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Testfabrik Consulting + Solutions AG

Gründerteam der Testfabrik AG v.l.n.r.: Dr. Valentin Dallmeier, Bernd Pohl und Michael Mirold
© Testfabrik AG

"Für eine AG spricht aus meiner Sicht die damit verbundene Pflicht zur Transparenz."

Interview mit Dr. Valentin Dallmeier

Mit ihrer Testfabrik möchten Dr. Valentin Dallmeier, Michael Mirold und Bernd Pohl zu mehr Qualität im Internet beitragen. Ungewöhnlich ist: Die Ausgründung der Universität des Saarlandes ist mit einer Aktiengesellschaft an den Start gegangen.

Herr Dr. Dallmeier, Sie testen die Funktionalität von Online-Anwendungen auf Smartphones, Tablets und PCs. Was steckt dahinter?

Dr. Dallmeier: Jedes Jahr kommen zahllose neue Smartphone- oder Tabletmodelle auf den Markt. Das freut viele Nutzer, bereitet IT-Entwicklern aber ziemliches Kopfzerbrechen. Der Grund ist: Jede neue Modellreihe bringt Änderungen am Browser und an der Software mit sich. Dadurch können sich die Darstellung und die Funktionalität von Online-Anwendungen, wie zum Beispiel Bestell- und Bezahlsysteme verändern. Dass genau das nicht passiert, darauf müssen die Betreiber von Shops oder Auktionsplattformen genauso wie Banken und Versicherungen mit Online-Vertriebskanälen achten. Sie müssen immer wieder testen, ob ihr Angebot in allen Details auf den neuen Endgeräten funktioniert. Und wenn sie selbst an ihren Online-Anwendungen etwas ändern oder ergänzen, müssen diese neuen Features natürlich genauso ein Testverfahren durchlaufen. Vor allem für große Anbieter bedeutet das einen riesigen manuellen und damit zeitlichen und finanziellen Aufwand.

Und da kommen Sie ins Spiel?

Dr. Dallmeier: Genau, wir bieten eine Testautomatisierungsplattform an, die das bisher manuelle Testing zum Teil durch automatische Abläufe ersetzt und damit zur Qualitätssicherung beiträgt. Der zeitliche und finanzielle Aufwand wird dadurch erheblich reduziert.

Bei der Testfabrik handelt es sich um eine Ausgründung der Universität des Saarlandes. Wie hat man Sie dort unterstützt?

Dr. Dallmeier: Die Anlaufstelle für alle Gründungsinteressierten an der Uni des Saarlandes ist die Kontaktstelle für Wissens- und Technologietransfer. Die KWT bietet Seminare, Planspiele und mehr rund um das Thema Businessplan und Unternehmensgründung an. Das haben wir über ein, zwei Jahre alles mitgenommen. Außerdem haben uns die Mitarbeiter sowohl bei der Antragsstellung für EXIST-Forschungstransfer als auch bei den Kontakten zur Industrie sehr unterstützt.

Inzwischen sind Sie seit über drei Jahren am Markt. Wer gehört zu Ihren Kunden?

Dr. Dallmeier: Wir konzentrieren uns auf Banken und Versicherungen in der DACH-Region. Ursprünglich hatten wir eigentlich ein anderes Geschäftsmodell vorgesehen und sind mit einem SAS-Modell – Software as a Service - gestartet, also als Plattform im Netz, auf der sich IT-Entwickler aus kleinen und mittleren Unternehmen anmelden konnten, um ihre Anwendung zu testen. Es hat sich aber herausgestellt, dass das SAS-Geschäftsmodell im Business-to-Business-Umfeld extrem schwierig ist. Ich würde sogar sagen, dass es mittlerweile aufgrund des riesigen Angebots für Start-ups fast unmöglich ist, dort Fuß zu fassen, es sei denn, man ist mit sehr, sehr viel Kapital ausgestattet.

Was Sie von vielen anderen EXIST-geförderten Start-ups unterscheidet, ist, dass Sie eine AG gegründet haben.

Dr. Dallmeier: Wir haben uns damals anwaltlich beraten lassen und kamen zu dem Ergebnis, dass für uns entweder eine GmbH oder eine AG in Frage kommt. Ausschlaggebend für die Gründung einer AG war dann, dass zwei Teammitglieder bereits mit dem ganzen Prozess einer AG-Gründung vertraut waren. Für eine AG hat darüber hinaus aus meiner Sicht die damit verbundene Pflicht zur Transparenz durch Organe wie die Hauptversammlung oder den Aufsichtsrat gesprochen. Mir gefiel der Gedanke, dass die AG ein Regelwerk anbietet, das irgendwelche Mauscheleien von vornherein ausschließt. Außerdem hat die AG den Vorteil, dass sie Unternehmensanteile ganz einfach übertragen können – ohne Notar.

Denken Sie auch über einen späteren Börsengang nach?

