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Grammofy UG (haftungsbeschränkt)

Das Gründerteam von grammofy v.l.n.r.: Lukas Korn-Grimberghe, Elias Probst, Philipp Hertel, Natascha Klotschkoff, Matthias Kümmerer, Emanuel Schwarz, Felix Lenders
© Martin Sigmund

"Ende letzten Jahres war es dann soweit, dass ich am Telefon nicht mehr erklären musste, wer wir sind und was wir machen."

Interview mit Lukas Krohn-Grimberghe

Aus ihrer Liebe zur Musik haben der Kultur- und Kommunikationswissenschaftler Lukas Krohn-Grimberghe und ein Team aus Gleichgesinnten ein Geschäftsmodell entwickelt: eine Streamingplattform ausschließlich für klassische Musik. Das Start-up Grammofy wurde durch das EXIST-Gründerstipendium gefördert und im Jahr 2015 als „Kultur-und Kreativpiloten Deutschland“ von der Bundesregierung ausgezeichnet.

Herr Krohn-Grimberghe, Sie bieten einen Streaming-Service für klassische Musik an. Inwiefern unterscheiden Sie sich damit von anderen Streamingangeboten?

Krohn-Grimberghe: Da gibt es einige Unterschiede. Wir arbeiten unter anderem mit einem Datenbankmodell, das die speziellen Anforderungen an klassische Musikwerke berücksichtigt. Wenn Sie zum Beispiel nach bestimmten Musikstücken suchen, kommt es vor allem auf die Korrektheit der Metadaten an: den Namen des Komponisten, des Werks, des Künstlers und auf den Albumtitel. Wir haben daher ein System entwickelt, das diese Informationen berücksichtigt. Außerdem sind die Stücke meist wesentlich länger als in der Rock- oder Popmusik und bestehen zum Teil aus mehreren Sätzen. Darüber hinaus gibt es oft mehrere Einspielungen eines Werks von verschiedenen Musikern. Diese und weitere Besonderheiten haben zur Folge, dass wir jede Aufnahme, die wir von den Labels erhalten, noch einmal händisch aufbereiten müssen, um sowohl die Hörqualität als auch die Funktionalität des Streamings so optimal wie möglich zu gestalten. Hinzu kommt, dass wir jede Woche fünf bis zehn klassische Werke in sogenannten Collections zusammenstellen und mit gesprochenen Einführungen als Abo anbieten. Damit bieten wir quasi einen Mix aus On Demand Streaming und Radio an.

Sie achten außerdem auf eine faire Vergütung für Künstler. Wie gelingt Ihnen das?

Krohn-Grimberghe: Das große Problem für die klassische Musik ist, dass sie auf Mainstream-Plattformen systematisch benachteiligt wird. Das liegt unter anderem daran, dass klassische Musikwerke meist längere Sätze haben. Ein Sinfoniesatz kann zum Beispiel schon mal 20, 25 Minuten dauern. Der Künstler beziehungsweise Rechteinhaber bekommt aber von einem Streaming-Anbieter anteilig gesehen nur so viel ausbezahlt wie für einen zweieinhalbminütigen Pop-Song. Der Grund dafür ist, dass nach einzelnen Musikstücken, also Tracks, abgerechnet wird und nicht nach der Länge der Stücke. Wir berücksichtigen dagegen die tatsächliche Spieldauer der Aufnahmen und rechnen sekundengenau ab. Damit können wir eine genaue und transparente Abrechnung gewährleisten, bei der 70 Prozent des Erlöses den Rechteinhabern zu Gute kommt.

Gibt es denn überhaupt einen Markt für Klassik, um darauf ein Geschäftsmodell aufzubauen?

