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ChemTics-Gründungsprojekt

ChemTics-Gründerteam © ChemTics

"Es ist notwendig, dass man den Markt frühzeitig fragt, was er will."

Interview mit Tobias Göcke

Chemische Experimente sind nicht selten aufwändig - und nicht ganz ungefährlich. Das EXIST-Team ChemTics der Technischen Universität Dresden entwickelt daher einen virtuellen Chemiebaukasten, mit dem Schülerinnen und Schüler auch anspruchsvolle chemische Reaktionen im Klassenzimmer simulieren können.

Herr Göcke, bei chemischen Experimenten im Klassenzimmer denkt man meist an laute Explosionen und viel Qualm. Ist das bei ChemTics auch so?

Göcke: Nein, bei unserem Chemiebaukasten geht nichts in die Luft – höchstens virtuell. Das Ganze funktioniert so, dass der Anwender bestimmte Parameter wie zum Beispiel Druck oder Temperatur auf unserer Lernplattform einstellt, die dann an unseren Cloudsimulator weitergeleitet werden. Im nächsten Schritt wird dem Nutzer das Ergebnis als Animation präsentiert. Da kann dann durchaus bei zu viel Input eine Explosion angezeigt werden - oder aber auch das gewünschte Ergebnis.

Wie kann man sich das konkret vorstellen. Haben Sie ein Beispiel?

Göcke: Nehmen wir mal die Ammoniaksynthese. Der Nutzer loggt sich ein, lernt etwas über Gleichgewichts-Reaktionen  – Ammoniak entsteht ja unter bestimmten Gleichgewichts-Bedingungen zwischen Stickstoff und Wasserstoff. Ein wichtiger Faktor ist dabei: Je mehr Druck, desto mehr Ammoniak. Nachdem er sich das nötige Grundlagenwissen angeeignet hat, wird er aufgefordert, in unserem Simulator ein Experiment durchzuführen. Die Aufgabe lautet: Verschiebe das Gleichgewicht, um mehr Ammoniak zu erzeugen. Wenn ihm das gelingt und er den Parameter Druck entsprechend erhöht, erhält er eine bestimmte Punktzahl.

Darüber hinaus berücksichtigt unsere Plattform auch die Lernpräferenzen der Nutzer. Jeder lernt ja anders. Der eine wünscht sich interaktive Grafiken oder Diagramme, der andere bevorzugt Texte.

Simulationsoberfläche im webbasierten Chemiebaukasten mit Notebook Simulationsoberfläche im webbasierten Chemiebaukasten mit Notebook
© ChemTics

Für wen ist Ihr Chemiebaukasten gedacht?

Göcke: Auf der einen Seite sprechen wir mit unserem webbasierten Chemiebaukasten Schulen und Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und auch weltweit an. Weltweit deswegen, da zu unseren zukünftigen Kunden auch deutsche Schulen im Ausland gehören sollen, mit denen wir vereinzelt schon Kontakt haben. Auf der anderen Seite gehören zu unserer zukünftigen Zielgruppe sowohl Schüler und Schülerinnen sowie Studenten und Studentinnen als auch Chemielehrerinnen und -lehrer und alle weiteren Chemiebegeisterten.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Göcke: Durch einen Studentenwettbewerb: Chemcar. Ich habe damals mit meinen Kommilitonen ein Modellauto gebaut, das mit Hilfe einer chemischen Reaktion angetrieben wurde. Dafür haben wir auch einen Preis erhalten.  Vor allem aber hat mir diese Kombination aus Anwendung von Wissen und spielerischem Ausprobieren sehr viel für mein Studium gebracht. Von daher habe ich mich gefragt, warum das in der Lehre nicht berücksichtigt wird. Und so entstand die Idee, chemische Prozesse über Simulationen zugänglich zu machen.

Sie haben im Team gegründet. Wer gehört dazu?

Göcke: Ralph Scholze habe ich beim Tweetup, einem Twitter-Treffen, kennengelernt habe. Er ist Diplomkaufmann und war sofort begeistert von der Idee. Jeannette Milius kenne ich schon seit der Schule. Sie ist Diplomingenieurin für Kartografie und für Design sowie Usability zuständig. Die Arbeit im Team ist im Übrigen eine tolle Erfahrung. Wir können uns hundertprozentig aufeinander verlassen und haben eine sehr gute Diskussionskultur.

