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enpatech® GbR (2013 – 2014) / OMM Solutions GmbH

Martin Allmendinger, OMM Solutions GmbH Martin Allmendinger
© Felix Pilz Fotografie/ Universität Hohenheim

„Wenn man mit einem Projekt oder einer Idee nicht erfolgreich ist, sagt man, okay, wir haben es ausprobiert, aber es hat nicht funktioniert. Also versuchen wir etwas Neues.“

Hoch motiviert und um viele Erfahrungen reicher, haben Martin Allmendinger sowie Malte und Olaf Horstmann nach einem Fehlstart erneut ein Unternehmen gegründet.

Herr Allmendinger, Sie und Ihre Kollegen haben in 2013 EXIST-Gründerstipendium erhalten, aber ihr Gründungsprojekt nicht weiterverfolgt. Warum?

Allmendinger: Wir hatten im Rahmen eines Forschungsprojekts am Lehrstuhl für Wirtschaft und Informatik I an der Universität Hohenheim eine digitale Plattform weiterentwickelt, die zu besseren Entscheidungen bei Verhandlungen beitragen sollte. Das Thema Selbständigkeit hatten wir dabei zunächst gar nicht direkt auf der Agenda, aber da es EXIST-Gründerstipendium gab und unser Antrag auch bewilligt wurde, haben wir es einfach versucht. Nach etwa eineinhalb Jahren haben wir aber doch gemerkt, dass unsere Idee nicht am Markt funktioniert. Im Rückblick sind wir damals viel zu akademisch herangegangen und mussten letztlich nach einem starken Jahr feststellen, dass ein international angesehenes Forschungsprojekt noch lange nicht bedeutet, dass es deswegen dafür auch einen Markt nach wirtschaftlichen Spielregeln gibt.

War das nicht schon früher abzusehen?

Allmendinger: Na ja, dazu muss man wissen, dass damals, in 2013, das Thema Gründung an Hochschulen noch nicht so präsent war wie heute. In Hohenheim gab es zu dem damaligen Zeitpunkt nur eine halbe Stelle in der Gründungsberatung. Ansonsten gab es auch lokal in Stuttgart kaum ein Verständnis für, geschweige denn zielführende Unterstützung für Software Start-ups. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, weil es ja erst vier Jahre her ist. Heute gibt es ja einen enormen Hype um das ganze Gründungsthema. Wir hatten natürlich einen wissenschaftlichen Mentor, aber es gab praktisch keine Kontakte zu Investoren oder zur Industrie. Als wir dann schließlich nach einem halben Jahr doch einen ehemaligen Unternehmer und Business Angel kennengelernt hatten, hat der dann gleich den Finger in die Wunde gelegt und die richtigen Fragen gestellt: Wie sieht euer Markt aus? Welche potenziellen Kunden gibt es? Wie viele sind bereit, etwas für euer Produkt zu bezahlen? Wie viele Kooperationspartner habt ihr? Und so weiter. Da haben wir ganz schnell gemerkt, dass es de facto keinen direkten Markt für unsere Idee gibt und unser Konzept so nicht funktionieren wird.

Waren Sie sehr enttäuscht darüber, dass es nicht geklappt hat?

Allmendinger: Gewurmt hat es mich persönlich schon. Ich hatte ja schließlich einen Master in Betriebswirtschaft und eine Reihe von Praktika in internationalen Unternehmen und Beratungsfirmen absolviert. Von daher habe ich mir natürlich die Frage gestellt, warum wir nicht erfolgreich waren und warum die Mechanismen, die einem während des BWL-Studiums vermittelt wurden, so nicht gegriffen haben. Aber unter dem Strich ist es eben so, dass man im Rahmen seiner akademischen BWL-Ausbildung an deutschen Hochschulen überwiegend auf eine Angestelltentätigkeit in etablierten Unternehmen vorbereitet wird und nicht auf eine unternehmerische Selbständigkeit.

Sie haben dann kurz darauf mit Ihren Partnern ein neues Unternehmen gegründet.

Allmendinger: Ja, das war letztendlich das Ergebnis der EXIST-Förderung. Auch wenn unser Gründungsprojekt nicht von Erfolg gekrönt war. Aber dieses eine Jahr der Förderung war dennoch unglaublich wichtig für uns drei gewesen. Uns ist in der Zeit klar geworden, dass die berufliche Selbständigkeit für jeden von uns genau das richtige ist und wir uns als Team gegenseitig auch sehr gut ergänzen und wertschätzen. Wir hätten ja auch jederzeit hier in Süddeutschland attraktive Jobs in Unternehmen bekommen können, aber Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit waren uns einfach wichtiger: frei zu agieren nach unseren Maßstäben, nach unseren Werten und nicht einfach das machen zu müssen, was ein Vorgesetzter uns sagt. Von daher haben wir einen erneuten Anlauf genommen und 2014 das Beratungs- und Softwareentwicklungsunternehmen OMM Solutions GmbH mit inzwischen zehn Mitarbeitern gegründet. 

Mit dem Unternehmen sind Sie nach wie vor erfolgreich.

