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INERATEC GmbH

Gruenderteam Ineratec v.l.n.r.: Dr.-Ing. Paolo Piermartini , Dr.-Ing. Tim Böltken, Prof. Dr.-Ing. Peter Pfeifer , Philipp Engelkamp
© INERATEC GmbH

„Wir haben gelernt, dass uns zu allen Fragen und Herausforderungen hilfreiche Ansprechpartner zur Verfügung stehen.“

Interview mit Dr.-Ing. Tim Böltken

Gase in flüssige Energieträger oder chemische Produkte umwandeln: Erste Überlegungen dazu stellten die Gründer der INERATEC bereits 2006 am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) an. Dabei war allen Beteiligten schnell klar, dass hier die Weichen für ein vielversprechendes Produkt gestellt wurden. Inzwischen ist die Ausgründung des KIT mit ihrer innovativen chemischen Reaktortechnologie auf dem Markt und verzeichnet bereits erste Erfolge.

Herr Dr. Böltken, Sie haben gemeinsam mit Ihren Kollegen ein Verfahren entwickelt, das Gase in flüssige und feste Produkte umwandelt. Worum geht es dabei genau?

Dr. Böltken: Die von uns entwickelte chemische Reaktortechnologie wandelt Gase, wie zum Beispiel Kohlendioxid oder Methan, in speicherfähige flüssige, teils auch feste Wertprodukte um. Das Besondere dabei ist, dass unsere Anlagen gegenüber herkömmlichen Verfahren nur sehr wenig Platz benötigen. Die chemischen Reaktoren sind so klein, dass das gesamte chemische Verfahren in einen Container hineinpasst, wohingegen für vergleichbare Verfahren bislang riesige Chemieparks notwendig waren. Aufgrund ihrer überschaubaren Größe, haben unsere Container den Vorteil, dass sie dezentral einsetzbar sind. Beispiel: Erdölförderung: Die Gase, die dort entstehen, werden bislang einfach nur abgebrannt – daher heißen sie Fackelgase. Die Fackelgase verursachen einen gigantischen Treibhausgasausstoß und gewaltige Kosten. Mit unseren Anlagen können diese Gase direkt am Entstehungsort in ein speicherfähiges Produkt umgewandelt und wieder in den Stoffkreislauf zurückgeführt werden. Gleiches gilt auch für Biogas oder Klärgas. Ein weiterer Vorteil unserer Reaktortechnologie ist, dass wir unsere chemischen Anlagen in Serie bauen können. Das heißt, der Kunde erhält die komplette Anlage praktisch schlüsselfertig in einem Container. Das ist ein absolutes Novum für eine chemische  Anlage.

Was sind das für Produkte, die Sie aus den recycelten Gasen herstellen?

Dr. Böltken: Die Produktpalette ist sehr breit. Wir sind gerade dabei, ein Portfolio aufzubauen. Was momentan sehr stark nachgefragt wird, sind synthetische Kraftstoffe, wie zum Beispiel Benzin, Kerosin oder Diesel, die sich durch sehr gute Verbrennungseigenschaften auszeichnen. Weitere denkbare Produkte sind chemische Wachse und langkettige Kohlenwasserstoffe, die dann erneut in der chemischen Industrie zum Beispiel zur Herstellung von Medizinprodukten oder Kosmetik eingesetzt werden können. Wir testen gerade in unseren Pilotanlagen, welche weiteren Anwendungsmöglichkeiten es noch gibt.

Was genau stellen Sie Ihren Kunden zur Verfügung? Die Anlagen oder die Produkte, die aus dem chemischen Verfahren gewonnen werden?

