ups erhöhen."

De-Won Cho De-Won Cho
© De-Won Cho

Auf Anregung des EXIST-geförderten Gründers Dr. Meiko Hecker hat das Deutsche Institut für Normung (DIN) unter der Leitung von Herrn De-Won Cho einen Leitfaden entwickelt, der technologie- und wissensbasierte Start-ups beim Gründungsprozess unterstützen soll.

Herr Cho, DIN beschäftigt sich mit Normen und Standards im Bereich der Technik. Wie passt das zum Thema Existenzgründung?

Cho: Technik und Innovationen hängen eng miteinander zusammen. Innovationen werden aber nur dann erfolgreich zur Anwendung kommen, wenn sie möglichst schnell auf dem Markt verbreitet werden. Und genau hier kommen Existenzgründungen ins Spiel. Technologie- und wissenschaftsorientierte Gründerinnen und Gründer sind wichtige Innovationstreiber, die von Normen und Standards profitieren können.                                                                                                                         

Inwiefern?

Cho: Weil Normen und Standards für das Inverkehrbringen innovativer technischer Lösungen einen wichtigen Beitrag leisten. Sie erhöhen die Akzeptanz des Produkts oder der Dienstleistung und erleichtern die Anwendung beim Kunden. Wir haben daher mit der DIN SPEC ein Standardisierungsinstrument entwickelt, um Ideen aus der Forschung möglichst schnell auf den Markt zu bringen. Wir sprechen hier zum Beispiel über Ideen im Bereich Industrie 4.0, Smart Cities oder auch Elektromobilität. 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Cho: Ja. Es gibt beispielsweise einen DIN SPEC Standard für Dienstleister im Bereich Erneuerbare-Energie-Anlagen. Hintergrund ist, dass es immer wieder zu Missverständnissen zwischen Dienstleistern und Kunden kommt. Es fehlt an einer gemeinsamen Sprache. Die DIN SPEC 91310 wurde daher entwickelt, um für mehr Klarheit und Transparenz zu sorgen. 

Nun soll es auch einen standardisierten Leitfaden für den Gründungsprozess geben. Wie kam es dazu?

Cho: Wir haben im letzten Jahr im Rahmen unseres Förderprogramms DIN Connect einen Ideenwettbewerb ausgelobt. Eingereicht werden konnten innovative Ideen, die sich zur Standardisierung eignen. An diesem Wettbewerb hatte sich auch Dr. Hecker mit der Idee eines Start-up-Leitfadens beteiligt. Die Jury fand die Idee so überzeugend, dass wir im nächsten Schritt unsere Normenausschüsse einbezogen haben. Das DIN-eigene Netzwerk besteht aus 32.000 Experten aus Wirtschaft und Forschung, von Verbraucherseite und der öffentlichen Hand. Die haben zunächst geprüft, ob es überhaupt möglich ist, aus der Idee einen Standard zu entwickeln und inwieweit es dafür einen Bedarf gibt. Nachdem wir dann von unseren Kollegen „grünes Licht“ erhalten haben, konnten wir eine Expertengruppe bilden, die sich auf Einladung von DIN in den letzten zwölf Monaten achtmal getroffen hat.

Was sind das für Experten?

Cho: Verschiedene Stakeholder, die in der Gründungsszene tätig sind. Dazu gehört Herr Dr. Hecker, Initiator des Leitfadens und Gründer mehrerer Start-ups. Beteiligt sind außerdem Experten verschiedener Unternehmen und Organisationen, zum Beispiel vom Cesah Centrum für Satellitennavigation Hessen GmbH, mit dabei ist auch ein Experte von Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, der auch Beisitzer im Vorstand des Bundesverbandes Deutscher Startups ist, vertreten ist auch die Fresenius Hochschule Idstein, die Industrie- und Handelskammer Darmstadt, die  Technische Universität Darmstadt - Fachgebiet Gründungsmanagement - sowie das Innovations- und Gründungszentrum HIGHEST und die Kanzlei Tergau & Walkenhorst Patentanwälte Rechtsanwälte.

