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Extoll GmbH

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Dr. Ulrich Krackhardt, Dr. Mondrian Nüssle, Prof. Dr. Ulich Brüning ;v.l.n.r.: Dr. Ulrich Krackhardt, Dr. Mondrian Nüssle, Prof. Dr. Ulich Brüning; © extoll GmbH

"Wir wollten zeigen, dass diese Technologie auch aus Europa kommen kann."

Interview mit Dr. Krackhardt

Wenn es darum geht, hunderte oder tausende Computer, die alle an einer Aufgabe arbeiten, miteinander zu vernetzen, kommt es vor allem auf Schnelligkeit an. Dabei haben derzeit die Gründer der Extoll GmbH, eine Ausgründung der Universität Heidelberg, die Nase vorn.

Herr Dr. Krackhardt, Sie entwickeln Netzwerktechnologien für Hochleistungs-Computing. Könnten Sie einem Laien erklären, worum es dabei geht?

Dr. Krackhardt: Wir sprechen hier von Hochleistungsrechnern, die in der Industrie oder der Forschung eingesetzt werden, zum Beispiel in der Wetter- und Klimaforschung, der Qualitätssicherung, der synthetischen Chemie, bei Crash-Tests oder beim Cloud-Computing. Ganz gleich in welchem Bereich: ohne leistungsfähiges computergestütztes Rechnen funktioniert dort nichts mehr. Hinter dem sogenannten Hochleistungs-Computing steht immer ein Verbund aus vielen einzelnen Rechnern. Das können bis zu mehrere Tausend sein, die in großen Hallen stehen und miteinander vernetzt sind. Das Problem dabei ist, dass die Rechner untereinander kommunizieren müssen und dies selbst mit der heute schnellsten kommerziell verfügbaren Verbindungstechnik für viele Anwendungen einen Flaschenhals bildet. Das heißt, ein Prozesser verbringt je nach Anwendung ca. 25 Prozent seiner Zeit im unproduktiven Wartezustand aus Nachrichten aus dem Verbindungsnetzwerk. Und genau da setzen wir mit unserer Verbindungs- bzw. Netzwerktechnologie an: Wir haben eine Netzwerktechnologie, basierend auf einem Chip, entwickelt, mit dem es möglich ist, die Leistungsfähigkeit der Verbindung deutlich zu steigern und die Wartezeit zu reduzieren.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Dr. Krackhardt: Die Idee wurde am Lehrstuhl für Rechenarchitektur von Professor Dr. Brüning an der Universität Heidelberg entwickelt. Professor Brüning ist schon seit mehreren Jahrzehnten im Bereich des parallelen Rechnens und Hochleistungsrechnens tätig. Hinzu kam, dass am Lehrstuhl Chips im Rahmen von Industriekooperationen entwickelt wurden. Damit stand das notwendige Know-how zur Verfügung, um selbst Netzwerk-Chips zu entwickeln. Professor Brüning hat dann gesehen, dass diese Technologie eine hohe wirtschaftliche Relevanz hat, nicht zuletzt, weil die Anbieter alle von außerhalb Europas kamen. So kam eines zum anderen und jetzt sind mittlerweile über sechs Jahre Entwicklung in diese Technologie geflossen, so dass sie kurz vor der Marktreife steht. Mit der technischen Leitung des Unternehmens ist Mitgründer und Geschäftsführer Dr. Mondrian Nüssle verantwortlich, der die Entwicklung der Technologie von Anfang an maßgeblich begleitet und vorangetrieben hat.

Das heißt, trotz der Konkurrenz aus Asien und den USA--United States of America ist Ihr Chip wettbewerbsfähig?

Dr. Krackhardt: Ja, weil die von uns entwickelte Technologie heute schon schneller ist als alles andere, was es dazu auf dem Markt gibt. Ähnlich wie bei der Formel I ist auch beim Hochleistungsrechnen Geschwindigkeit entscheidend. Und wenn Sie hier eine Technologie anbieten können, die im Vergleich nicht nur fünf oder zehn, sondern 200 Prozent schneller ist, haben Sie sehr gute Chancen auf dem Markt.

