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Gründungsprojekt (EXIST-Gründerstipendium)

Christian Heinz, Janina Münch, Sebastian Prengel v.l.n.r.: Christian Heinz, Sebastian Prengel, Janina Münch

"Durch den Online-Vertrieb können wir den Marktpreis für vergleichbare Angebote sogar unterbieten."

Interview mit Janina Münch und Christian Heinz

Kopfsteinpflaster, Bordsteinkanten, Treppen: Menschen im Rollstuhl sind im täglichen Leben mit sehr vielen Hürden konfrontiert. Das EXIST-Start-up manelec möchte das ändern. Die Ausgründung aus der Technischen Universität Dresden hat daher einen Hybridantrieb entwickelt, der die Muskelkraft von Menschen im Rollstuhl unterstützt - wie bei einem E-Bike.

Herr Heinz: Verraten Sie uns, wie funktioniert der von Ihnen entwickelte Hybridantrieb?

Christian Heinz: Ganz einfach. Man muss dafür bei einem herkömmlichen, manuellen Rollstuhl nur die alten Räder gegen unsere neuen austauschen. In denen befindet sich ein batteriebetriebenes Antriebsmodul, das den Rollstuhlfahrer bei seiner manuellen Bewegung unterstützt. Wir sprechen hier von einem Hybridantrieb, weil der Rollstuhlfahrer nach wie vor seine Körperkraft einsetzt, aber dabei durch unser Antriebsmodul individuell unterstützt wird. Der Nutzer kann dadurch mit viel geringerer Anstrengung weitere Entfernungen, höhere Hindernisse und größere Anstiege überwinden.

Wird der Rollstuhl durch die Elektromotoren und die Batterie nicht zu schwer?

Janina Münch: Nein. Hierzu muss man wissen, dass andere Anbieter Batterie und Motor in der Nabe der Rollstuhlräder kombinieren. Aufgrund dessen können sie keine "Standard-Motoren" verwenden, was den gesamten Antrieb sehr schwer macht. Wir integrieren dagegen die Batterie nicht in der Nabe, sondern unter dem Sitz. Dadurch können wir sehr leichte und auch kostengünstige Nabenmotoren zu verwenden. Das bedeutet, unsere Antriebsräder wiegen nur etwa 4 kg. Hinzu kommt die Batterie unter dem Sitz mit cirka 2 - 3 kg. Das ist etwa die Hälfte des Gewichts herkömmlicher Modelle.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Christian Heinz: Im Rahmen meiner Diplomarbeit im Fachbereich Leichtbau wurde mir die Aufgabe gestellt, mich mit Muskelkraft verstärkenden Antrieben auseinandersetzen. Es wurde schnell deutlich, dass die bestehenden Antriebssysteme technologisch stark veraltet sind. Von daher hat es mich sehr motiviert, etwas in diesem Bereich zu verändern.

Und wer ist, außer Ihnen, noch am Gründungsprojekt beteiligt?

Christian Heinz: Erst einmal Sebastian Prengel, Teamleiter für Elektrotechnik am Institut für Leichtbau und Kunststofftechnik der Technischen Universtät Dresden. Er betreute damals meine Diplomarbeit und entwickelt die Steuerungselektronik. Anfang 2014 kam Janina Münch hinzu, unsere Expertin für Betriebswirtschaft.

Sie hätten auch eine feste Anstellung mit regelmäßigen Arbeitszeiten und bezahltem Urlaub haben können. Warum der Schritt in die Selbständigkeit?

Christian Heinz: Um die Freiheit zu haben, selber Entscheidungen treffen zu können und um unabhängig zu sein. Ich finde es unheimlich spannend, mich mit den vielen neuen Fragen zu beschäftigen: Wie kann man ein solches Projekt finanzieren? Wie kommt man im Team zurecht? Wie verkaufe ich ein Produkt? Ich weiß noch, wie elektrisiert ich von dem Gedanken war, mich selbständig zu machen. Vor unserer Gründung hatte ich bereits ein Jahr an einem Start-up gearbeitet. Das war ein guter Einstieg und hat mich sehr motiviert, es selbst einmal zu versuchen. Eine wichtige Rolle spielt auch die sehr gute Unterstützung durch dresden exists. Das muss ich ganz klar sagen. Wenn es "brennt", können wir unseren Betreuer, Jörg Knorr, selbst abends anrufen.