Krohn-Grimberghe: Man liest sehr oft in der Presse, dass klassische Musik keine Zukunft hat. Aber wenn man sich dazu Studien aus Großbritannien oder Deutschland ansieht, gewinnt man einen ganz anderen Eindruck. Danach sagen 30 Prozent der Zwanzig- bis Dreißigjährigen, dass sie ganz gerne Klassik hören und sich auch dafür interessieren, aber oft den Zugang nicht dazu finden. Wir haben daraus geschlossen, dass hier offensichtlich Angebot und Nachfrage nicht so richtig zusammenfinden. Und genau da setzen wir an: Wir möchten sowohl Kennern der klassischen Musik als auch Neueinsteigern ein gutes Angebot mit inhaltlich hohem Anspruch präsentieren, das aber eben nicht elitär und verstaubt daherkommt, sondern unkompliziert, modern und freundlich. Das kommt übrigens selbst bei älteren Nutzern gut an, die bereits über 70, 80 Jahre alt sind und unsere iOS-App auf ihre iPads herunterladen, um Musik zu hören.

Gestartet haben Sie mit Ihren Gründungsvorbereitungen an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Wie sahen Ihre ersten Gründungsschritte aus?

Krohn-Grimberghe: Wir haben damals über die Uni das EXIST-Gründerstipendium beantragt. Das hat uns gut über das erste Jahr gebracht. Wir haben in der Zeit die Plattform aufgebaut, konnten mehrere Durchläufe mit Testkunden durchführen und dabei viel experimentieren. Das lief insgesamt sehr gut, auch weil wir durch die Mentoren an der Uni intensiv unterstützt wurden. Im Prinzip lief alles wie am Schnürchen. Wir wussten, dass wir ein Jahr Zeit haben, um unseren Businessplan fertigzustellen und einen Prototypen zu bauen. Das haben wir auch alles in der Zeit geschafft. Seit Anfang dieses Jahres haben wir außerdem einen Investor, der sich an unserem Projekt beteiligt.

Sie wurden zusammen mit Ihren Teampartnern auch als Kultur- und Kreativpiloten der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft ausgezeichnet und ein Jahr lang gecoacht.

Krohn-Grimberghe: Ja, das war direkt im Nachgang zu EXIST und hat uns noch einmal ein gutes Stück weitergebracht. Durch den Austausch mit anderen Start-ups, die wir in den verschiedenen Workshops getroffen haben, lernt man einfach unheimlich viel, wenn man sieht, wie die anderen an Probleme herangehen, die meist ganz ähnlich zu den eigenen sind. Oder man sucht gemeinsam nach Lösungen. Dieser Austausch ist extrem wichtig. Und wenn man dann noch ein paar gute Coaches dabei hat, wie das bei den Kultur- und Kreativpiloten der Fall ist, ist der Mehrwert sehr groß.

Hört sich gut an, aber die eine oder andere Hürde mussten Sie sicher auch nehmen, oder?

Krohn-Grimberghe: Die größten Schwierigkeiten hatten und haben wir bei der Lizenzierung von Aufnahmen. Das bedeutet, wir müssen sehr viel Überzeugungsarbeit bei den Musiklabels leisten, damit sie uns die Aufnahmen zur Verfügung stellen. Die großen Labels tun sich da sehr schwer. Von daher haben wir von Anfang an auf die kleinen unabhängigen Labels gesetzt, die sehr viel offener für neue Ideen und Experimente sind und auch flexibler. Die ersten drei, die wir von unserer Idee überzeugen konnten, kamen aus England. Dazu gehört das London Symphony Orchestra, eines der renommiertesten Orchester der Welt, das seine Aufnahmen selbst produziert und vermarktet, sowie Signum Records und Outhere Music. Diese Labels haben uns während der Testphase ihre Aufnahmen gratis zur Verfügung gestellt und uns Türen zu weiteren wichtigen Ansprechpartnern geöffnet. Inzwischen arbeiten wir mit vielen Labels und Dienstleistern zusammen, von denen einige in London sitzen, weshalb es für uns wichtig war, auch dort ein Büro zu haben.