Sie haben als dreiköpfiges Team im März 2011 die Extoll GmbH gegründet. Wer hat welche Aufgaben im Team?

Dr. Krackhardt: Wir haben eine klare Aufgabenteilung: Mondrian Nüssle ist für die technische Entwicklung zuständig, ich bin für die kaufmännischen und weiteren Aufgaben der Unternehmensführung verantwortlich. Professor Brüning ist Gesellschafter und wird im Beirat vertreten sein, den wir demnächst gründen werden. Insofern wird er auch weiterhin die Geschicke unseres Unternehmens mit beeinflussen.

Wie haben Sie sich auf Ihre unternehmerische Karriere vorbereitet?

Dr. Krackhardt: Sowohl Professor Ulrich Brüning als auch ich hatten beide schon unternehmerische Erfahrungen gesammelt und Unternehmen geleitet. Nichtsdestotrotz ist es doch etwas anderes, ein Unternehmen zu gründen, so dass uns das Coaching im Rahmen von EXIST-Forschungstransfer sehr geholfen hat und wir wertvollen Input für die Ausarbeitung des Businessplans oder auch die Finanzplanung bekommen haben. Darüber hinaus standen uns auch das Hochschulgründernetzwerk der Universität Heidelberg und vor allem auch das Gründungsnetzwerk der Universität Mannheim zur Seite. Der ausgründende Lehrstuhl war bis vor wenigen Jahren noch Teil der Universität Mannheim und ist auch heute noch in den Räumen der Hochschule untergebracht. Die über viele Jahre gewachsenen Verbindungen zur Mannheimer Infrastruktur waren hier sehr hilfreich, wenn nicht sogar unverzichtbar.

Die Grundlage Ihrer Netzwerktechnologie basiert auf einem Chip. In Europa ist das etwas ganz Ungewöhnliches. Inwieweit stellt dieser innovative Ansatz eine Hürde dar?

Dr. Krackhardt: In der Investorenlandschaft gibt es sehr wenig Erfahrung damit. Hier regieren ausgeprägte Ängste: Zum einen weil die Chip-Entwicklung einen hohen Kapitalbedarf in der Anfangsphase erfordert. Zum anderen haben Investoren bei Chips wie zum Beispiel Speicherchips den Massenmarkt im Auge, der eine äußerst geringe Gewinnmarge bietet. Außerdem fürchten Investoren das Risiko, dass nach der relativ kostenintensiven Entwicklungszeit der Chip fehlerhaft und nur eingeschränkt oder gar nicht vermarktbar ist. Für unseren Chip treffen diese Argumente aber nur sehr eingeschränkt oder gar nicht zu: Wir bewegen uns in einem Innovativmarkt, nicht in einem Massenmarkt. Die Entwicklung des Chips ist praktisch abgeschlossen. Das Chip-Design haben wir durch eine Vielzahl von Vorserienprodukten begleitend zur Entwicklung über mehrere Jahre nach menschlichem Ermessen von Fehlern befreit. Dennoch haben wir mehrheitlich die Erfahrung machen müssen, dass Investoren uns von unserem Vorhaben in Europa abgeraten und statt dessen den Gang nach USA empfohlen haben.

Sehr offen waren dagegen institutionelle Kapitalgeber wie der High-Tech-Gründerfonds und die MBG Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Baden-Württemberg. Ohne die hätten wir die notwendige Finanzierung nicht auf die Beine stellen können. Durch deren Engagement haben auch Business Angels Vertrauen gefasst, die nun ebenfalls in unser Vorhaben investieren. Die haben wir übrigens über die lokale und sehr hilfreiche Wirtschaftsförderung Mannheim und über das Venture Forum Neckar in Heilbronn kennengelernt. Wir waren damals ja vollkommen unbedarft, was die Kontaktaufnahme zu Business Angels angeht. Da ist es schon ganz gut gewesen, jemanden zu kennen, der den Kontakt herstellen kann. Und genau dafür sind die kommunalen Wirtschaftsförderer und die Netzwerke sehr gut geeignet.

