Navigationsbereich

Sie befinden sich hier:

payever GmbH

Gruenderteam payever Artur Schlaht und Viktor Butsch
© payever GmbH

„Wir haben gesehen, dass unser Produkt funktioniert und waren überzeugt davon, weil wir den Mehrwert für die Händler gesehen haben.“

Interview mit Artur Schlaht

Onlinehändler, die ihre Produkte nicht über die großen, bekannten IT-Verkaufsplattformen anbieten möchten, verzichten damit auf viele Serviceleistungen. Damit der Shop auch unabhängig von Amazon und Co. läuft, haben die beiden Wirtschaftswissenschaftler Viktor Butsch und Artur Schlaht eine Reihe von Tools entwickelt, die Händler beimVerkauf, Marketing und Versand unterstützen. Mit ihrem Start-up payever, einer Ausgründung der Julius-Maximilians-UniversitätWürzburg, sind sie inzwischen international erfolgreich.

Herr Schlaht, payever bietet eine eCommerce-Lösung für den Handel an. Wie sieht die aus?

Schlaht: Wir kümmern uns um den gesamten Prozess, vom Verkauf über das Marketing bis zum Versand. Der Händler kann dazu auf unserer Webseite unter verschiedenen Applikationen auswählen. Klickt er zum Beispiel auf die App „Shop“ kann er einen Onlineshop erstellen. Klickt er auf „Versand“ kann er seinen Versand automatisieren und wird mit einem Paketservice verbunden. Mit der Applikation „Marketing“ kann er an Bestandskunden zum Beispiel per E-Mail oder Whatsapp personalisierte Angebote senden. Und wer seinen Onlineshop gerade erst eröffnet hat, dessen Produkte pushen wir bei Google, Facebook und anderen Webplattformen. Insgesamt bieten wir zurzeit 16 Apps an, die alle miteinander verknüpft sind und darüber hinaus mit den Anforderungen eines Handelsunternehmens wachsen.

Hört sich gut an, aber wenn ich zu Amazon oder eBay gehe, bekomme ich das doch auch alles.

Schlaht: Das stimmt schon, die IT-Riesen bieten auch einen Full-Service an. Da stelle ich meine Produkte ein und schon läuft der Verkauf. Aber es gibt eben auch Händler, die ihren Online-Shop unabhängig von den großen IT-Plattformen betreiben möchten. Und die stehen dann vor mehreren Herausforderungen. Zum einen müssen sie einen Onlineshop aufbauen. Das ist noch eine leichtere Übung, weil man sich einen Shop „von der Stange“ kaufen kann. Hinzu kommen aber auch das ganze Marketing sowie der Versand. Ich muss mich mit Social-Media-Marketing auskennen. Ich muss mich um GoogleAdwords, um Facebook usw. kümmern. Das ist ein hoher Aufwand. Und genau hier setzen wir mit unseren Apps an.

Sie sind bereits gut im Geschäft, oder?

Schlaht: Das kann man so sagen. Wir haben aktuell über 7.000 Kunden aus allen Branchen in Deutschland und Resteuropa. Vom Kleinsthändler bis hin zu den großen Handelsketten.

Ihre ersten Schritte haben Sie mit EXIST-Gründerstipendium an der Universität Würzburg unternommen. Damals sah ihr Geschäftsmodell aber noch etwas anders aus.

Schlaht: Ja, wir haben uns damals zunächst mit dem Ratenkauf im Internet beschäftigt. Den gab es damals noch nicht im Onlinehandel. Dann kamen weitere Themen dazu und auf einmal hatten wir ein ganzes Paket an Lösungen für den Handel entwickelt. Dass wir damit auf der richtigen Spur waren, wussten wir, nachdem wir 500 Einzelhändler kontaktiert und ihnen unsere CommerceOS-Idee vorgestellt hatten. Also haben wir im Oktober 2013 payever gegründet.

Welche Herausforderungen gab es in der Anfangszeit?

Schlaht: Die Finanzierung! Obwohl zuerst alles glatt lief: Viktor und ich hatten über die Uni Würzburg EXIST Gründerstipendium beantragt und auch bekommen. Im Anschluss an die EXIST-Phase sind wir nach Hamburg gezogen, weil es dort eine geeignete Anschlussförderung gab. Außerdem haben wir uns an sämtlichen Gründer-Wettbewerben beteiligt und fast alle gewonnen. Trotzdem waren wir etwa zweieinhalb Jahre lang chronisch pleite, weil wir enorm hohe Kosten hatten. Um für den B2B-Bereich ein ganzes Paket an IT-Lösungen zu entwickeln, brauchen Sie einfach sehr viele Programmierer. Und die kosten richtig viel Geld. Die Crux ist, dass Ihnen das niemand finanziert, weil das Technologierisiko enorm ist.