Die Experten haben ihr geballtes Erfahrungswissen eingebracht und Anforderungen definiert, die die Überlebenswahrscheinlichkeit und die wirtschaftlichen Erfolgschancen eines Start-ups signifikant erhöhen sollen. Das Ergebnis ist die DIN SPEC 91354 "Startups - Leitfaden für technologie- und wissensbasierte Gründungen".

Herr Dr. Hecker, Sie sind der Spiritus Rector dieses Leitfadens. Was unterscheidet diese Handreichung von den vielen Leitfäden und Ratgebern, die es bereits für Gründerinnen und Gründer gibt?

Dr. Hecker: Der Unterschied besteht vor allem in der Standardisierung des Gründungsprozesses: Die Gründung soll nach objektivierbaren und nachprüfbaren Maßstäben vonstattengehen. Damit wollen wir die Überlebenswahrscheinlichkeit von Start-ups erhöhen und die vielen Fehler, die man bei jungen Gründern immer wieder beobachtet, minimieren. Das wird nicht bei allen funktionieren. Aber wenn von 100 Unternehmen, die an den Start gehen, zukünftig vielleicht 30 anstatt 15 am Markt bleiben, wäre das doch schon ein Erfolg. Im Prinzip soll der DIN SPEC Leitfaden einem Erstgründer den Kenntnisstand eines Serial-Entrepreneurs vermitteln. Ein Serial-Entrepreneur hat – in der Regel – aus seinen Fehlern gelernt. Das bedeutet, er wird bestimmte Verhaltensweisen anwenden, um diese Fehler zukünftig zu vermeiden. Dieses Erfahrungswissen soll der Leitfaden widerspiegeln.

Sie haben bereits mehrere Unternehmen gegründet, unter anderem eines mit Unterstützung von EXIST-Forschungstransfer. Welche Fehler sehen Sie häufig bei anderen Teams?

Dr. Hecker:Ein klassischer Fehler bei den Teams, die mit EXIST-Forschungstransfer gefördert werden, ist zum Beispiel, dass drei Naturwissenschaftler ein Gründungsteam bilden und dann "mal eben" noch einen Betriebswirt dazu nehmen, der aber letztlich überhaupt nicht zum Team passt. Das Team ist aber entscheidend für den Bestand des Unternehmens. Man muss daher beispielsweise frühzeitig klären, ob alle die gleiche Vision von Unternehmertum haben. Wollen alle Gründer in fünf Jahren noch im Unternehmen sein, oder wollen zwei verkaufen und einer nicht? Das sind Fragen, die auch in dem DIN SPEC Leitfaden angesprochen werden.

Wie muss ich mir den Leitfaden vorstellen? Ein Werk mit mehr als 100 Seiten?

Dr. Hecker: Nein, der Leitfaden soll ja einen Standard für die Gründungsvorbereitung und die unternehmerische Anlaufphase anbieten. Der komplette Prozess von der Gründungsvorbereitung bis zu den ersten Schritten am Markt wird daher auf etwa 20 Seiten klar strukturiert und für Laien verständlich wiedergegeben. Zu jedem Kapitel, sei es zum Thema Finanzierung, Marktreife des Produkts, Marketing, Patentierung oder Teamzusammensetzung, erhält der Leser ein kleines Aufgabenpaket. Das Gründungsteam wird zum Beispiel aufgefordert, einen Kapitalbedarfsplan oder eine Marktanalyse nach objektiv überprüfbaren Parametern zu erstellen oder die Aufgabenverteilung im Team vorzunehmen. Wobei immer auch auf Fachexperten und Institutionen verwiesen wird, die den Gründern zur Seite stehen. Darüber hinaus wird der Leser am Ende jedes Kapitels aufgefordert, den jeweiligen Prozessschritt in regelmäßigem Abstand zu kontrollieren und, wenn es sein muss, zu wiederholen.

An wen genau richtet sich der Leitfaden?