Dr. Böltken: Wir verstehen uns in erster Linie als Anlagenbauer. Das bedeutet, wir entwickeln und bauen Anlagen individuell nach Kundenwunsch. Die einen möchten zum Beispiel ihre Abfallgase entsorgen, die anderen möchten sie verwerten und wieder andere sind an den Produkten interessiert, die durch die Umwandlung der Gase in unseren Anlagen entstehen. In den seltensten Fällen ist es allerdings so, dass derjenige, bei dem das Gas entsteht, auch gleichzeitig die daraus aufbereiteten Produkte benötigt. Deswegen arbeiten wir bisher in all unseren Projekten in industriellen Konsortien zusammen. Daran beteiligt sind jeweils der Betreiber der Gasquelle, der Kunde, der an dem Recyclingprodukt interessiert ist, und wir, die INERATEC, die das Verfahren und die Speichertechnologie zur Verfügung stellt. 

Ergänzend dazu bieten wir umfangreiche After-Sale-Services an, also Katalysatorwechsel, Unterstützung beim Betrieb der Anlagen usw. Dieser Bereich wird zukünftig an Bedeutung gewinnen, sobald wir mit unseren Anlagenmodulen in Serienproduktion gehen. Mit der steigenden Anzahl an verkauften Anlagen wird der Engineering-Anteil dann abnehmen und der Bedarf an Serviceleistungen zunehmen. 

Wie sieht Ihr Kundenportfolio aus?

Dr. Böltken: Den Großteil unseres Umsatzes erzielen wir im europäischen Ausland. Momentan haben wir neun Pilotanlagen realisiert, unter anderem in Finnland und Spanien, die wir in unterschiedlichen Geschäftsfeldern platziert haben. Weitere Internationalisierungsschritte stehen in Richtung Nordamerika, insbesondere Kanada, an. Zu unseren Kunden gehören bislang ausschließlich große Industriekunden und Forschungsinstitute. Wir arbeiten aber gerade daran, die Container zur Serienreife zu bringen.

Die INERATEC wurden gerade als Teilnehmer für den internationalen Cleantech Open Global Ideas Challenge nominiert. Worin besteht der Mehrwert für die Umwelt bei Ihrem Verfahren?

Dr. Böltken: Unser Schwerpunkt liegt ganz klar im Bereich der erneuerbaren Energien. Wir wenden das Power-To-X-Verfahren an und erzeugen dabei Wasserstoff aus überschüssiger regenerativ erzeugter Elektrizität, zum Beispiel aus Photovoltaik- oder Wasserkraftanlagen. Den Wasserstoff speichern wir zusammen mit Kohlendioxid in speicherbaren Produkten, wie zum Beispiel in einem Kraftstoff oder einem Wachs. Wir haben dazu vor kurzem Pilotanlagen in unseren drei Geschäftsfeldern Gas-to-Liquid, Power-to-Liquid und Power-to-Gas verkauft. Unser Gas-to-Liquid Verfahren wandelt fossile Begleit- und Überschussgase aber auch erneuerbare methanhaltiger Gase in synthetische Kohlenwasserstoffe und Kraftstoffe um. Mit unserem Power-to-Gas Prozess wird synthetisches Erdgas aus regenerativem Wasserstoff sowie Kohlendioxid und/oder Kohlenmonoxid hergestellt. Das Power-to-Liquid Verfahren wandelt regenerativ erzeugten Strom und Kohlendioxid in flüssige, vielseitig nutzbare Kraftstoffe und chemische Erzeugnisse um.

Insgesamt verringern wir dadurch auf der einen Seite den Treibhausgasausstoß, da wir fossile Produkte schrittweise durch erneuerbare, vollständig CO2-neutrale Produkte ersetzen können. Im anderen Fall speichern wir langfristig erneuerbare Elektrizität in Energiespeichern mit höchster Energiedichte. Dadurch stellen wir ein noch fehlendes Element der Energiewende zur Verfügung, denn schon heute wird die Frage gestellt, was mit den Überkapazitäten an erneuerbarem Strom gemacht wird, wenn der Ausbau von Wind- und Solarenergie weiter vorangetrieben wird. Dieses Konzept wurde mit dem Umwelttechnikpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet, worauf wir besonders stolz sind.

