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ArtiMinds Robotics GmbH

Gründungsteam ArtiMinds Robotics GmbH Die Gründer Dr. Sven R. Schmidt-Rohr (5.v.l.) Dr. Rainer Jäkel (6.v.l.), Gerhard Dirschl (2.v.r.), Simon Fischer (3.v.l.) und ein Teil ihres Mitarbeiterteams
© ArtiMinds Robotics GmbH

"EXIST schlägt eine Brücke von den Wissenschaften zum Unternehmertum: nicht nur finanziell, sondern auch mental."

Interview mit Dr. Sven R. Schmidt-Rohr.

In langjähriger Forschungsarbeit am Karlsruher Institut für Technologie KIT haben Dr. Sven R. Schmidt-Rohr, Dr. Rainer Jäkel, Gerhard Dirschl und Simon Fischer eine Software entwickelt, die die Programmierung von Industrierobotern immens vereinfacht und um ein Vielfaches beschleunigt. Mit ihrem 2013 gegründeten Start-up ArtiMinds Robotics GmbH gehören sie heute zu den Technologieführern am Markt.

Herr Schmidt-Rohr, Sie bieten eine Software an, die den Einsatzbereich von Industrierobotern erweitert. Um was genau geht es?

Dr. Sven Schmidt-Rohr: Unsere Software ermöglicht es, komplexe Industrieroboteranwendungen schnell und einfach zu programmieren, um Roboter damit in die Lage zu versetzen, auf sie einwirkende Kräfte oder Objekte zu erkennen und Abweichungen zu korrigieren. Das betrifft industrielle Montageprozesse, unternehmensinterne Material- und Warenflüsse genauso wie automatisierte Laborprozesse in quasi allen produzierenden Branchen.

Ein Anwendungsbeispiel unter vielen ist  die reibungslose Stift-Loch Montage. Stellen Sie sich vor, Sie möchten einen kleinen Metallstift, so einen kleinen Pinn, in ein Loch stecken. Dabei signalisieren Ihnen die Sensoren in Ihren Arm- und Handmuskeln, dass sich der Stift eventuell verkantet hat oder dass es ein bisschen hakt. In diesen Fällen reagieren Sie entsprechend und gleichen den Widerstand aus. Genauso gehen letztlich auch Roboter vor, die mit unserer Software programmiert wurden. 

Das bedeutet, der Roboter, der einen Stift in ein kleines Lock stecken soll, erfasst mit Hilfe von Kraftsensoren kleinste Abweichungen und passt seine Bewegung entsprechend an. Das funktioniert sehr gut, weil unsere Software eine rudimentäre Bewegungsintelligenz erzeugt – wir bewegen uns also im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Hinzu kommt, dass die Programmierung der Roboter nur wenige Minuten dauert und nicht – wie bei vergleichbaren Anwendungen – mehrere Tage oder Wochen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es um die Produktion von Smartphones, Möbeln, Autos oder Staubsaugern geht. Im Mikrometerbereich kommt es eben immer wieder zu kleineren Unregelmäßigkeiten. Das ist unabhängig vom Material und gilt für Holz genauso wie für elastische Materialien oder Materialien, die sich je nach Temperatur verändern.

Es handelt sich um eine hoch-innovative Technologie, die Sie gemeinsam mit Ihren Kollegen am Karlsruher Institut für Technologie entwickelt haben.

Dr. Sven Schmidt-Rohr: Ja, die Grundlagen dafür haben wir in langjähriger Forschung seit 2002 am KIT entwickelt. Für seine Arbeit an der Vorläufertechnologie wurde mein Kollege Rainer Jäkel, unser jetziger CTO, übrigens 2014 mit dem Georges Giralt PhD Award für die beste europäische Doktorarbeit in Robotik ausgezeichnet. Heute sind wir so weit, dass unser Unternehmen Patente in den Bereichen Robotik und Maschinelles Lernen hält und am Markt technologieführend ist.

