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"Was ist Coaching? Und was ist es nicht?"

Prof. Dr. Harald Geißler

Prof. Dr. Harald Geißler ist Inhaber des Lehrstuhls für Berufs- und Betriebspädagogik an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg und Leiter der dortigen Forschungsstelle Coaching-Gutachten sowie Vorstand des Management Development Centers.

Warum ist "Coaching" überhaupt ein Thema für die wissenschaftliche Forschung?

Prof. Geißler: Beratung, vor allem im psychosozialen Bereich, war schon immer Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Da geht es um die Wirksamkeit der konkreten Coachingsituation, in der Coachee und Coach sich befinden, das so genannte  Settings. Es geht um einzelne Wirkfaktoren, die Rolle des Umfelds usw. Der Sozialpsychologie Kurt Lewin hat hier bereits in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit seinen Forschungsarbeiten zu gruppendynamischen Prozessen wichtige Grundlagen geschaffen, die uns nun auch bei der Untersuchung von Wirkmechanismen des Coachings helfen.

Geht es also nur um wissenschaftliches Erkenntnisinteresse?

Prof. Geißler: Nein, wir wollen mit unserer Forschung natürlich auch dazu beitragen, die Qualität von Coaching sicherzustellen. Coaching hat ja in den letzten 15 Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Und das hat natürlich dazu geführt, dass es mittlerweile viele Spielarten gibt, die letztlich dazu führen, dass die Grenzen zu anderen Angeboten wie Psychotherapie, „klassischen“ Beratungsgesprächen oder Weiterbildung immer mehr aufweichen und kein klares Coaching-Profil erkennbar ist. Auch bei der Definition von Coaching kursieren verschiedene Varianten, so dass es hier noch erhebliche Defizite gibt. Dieser „Wildwuchs“ ist sicher das Ergebnis davon, dass die Forschung erst verhältnismäßig spät angefangen hat, sich theoretisch mit dem Phänomen des Coachings auseinanderzusetzen. Die derzeitige Situation kann man sich so vorstellen: In der Beratungslandschaft steht ein großer Container mit der Aufschrift „COACHING“. In diesen Container wurde in den letzten Jahren aus Marketinggründen alles Mögliche hineingeworfen. Und unsere Aufgabe ist es nun festzustellen, was da eigentlich drin ist, was hinein gehört und was nicht. Da sind wir mitten in der Diskussion.

Und: Was gehört in den Container hinein? Was ist Coaching?

Prof. Geißler: Das Spannende beim Coaching ist ja, dass es in Wissenschaft und Praxis keine allgemein anerkannte Coaching-Theorie gibt. Das heißt: Wie Coaching-Gespräche geführt werden sollen, ist strittig. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Coaching ein Kind der Praxis ist. Und als Geburtshelfer würde ich den Organisationsberater Dr. Wolfgang Looss bezeichnen. Er hat in den 80er Jahren als einer der ersten eine personenorientierte Beratung in Unternehmen eingeführt. Der damalige Hintergrund war, dass Change Prozesse, also Veränderungsprozesse im Unternehmen, zunehmend weniger an externe Unternehmensberatungen delegiert, und stattdessen immer mehr vom Topmanagement selbst durchgeführt werden sollten. Einige Unternehmensleitungen erkannten dabei sehr früh, dass ihre Führungskräfte dies nicht ohne persönliche Unterstützung umsetzen konnten und zogen Wolfgang Looss hinzu. Er entwickelte einen personenorientierten Ansatz, der damals für die Organisationsberatung vollkommen neu war. Bis in die 80er Jahre bestand ja deren Aufgabe darin, bestimmte Situationen in Unternehmen oder anderen Organisationen möglichst „sachlich“ zu erfassen, zu analysieren und Lösungsvorschläge zu entwickeln. Dieser reine Sachbezug wurde nun ergänzt: Die Organisationsberatung bekam ein zweites Standbein; die Betreuung, das Coachen, der an Änderungsprozessen beteiligten Personen. Die Methode spielte dabei zunächst keine Rolle. Allein entscheidend war der Erfolg an der Schnittstelle zwischen Person und Organisation.

Wie kann man sich das Setting beim Coaching vorstellen?

Prof. Geißler: Das typische Setting bei einem Coaching ist das Face-to-Face- oder auch Vier-Augen-Gespräch. Es gibt in der Praxis aber mittlerweile auch Alternativen dazu: Beim Teamcoaching beispielsweise beteiligen sich Mitarbeiter aus einer Abteilung. Beim Gruppencoaching stammen die Teilnehmer aus unterschiedlichen Organisationen, haben aber mit derselben Thematik zu tun. Natürlich hat man sich auch gefragt, ob Coaching nur verbal stattfinden kann. Es gibt mittlerweile auch Coaches, die nonverbale Methoden beispielsweise aus dem Psychodrama oder der Psychotherapie anwenden. Dann die Frage der Medien. Warum soll Coaching nicht auch per Telefon, mit Hilfe schriftlicher Materialien oder auch per internetgestütztem E-Learning funktionieren?

Ich kann Ihnen hierzu ein ganz interessantes Beispiel nennen: Es ist bekannt, dass nur ein sehr geringer Teil der vermittelten Fähigkeiten anschließend nachhaltig am Arbeitsplatz angewandt wird. Das ist natürlich viel zu wenig. Es gibt daher bereits Coachingangebote, die sich insbesondere der Optimierung des Lerntransfers widmen. Mit einer Kombination aus Telefon- und Online-Coaching leisten sie einen wichtigen Beitrag dazu, dass das im Seminar Erlernte auch wirklich am Arbeitsplatz umgesetzt wird. Praktisch sieht es so aus, dass der Coachee online Fragen beantwortet. Zum Beispiel direkt nach dem Training: Was war Ihrer Ansicht nach das Wichtigste, was Sie im Seminar gelernt haben? Was wollen Sie in den nächsten sieben Tagen ganz konkret tun, um das im Training Gelernte an Ihrem Arbeitsplatz umzusetzen? Und nach sieben Tagen: Wie gut ist es Ihnen gelungen, das zu erreichen, was Sie sich vor sieben Tagen vorgenommen haben? Was ist Ihnen besonders leicht bzw. schwer gefallen? Die beantworteten Fragen liest der Coach online und macht sie zur Grundlage seiner anschließenden - relativ kurzen - Telefoncoachings.

Das Beispiel zeigt, dass wir die Möglichkeiten des Settings sowie der Coachingmethoden noch lange nicht ausgeschöpft haben. Aufgabe der Forschung ist es in diesem Zusammenhang, hier einen gemeinsamen Nenner zu finden, also deutlich zu machen, was Coaching ist und was nicht.