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PEAT GmbH

Team der Peat GmbH hintere Reihe v.l.n.r.: Bianca Kummer, Pierre Munzel, Simone Strey, vordere Reihe v.l.n.r.: Rob Strey, Korbinian Hartberger, Charlotte Schumann, Alexander Kennnepohl.
© PEAT GmbH

"Sich selbstständig zu machen ist eine sehr persönliche Entscheidung und die sollte man nur treffen, wenn man wirklich für die Sache brennt."

Interview mit Simone Strey und Pierre Munzel.

Die Nahrungsmittelproduktion weltweit sichern und den Pestizideinsatz verringern: Dazu möchte die PEAT GmbH beitragen. Die Ausgründung der Leibniz Universität zeigt, dass sich sozialer Anspruch und erfolgreiches Business gut kombinieren lassen.

Frau Strey, Sie haben eine App entwickelt, mit deren Hilfe Gärtner und Landwirte Pflanzenkrankheiten bestimmen können. Wie funktioniert das Ganze?

Strey: Das Besondere an unserer App „Plantix“ ist die automatisierte Bilderkennung. Das bedeutet, Sie brauchen einfach nur mit Ihrem Smartphone den erkrankten Teil der Pflanzen zu fotografieren und in unserer App hochzuladen. Unsere Software kann zum derzeitigen Zeitpunkt über 120 verschiedene Pflanzenschäden erkennen und liefert Ihnen innerhalb weniger Sekunden die Beschreibung der Krankheit, die Symptome, die Ursachen und natürlich die Behandlungsmethoden mit dem besonderen Augenmerk auf biologische Alternativen zu chemischen Mitteln. Und nicht zuletzt erhält der Nutzer auch Hinweise dazu, wie er die jeweilige Krankheit im Vorfeld vermeiden kann, damit es gar nicht erst zu einem Befall kommt. 

Sie arbeiten mit einer umfangreichen Bilddatenbank. Bildrechte sind bekanntermaßen teuer. Wie haben Sie das Problem gelöst?

Strey: Unsere Bilddatenbank enthält mittlerweile über eine halbe Million Fotos von kranken Pflanzen. Täglich kommen zwischen 2.000 und 5.000 Fotos dazu. Und je mehr Fotos unsere Datenbank enthält, desto besser arbeitet unser System. Von ein und derselben Erkrankung an einer bestimmten Pflanze, braucht man idealerweise mehrere Tausend Fotos. Wir kooperieren daher mit unseren Nutzern per Crowd-Sourcing. Das bedeutet, wenn unsere App den Nutzern geholfen hat, bitten wir sie darum, uns Fotos von ihrer erkrankten Pflanze zu schicken und die Nutzungsrechte an uns zu übertragen, so dass wir das Foto verwenden und in unsere Bilddatenbank integrieren können. Das funktioniert sehr gut. Darüber hinaus kooperieren wir mit landwirtschaftlichen Instituten wie zum Beispiel dem Pflanzenschutzamt Niedersachsen, das uns freundlicherweise erlaubt hat, auf seinen Versuchsflächen Pflanzen zu fotografieren. 

Herr Munzel, wer gehört denn zu den Nutzern Ihrer App?

Munzel: Wir haben von Anfang an einen globalen Ansatz verfolgt. Zu unserer primären Zielgruppe gehören neben Gärtnern, Kleingärtnern, Hobbygärtnern auch Kleinbauern weltweit. 70 Prozent aller Produzenten im landwirtschaftlichen Bereich sind Kleinbauern. Von daher haben wir es hier potenziell mit einer sehr großen Nutzergruppe zu tun.

Die App ist kostenlos. Wie finanzieren Sie sich?

Munzel: Stimmt, die App steht für unseren Social-Business Ansatz. Wir möchten damit dazu beitragen, die Ernährungssituation weltweit zu verbessern und den Pestizideinsatz zu verringern. Bis zum Jahr 2050 gibt es voraussichtlich zwischen neun und zehn Milliarden Menschen. Das ist eine riesige Herausforderung für den Agrarbereich. Hinzu kommen jährliche Ernteeinbußen weltweit von 15 und 30 Prozent auf Grund von Pflanzenkrankheiten und Schädlingen. Deswegen bieten wir unsere App kostenlos an. Wir möchten damit möglichst viele Kleinbauern mit Informationen versorgen, so dass sie durch rechtzeitige oder präventive Maßnahmen ihre Ernten sichern können. 

Strey: Darüber hinaus müssen wir natürlich auch Geld verdienen, um unsere App zur Verfügung zu stellen. Unser Geschäftsmodell basiert daher auf der Vergabe von Softwarelizenzen. Unserer App liegt eine von uns entwickelte Software zugrunde, die wir kontinuierlich weiterentwickeln und die auf dem sogenannten Machine-Learning basiert. Dabei geht es kurz gesagt um ein künstliches System, das Muster und Gesetzmäßigkeiten erkennt und selbständig in die Lerndaten integriert. Unsere Software lässt sich darüber hinaus über eine Schnittstelle in alle IT-Systeme integrieren, die über eine Kamera und einen Internetzugang verfügen. Das ist für Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus dem Agrarbereich interessant.

Und das funktioniert?

Strey: Wir waren selber überrascht darüber, wie viel Zuspruch wir bekommen haben, vor allem von Landmaschinenherstellern und der Pflanzenschutzmittelindustrie. Die bieten ihren Kunden eigene Agrar-Apps an, die sie durch unsere Software aufwerten möchten. Betreiber von großen Agrarflächen und Gewächshäusern haben ebenfalls großes Interesse. Dazu müssen Sie wissen, dass unsere App im Garten und im Kleinanbau gut funktioniert, aber auf großen Flächen ist es sinnvoller, mit Hilfe unserer Software den Bestand zu scannen und auf Schäden zu prüfen. Pestizide kämen nur dann zum Einsatz, wenn ein Befall gemeldet wird. Das Ganze würde am besten mit Agrardrohnen oder Agrarrobotern funktionieren, die mit unserer Software ausgestattet sind. Aber das ist bisher noch Zukunftsmusik, da wir hier von den Entwicklungen im Hardware-Bereich abhängig sind.

