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Celonis GmbH

Gründer Celonis GmbH v.l.n.r.: Martin Klenk, Bastian Nominacher, Alexander Rinke
© Celonis/Julian Baumann

"Einer der großen Vorteile im Silicon Valley ist, dass es dort immer jemanden gibt, der genau das, was man selber vorhat, schon einmal gemacht hat. Solche Mentoren kann man auch in Deutschland finden."

Interview mit Bastian Nominacher

Eigentlich dachten Bastian Nominacher und seine beiden Kommilitonen Martin Klenk und Alexander Rinke an der Technischen Universität München gar nicht daran, sich selbständig zu machen. Alle drei hatten vielversprechende Jobs in Aussicht. Dann gründeten sie doch. Heute, fünf Jahre nach dem Start, sind sie weltweit der führende Anbieter im Bereich Process Mining. Für kräftigen Rückenwind sorgen dabei amerikanische Investoren mit 27,5 Millionen US-Dollar.

Herr Nominacher, was genau ist Process Mining und was hat Celonis damit zu tun?

Nominacher: Beim Process Mining geht es um die Auswertung und Visualisierung großer Datenmengen, die in fast jedem Unternehmen anfallen: sogenannte Prozessdaten. Stellen Sie sich vor, Sie bearbeiten die Reisekosten der Mitarbeiter, führen eine Bestellung aus oder bezahlen eine Rechnung. Jede dieser Aufgaben wird mit einer speziellen Software durchgeführt und besteht aus einer Vielzahl kleiner Schritte. Dabei entstehen Datenspuren und genau daraus rekonstruiert unsere Software den gesamten Geschäftsprozess und stellt ihn als Bild dar. Damit erreichen Sie größtmögliche Transparenz in Unternehmensprozessen. Und wenn irgendwo Schwachstellen auftauchen, können Sie direkt sehen, an welcher Stelle es hakt und eingreifen.

Die Idee dazu ist an der Technischen Universität München entstanden?

Nominacher: Genau, wir wollten damals im Rahmen eines studentischen Projekts an der TU München einen größeren Datensatz auswerten. Dabei haben wir festgestellt, dass die klassischen Methoden zur Datenauswertung wie Business Intelligent Systeme, Statistiksysteme oder Data Mining Systeme einfach nicht ausreichend waren. Durch unsere Recherchen sind wir dann auf Process Mining gestoßen. Der Haken war nur, dass es keine Software dafür gab, um es in der Praxis umzusetzen. Also haben wir kurzerhand selbst eine geschrieben. Irgendwie hat sich das dann schnell herumgesprochen, so dass kurz darauf die ersten Unternehmen auf uns zukamen und mehr über unsere Software erfahren wollten.

Und wie ging es dann weiter?

Nominacher: Wir hatten zunächst gar nicht auf dem Schirm, eine Geschäftsidee zu entwickeln und ein Unternehmen zu gründen. Im Gegenteil: Wir hatten eigentlich schon alle ganz gute Jobs in Aussicht. Aber irgendwie hat es uns doch gereizt. Und mit Hilfe von Professor Krcmar, der dann auch unser Mentor während der EXIST-Förderphase wurde, konnten wir die Gründung unseres Start-ups in Angriff nehmen. In dem Zusammenhang hat uns auch das Netzwerk an der TUM sehr unterstützt, nicht zuletzt weil wir viele unserer Mitarbeiter darüber rekrutieren konnten. Das unternehmerische Handwerkszeug haben wir im Wesentlichen durch die studentische Unternehmensberatung Academy Consult München e.V. und über unseren Coach, den wir über EXIST kennengelernt haben, erhalten. Und nicht zu vergessen die GründerRegio M: Deren Mitarbeiter, allen voran Christoph Zinser, und Netzwerk standen uns über die ganze Startphase hinweg mit Rat und Tat zur Seite.

Alles in allem hat Ihr Start-up eine ziemliche Bilderbuchkarriere hingelegt. Erst kürzlich haben Sie für Schlagzeilen gesorgt was Ihre Finanzierung betrifft.

