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shoutr labs UG

Shoutrlabs Teamfoto v.l.n.r. Sebastian Winkler, Benjamin Werner, Christian Beier, Tina Ulrici (nicht mehr im Gründungsteam), Ronald Liebermann.
© Sebastian Winkler, shoutr labs

"Spread the word - erzähle viel über deine Idee und versuche, Leute zu begeistern und mit an Bord zu holen."

Interview mit Sebastian Winkler

Mit einem ausgewachsenen Tyrannosaurus Rex, der auf der re:publica umherwandert, hat shoutr labs in diesem Jahr für Schlagzeilen gesorgt. Dabei ist dieses sog. Augmented Reality Streaming nur eine von mehreren Anwendungsmöglichkeiten, die die Ausgründung der Humboldt-Universität zu Berlin auf Basis der W-LAN-Technologie entwickelt hat.

Herr Winkler, seit der Förderung durch EXIST haben Sie Ihre Technologie bzw. Ihr Angebot immer weiterentwickelt. Wie sah denn das Ursprungskonzept aus?

Winkler: Wir hatten zunächst an einer Lösung gearbeitet, die einen schnellen Datenaustausch zwischen Smartphones oder Tablets innerhalb eines Raumes ermöglicht. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Wohnzimmer, haben ein Foto gemacht und möchten es allen Leuten, die sich in dem Raum befinden, gleichzeitig zeigen. Heute geht das alles über WhatsApp, aber das gab es damals noch nicht. Unsere Lösung sah dann so aus, dass über eines der Geräte ein W-LAN Hotspot aufgebaut wird, mit dem sich die anderen Endgeräte verbinden können.

Und wann kam EXIST ins Spiel?

Winkler: Als uns klar war, dass wir eine Finanzierung brauchen: zum einen für die weitere Entwicklung unserer Software, zum anderen für unseren Lebensunterhalt. Also haben wir mit Unterstützung der Humboldt-Innovation einen Antrag für ein EXIST-Gründerstipendium gestellt. Dabei war EXIST für uns nicht nur wegen der Finanzierung interessant, sondern auch, weil wir damit kurzfristig ein größeres Netzwerk aufbauen konnten. Damals waren ja alle Start-ups in einem Gebäude der Humboldt-Innovationen untergebracht, so dass wir auf einen Schlag Kontakt zu jeder Menge anderer Gründer, Berater und Investoren bekommen haben. Hinzu kam ein weiterer Punkt, der aus unserer Sicht für eine EXIST-Förderung sprach: Im Unterschied zu einer Venture Capital-Finanzierung blieben alle Geschäftsanteile erst einmal in unserer Hand.

Mit dem Ende der EXIST-Förderung hatten Sie dann ein marktreifes Produkt entwickelt.

Winkler: Ja, nach neun Monaten war unsere Software so weit fertig, dass wir sie an Endverbraucher verkaufen konnten. Das war schon mal gut, aber es hat uns einfach gereizt zu überlegen, was man noch alles machen kann, wenn man W-LAN sozusagen als Trägertechnologie für große Datenmengen einsetzen möchte. Und so entstand die Idee, diese Technologie gebäudebezogen anzubieten. Also zum Beispiel als Besucherinformationssystem für Ausstellungen, Messen, Kongresse und andere Veranstaltungen. Das heißt, alle Daten, die für die Veranstaltung relevant  sind, werden lokal auf Servern, auf unseren shoutr.Boxx-System, gespeichert. Die Nutzer sind dabei nicht mit dem Internet verbunden und müssen sich auch keine App herunterladen. Insofern ist der Informationszugang sehr einfach. Sie brauchen sich nur mit dem lokalen W-LAN zu verbinden, um zum Beispiel Texte, Bilder, Audios oder Videos über ein Exponat abzurufen oder auch unser Augmented Reality Streaming. Dabei sieht man durch die Kamera seines Smartphones Objekte im Raum stehen oder sich bewegen, die es real dort gar nicht gibt. Da bedeutet, man richtet sein Smartphone auf sogenannte Marker, wie zum Beispiel Poster oder Fotos, und sieht dann einen animierten Film. Auf der re:publica haben wir auf diese Weise zum Beispiel den T-Rex „auferstehen“ lassen.

Und welche Vorteile haben die Aussteller davon?

Winkler: Für die Aussteller besteht der Vorteil darin, dass ihre Daten tatsächlich nur im Gebäude zur Verfügung stehen und insofern geschützt sind. Sobald zum Beispiel ein Ausstellungsbesucher das Gebäude verlässt, hat er keinen Zugang mehr zu den Informationen. Das ist vor allem für Museen interessant, die mit lizenzrechtlich geschützten Bildern arbeiten. 