Sie erhalten EXIST-Gründerstipendium und haben mit den Gründungsvorbereitungen begonnen. Gab es besondere Herausforderungen?

Janina Münch: Sich als Gründerteam zusammenfinden. Das erfordert viel Fingerspitzengefühl und Kompromissfähigkeit. Jeder hat ja mit Mitte, Ende 20 seine eigenen Vorstellungen davon, wie man an die Arbeit herangeht. Und auch wenn man sich sympathisch ist, hat man mitunter eben unterschiedliche Vorstellungen. Da muss man einen Weg finden, mit dem jeder gut leben kann. Dazu gehört auch der Mut, Dinge ansprechen und die Bereitschaft, sich in den Anderen hineinzuversetzen.

Christian Heinz: Eine große Herausforderung waren und sind die Themen Patente, Zulassung und Zertifizierung. Ohne gute Beratung geht da gar nichts. Vor allem die Fragen der Zulassung und Zertifizierung sind in unserem Fall ziemlich kompliziert, da der manelec für Rollstühle entwickelt wird, die als Medizinprodukt gelten und somit besonderen Regeln unterliegen. Zum Glück haben wir eine zuverlässige Consultingfirma gefunden, die uns zur Seite steht.

Ihr EXIST-Gründerstipendium läuft nun aus. Das heißt, die Frage der Anschlussfinanzierung ist relativ akut?

Christian Heinz: Sehr akut. Ende des Jahres ist erst einmal Schluss mit der Förderung. Wir haben darum im Moment jede Woche einen Pitch, bei dem wir uns um Kapitalgeber bemühen oder anderweitig versuchen, eine Anschlussfinanzierung auf die Beine zu stellen. Wir könnten zwar einen Investor an Bord nehmen oder auch in einen sogenannten Inkubator gehen. Beide Optionen sind aber immer damit verbunden, dass man Rechte und Anteile seines Unternehmens abtritt.

Und das möchten Sie nicht?

Janina Münch: Prinzipiell möchten wir natürlich so lange wie möglich unabhängig bleiben. Aber letztlich geht es darum, ausreichend finanziert zu sein, um unsere Idee so gut und schnell wie möglich weiterzuentwickeln. Außerdem bringt ein Investor bestenfalls nicht nur das nötige Geld, sondern auch zusätzliches Knowhow mit.

Am besten ist es, wenn Sie so schnell wie möglich schwarze Zahlen schreiben. Wie gehen Sie bei der Kundenakquise vor?

Janina Münch: Da setzen wir vor allem auf eine umfangreiche Social-Media Kampagne. Wir haben den Vorteil, dass wir mit einem Nischenprodukt innerhalb einer relativ kleinen Zielgruppe unterwegs sind. Und gerade Rollstuhlfahrer nutzen das Internet und auch die soziale Netzwerke stark, um miteinander zu kommunizieren und sich zu vernetzen.

Auch beim Thema Vertrieb gehen wir neue Wege. Unser Hybridantrieb wird ausschließlich über unseren Online-Shop erhältlich sein. Die hohen Margen durch den Reha-Fachhandel als klassischem Vertriebspartner entfallen damit und den so entstehende Preisvorteil können wir direkt an den Kunden weitergeben. Viele Studien zeigen, dass Rollstuhlfahrer finanziell eher schlecht gestellt sind und die Krankenkassen nur in ca. 5 Prozent aller Fälle die Kosten für einen elektrischen Antrieb übernehmen. Von daher könnte unser Produkt auch für selbstzahlende Kunden finanzierbar sein.

Wann soll es mit dem Verkauf der Antriebsmodule losgehen?

Christian Heinz: Momentan stellen wir den Prototyp fertig. Und dann müssen noch umfangreiche Tests durchgeführt werden. Es ist ja nicht damit getan, dass wir hier auf dem Gang vor dem Büro ein bisschen hin- und herfahren. Wir arbeiten von Anfang an eng mit Rollstuhlnutzern zusammen, die unseren Antrieb auf Herz und Nieren für uns testen werden. Da kommt dann bestimmt auch noch die eine oder andere ’Kinderkrankheit’ zu Tage. Also kurzum: Der manelec wird voraussichtlich frühestens Anfang 2016 zu erhalten sein.

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