Inwieweit hat Ihnen EXIST-Forschungstransfer geholfen?

Dr. Krackhardt: Wir haben während der beiden Förderphasen unser Produkt zur Marktreife entwickelt. Dazu braucht man Zeit, Mitarbeiter und die geeignete Infrastruktur. Hier hat uns EXIST sehr geholfen. Erleichternd kam hinzu, dass es sich nicht um ein Darlehen handelt, das man zurückzahlen muss, sondern um einen nicht-rückzahlbaren Zuschuss.

Sehr informativ sind auch die Treffen in Berlin beim Projektträger gewesen, wo man sich mit anderen Gründern austauschen konnte, um zu erfahren, mit welchen Banken bzw. Investoren sie gesprochen haben und mit welchen Zeithorizonten man rechnen muss, wenn man mit Investoren spricht oder auch welche typischen Fehler gemacht werden und wie sie sich vermeiden lassen. Dieser Erfahrungsaustausch ist sehr, sehr wertvoll. Hinzu kommen die Workshops, deren Referenten aus Ministerien, VC--Venture Capital oder auch Wirtschaftsprüfungsgesellschaften kamen und die einem sehr gute Hinweise geben konnten.

Der von Ihnen entwickelte Chip für Hochleistungrechner ist jetzt marktreif. Wie geht es bei Extoll weiter?

Dr. Krackhardt: Wir sind besonders froh darüber, dass wir durch unsere Vorserienprodukte und durch die Messepräsenz, – übrigens auch mit EXIST-Unterstützung – schon Kaufabsichten einholen konnten. Uns liegen Letter of Intents von namhaften Firmen vor, nicht nur aus Deutschland und Europa, sondern auch aus den USA. In der Konsequenz heißt das, dass wir drei Viertel der für 2013 geplanten Produktion, bereits durch solche Kaufabsichten abgedeckt haben. Das ist richtig gut.

Der nächste Schritt ist, den Chip in Serie zu produzieren. Damit haben wir den weltweit größten Auftragsfertiger für Chips, ein Unternehmen mit Sitz in Thailand, beauftragt. Das Unternehmen ist hoch-professionell und sehr diskret, was für uns natürlich sehr wichtig ist: Nicht dass der Chip nach Taiwan geht und ihn dort jeder nachbauen kann. Wir haben den Chip zwar patentrechtlich schützen lassen, aber in der Chip-Entwicklung geht man immer zweistufig vor. Das bedeutet, was man von außen sehen oder messen kann, lässt man patentieren. Das, was man von außen nicht sehen kann, wird nicht patentiert. Das bleibt verborgen im Silizium und sollte so lange wie möglich geheim bleiben.

Trotz der Skepsis, die Sie von vielen Kapitalgebern zu spüren bekamen, scheinen Sie auf einem guten Weg zu sein.

Dr. Krackhardt: Ja, wir würden rückblickend auch nichts anders machen, außer vielleicht mehr Zeit für die Kapitalakquise einplanen. Es fällt schon auf, dass Kapitalgeber in Ländern wie den USA und China mit Investments in die Chip-Entwicklung besser vertraut sind. Auch dort ist man sich natürlich des hohen Marktrisikos bewusst. Aber anstatt einfach abzuwinken, werden stattdessen vom Entwicklerteam begleitende Qualitätssicherungsmaßnahmen verlangt, um das Risiko kalkulierbarer zu machen. Wir hatten beispielsweise Investitionsangebote aus den USA, aus Russland und China. Das war dann manchmal gar nicht so einfach zu sagen, wir wollen trotz der schwierigen Finanzierungsmöglichkeiten hier in Europa bleiben. Aber wir wollten eben zeigen, dass diese Technologie auch aus Europa kommen kann. Und das scheint uns zu gelingen.

Stand: 2013

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