Allmendinger: Ja Wir haben damals sehr schnell gemerkt, dass wir als Unternehmer viel schneller schwarze Zahlen schreiben, wenn wir uns zunächst auf „offensichtliche Probleme“ und unsere naheliegenden Fähigkeiten konzentrieren, anstatt irgendwelche Lösungen für Märkte zu entwickeln, die wir nicht kennen. Das ist auch unser größtes Learning aus unserem ersten Versuch gewesen: sich erst einmal selbständig zu machen und möglichst schnell profitabel zu werden. Malte und Olaf Horstmann sind technisch sehr versiert, so dass wir ab dem ersten Tag Umsätze erzielen konnten, indem wir Programmierleistungen Unternehmen anbieten konnten. Als wir dann nach einer gewissen Zeit mit dem Markt vertraut waren und erste Kunden hatten, haben wir angefangen zu überlegen, mit welchen zusätzlichen Angeboten wir ein stabileres und möglw. eher skalierbareres Wachstum erreichen können. Entscheidend war aber, dass wir bereits ein entsprechende Verständnis für Märkte aufgebaut und stabile Kontakte in die Industrie geknüpft hatten. 

Die Herangehensweise war also eine andere als beim ersten Mal?

Allmendinger: Ja, das war schon ein etwas anderer Ansatz als bei unserem EXIST-Vorhaben: Weg von diesem ‚ich fokussiere mich auf diese eine technische Lösung und versuche die auf Biegen und Brechen zu verkaufen‘ hin zu einer klaren Marktorientierung mit einer starken Dienstleistungskomponente. Heute sind wir Umsetzungspartner für Digitalisierungsprojekte im Mittelstand und entwickeln zum Beispiel Applikationen im Industrie-4.0-Kontext, um beispielsweise Maschinendaten zu visualisieren und den Unternehmen zu helfen, die Daten für sich wirtschaftlich zu verwerten.

Wie bewerten Sie im Nachhinein Ihre bisherigen unternehmerischen Erfahrungen? Sehen Sie Ihr erstes Projekt als gescheitert an?

Allmendinger: Nein, Scheitern steht meiner Ansicht nach für einen finalen, absoluten und unumkehrbaren Tiefpunkt. Wenn man alles auf eine Karte gesetzt hat, wirklich alles verloren hat – insbesondere persönlich –  und nur sehr schwer aus dieser Situation wieder herauskommt. Wir wurden damals eher als nicht erfolgreich wahrgenommen. Das ist ein Unterschied für mich. Wenn man mit einem Projekt oder einer Idee nicht erfolgreich ist, sagt man, okay, wir haben es ausprobiert, aber es hat nicht funktioniert. Also versuchen wir etwas Neues. Viel wichtiger ist dabei aber, dass man ein gutes und harmonierendes Team gefunden hat. Ein richtig gutes Team kann verschiedene Ideen umsetzen und darauf aufbauend theoretisch auch mehre Unternehmen gründen.

Wie meinen Sie das?

Allmendinger: Selbst wenn man beim ersten Mal nicht erfolgreich gewesen ist, kann man doch auf vielen Erfahrungen und persönliche Beziehungen aufbauen. Man hat potenzielle Kunden, Investoren, Mitarbeiter und Kooperationspartner kennengelernt. Hinzu kommt das ganze Know-how. Das existiert doch alles nach wie vor, auch wenn man keinen Erfolg hatte. Deswegen kann jede Gründung, die danach kommt, nur immer besser werden, weil man auf ein komplettes Setup zurückgreifen kann. Entscheidend ist doch vor allem, dass man beruflich selbständig sein und davon leben möchte. Das ist der Punkt, auf den ich zum Beispiel bei noch unerfahrenen Gründungsteams, mit denen ich häufig zu tun habe, inzwischen sehr genau darauf achte: Sind die in der Lage, tatsächlich Geld zu verdienen – egal mit welchem Produkt überspitzt gesagt? Ich bin schon auch immer mehr der Überzeugung, wer Teebeutel verkaufen kann, kann auch Software verkaufen. Wichtig ist zunächst, dass man überhaupt etwas verkaufen will! Das ist der Unterschied zu manch einem gründungsinteressierten Wissenschaftler: Der ist natürlich sehr verliebt in seine Forschung und will in erster Linie nicht wirklich ein profitables Unternehmen aufbauen oder Mitarbeiter führen, sondern primär seine Forschungsergebnisse mit Hilfe von Fördermitteln in Form eines perfekten Prototypen realisieren. Aber das reicht nicht, um ein nachhaltiges Unternehmen aufzubauen.

Wie sollten Gründer Ihrer Erfahrung nach an eine Unternehmensgründung herangehen, damit der Frust bei einer Bruchlandung nicht zu groß ist?

Allmendinger: Wir sollten doch inzwischen alle wissen, dass es mindestens sieben von zehn Start-ups es eher nicht schaffen. Und wenn man mit diesem Risikobewusstsein als Erstgründer an die Sache herangeht, kommt man damit auch gut zurecht. Es gibt sehr viele Gründer, die schließen die Möglichkeit kategorisch aus, dass sie keinen Erfolg haben könnten. Wer in so einer Parallelwelt lebt und nicht in der Lage ist, seine Situation laufend zu reflektieren, hat es dann schwer, mit einer Bruchlandung umzugehen. Psychologisch und strategisch halte ich es daher für wichtig, die Erwartungshaltung insbesondere gegenüber seinem Umfeld bewusst eher niedrig zu halten. Wir haben immer gesagt: ‚Schau‘n wir mal, was passiert‘, und nicht ‚Ich bin in zwei Jahren Millionär‘ und sind damit bislang sehr gut gefahren.“

Stand: August 2017