Wie haben Sie sich auf die unternehmerische Selbstständigkeit vorbereitet?

Göcke: Ich habe zunächst Veranstaltungen bei regionalen Netzwerken wie "Future Sax" oder "Hightech Startbahn" besucht. Damals war für mich noch gar nicht so klar, ob und dass ich mich selbständig mache. Das hat sich erst im Lauf der Zeit immer mehr herauskristallisiert als ich gesehen habe, welche Möglichkeiten damit verbunden sind. Und als es dann ernst wurde, bin ich zusammen mit Ralph Scholze und Jeannette Milius schließlich bei Dresden exists gelandet, dessen Mitarbeiter uns bei der Beantragung von  EXIST-Gründerstipendium unterstützt haben und uns nach wie vor tatkräftig bei unseren Gründungsvorbereitungen begleiten.

Gibt es denn besondere Herausforderungen bei Ihren Gründungsvorbereitungen?

Göcke: Im Mittelpunkt der Gründungsvorbereitung steht für uns das Produkt. Von daher versuchen wir frühzeitig, das heißt schon in der Entwicklungsphase, uns Feedback von potenziellen Kunden zu holen, um den webbasierten Chemiebaukasten auch attraktiv für den Markt zu machen. Im Februar 2015 haben wir die Bildungsmesse Didacta besucht und dort zwischen den Messeständen unseren webbasierten Chemiebaukasten vorgestellt. Die Nachfrage war enorm. Das hat dazu geführt, dass wir mit ganz neuen Aufgaben wie zum Beispiel Kooperationsanfragen umgehen mussten.

Insgesamt haben wir unterschätzt, mit was man sich alles beschäftigen muss und wie viel Zeit das kostet: Wenn man beispielsweise Messen besucht oder frühes Feedback einholen möchte. Wir haben Workshops in Schulen durchgeführt, um von den Fachlehrern und Schülern zu erfahren, was sie von der Idee halten. Unsere Alpha-Version war sogar weltweit unterwegs an deutschen Schulen im Ausland. Insgesamt haben wir unglaublich viel Feedback bekommen, was natürlich sehr gut war. Interessant war zum Beispiel, dass sich beim Preismodell zwei Gruppen gebildet haben: Die einen wollen praktisch nur für die Simulationen und die anderen nur für den Lerninhalt bezahlen. Das hat uns sehr geholfen, das Preismodell so anzupassen, um beide Zielgruppen abzuholen. Aber insgesamt war es eben sehr zeitaufwändig, alle Hinweise und Verbesserungsvorschläge in unser Produkt einzuarbeiten. Im Ergebnis haben wir nun wirklich ein tolles Produkt.

Sie kooperieren bei der Entwicklung Ihres Chemiebaukastens mit der TU Dresden. Warum?

Göcke: Die TU Dresden als Exzellenz-Universität kennen wir durch unser eigenes Studium. Deswegen wissen wir auch, wie viel Know-how vor „unserer Nase“ liegt. Statt lange Reisen zu Workshops in Anspruch zu nehmen, bekommen wir durch unsere Kontakte an der Uni schnell die passenden Lösungen. Wir arbeiten zum Beispiel mit der Chemiedidaktik der TU Dresden seit längerer Zeit zusammen und erstellen gemeinsam qualitativ hochwertige fachdidaktische Lehrinhalte. Außerdem ist uns die TU Dresden bei der Nutzung von Abschlussarbeiten und Praktika für Studierende sehr behilflich.

EXIST läuft im Oktober aus. Brauchen Sie eine Anschlussfinanzierung?

Göcke: Ja, unsere Anschlussfinanzierung wird gerade durch die Sächsische Aufbaubank SAB geprüft, bei der wir das SAB Technologiegründerstipendium beantragt haben. Damit wollen wir die letzten Schritte für die finale Version realisieren.

Und zum Schluss: Welche Tipps können Sie anderen Gründern geben?

Göcke: Sich trauen. Einfach wirklich sein Ding machen. Auch wenn es anstrengend ist und Zeit kostet. Und auf jeden Fall mit der Idee rausgehen und keine Angst vor Nachahmung haben. Natürlich muss man aufpassen, dass man nicht zu viel sagt. Aber nichtsdestotrotz ist es notwendig, dass man den Markt frühzeitig fragt, was er will.

Stand: August 2015