Sie hätten in der Forschung bleiben können, haben sich dann aber zusammen mit Ihren Kollegen entschieden, ein Unternehmen zu gründen. Wie kam es dazu?

Dr. Sven Schmidt-Rohr: Dass ich Unternehmer werden möchte, war mir bereits während meiner Abiturzeit klar. Ich hatte schon während der Schule und auch während des Studiums immer wieder in Start-ups gearbeitet. Das hat natürlich geholfen, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Aber mein eigentliches Schlüssel-Erlebnis hatte ich während meines Studiums am KIT in einer Entrepreneurship-Vorlesung von Reinhold Würth. Er ist einfach ein fantastischer Redner und hat mich sowohl als Unternehmer als auch als Mensch ungeheuer beeindruckt. Ich weiß noch, dass ich damals zusammen mit Simon Fischer, unserem späteren Head of Sales und Marketing, in der Veranstaltung saß und wir beide so begeistert waren, dass wir beschlossen, später auch ein Unternehmen zu gründen – was wir dann ja auch gemacht haben. Zusammen mit unseren beiden Kollegen vom Lehrstuhl für Robotik.

Sie und Ihre Kollegen haben Informatik bzw. Ingenieurwissenschaften studiert. Sie haben keinen Betriebswirt an Bord. Dabei heißt es doch immer, fehlende betriebswirtschaftliche Kenntnisse seien eine große Hürde für technisch orientierte Gründer. Trifft das auf Sie nicht zu?

Dr. Sven Schmidt-Rohr: Ich glaube, wenn man eine gewisse Persönlichkeit mitbringt, lernt man das notwendige unternehmerische Know-how ganz schnell. Das erforderliche technische Wissen im Deep-Tech Bereich zu erlangen, ist doch viel kritischer. Das lernt man nicht in zwei Jahren. Dafür braucht man gut zehn Jahre. Genau dieses Wissen brauchen wir aber in unseren Führungspositionen, wenn wir mit potenziellen Kunden bzw. Partnern sprechen.

Was nützt uns ein Betriebswirt oder Marketingfachmensch, der sich mit Unternehmenszahlen auskennt, aber keine Ahnung von Künstlicher Intelligenz und Robotik hat? Den würde in unserer Branche bei Produktpräsentationen und Verhandlungsgesprächen keiner ernst nehmen.

Von daher bin ich davon überzeugt, dass Ingenieure, Informatiker oder Naturwissenschaftler gute Chancen haben, erfolgreiche Deep-Tech-Unternehmer zu werden. Vorausgesetzt, Sie verfügen über eine hohe soziale Kompetenz und sind bereit, sich das unternehmerische Know-how schnell anzueignen.

Sie wurden bei Ihren Gründungsvorbereitungen vom KIT unterstützt. Wie sah diese Unterstützung aus?

Dr. Sven Schmidt-Rohr: Meiner Meinung nach ist es dem KIT sehr gut gelungen, alle Professoren davon zu überzeugen, dass Spin-offs eine sehr wichtige Rolle beim Technologietransfer spielen. Insofern leisten die Professoren wirklich großartige Unterstützung. Wir haben zum Beispiel im Anschluss an EXIST gemeinsame Förderprojekte mit dem Institut für Anthropomatik und Robotik durchgeführt, um darüber auch unsere unternehmerische Anlaufphase zu finanzieren. Wir erhielten außerdem die Möglichkeit, Lehrveranstaltungen durchzuführen und darüber Mitarbeiter und Praktikanten für unser Unternehmen zu gewinnen.

Stehen Sie nach wie vor im Kontakt mit dem KIT?

Dr. Sven Schmidt-Rohr: Ja, die Zusammenarbeit ist nach wie vor sehr eng.

