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Coldplasmatech

Gründungsteam von Coldplasmatech v.l.n.r. Dr. Carsten C. Mahrenholz, Stephan Krafczyk, Tobias Güra, Dr. René Bussiahn
© INP Greifswald

"Es ist unerlässlich, sich ständig selbst zu hinterfragen. Andernfalls landet man schnell der Sackgasse."

Interview mit Dr. Carsten C. Mahrenholz

Schmerzhafte chronische Wunden dauerhaft zu heilen: das ist das hochgesteckte Ziel von Coldplasmatech. Die Greifswalder Gründer entwickeln ein innovatives Hightech-Pflaster, das die physikalischen Eigenschaften von kaltem Plasma nutzt. Mit der neuen Wundauflage können offene Beine, das diabetische Fußsyndrom oder Druckgeschwüre behandelt werden. Mit Unterstützung von EXIST-Forschungstransfer bereiten die vier Wissenschaftler ihre Ausgründung aus dem Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie (INP) vor.

Herr Dr. Mahrenholz, könnten Sie einem Laien begreiflich machen, was ein Plasma ist?

Dr. Mahrenholz: Plasma wird neben fest, flüssig und gasförmig auch als vierter Aggregatzustand bezeichnet. Es ist, vereinfacht gesagt, ein Gas, dem sehr viel Energie zugeführt wurde. In der Natur kommt Plasma in Gewitterblitzen oder Polarlichtern vor. Die Sonne und die meisten Sterne bestehen aus glühend heißen Plasmen. Doch es ist auch möglich, im Labor sogenanntes kaltes Plasma zu erzeugen. Und es nutzbar zu machen – etwa für die Wundmedizin.  

Kaltes Plasma gegen offene Wunden – das klingt futuristisch. Wie funktioniert das?

Dr. Mahrenholz: In jahrelanger Forschungsarbeit hat unser Institut herausgefunden, dass die Plasmakomponenten eine erstaunliche Wirkung auf die Wundheilung haben. Der Energie-Cocktail aus Ionen, Radikalen und freien Elektronen stabilisiert die Körperzellen und tötet Bakterien und Pilze. Und das Beste daran ist: Bisher sind noch keine Resistenzen beobachtet worden. Das Plasma zerstört selbst Bakterien, gegen die Antibiotika machtlos sind – etwa den gefürchteten MRSA-Keim.

Doch wie gelangt diese Energiewolke in die Wunde? Kommt hier Ihre Geschäftsidee ins Spiel?

Dr. Mahrenholz: Richtig. Wir entwickeln am INP Greifswald ein Gerät, mit dem Plasma sicher und unkompliziert an die Wunden gelangen kann. Es besteht aus einer Wundauflage auf Silikonbasis, dem Plasma-Patch, und einer sogenannten Steuerungsbox, dem Plasma-Cube. In der schlichten Box, die auf jeden Behandlungstisch passt, wird die Energie erzeugt, die für die Zündung des Plasmas notwendig ist. Letzteres wird auf dem Silikonpflaster als bläuliches Schimmern sichtbar und wirkt von dort auf die Wunde. Für den Patienten ist die Behandlung völlig schmerzfrei und gut verträglich. Das ist durch zahlreiche klinische Tests erwiesen. Erste Therapieerfolge zeigen sich oft schon nach wenigen Tagen.

Mindestens so wichtig wie das Produkt ist bekanntlich das Team. Sie selbst sind ein Allrounder: Chemiker, Biologe und überdies Wirtschaftswissenschaftler. Wer sind Ihre Mitstreiter?

Dr. Mahrenholz: Wir sind eine interdisziplinäre Mannschaft und haben früh angefangen, neben der Wissenschaft auch die Unternehmensentwicklung voranzutreiben. Als Medizinökonom kennt Tobias Güra die Anforderungen auf dem Gesundheitsmarkt. Wir beide kümmern uns um die Strategie, das Business Development und den Vertrieb. Der wissenschaftliche Part unseres Teams sind: Dr. René Bussiahn, Plasmaphysiker und eine Koryphäe auf diesem Gebiet und Stephan Krafczyk als Ingenieur, verantworten den kompletten technischen Aufbau. Zugleich sind wir alle gefordert, tagtäglich quer zu denken und fachlich über den Tellerrand zu blicken: Schließlich wollen wir eine hochkomplexe Technologie in die Praxis überführen.

Bleiben wir bei dem Transfer in die Praxis. Was ist Ihrer Meinung nach die größte Hürde auf dem Weg zur Marktreife?

Dr. Mahrenholz: Zu denken, man weiß alles. Wir mussten vielmehr dauernd dazu lernen und haben immer wieder Aha-Effekte erlebt. Zum Beispiel sind wir anfangs davon ausgegangen, der Patient könne unser Produkt eigenhändig anwenden. Das Gerät funktioniert schließlich so einfach, dass der Einsatz zu Hause unkompliziert möglich ist. Dass aber ein leicht adipöser, älterer Patient mit Diabetes mit der Hand gar nicht mehr bis zu seinem Fuß kommt – das hatten wir nicht bedacht, sondern erst später in Gesprächen und Anwendungsbeobachtungen mit Patienten erfahren. Das hat uns gezeigt: Ohne konstruktive Kritik von außen wird unsere Technologie nicht marktfähig. Und: Es ist unerlässlich, sich ständig selbst zu hinterfragen. Andernfalls landet man schnell der Sackgasse.

