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Teamfoto feeSpace GmbH v.l.n.r.: Silke Kärcher, Susan Wache, Jessika Schwandt
© feelSpace GmbH

"Heute würde ich sagen, dass es genau die richtige Entscheidung war."

Interview mit Silke Kärcher, Jessika Schwandt, Susan Wache

Sich in fremder Umgebung zurechtzufinden, ist vor allem für blinde und sehbehinderte Menschen immer wieder ein großes Handicap. Hilfe verspricht nun ein Navigationsgürtel, den die drei Kognitionswissenschaftlerinnen Silke Kärcher, Jessika Schwandt und Susan Wache an der Universität Osnabrück entwickelt haben. Die Idee dazu entstand im Rahmen eines Forschungsprojektes, obwohl es dort eigentlich um etwas ganz anderes ging.

Frau Kärcher, Sie haben gemeinsam mit Ihren Kolleginnen einen Gürtel entwickelt, mit dem sich blinde und sehbehinderte Menschen in fremder Umgebung orientieren können. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Silke Kärcher: Wir haben den Navigationsgürtel im Rahmen des FeelSpace Forschungsprojektes am Institut für Kognitionswissenschaften der Universität Osnabrück entwickelt. Dabei war der Gegenstand der Forschung zunächst ganz anders gelagert. Es ging um die Frage, was passiert, wenn man Menschen über einen längeren Zeitraum mit kontinuierlicher Information über den magnetischen Norden versorgt. Entwickelt sich bei ihnen ein Sinn für die Himmelsrichtung, wie ihn beispielsweise Zugvögel besitzen? Dafür hatten wir einen taktilen Kompassgürtel entwickelt, der seinem Träger mittels Vibrationssignalen anzeigt, wo sich der Norden befindet. Wir haben dann in der Testphase viel positives Feedback vor allem von blinden und sehbehinderten Menschen bekommen, denen der Gürtel dabei half, im Alltag unabhängiger zurechtzukommen. Und aufgrund dieser positiven Resonanz  ist dann die Geschäftsidee entstanden.

Sie sagen, der Gürtel navigiert blinde und sehbehinderte Menschen. Wie funktioniert das genau?

Silke Kärcher: Der Gürtel hat 16 Vibromotoren. Wenn der Motor vorne am Bauch vibriert, bedeutet das, man soll geradeaus gehen. Vibriert der Motor rechts oder links, muss man die Richtung wechseln. Wenn der Vibromotor am Rücken vibriert, ist die eingeschlagene Richtung falsch. Als Ad-on setzt der Gürtelträger noch eine App ein. Das funktioniert heutzutage alles über Voice-Over und ist deswegen auch für blinde und sehbehinderte Menschen möglich. Man gibt also per Spracheingabe sein Ziel in sein Smartphone ein und die App sendet die Informationen zur Wegstrecke per Bluetooth an den Gürtel. Der Gürtel vibriert dann einfach vorne oder an der Seite und zeigt damit die Richtung an, die man entlanggehen muss.

Der feelSpace Navigationsgürtel im Einsatz Der feelSpace Navigationsgürtel im Einsatz.
© feelSpace GmbH

Als klar war, dass sich aus dieser Technologie eine Geschäftsidee entwickeln lässt, waren Sie gleich davon begeistert?

Silke Kärcher: Im Gegenteil, ich war zuerst ziemlich skeptisch. Ich hatte schon viel über Gründungen gehört, die schiefgegangen waren, und war mir nicht sicher, ob ich mir das überhaupt zutrauen kann. Die ersten Gedanken aus dem Projekt ein Unternehmen zu entwickeln, kamen von Professor Peter König, der das Forschungsprojekt begleitet und schon einmal ein Start-up gegründet hatte. Ich habe mich dann aber doch Stück für Stück an das Thema herangewagt und mich von den Mitarbeitern der Wissens- und Technologie-Transfer WTT der Osnabrücker Hochschulen beraten lassen. Das hat mir geholfen, um erst einmal auszuloten, was eine Unternehmensgründung für mich und meinen weiteren beruflichen Lebensweg bedeuten könnte. Nachdem ich dann auch mit Fragen der Marktforschung, Finanzplanung und weiteren Themen zu tun hatte und die Sache immer komplexer wurde, habe ich meine Kolleginnen Jessika und Susan gefragt, ob sie nicht Lust hätten, mitzumachen. Und damit entstand auf einmal eine tolle Teamdynamik, so dass mir klar wurde, dass wir uns das zutrauen können. Nachdem wir dann auch noch einen Preis bei einem Innovationswettbewerb gewonnen hatten, wurde einfach immer deutlicher, dass unsere Chancen gut stehen. Heute würde ich sagen, dass es genau die richtige Entscheidung war.

Frau Wache, wie war das bei Ihnen? Waren Sie gleich Feuer und Flamme?

Susan Wache: Ich war schon während des Forschungsprojektes total begeistert von dem Gürtel und dachte immer, dass es den eigentlich für jedermann geben müsste. Und als dann Silke zu mir kam und mich fragte, ob ich mitmachen will, kam von mir ein ganz klares „Ja“. Da hat sicherlich auch eine ganz naive Begeisterung mitgespielt, weil ich ja noch gar nicht so richtig wusste, auf was ich mich da einließ. Aber mir war einfach klar, dass eine Unternehmensgründung für mich der richtige Weg war.

Silke Kärcher: Was Susan da gerade als „naive Begeisterung" bezeichnet, hat uns übrigens in manchen Phasen, wo es nicht so gut lief, immer wieder motiviert weiterzumachen. Ihr Optimismus hat uns da sehr unterstützt.