Damit sind Sie auch am Markt?

Winkler: Ja, das ist bereits in Museen und auf Messen in Deutschland, Belgien und Schweden im Einsatz. Unsere Kunden haben wir über Fachmessen für Ausstellungstechnik und Museumstechnik kennengelernt, wir werden langfristig aber auch gemeinsam mit Partnern Standorte im Ausland aufbauen, um international besser agieren zu können – obwohl der Standort Berlin schon eine ganz gute Ausgangslage für Reisen zu potenziellen Kunden ist. Das funktioniert ganz gut. Genauso wie übrigens die telefonische Kalt-Akquise, die wir seit einem halben Jahr innerhalb Deutschlands praktizieren.

Sie haben seit Ihrer Gründung immer wieder neue Angebote entwickelt. Haben Sie dafür auch jeweils einen Businessplan geschrieben?

Winkler: Nur in der Startphase. Damals hatten wir zweimal am Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg teilgenommen und einmal den ersten Platz und ein weiteres Mal den dritten 3. Platz gewonnen. Inzwischen sind wir aber von Businessplänen abgekommen und bevorzugen die Business-Model-Canvas-Methode.

Wir bewegen uns in einem Business, in dem sich innerhalb von wenigen Monaten oder Wochen Prozesse und Kundenanforderungen ändern können, so dass wir mit der "Canvas-Methode" einfach viel schneller unterwegs sind. Ich glaube, mittlerweile haben wir mehrere hundert Canvas' erstellt. Und wenn Finanzierungsrunden anstehen, setzen wir ergänzend noch einen Finanzierungsplan auf.

Das hört sich alles ziemlich gut an. Unternehmerisch scheinen Sie und Ihre Kollegen Naturtalente zu sein.

Winkler: Wir sind, wie es so schön heißt, mit unseren Aufgaben gewachsen. Uns wurde damals von der Humboldt Innovation zwar empfohlen, einen Betriebswirt in unser Team zu holen. Das hat aber leider nicht funktioniert. Es hat sich schon nach wenigen Monaten herausgestellt, dass "die Chemie" nicht gestimmt hat. Letztlich war das aber nicht weiter tragisch, weil wir schon während des Studiums eine kleine App-Agentur hatten und insofern mit den buchhalterischen bzw. kaufmännischen Basics vertraut waren. Außerdem haben wir einen Steuerberater und einen Anwalt, so dass wir uns auf die Entwicklung unserer Produkte konzentrieren können.

Sie haben inzwischen mehrere Mitarbeiter. Wie gehen Sie vor, damit "die Chemie" jetzt stimmt?

Winkler: Wir halten immer mal die Augen offen und merken uns, wenn wir jemanden treffen, der gut zu uns passen könnte. Und wenn wir dann tatsächlich Bedarf haben, fragen wir ihn, ob er bei uns einsteigen möchte. Mit der Methode sind wir bisher ganz gut gefahren.

Sie haben auch einen Historiker im Team. Das ist eher ungewöhnlich für ein IT-Start-up.

Winkler: Ja, das war bei einer Veranstaltung der Humboldt Innovation. Nachdem wir dort unsere Software vorgestellt hatten, kam Ronald Liebermann auf uns zu und meinte, das sei genau das, war er schon seit Jahren für den Museumsbereich suche. Und dann hat sich nach und nach herausgestellt, dass er eigentlich die optimale Sales-Kraft für uns ist, da er aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit in Museen die Sprache unserer Kunden spricht und weiß, was sie brauchen.

Das wäre auch mein Rat an andere Gründungsinteressierte: spread the word - erzähle viel über deine Idee und versuche, Leute zu begeistern und mit an Bord zu holen. Wir alle wissen ja, dass die meisten Techniker eher schlechte Verkäufer sind. Deshalb ist es besser, jemanden zu haben, der das Produkt gut vermarkten und mit den Kunden auf Augenhöhe sprechen kann.

Haben Sie noch weitere Tipps parat?

Winkler: Der Vertrieb ist wirklich wichtig. Die meisten EXIST-Teams fangen erst an, sich darüber Gedanken zu machen, wenn zehn, zwölf Monate vorbei sind und kein Geld mehr da ist. Aber gerade wenn man ein technisches Produkt hat, sollte man frühzeitig einen Vertriebler aus der Branche suchen, in der man sein Produkt positionieren möchte.

Ansonsten kann ich nur sagen: Probiert es! Wer eine gute Idee hat, soll versuchen, sie zu realisieren. Und wenn es nicht klappt: einfach immer wieder versuchen, schließlich lernt man auch daraus.

Stand: Juni 2016