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Fond of Bags GmbH

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Sven-Oliver Pink, Florian Michajlezko Sven-Oliver Pink, Florian Michajlezko (Quelle: fond of bags)

"Wir wollten etwas zusammen entwickeln und eine eigene Unternehmenskultur aufbauen."

Interview mit Sven-Oliver Pink

Für Wanderer und Bergsteiger ist ein rückenfreundlicher Rucksack mittlerweile selbstverständlich. Schülerinnen und Schüler mussten dagegen etwas länger warten. Für sie gibt es seit drei Jahren den ergobag. Entwickelt wurde der ergonomische Schulranzen von Absolventen der Hochschulen Marburg und Paderborn sowie der Fachhochschule in Bergisch-Gladbach. Das EXIST-finanzierte Start-up heißt jetzt Fond of Bags und hat inzwischen 150 Mitarbeiter und ist in 20 Ländern aktiv.

Herr Pink, bei Ihnen stand nicht die Idee für ein Produkt am Anfang, sondern erst einmal nur der Wunsch sich selbständig zu machen. Das ist eher ungewöhnlich.

Pink: Ich wollte mit Menschen zusammenarbeiten, die ähnliche Werte vertreten und sich dafür einsetzen. Das lässt sich am besten erreichen, wenn man sich selbständig macht. Melanie Gabriel und Florian Michajlezko, mit denen ich schon lange befreundet bin, ging es ähnlich. Wir wollten etwas zusammen entwickeln und eine eigene Unternehmenskultur aufbauen. Also haben wir fast drei Jahre lang nach einer geeigneten Geschäftsidee Ausschau gehalten. Bis Melanie und Florian zufällig auf einer Party von diesen neuartigen Trägersystemen für Trekking-Rucksäcke gehört haben und sich fragten, warum diese Trägersysteme nicht auch bei Schultaschen Anwendung finden.

Der ergobag ist nicht nur rücken-, sondern auch umweltfreundlich. Wie funktioniert das?

Pink: Wir kombinieren das Ergonomiekonzept von innovativen Wanderrucksäcken mit all dem, was eine gute Schultasche leisten muss: Bücher und Hefte sind geschützt, sie können übersichtlich verstaut werden und außen an der Tasche befinden sich Reflektoren, die für die Sicherheit der Kinder im Straßenverkehr sorgen. Das sind sozusagen die Basics. Das Besondere ist die ergonomische Gestaltung der Tasche: ein Großteil des Gewichts wird auf die Hüfte verlagert und die Hebelwirkung der Schultasche wird reduziert. Die Kinder können dadurch aufrechter gehen und der Rücken wird geschont.

Zum Thema Umweltfreundlichkeit: Der Textilstoff für unsere Schultaschen, den wir von einem Zulieferer beziehen, ist zu 100 Prozent aus gebrauchten PET-Flaschen. Allein in diesem Jahr haben wir dadurch über acht Millionen Flaschen recycelt und damit einen Riesenmüllberg beseitigt.

Als Gründungsteam waren Sie fachlich und kaufmännisch gut aufgestellt. Wie kam es zur Unternehmensgründung?

Pink: Melanie Gabriel ist Physiotherapeutin, hat in Marburg ihren Master of Science in Physiotherapie gemacht und war damals wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universitätsklinik. Damit war sie genau die richtige, um die Schultasche, insbesondere die Rückenplatte, nach ergonomischen Kriterien zu entwickeln. Grundlage hierfür waren die Ergebnisse internationaler Studien und Testreihen mit unseren Prototypen an Kindern. Unterstützt wurde sie dabei von dem leitenden Physiotherapeuten der Universitätsklinik. Melanie hat sich nach der intensiven Vorbereitung während der EXIST-Förderphase allerdings entschieden, eine Familie zu gründen und ihre "Zelte" in Frankfurt aufzuschlagen. Sie steht uns aber immer noch beratend zur Seite.

Für die Ausarbeitung des Businessplans waren Florian Michajlezko und ich zuständig. Florian hat an der Universität Paderborn Wirtschaftswissenschaften studiert und ich habe an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach mein Studium als Diplom-Kaufmann (FH) absolviert. Außerdem hatte ich bereits Berufserfahrung in einem mittelständischen Betrieb gesammelt. Darüber hinaus haben wir über das EXIST-finanzierte Coaching und das Entrepreneurship-Cluster Mittelhessen ECM, das von den Hochschulen Gießen und Marburg und der Fachhochschule Mittelhessen gemeinsam betrieben wird, zusätzlichen wichtigen Input bekommen. Wir hatten ja damals keine Ahnung vom Handel, von der Fertigung in Asien oder davon, wie man ein Produkt auf dem Markt einführt. Beim ECMEntrepreneurship-Cluster Mittelhessen haben wir auch EXIST-Gründerstipendium beantragt.

Dank EXIST konnten wir uns dann ein Jahr lang auf unsere Gründungsvorbereitungen konzentrieren, unsere Ideenskizze zu einem Businessplan ausarbeiten und zum Beispiel nach Asien fliegen, um uns über Produktionsstandorte zu informieren. Mit unserem Businessplan hatten wir nicht nur eine solide Grundlage für unser Geschäft, sondern auch beste Voraussetzungen für die Teilnahme an mehreren Businessplan-Wettbewerben: Allein 10.000 Euro haben wir damit im Gründungsjahr 2010 beim Businessplan-Wettbewerb des NUK Neues Unternehmertum Rheinland e.V. gewonnen. Und bei WECONOMY durften wir - ebenfalls wegen unseres Businessplans - an einem Netzwerk-Wochenende mit Topmanagern teilnehmen.