Was war denn für Sie ausschlaggebend, sich an dem Start-up zu beteiligen?

Jessika Schwandt: Die praktische Anwendung war für mich entscheidend. In der Wissenschaft schreibt man viele Papers und arbeitet an vielen, teilweise frustrierenden, Experimenten. Nach den vielen positiven Rückmeldungen zu unserem Gürtel, hat es mich einfach gereizt, zu sehen wie er im Alltag eingesetzt werden kann.

Kommen wir zum Thema Beratung. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Silke Kärcher: Wir haben uns wirklich alles besorgt, was es an Gründerinformationen hier in Osnabrück gibt. Die Stadt Osnabrück bietet sehr viel für Gründer an, nicht zuletzt durch das Gründerhaus Osnabrück. Da waren wir sehr gut aufgehoben. Und an der Uni standen uns die Mitarbeiter der WTT mit Rat und Tat zur Seite. Das fing damit an, dass die mir erst einmal mein Konzept auseinandergenommen haben, von dem ich eigentlich dachte, dass es schon ziemlich ausgereift sei. Aber ich war zum Beispiel davon ausgegangen, dass das Marktpotenzial für den Gürtel bei 1,2 Millionen Kunden liegt, ganz einfach, weil es in Deutschland ungefähr 1,2 Millionen blinde und sehbehinderte Menschen gibt. Entsprechend positiv bin ich auch an die Umsatzplanung herangegangen. Aber da haben mich die Gründungsberater der WTT schnell auf den Boden der Tatsachen geholt und mir gezeigt, auf welche Fragen es wirklich ankommt: Den Kundennutzen zum Beispiel und die Angebote der Wettbewerber. Oder auch, wie viele von den Gürteln sich realistischerweise verkaufen lassen. Unser Ansprechpartner bei der WTT, Herr Hoffmann, hat dann auch vorgeschlagen, ein EXIST-Gründerstipendium zu beantragen.

Wie hat sich Ihr Unternehmen bisher entwickelt?

Silke Kärcher: Gut! Dazu hat ganz maßgeblich auch das EXIST-Gründerstipendium beigetragen, weil es uns den Rücken frei gehalten und den Freiraum geboten hat, um in Ruhe einen Prototypen zu entwickeln. Das war schon eine wichtige Grundlage, dass wir die Zeit hatten, immer wieder Details zu hinterfragen und zu verbessern, und uns in Ruhe mit potenziellen Kunden, vor allem aber auch mit blinden Experten austauschen zu können.

Gab es Stolpersteine?

Silke Kärcher: Die Anschlussfinanzierung war ein großes Thema. Obwohl wir uns frühzeitig damit beschäftigt und gute Kontakte zu Business Angels hatten. Aber wir haben einfach unterschätzt, wie lange die Verhandlungen mit den Investoren am Ende dauern. Man muss sich eben einfach erst einmal näher kennenlernen, um zu erfahren, wie der andere tickt. Es ist ja doch eine große Entscheidung, ob man jemanden an seinem Unternehmen beteiligt und womöglich auch Mitspracherechte einräumt.

Jessika Schwandt: Bei der Produktentwicklung waren wir vielleicht etwas zu optimistisch. Bei einem so komplexen Produkt, das aus Hard- und Software besteht, sind einfach mehrere Testdurchläufe notwendig. Und wenn es dann noch zu Lieferengpässen kommt, kann es problematisch werden. Wir hatten zum Beispiel die Vibromotoren bei einem chinesischen Zulieferer bestellt und wussten nicht, dass sich die Lieferung aufgrund des chinesischen Neujahrfestes erheblich verzögern würde. Das sind so Dinge, die macht man einmal falsch und dann nie wieder: Beim nächsten Mal bestellen wir nicht im Februar, sondern im Januar oder im März.

Susan Wache: Vielleicht hätten wir auch die Aufgaben innerhalb des Teams etwas früher und konsequenter aufteilen sollen. Am Anfang, dadurch dass alles neu war, haben wir viele Aufgaben gemeinsam zu dritt erledigt. Im Laufe der Zeit haben wir dann gemerkt, es reicht, wenn sich eine von uns darum kümmert. Inzwischen haben wir die verschiedenen Aufgabenbereiche gut verteilt. Insgesamt mussten wir einfach an vielen Stellen einen Lernprozess durchlaufen, aber das ist ganz normal und hat uns zu einem guten Ergebnis geführt.

 Vermissen Sie Ihre wissenschaftliche Arbeit?

Jessika Schwandt: Nein, aus einem einfachen Grund: Wir stehen nach wie vor in  engem Kontakt zur Universität Osnabrück. Wir arbeiten mit Studienprojekten zusammen, leiten sie an oder geben Themen vor. Ich kann mir auch vorstellen, dass wir zukünftig bei Machbarkeitsstudien Studenten mit einbeziehen und uns an Forschungsprojekten beteiligen.

Silke Kärche: Als Start-up steht man immer unter dem Druck, innovativ zu sein. Von daher ist die kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Wissenschaft entscheidend. Wir sind auch an Projekten beteiligt, die uns die Möglichkeit bieten, über den Tellerrand zu schauen. Da geht es zum Beispiel um Indoor-Navigation oder um die Einbindung taktiler Signale in die Virtual Reality. Das ist für uns sehr wichtig: am Ball zu bleiben und innovativ zu sein. Von daher bleiben uns die wissenschaftliche Arbeit und der Kontakt zur Hochschule in jedem Fall erhalten.

Stand: Juli 2016