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CampusRitter

v.l.n.r.: Phillip Thiel, Marieke Otto, Jan Wiesner v.l.n.r.: Phillip Thiel, Marieke Otto, Jan Wiesner
© Hannes Burchert

„Unser Tipp: Möglichst bald eine Kapitalgesellschaft gründen.“

Interview mit Marieke Otto und Jan Wiesner

Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kennen das Problem: Begehrte Fachbücher sind meistens dann ausgeliehen, wenn man sie braucht oder sie gehören zum Präsenzbestand und können nicht ausgeliehen werden. Das EXIST-Start-up CampusRitter will dieses Problem lösen und hat mit Unterstützung der Bucerius Law School und TuTech Innovation in Hamburg eine bundesweite Online-Fachbuchvermietung auf den Weg gebracht.

Herr Wiesner, handelt es sich bei CampusRitter um so etwas wie die Fernleihe bei einer Uni-Bibliothek?

Wiesner: Es funktioniert ganz ähnlich. Der Unterschied ist: Man bekommt bei uns alle Fachbücher ohne lange Wartezeiten. Und die Ausleihzeit ist praktisch unbegrenzt. Wenn Sie zum Beispiel Ihre Masterarbeit schreiben, können Sie die dafür notwendigen Fachbücher solange mieten wie Sie möchten. Wer möchte, kann das Buch später auch kaufen und zahlt dann nur noch die Differenz zum Ladenpreis. Ein weiterer Unterschied ist natürlich, dass die Ausleihe bei uns etwas kostet. Wir sprechen daher auch eher von einer Fachbuchvermietung anstatt von einem Verleih.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Otto: Das Problem ist, dass es stark frequentierte Studiengänge gibt, für die keine ausreichende Zahl an Buchexemplaren in den Bibliotheken vorgehalten werden kann. In der Regel muss man sich auf eine Warteliste setzen lassen und bekommt das Buch oder die Bücher dann erst nach einigen Wochen. Und wenn es schließlich klappt, ist die Ausleihzeit nicht selten auf zwei Wochen beschränkt, weil schon der Nächste auf der Warteliste steht. Gegebenenfalls stehen die Bücher auch im Handapparat, aber damit kann ich eben nur in der Bibliothek arbeiten.

Als Phillip Thiel, Jan Wiesner und ich uns kennenlernten, haben wir festgestellt, dass wir alle im Studium sehr viel Geld für Bücher ausgegeben haben, die wir letztendlich nur für ein Semester oder kürzer brauchten. Also haben wir gesagt: Das muss auch anders gehen und erste Ideen entwickelt, die Phillip Thiel in seiner Masterarbeit weiter ausgearbeitet hat. Anschließend stand für uns fest, dass wir daraus ein Geschäftsmodell aufbauen wollten.

Wie sahen Ihre ersten Schritte aus?

Otto: Wir waren zunächst alle drei unabhängig voneinander eine ganze Weile in der Start-up-Szene unterwegs und bekamen einen guten Einblick, wie die Szene so tickt und worauf man achten muss, wenn man ein Unternehmen gründen möchte. Darüber hinaus haben wir uns an die Bucerius Law School gewandt, an der ich mein Jurastudium absolviert hatte und an die TuTech Innovation vom Hamburger Gründungsnetzwerk. Unsere Ansprechpartner haben die Anträge für EXIST-Gründerstipendium gestellt. Nach etwa sechs Monaten war der Antrag bewilligt, so dass wir in der Hochschule einen Büroraum beziehen konnten. Außerdem hat uns die Hochschule bei unseren Recherchen unterstützt. Eine große Hilfe war zum Beispiel der Bibliotheksleiter, der uns über die Besonderheiten im Bibliotheksgeschäft aufgeklärt hat. Und bei Fragen zum Thema Urheberrecht konnten wir uns jederzeit an unseren Mentor Professor Dr. Thorn wenden.

Außerdem haben wir uns von Marketingfachleuten zum Thema Innovationsmarketing beraten lassen. Die große Herausforderung ist ja, dass wir den Kunden eine Dienstleistung nahebringen möchten, die es in dieser Form in Deutschland noch nicht gibt beziehungsweise gab. Die große Kunst besteht also darin, Studenten und Wissenschaftler genau an dem Punkt von unserem Service zu überzeugen, an dem sie gerade eine Kaufentscheidung treffen.

Und wie funktioniert das?