Sie haben frühzeitig den Kontakt zu Brancheninsidern gesucht Wie sind Sie vorgegangen?

Pink: Wir haben viele Veranstaltungen besucht und unsere Geschichte erzählt, um zu sehen, wie unsere Idee ankommt. Dadurch haben wir viele Menschen kennengelernt, die uns weiterempfohlen haben. Unter anderem hat sich der Designer von Jack Wolfskin bei uns gemeldet, um uns zu unterstützen. Bei einer Einkaufsgenossenschaft haben wir hilfreiche Informationen über den Handel im Schultaschenbereich erhalten. Und über das Netzwerk "Wissensfabrik" wurde uns ein Mentor der BASF zur Seite gestellt, der uns in Sachen "Finanzcontrolling" fit gemacht hat.

Sie lassen den ergobag in Vietnam produzieren. Inwiefern achten Sie dabei auf die Einhaltung von Sozialstandards?

Pink: Die meisten hochwertigen Wanderrucksäcke werden heutzutage in Vietnam gefertigt. Die ganze Zulieferindustrie für Reißverschlüsse, Stoffe usw. befindet sich dort. Wir tun eine Menge, damit die Mitarbeiter das Gefühl haben, zu unserem Team zu gehören. Zum Beispiel veranstalten wir einmal im Jahr eine ergobag-Party. Außerdem haben wir mit Porsche Consulting ein Greenbook ausgearbeitet, in dem zum Beispiel die Pausenzeiten und das Lohnniveau festgelegt sind. Grundlage für das "Greenbook" waren international anerkannte Standards, wie zum Beispiel die UNUnited Nations-Menschenrechts-Charta. Das bedeutet unter anderem, dass die Arbeiter alle zwei Stunden eine Pause haben und in der Betriebskantine kostenfrei essen können. Nach Arbeitsschluss fahren sie zu ihren Familien nach Hause. Das ist ein großer Unterschied zur Situation der Leih- und Wanderarbeiter in China.

Den Recyclingstoff beziehen Sie aus Taiwan?

Pink: Unser Textilhersteller in Taiwan ist ein echter "Überzeugungstäter" und extrem fair. Er verarbeitet zu hundert Prozent taiwanesische PET-Flaschen, hat eine eigene Farm, baut eigenes Gemüse an und erzeugt den Strom für sein Unternehmen aus Solarenergie.

Macht sich Ihr soziales und ökologisches Engagement beim Preis bemerkbar?

Pink: Wir konkurrieren nicht über den Preis. Im Gegenteil: Wir sind die teuersten am Markt. Wenn wir über den Preis konkurrieren würden, dürften wir keine PET-Textilien einsetzen und könnten nicht bei Qualitätslieferanten produzieren lassen. Aber wir richten uns ja eben an die Menschen, denen die Gesundheit ihrer Kinder wichtig ist und die Wert darauf legen, dass mit den Ressourcen der Welt fair umgegangen wird. Die Tatsache, dass wir mittlerweile kein Nischenprodukt mehr sind, sondern einen relevanten Marktanteil erreicht haben, zeigt, dass es viele Menschen gibt, die auch so denken. Aus den Gesprächen mit unseren Endkunden wissen wir, dass diese Wertehaltung durch alle gesellschaftlichen Schichten geht.

Sie sind nicht nur in Deutschland, sondern weltweit auf Expansionskurs. In welchen Ländern sind Sie aktiv?

Pink: Zurzeit sind es 16 Länder, die meisten davon im asiatischen Raum: Taiwan, China, Singapur, Hongkong, Südkorea, Thailand. In Europa sind wir in Tschechien, Slowenien, Rumänien und Russland vertreten sowie in Österreich und der Schweiz. Die Internationalisierung ist auf einem erfolgreichen Weg. Wir werden genauso weitermanchen, um Händler vom ergobag zu überzeugen. Mittlerweile kommen sogar schon Familien in die Geschäfte und fragen gezielt danach.

Ihr Unternehmen hat sich sehr erfolgreich entwickelt. Was glauben Sie, sind die Gründe dafür?

Pink: Die enge Orientierung an den Wünschen und Bedürfnissen der Endkunden ist für mich der wichtigste Punkt. Wir haben dadurch diverse kleine Innovationen umgesetzt, die wir damals gar nicht auf dem Schirm hatten, aber mittlerweile das Produkt ausmachen.

Ganz wichtig war auch die Kommunikation: Wir hatten am Anfang wenig Ahnung, aber waren bereit, viele Gespräche zu führen. Dadurch entstand eine Mund-zu-Mund-Propaganda, die für die Vermarktung der ergobag sehr wichtig ist.

Ein weiterer Punkt ist das homogene Team. Wir haben unterschiedliche Stärken im Team, teilen aber gleiche Werte. In den letzten drei Jahren haben wir konsequent daran gearbeitet, Menschen mit einer ähnlichen Einstellung für unser Projekt zu gewinnen. Deswegen gibt es hier im Team viel Enthusiasmus und Spaß an der Arbeit.

Und schließlich haben wir uns von Anfang an ausschließlich auf unser Produkt und unsere Tätigkeit konzentriert und sind nicht auf Angebote von links und rechts eingegangen. Wir haben gesagt, dass wir ausschließlich Schultaschen herstellen. Und die machen wir richtig gut.

Stand: August 2016

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