Woher wissen Sie, dass für Ihr Produkt ein Markt existiert? Wer sind Ihre potenziellen Kunden?

Dr. Mahrenholz: Allein in Deutschland leiden rund vier Millionen Menschen an chronischen Wunden - Tendenz steigend. Die herkömmlichen Therapien mit Antiseptika, Salben und Verbänden sind teuer, langwierig und führen oft nicht zum Erfolg. Hier setzt unsere Technologie an. Der Wundmarkt selbst ist enorm komplex und vielschichtig. Zielkunden sind für uns zunächst einmal alle Anwender. Das sind vor allem Ärzte und Kliniken - aber auch Seniorenheime, Pflegestationen oder podologische Praxen. In einem zweiten Schritt müssen wir dann die Kaufentscheider identifizieren: Adressiere ich den Allgemeinmediziner, der zugleich Behandler und Kaufentscheider ist? Oder handelt es sich um ein komplexes Netzwerk wie ein Altenheim, wo der Einkäufer weder die Pflegekraft noch der Heimleiter - sondern der staatliche oder private Betreiber ist. Der Patient selbst ist in diesem Sinn übrigens kein Anwender, sondern der Nutznießer. Doch auch ihn müssen wir ansprechen: Er soll erfahren, dass es innovative Behandlungsformen gibt und diese auch beim nächsten Arztbesuch gezielt anfragen.

Ihre Firma steht kurz vor der Gründung. Zeitnah beginnt für Sie die zweite Phase von EXIST-Forschungstransfer. Wie hat die Förderung Sie bislang unterstützt?

Dr. Mahrenholz: EXIST hat uns die Weichen für den bestmöglichen Start gestellt. Ohne finanziellen Druck konnten wir uns zu hundert Prozent auf unser Produkt konzentrieren. Wir hatten genügend Zeit, um den Wundmarkt ausgiebig zu erkunden und systematische Befragungen von Ärzten, Patienten und Krankenkassen durchzuführen. Unser Produkt ist folglich nicht im Elfenbeinturm entstanden, sondern konsequent auf die Bedürfnisse im medizinischen Alltag zugeschnitten. Die beste Erfindung nutzt schließlich nichts, wenn keiner sie gebrauchen kann. Zweiter wichtiger Vorteil der EXIST-Förderung ist die finanzielle Unterstützung bei Forschung und Entwicklung. Damit können wir uns auf das konzentrieren, was für eine erfolgreiche Unternehmensgründung wichtig ist: ein solider Prototyp, der in eine Produktion überführt werden kann.

Wie geht es jetzt weiter bei Coldplasmatech? Was sind Ihre nächsten Ziele?

Dr. Mahrenholz: Wir werden noch im Frühjahr die Zulassung zum Medizinprodukt einreichen und hoffen, dass alles glatt läuft. Dann steht die Unternehmensgründung an und damit der Eintritt in die zweite Phase von EXIST.

Im Sommer wollen wir unser Pflaster dann auf dem deutschen Markt einführen. Wir haben das Glück, in einem großen Chemie-Konzern einen Partner gefunden zu haben, der von unserer Technologie begeistert ist, und uns beim Markteintritt unterstützt - er vermittelt uns quasi an den Markt. Denn wir bilden uns nicht ein, dass wir als kleines Start-up in der Lage sind, den Wundmarkt umzukrempeln. Das ist allein in Deutschland ein Milliardenmarkt – da hat man im Alleingang keine Chance. Zugleich werden wir auch weiterhin eng mit dem Greifswalder Leibniz-Institut zusammenarbeiten. Hier in Greifswald wird europaweit Spitzenforschung im Bereich Plasmamedizin betrieben und wir haben die einmalige Chance ein Teil davon zu sein.

Wenn Sie einmal zurückblicken: Welche Tipps würden Sie anderen Gründern geben?

Dr. Mahrenholz: Uns hat vor allem die Teilnahme an diversen Start-up-Wettbewerben enorm weiter gebracht. Durch die Feedbacks der Juroren haben wir unser Profil geschärft und unser Business-Konzept jedes Mal ein Stück vorangetrieben. Zugleich bedeutete es Werbung ohne großen Aufwand: Wer ein gutes Produkt hat, wird dort automatisch weiter kommuniziert.

Entscheidend ist auch, sich von einzelnen Niederlagen nicht entmutigen zu lassen: Eine Technologie wird niemals ohne Rückschläge entwickelt. Am besten ist es, den Plan B immer in der Schublade zu haben - sowohl in technischer als auch in unternehmerischer Sicht. Flexibilität und Beharrlichkeit schließen sich nicht aus. Und als Gründer braucht man beides.