Man merkt einfach, dass da unglaublich viel passiert und die Aktivtäten stetig ausgebaut werden. Kein Wunder, dass der Anteil der Deep-Tech-Ausgründungen von Jahr zu Jahr zunimmt. Dabei spielt EXIST natürlich eine ganz wichtige Rolle, weil es diese Brücke von den Wissenschaften zum Unternehmertum schlägt: nicht nur finanziell, sondern auch mental. Das heißt,  man ist als Wissenschaftler noch in der vertrauten Umgebung an der Uni und wird Schritt für Schritt an das eigene Start-up und die unternehmerischen Herausforderungen herangeführt. Von daher ist EXIST meiner Ansicht nach für Deep-Tech-Gründer, die aus der Forschung heraus gründen, ideal.

Sie sind dem KIT und der Stadt Karlsruhe treu geblieben und haben dort auch Ihr Unternehmen gegründet. Zurzeit sind Sie aber gerade in New York. Was machen Sie da?

Dr. Sven Schmidt-Rohr: Ich nehme seit Januar 2017 am German Accelerator teil. Wir haben bereits erste Kunden in den USA und möchten mit Unterstützung des dreimonatigen GA nun richtig durchstarten. Die Chancen dafür stehen gut: Uns steht ein erfahrener Serienunternehmer zur Seite, der das Lead-Mentoring übernommen hat und bei Bedarf weitere Specialist-Mentors zu Themen wie Personal-Recruiting, Rechtsfragen oder Kundenansprache hinzuzieht. Das sind allesamt erfahrene Leute, die uns auf jeden Fall ein ganzes Stück weiterbringen.       

Wie sehen Ihre nächsten Schritte aus?

Dr. Sven Schmidt-Rohr: In den USA werden wir in den nächsten Wochen unsere Tochterfirma gründen und erste Mitarbeiter einstellen. Wir haben viele gute Ideen, wir haben tolle Mentoren, sowohl in den USA als auch in Deutschland, und müssen jetzt einfach die nächste Stufe zünden, um Weltmarktführer zu werden.

Sind Sie mit der bisherigen Entwicklung Ihres Unternehmens zufrieden?

Dr. Sven Schmidt-Rohr: Ja, sehr! Ich würde sogar sagen es lief bisher hervorragend, wenn man weiß, wie schwierig der Markteintritt in unserer Branche üblicherweise ist. Zu unseren Kunden gehören sieben der deutschen Top-10-Industrieunternehmen. Wir pflegen intensive Kooperationen mit Siemens und Bosch und betreiben mit einigen Mittelständlern Produkt-Co-Entwicklungen, das heißt, wir integrieren unsere Software in deren Produkte. Wir haben zahlende Kunden in neun Ländern, darunter auch China und Japan, und arbeiten mit Distributoren, die unsere Software weltweit verkaufen. Im letzten Halbjahr war unser cash-flow positiv. Gerade haben wir unsere erste offene Beteiligungsrunde abgeschlossen und sind klar auf Wachstumskurs.

Bei so viel Erfolg, haben Sie doch sicherlich einen Tipp für andere Gründer parat.

Dr. Sven Schmidt-Rohr: Ich würde jedem raten, als Ziel immer vor Augen zu haben, der Beste zu sein. Das muss der Grundanspruch sein: das beste Produkt zu entwickeln und den besten Vertrieb aufzubauen. Auch wenn man dieses Ziel vielleicht nie erreichen wird, sollte man diesen unbedingten Willen zur absoluten Exzellenz haben. Ich habe das Gefühl, dass das in Deutschland ein bisschen fehlt. Das ist schon ein Unterschied zu den USA. Der Anspruch an das eigene Können ist da größer. In Deutschland wird das oft als Hybris aufgefasst, aber eigentlich geht es doch nur um den Anspruch, den man an sich selbst haben sollte: als Team, als Person, als Company einfach der Beste zu sein. Nicht „die Größten“. Darum geht es nicht. Und auch, wenn man nie der Beste sein wird, weil es immer jemanden gibt, der besser ist, sollte man trotzdem immer danach streben.

Stand: Januar 2017