Nominacher: Ja, die Facebook-Investoren Accell und 83North, ehem. Greylock IL, haben sich mit 27,5 Millionen US-Dollar an Celonis beteiligt. Darüber freuen wir uns natürlich sehr, auch weil diese Investoren bisher nur sehr selten in Deutschland in ein deutsches Start-up investiert haben – für uns ein deutliches Zeichen, dass unsereTechnologie international sehr gute Chancen hat. Wobei die Investoren sicher auch überzeugte, dass wir unser Geschäftsmodell ohne externes Kapital bereits sehr weit vorangetrieben hatten.Wir brauchten nach Ablauf von EXIST erst einmal keine direkte Anschlussfinanzierung, weil wir bereits erste Kunden hatten. Das bedeutet, wir haben uns komplett von innen über den Cash Flow finanziert - für ein Technologieunternehmen eher ungewöhnlich.

Auf welche weiteren Erfolge können Sie zurückblicken?

Nominacher: Wir sind inzwischen der führende Anbieter im Bereich Process Mining und haben über 200 sehr namhafte Kunden in 15 verschiedenen Branchen. Seit letztem Jahr verkauft auch die SAP unsere Lösung weltweit. Das ist natürlich ein Ritterschlag und für ein Unternehmen unserer Größenklasse die absolute Ausnahme.

Auch unsere Wachstumsbilanz kann sich sehen lassen: Wir wurden als das am stärksten wachsende Technologieunternehmen in Deutschland mit knapp 4.000 Prozent Umsatzwachstum in vier Jahren im Rahmen des Deloitte Fast50 Awards ausgezeichnet. Und dass unser Team von jetzt 70 Mitarbeitern bis zum Ende des Jahres auf ungefähr hundert anwachsen wird, macht uns besonders stolz.

Gab es denn im Verlauf der letzten Jahre auch Dinge, die Sie beim nächsten Mal vielleicht anders machen würden?

Nominacher: Da gibt es natürlich eine Million Beispiele. Gerade technische Entwicklungen leben ja von Trial and Error, so dass wir immer wieder vor großen Herausforderungen stehen, nicht zuletzt, weil unsere Verkaufszyklen sehr lang sind.

Wo ich rückblickend anders vorgehen würde, wäre die Kommunikation mit den Kunden. Manchmal schauen wir uns unsere alten Präsentationen an und staunen, wie unglaublich technisch die waren. Wir hatten damals natürlich wenig Ahnung davon, wie große Unternehmen funktionieren, welchen technischen Informationsstand unsere Gesprächspartner haben und was denen wirklich wichtig ist. Das hätten wir sicherlich noch besser machen und den eigentlichen Mehrwert für den Kunden mehr hervorheben können. Heute gehen wir da viel zielgruppenspezifischer vor. Manchmal frage ich mich immer noch, warum die ersten Kunden uns da überhaupt zugehört haben. Offensichtlich scheinen sie aber die Innovation erkannt zu haben.

Ist es das, was Sie auch anderen Gründerinnen und Gründern raten würden: mehr auf die Kommunikation und das Informationsbedürfnis der potenziellen Kunden zu achten?

Nominacher: Ja, auf jeden Fall. Es kommt eben nicht nur auf eine gute Technologie an, sondern auch auf einen guten Vertrieb. Auch die beste Technologie muss erst einmal in den Markt eingeführt und gemeinsam mit den Kunden getestet werden. Ich denke, das muss man als Kernherausforderung sehen.

Wenn wir schon bei den Tipps sind: Ganz wichtig sind auch Mentoren, die in demselben Bereich arbeiten wie man selbst und die gut vernetzt sind und schon einmal ein Unternehmen gegründet haben. Einer der großen Vorteile im Silicon Valley ist doch, dass es dort immer jemanden gibt, der genau das, was man selber vor hat, schon einmal gemacht hat. Solche Mentoren kann man auch in Deutschland finden. Und wenn man es schafft, diese Leute als Beirat oder auf andere Weise an Bord zu holen, erhöht das einfach die Erfolgswahrscheinlichkeit. Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht und sind jetzt quasi in die Fußstapfen unserer Mentoren getreten, indem wir inzwischen auch selbst als Business Angels neue Start-ups unterstützen.

Stand: Juli 2016