Trotzdem haben Sie weitergemacht?

Schlaht: Und dass, obwohl mich meine Eltern für verrückt erklärt haben. payever ist ja mein fünftes Start-up und war im Grunde mein letzter Versuch. Aber wir haben gesehen, dass unser Produkt funktioniert und waren auch wirklich überzeugt davon, weil wir den Mehrwert für die Händler gesehen haben. Also haben wir uns voll und ganz auf die Produktentwicklung konzentriert. Fragen zum Geschäftsmodell haben uns damals noch gar nicht interessiert. Und wenn es letztendlich dann doch nicht geklappt hätte, hätten wir uns eben einen Job gesucht. Für uns als Uni-Absolventen wäre das nicht schwer gewesen.

Und wie haben Sie das Finanzierungsproblem letztlich gelöst?

Schlaht: Wir haben dann schließlich bei einer Reihe von Banken angerufen, haben deren Ansprechpartner über Social-Network-Profile kontaktiert und uns dann, ganz „old school“, eine Krawatte umgebunden und „Klinken geputzt“. Unsere Idee stieß auch tatsächlich auf viel Interesse, aber letztlich waren es zwei Projektmanager bei einer der beiden größten Banken Europas, mit denen wir uns besonders gut verstanden haben. Diese Bank hat unsere IT-Lösung für den Online-Ratenkauf inzwischen in mehreren Ländern im Einsatz. 

Sie hatten aber auch eine Beteiligung durch den High-Tech Gründerfonds.

Schlaht: Dank der Finanzierung durch den High-Tech Gründerfonds konnten wir unsere Programmierarbeiten vorantreiben, so dass wir zeigen konnten, dass unser Geschäftsmodell funktioniert. Insofern war die Beteiligung durch den High-Tech Gründerfonds eine wichtige Voraussetzung, damit die Bank das operative Geschäft mit uns startete. Auf der anderen Seite hätte der High-Tech-Gründerfonds sich aber nicht bei uns engagiert, wenn die Bank uns nicht operativ eingesetzt hätte. Es war das typische Henne-Ei-Prinzip.

Sie beschäftigen etwa 100 Programmierer. Wo und wie finden Sie Ihre Mitarbeiter in Zeiten des Fachkräftemangels?

Schlaht: Wir bieten mittlerweile 16 Applikationen an. Jedes Jahr bringen wir ein, zwei neue Produkte auf den Markt. Dafür brauchen wir sehr viele gute Entwickler. Dass wir auf dem deutschen Arbeitsmarkt kaum Chancen haben, unseren Personalbedarf zu decken, war uns schon frühzeitig klar. Also beschäftigen wir Mitarbeiter im Ausland. Für das Management wäre es natürlich einfacher, wenn alle Mitarbeiter hier bei uns in Hamburg sitzen würden. Aber dann müssen Sie damit rechnen, dass vielleicht ausgerechnet einer der Top-Mitarbeiter sagt: „Ich fühle mich hier nicht wohl. Meine Familie ist im Ausland. Ich bin hier nicht glücklich. Deutsch kann ich auch nicht. Ich gehe wieder zurück.“ Deswegen versuchen wir, die Leute nicht zu entwurzeln, sondern kommen mit unserem Unternehmen zu ihnen, in der Hoffnung, sie langfristig als Mitarbeiter zu behalten.

Gibt es noch einen Tipp, den Sie anderen Gründern geben können?

Schlaht: Jede Menge! Das Allerwichtigste ist, dass es Spaß machen muss und dass man von seiner Idee überzeugt ist. Außerdem würde ich mir einen passenden Mitgründer suchen. Wenn es an den konkreten Unternehmensaufbau geht, ist es einfach besser, wenn man die Aufgaben verteilen kann. Mein Tipp ist auch, möglichst jung zu starten, weil man dann noch Fehler machen kann. Und: Ich würde auf jeden Fall so früh wie möglich nach Investoren suchen und außerdem genau überlegen, in was ich mein eigenes Geld investiere. Schöne Möbel und tolle Büros interessieren absolut niemanden. Entscheidend ist das Produkt und das muss ganz klar ein Problem für eine bestimmte Zielgruppe lösen, sonst hat es keine Chance.

Stand: März 2018