Wiesner: Wir achten darauf, dass wir am Point of Sale präsent sind. Das heißt: Wenn Internetnutzer bestimmte Fachbuchtitel bei einer Suchmaschine eingeben, ist es für uns wichtig, auf der Ergebnisliste ganz oben zu stehen. Außerdem haben wir Kontakt zu Hochschulbibliothekaren und weiteren Multiplikatoren, die mit Bücheranfragen von Studenten zu tun haben. Erfreulicherweise treffen wir da auf sehr große Zustimmung. Und nicht zuletzt führen wir direkt vor Ort in den Hochschulen Werbeaktionen durch, hängen zum Beispiel Plakate auf oder verteilen Kaffee in den Vorlesungspausen und erzählen den Studenten dabei von unserem Service.

Hatten Sie im Rahmen Ihrer Vorbereitungen mit besonderen Herausforderungen zu tun?

Otto: Das Buchpreisbindungsgesetz hat uns ziemlich viel Zeit und Nerven gekostet. Wir mussten sicherstellen, dass wir überhaupt das Recht haben, Fachbücher zu vermieten. Dabei hat uns mein juristischer Hintergrund sehr geholfen. Die zweite Herausforderung war technischer Art. Wir mussten einen Online-Shop einrichten, der alle gängigen und aktuellen Fachbücher listet – mit Coverbildern und Kurzbeschreibungen. Bei etwa 600.000 Büchern ist das keine Kleinigkeit. Der Shop sollte außerdem mit Mietzahlungen und allen weiteren Anforderungen, die mit dem Thema Miete zu tun haben, umgehen können, was letztlich einen ziemlich großen Programmieraufwand erforderte. Mit Unterstützung des EXIST-Budgets konnten wir uns da ein ganzes Stück weiterbilden. Mit diesem neu gewonnenen Know-how und vor allem dank der langjährigen Programmier-Erfahrungen von Phillip Thiel konnte der Shop dann genau an unseren Bedarf angepasst werden.

Sie haben von November 2014  bis Oktober 2015 EXIST Gründerstipendium erhalten. Wo stehen Sie heute?

Wiesner: Wir sind bisher eine GbR und wollen Anfang 2016 eine Kapitalgesellschaft gründen, nachdem unser Shop nun online ist und sich in den ersten acht Wochen alles gut entwickelt hat. Wir haben unsere Ziele hinsichtlich der Kundenzahlen und Besucher auf unserer Webseite sogar bereits übertroffen.

Gibt es etwas, dass Sie rückblickend anders machen würden?

Otto: Ja, auf jeden Fall. Wir hatten – aus steuerlicher Sicht – große Schwierigkeiten bei der Aufnahme eines Investors. Wie viele andere Start-ups dachten wir auch, dass wir erst einmal als GbR arbeiten, bis alles soweit läuft und wir dann eine Unternehmergesellschaft oder GmbH gründen. Wenn man dann allerdings kurze Zeit nach der Umwandlung einen Investor als Gesellschafter an Bord holt und ihm Anteile des Unternehmens verkauft, unterstellt das Finanzamt, dass der Firmenwert schon zu Zeiten der GbR entstanden ist. Das Ergebnis ist: Der Veräußerungsgewinn muss der persönlichen Einkommensteuer der GbR-Gesellschafter unterworfen werden. Anders gesagt: Wenn ein Investor, sagen wir, mit drei Millionen in ein Start-up mit drei Gründern eingestiegen ist, muss jeder der Gründer eine Million Euro aus dem Verkauf der Anteile als Einkommen versteuern. Obwohl keiner dieses Einkommen für persönliche Zwecke genutzt hat, weil das Geld ja direkt ins Unternehmen gewandert ist. Darum unser Tipp: Möglichst bald eine Kapitalgesellschaft gründen.

Was würden Sie noch empfehlen?

Wiesner: Während der Förderung engen Kontakt zum Projektträger halten und zum Beispiel vor größeren Anschaffungen oder Aufträgen klären, ob dieses oder jenes förderfähig ist. Wie können wir das abrechnen? Muss die Rechnung auf die Hochschule ausgestellt sein oder auf einen der Gründer persönlich? Reicht eine Quittung, die ich später bei der Hochschule einreiche und erstattet bekomme? Müssen Vergleichsangebote eingeholt werden?

Also einfach vor jeder Anschaffung noch einmal sicherstellen, wie das Verfahren läuft. Damit alles in Ordnung ist und problemlos über die Bühne geht.

 

Stand: Dezember 2015

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