Nichts desto trotz mussten wir bei aller Unterstützung anfangs an manchen Türen ganz schön lange klopfen. Aber Ende letzten Jahres war es dann auf einmal soweit, dass ich am Telefon nicht mehr erklären musste, wer wir sind und was wir machen. Da hieß es dann auf einmal: „Grammofy? Haben wir schon von gehört. Kennen wir.“ In so einer Situation ist klar, dass wir auf jeden Fall die Chance für einen Gesprächstermin bekommen. Ob der Deal dann auch zustande kommt, ist ein anderes Thema.

Sie sagten, dass Sie von drei englischen Musiklabels unterstützt wurden. War das Zufall oder ist man in Großbritannien offener gegenüber neuen Ideen?

Krohn-Grimberghe: Nach unserer Erfahrung ist die Experimentierfreude vor allem im digitalen Bereich deutlich größer als in Deutschland. Es gibt so eine Faustregel, nach der es in den USA am einfachsten ist, Unterstützung für neue Ideen zu finden. An zweiter Stelle kommt England – nicht nur was die positive Einstellung gegenüber digitalen Anwendungen betrifft. Hier legen die Leute Wert auf gute Musik, ohne dass es eine Rolle spielt, ob das nun Klassik, Jazz, Rock oder Pop ist. Das ist sehr viel offener und lockerer als in Deutschland, wo es leider doch sehr viel konservativer zugeht.

Sie haben ein Büro in London und arbeiten eng mit britischen Labels zusammen. Spielt der Brexit eine Rolle für Sie?

Krohn-Grimberghe: Das sehen wir bisher noch entspannt. Mit einem Start-up plant man ja eher in kleineren Zeithorizonten und innerhalb des nächsten Jahres wird sich erst mal nicht viel ändern. Aber natürlich rechnen wir damit, dass viele Labels ihre Hauptdependenzen von London in andere europäische Städte verlegen könnten. Und die großen internationalen Labels haben ohnehin Büros in den USA und Außenstellen in Berlin. Es wäre also ein leichtes, die Standorte hier in London dann einfach zu schließen.

Ihr Büro in Deutschland befindet sich in Stuttgart. Nicht ganz so spannend wie London?

Krohn-Grimberghe: Also, grundsätzlich ist es so, dass wir ganz gerne in Deutschland leben. Wir sind auch Freunde der sozialen Marktwirtschaft, vor allem weil wir inzwischen den Turbo-Kapitalismus in Großbritannien näher kennengelernt haben. Die Kluft zwischen den sozialen Schichten, eigentlich muss man sagen: „Klassen“, ist enorm. Insofern sind wir eigentlich sehr froh, dass wir unser Start-up in Deutschland aufgezogen haben. Und ja, unser Entwicklerteam sitzt komplett in Stuttgart. Da wird die Plattform aufgebaut und designt. Unser Londoner Büro übernimmt eher das Networking und die Label-Akquise. Beide Bereiche sind gleichermaßen wichtig.

Sie haben Grammofy im April 2015 gegründet. Die Plattform ist erst seit etwa sieben Wochen online. Wie hat sich Ihr Start-up bisher entwickelt?

Krohn-Grimberghe: Sehr gut. Wir sind momentan in neun Ländern präsent. Die meisten Nutzer kommen aus England, gefolgt von den USA. Deutschland liegt mit etwas Abstand an dritter Stelle. Das heißt, der Zugang zum anglo-amerikanischen Markt funktioniert relativ schnell und einfach. Was zu erwarten war, weil der Zugang zum Streaming hier schon etwas weiter ist. Wir rechnen aber damit, dass die Nutzer aus Deutschland in ein bis drei Jahren deutlich aufholen werden. Das hängt aber letztlich auch vom Breitbandausbau ab, der im internationalen Vergleich zumindest teilweise in Deutschland doch noch sehr hinterherhinkt. Aber wir sind da optimistisch. Darüber hinaus haben wir auch Kunden in Schweden, Österreich und der Schweiz sowie in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Und zurzeit strecken wir unsere Fühler in Richtung Kanada, Australien und Neuseeland aus.

Stand: Juli 2016