Herr Munzel, werden App und Software bereits im Ausland eingesetzt?

Munzel: Ja, wir stehen jetzt gerade vor unserem großen Roll-out in Indien, den wir seit einem Dreivierteljahr vorbereiten. Unser primärer Partner vor Ort ist ICRISAT, eine UN-Unterorganisation und eines der führenden Forschungsinstitute im Bereich Pflanzen und Pflanzenkrankheiten in den semiariden Tropen. Die verfügen über die notwendige Expertise und das Netzwerk und sind sehr angetan von unserer App und  Software.

Außerdem haben wir eine erste Kooperation mit Empraba in Brasilien aufgebaut. Eine Beta-Version unserer App bieten wir außerdem auf den Philippinen, im Nahen Osten und vor allem im nördlichen und mittleren Afrika an. Aber auch das Interesse in Nordamerika und hier in Europa ist riesig. Das Feedback ist insgesamt einfach unglaublich. 

Frau Strey, Sie haben die Software und das Geschäftsmodell an der Universität Hannover entwickelt. Wie hat man Sie dort unterstützt?

Strey: Im Bereich der Pflanzenpathologie und des Pflanzenschutzes waren wir beim Institut für Bodenkunde sehr gut aufgehoben. Wir wurden in den Bereichen unterstützt, in denen wir es brauchten und hatten zugleich genügend Freiraum, um unsere Idee zu entwickeln.

Was das unternehmerische Know-how anging, haben wir an ein, zwei uni-internen Kursen teilgenommen. Wir haben auch mit vielen Gründern gesprochen, die schon einen Schritt weiter waren und uns zum Beispiel Tipps zur Investorenakquise geben konnten oder wie man als Start-up Mitarbeiter gewinnt, auch wenn man noch keine marktüblichen Gehälter bezahlen kann. Intensiv betreut wurden wir darüber hinaus durch Coaches, die wir über das Coaching-Budget von EXIST finanziert haben. Und nicht zuletzt wurden uns über die regionale Wirtschaftsfördergesellschaft hannover impuls Mentoren zur Seite gestellt. Ich glaube, es ist gar nicht so bekannt, aber Hannover hat ein ziemlich gutes Ökosystem für Start-ups. Insofern hatten wir wirklich gute Startbedingungen.

Wie hat sich Ihr Unternehmen seither entwickelt?

Munzel: Sehr positiv und vor allen Dingen in einer sehr guten Geschwindigkeit. PEAT hat mittlerweile zwölf Festangestellte und etwa acht studentische Aushilfen. Wir haben Naturwissenschaftler, Geistes- und Sozialwissenschaftler und natürlich Programmierer an Bord. Außerdem sind wir international aufgestellt. Unser Experte fürs Machine-Learning kommt aus Paris und unser Pflanzenpathologe aus Spanien. Natürlich sind nicht immer alle einer Meinung. Aber genau dieser Austausch und die große Kompetenz ist tatsächlich unsere Stärke, weil wir alles, was wir tun, aus vielen Blickwinkeln betrachten und dementsprechend das bestmögliche Produkt daraus entwickeln können.

Außerdem haben wir mehrere Preise gewonnen und am Merck Accelerator teilgenommen. 2016 wurde Simone Strey zu einer von insgesamt 35 Top-Innovatoren vom MIT-Technology-Review gewählt. Das alles hat natürlich für viel Aufmerksamkeit in den Medien gesorgt, so dass darüber auch das Interesse von Investoren geweckt wurde. Wir haben gerade unsere erste Finanzierungsrunde siebenstellig abgeschlossen und den diesjährigen CeBIT Innovation Award sowie den WSA Mobile Award der Vereinten Nationen gewonnen. Von daher sind wir sehr zufrieden, wie sich alles bisher entwickelt hat.

Gab es denn auch Hürden?

Strey: Gute Mitarbeiter zu finden, war nicht einfach. Gerade im Bereich des Machine-Learning sind Experten sehr gefragt. Als Start-up muss man da schon ziemlich viel Überzeugungsarbeit leisten, um gute Entwickler und Experten zu begeistern. Das hat alles in allem schon etwas länger gedauert. Auch bis wir den richtigen Investor gefunden hatten und alles unter Dach und Fach war.

Irgendwelche Tipps, die Sie abschließend anderen Gründern geben können?

Munzel: Fokussiert bleiben. Das ist glaube ich das Wichtigste. Viele entfernen sich von ihrem Kernthema und machen sich Gedanken über Dinge, die vielleicht erst in zwei Jahren wichtig werden. Aber wer zum Bespiel mit dem EXIST-Gründerstipendium beginnt, sollte sich in dem Moment noch keine großen Gedanken über ein breit aufgestelltes Marketingkonzept machen, sondern erst einmal sein Produkt entwickeln. Wichtig ist auch, ehrlich die eigenen Stärken und Schwächen zu benennen und sich dann gezielt Unterstützung zu suchen.

Sich selbständig zu machen ist meiner Meinung nach eine sehr persönliche Entscheidung und die sollte man nur treffen, wenn man wirklich für die Sache brennt und nicht, weil es sich gerade gut im Lebenslauf macht. Ein Start-up erfolgreich auf den Weg zu bringen, bedeutet viel Arbeit und die nimmt einem keiner ab. 

Stand: Mai 2017