Wer hat Sie auf dem langen Weg zur Unternehmensgründung unterstützt?

Dr. Böltken: Das KIT spielt als Gründeruniversität eine Rolle und hat uns in einigen Bereichen tatkräftig unterstützt. Das gesamte Gründungsteam der INERATEC hat ja am KIT studiert. Paolo Piermartini und ich haben dort auch promoviert, bevor wir zunächst als Angestellte in der Industrie tätig waren. EXIST-Forschungstransfer hat uns dann einen richtigen Kick gegeben, sodass jeder von uns gesagt hat: „Ich kündige jetzt meinen Job und setze 100 Prozent auf unsere Ausgründung.“ Dank EXIST konnten wir dann das Team aufbauen und die ersten Schritte in Richtung Markt gehen.

Wie hat sich Ihr Unternehmen bisher entwickelt?

Dr. Böltken: Sehr positiv. Für den Start war EXIST perfekt. Wir hatten genug Zeit, um uns als Team zu sortieren und notwendige Entwicklungen voranzutreiben. Die weitere erfolgreiche Entwicklung unseres Unternehmens ist darauf zurückzuführen, dass wir bereits während der Förderphase den Proof of Market gesucht haben. Wir haben die INERATEC noch während der EXIST-Förderphase gegründet, sodass wir jetzt, mit mehr als zehn Mitarbeitern, auf eigenen Füßen stehen. Dadurch sind wir in der Lage, unsere Pilotprojekte aus eigenen Mitteln zu finanzieren – auf Grundlage guter Vertragsverhandlungen und mit einer Bank im Hintergrund, die das Ganze auch zwischenfinanzieren kann.

Natürlich gab es auch Hürden. Die gibt es immer, wenn man ein Unternehmen von null auf eins aufbaut. Aber wir haben gelernt, dass uns zu allen Fragen und Herausforderungen hilfreiche Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Bei der Suche nach einem geeigneten Gebäude hat uns zum Beispiel die Wirtschaftsförderung Karlsruhe sehr unterstützt. Seit zwei Monaten haben wir sogar unsere eigene Fertigungshalle. Das bedeutet, wir können jetzt mit der Serienproduktion unserer Anlagen beginnen. 

Welche Finanzierung haben Sie außer EXIST-Forschungstransfer in Anspruch genommen?

Dr. Böltken: Wir haben eine hoch innovative Technologie entwickelt, für deren Marktvorbereitung wir öffentliche Fördermaßnahmen in Anspruch nehmen. Neben EXIST-Forschungstransfer haben wir das große Glück, an ausgewählten marktvorbereitenden Horizon-2020-Projekten beteiligt zu sein – als Mitglied eines starken Industriekonsortiums. Darüber hinaus werden wir uns in den nächsten Monaten nach Investoren umschauen, um das Geschäft weiter zu skalieren.

Haben Sie zu guter Letzt noch einen Tipp für andere Gründerinnen und Gründer?

Dr. Böltken: Man darf sich nie dafür zu schade sein, um nach Hilfe zu fragen. Irgendjemand hilft immer. Bevor wir Zeit verschwendet haben, um nach einer Lösung zu suchen, haben wir zunächst einfach Leute angerufen und gefragt. Das hat wertvolle Zeit gespart.

Ein weiterer Tipp: Gerade in der Gründungsphase ist es wichtig, sein Ziel immer vor Augen zu halten. Die vielen neuen Eindrücke und Fragen führen leicht dazu, dass man sich auf Unwesentliches konzentriert. Außerdem: So früh wie möglich am Markt aktiv werden. Nur so erfährt man, ob das Geschäftsmodell und die Technik auch wirklich funktionieren und die Nachfrage dafür da ist. Bei all dem muss man sich natürlich immer auf sein Team verlassen können. Das Team spielt die wichtigste Rolle.

Stand: Dezember 2017

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