Dr. Dallmeier: Denkbar wäre es. Wir sind im Business-to-Business-Umfeld unterwegs. Aber ich weiß nicht, ob wir unser Geschäftsmodell so hoch skalieren können. Ich antworte daher mit einem entschiedenen "Jein!".

Wie hat sich Ihr Unternehmen bisher entwickelt?

Dr. Dallmeier: Wir sind jetzt, nach über dreieinhalb am Markt, soweit, dass man uns in der Branche kennt und uns ernst nimmt. Personell stehen wir gut da. Wir haben gerade einen Schwung neuer Leute eingestellt und sind aktuell zu zwölft. Was die Finanzierung betrifft: Im Anschluss an EXIST-Forschungstransfer haben wir einen Investor gefunden, der sich an unserer ersten und zweiten Finanzierungsrunde beteiligt hat. Insofern sind wir finanziell gut aufgestellt und hoffen, dass wir in 2018 unseren Break-Even erreichen.

Wozu war die zweite Finanzierungsrunde notwendig?

Dr. Dallmeier: Es hatte sich herausgestellt, dass unsere initiale Software zu klein dimensioniert war. Von daher mussten wir noch einmal für die Weiterentwicklung unserer Software Geld in die Hand nehmen. Dazu muss man einfach wissen, dass man die IT-Abteilung eines Konzerns nicht mit einer punktuellen Lösung überzeugen kann. Das Produkt muss in dessen IT-Landschaft hineinpassen. Und selbst dann braucht es gute Argumente, um einen Konzern davon zu überzeugen, externe Werkzeuge zu integrieren. Die stärksten Argumente heißen immer noch: "Wir senken Ihre Kosten" und "Wir beschleunigen Ihre Prozesse". Diese Orientierung an den Kundenbedürfnissen ist letztlich ausschlaggebend dafür, ob man bei potenziellen Kunden einen Fuß in die Tür bekommt oder nicht.

Gibt es etwas, was Sie rückblickend anders machen würden?

Dr. Dallmeier: Ja, ich würde auf eine größere Verbindlichkeit in den Verhandlungen mit potenziellen Kunden achten. Bei uns war es so, dass wir schon sehr früh Kontakt zu möglichen Kunden hatten und viel auf Messen unterwegs waren. Das Feedback war eigentlich immer sehr gut. Das Problem ist nur, von "das finde ich toll" bis "ich gebe dir jetzt Geld dafür" ist ein langer Weg. Das bedeutet, wenn ich heute noch einmal anfangen würde, würde ich meinen Gesprächspartnern viel früher ein Angebot auf den Tisch legen und sagen: "Das können wir für dich entwickeln, das kostet soundso viel und in einem halben Jahr ist es fertig. Ja oder nein?" Dadurch entsteht eine ganz andere Verbindlichkeit. Die Frage "Würdest du das kaufen?" ist eine andere Frage als "Gefällt dir das?". Wenn ich nach der konkreten Kaufentscheidung frage, muss mein Gegenüber in seinem Unternehmen klären, ob dafür ein Budget zur Verfügung steht. Dazu müssen Prozesse in den Unternehmen angeschoben und alle, die bei einer solchen Entscheidung mitzureden haben, einbezogen werden. Das nimmt in großen Unternehmen viel Zeit in Anspruch, aber am Ende erhält man entweder eine verbindliche Kaufzusage oder eine Absage. In jedem Fall weiß man aber dann, wo man steht.

Gibt es noch weitere Tipps, die Sie Gründerinnen und Gründern geben können?

Dr. Dallmeier: Man braucht einfach viel, viel Zeit. Manchmal hat es von der ersten Kaufzusage bis zum Vertragsabschluss anderthalb Jahre gedauert.

Beim Thema Finanzierung haben wir die Erfahrung gemacht, dass man für Geschäftsmodelle wie das unsere, wirklich gute Argumente gegenüber Investoren braucht. Wenn Sie Schuhe online verkaufen oder den hundertsten Lieferservice für Essen anbieten möchten, bekommen Sie Millionen. Wenn Sie dagegen sagen, Sie möchten zur Qualität im Internet beitragen, dann ist das langweilig. Von daher muss man Kapitalgeber finden, die eine Affinität zu solchen Ideen und Themen haben und denen begreiflich machen, dass das ein riesiger Markt ist, der kontinuierlich wächst.

Ganz wichtig ist auch ein motiviertes und qualifiziertes Team. Nur so kann man auch Rückschläge verkraften. Da kommt es darauf an, dass sich das Team nicht von negativen Feedbacks frustrieren lässt, sondern es dazu nutzt, bessere Ideen zu entwickeln. Das Team muss auch funktionieren, wenn das Geld knapp wird und der interne und externe Druck steigt. Da muss man zusammen das Steuer festhalten und schauen, dass das Unternehmen wieder auf Kurs kommt.

Stand: April 2017