Dr. Hecker: Mit dem DIN SPEC 91354 "Startups - Leitfaden für technologie- und wissensbasierte Gründungen" sprechen wir sowohl Gründerinnen und Gründer in der Vorgründungsphase als auch junge Unternehmen nach der Gründung an. Das hängt vom einzelnen Unternehmen ab. Wer in der Biotech-Branche unterwegs ist, benötigt einfach mehr Zeit, um auf dem Markt Fuß zu fassen, als ein App-Entwickler auf dem B2C-Markt. Eine zweite und ebenso wichtige Zielgruppe sind alle Stakeholder der Start-ups, also zum Beispiel Berater, Kreditinstitute, Investoren oder auch Lieferanten. Sie sollen durch den Leitfaden ein Qualitätsmerkmal beinhalten, das sie in der Zusammenarbeit mit dem Start-up bestärkt. Im besten Fall soll das mit dem Leitfaden verbundene zukünftige Zertifikat für einen Vertrauensvorschuss sorgen. Bei einem Investor könnte ein zertifiziertes Start-up zum Beispiel direkt, auch ohne langen pre-screening Prozess zur Due Dilligence überführt werden.

Herr Cho, Stichwort "Zertifizierung". Was genau steckt dahinter?

Cho: Die Zertifizierung ist zwar noch Zukunftsmusik, aber es wäre durchaus denkbar, dass mittel- bis langfristig die in der Start-up-Szene beteiligten Unternehmen und Institutionen ihre Konformität zu diesem Standard auch nach außen darstellen möchten, einfach weil dadurch bei allen miteinander agierenden Stakeholdern noch einmal ein großes Stück Vertrauen und dadurch Akzeptanz ausgelöst wird. Egal, ob Start-ups, Hochschulen, Berater oder Finanziers: Wer nachweisen kann, dass er nach dem Leitfaden arbeitet oder Beratung für die Start-ups im Geiste des Leitfadens anbietet, drückt damit aus, dass er die Mindestanforderungen erfüllt, um die Überlebenswahrscheinlichkeit für das Start-up signifikant zu erhöhen und grobe Fehler während der Gründung zu vermeiden.

Zunächst wird die DIN SPEC 91354 aber erst einmal als ein Best Practice-Leitfaden starten und sich in den kommenden Jahren stetig zu einer Norm weiterentwickeln. Mit zunehmender Professionalisierung des Gründermarktes könnte ich mir vorstellen, dass sich ein Bedarf für eine Zertifizierung einstellen wird.

Herr Dr. Hecker, welchen Vorteil hätten junge Unternehmen von dieser Zertifizierung?

Dr. Hecker: Wir wissen alle, dass junge Unternehmer oft Akzeptanzprobleme beim Markteintritt haben. Es fehlt an unternehmerischer Erfahrung, an einer Unternehmenshistorie und an unternehmerischen Erfolgen. Es gibt weder Bilanzen, noch Kundenreferenzen. Gründer müssen daher mit anderen Pfunden wuchern. Dazu gehört beispielsweise, dass sie gegenüber potenziellen Investoren, Banken, Kunden, Lieferanten und Geschäftspartnern nachweisen können, dass alle erforderlichen unternehmerischen und betriebswirtschaftlichen Pflichten erfüllt wurden, um sich erfolgreich und nachhaltig am Markt zu entwickeln. Und genau das wird durch die Arbeit mit dem DIN SPEC Leitfaden und der anschließenden Zertifizierung deutlich.

Welche Rolle spielen die Gründungsberaterinnen und -berater an den Hochschulen?

Dr. Hecker: Sie sind wichtige Multiplikatoren. Im Idealfall weisen sie ihre Gründungsteams auf den Leitfaden hin und stehen ihnen bei den Aufgaben unterstützend zur Seite. An der grundsätzlichen Arbeit ändert sich aber nicht viel. Es wird nur alles ein bisschen strukturierter und hoffentlich objektiver werden.

Herr Cho, ab wann ist der Leitfaden erhältlich?

Cho: Im Sommer 2018 wird der Leitfaden auf der Webseite vom Beuth-Verlag – das ist die Vertriebsorganisation von DIN – kostenfrei als Download zur Verfügung gestellt.

Stand: Februar 2018