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Mehr GründerINNEN-Geist an Hochschulen

Auch wenn das Gründungsinteresse von Frauen in den letzten Jahren zugenommen hat, ist ihr Anteil am Gründungsgeschehen immer noch vergleichsweise gering. Das gilt insbesondere für Ausgründungen im Hightech- oder Lifescience-Bereich. Dabei können Hochschulen einiges tun, um dem GründerINNEN-Geist auf die Sprünge zu helfen.

Ein Ellipsometer am Fachgebiet Angewandte Physikalische Chemie. Es dient der Charakterisierung dünner Filme durch die Reflexion von Laserlicht. Eine Forscherin arbeitet an einem Ellipsometer der TU Berlin.
© TU Berlin/Pressestelle

„Nein. Keine Sekunde!“ antwortet die Biologin Dr. Barbara Mayer mit voller Überzeugung auf die Frage, ob sie ihren Schritt in die Selbständigkeit schon einmal bereut hätte. „Dass wir aus unseren Forschungsergebnissen eine patientenbezogene Anwendung entwickeln konnten, ist für uns ein toller Erfolg. So weit wären wir damals auf dem akademischen Weg nicht gekommen.“ Vor fast zehn Jahren hat Dr. Barbara Mayer zusammen mit der Medizinerin Dr. Ilona Funke in München die Spherotec GmbH gegründet. Bei ihren ersten Schritten in die unternehmerische Selbständigkeit wurde das Spin-off der Ludwig-Maximilians-Universität München von EXIST unterstützt. Was sie antrieb war der Wunsch, das von ihnen entwickelte Verfahren zur Optimierung von Krebstherapien tatsächlich zur Anwendung zu bringen. Was lag also näher, als ein Start-up zu gründen. Hört sich selbstverständlich an – war es aber nicht und ist es heute immer noch nicht. Zumindest nicht für Wissenschaftlerinnen.

Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn stellt in einer Untersuchung zur Gründungsneigung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlerin fest, dass Frauen signifikant seltener als Männer konkrete Gründungsabsichten verfolgen. So liegt die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen eine hohe Gründungsneigung haben, bei 11,6 Prozent. Bei Männern dagegen bei 18,8 Prozent. Auch wenn darüber hinaus zum Gründungsinteresse und Gründungsverhalten von Wissenschaftlerinnen und Hochschulabsolventinnen bislang keine detaillierten empirischen Studien vorliegen, lässt sich feststellen, dass in den Gründungsberatungen der Hochschulen Absolventinnen oder Wissenschaftlerinnen insbesondere aus dem MINT-Bereich nur selten aufschlagen. Auch die Anträge für EXIST-Gründerstipendium und EXIST-Forschungstransfer werden hauptsächlich von rein männlich geprägten Teams, hin und wieder von gemischten, aber nur sehr selten von reinen Frauenteams gestellt.

Zu wenig Frauen in MINT-Fächern? Eine Frage der Kultur!

Eigentlich naheliegend könnte man sagen, denn Frauen sind in den MINT-Fächern ohnehin stark unterrepräsentiert. Beispiel Technische Universität Berlin: "Im Wintersemester 2014/15 waren von den 32.000 Studierenden cirka ein Drittel weiblich. Und in den Fachgebieten wie der Elektrotechnik und Informatik, die am ehesten Forschungsergebnisse generieren, um sie über eine Ausgründung zu verwerten, sind von 847 Studierenden 743 männlich und nur 104 weiblich", so Agnes von Matuschka, Leiterin des Centre for Entrepreneurship (CfE) an der als EXIST-Gründerhochschule ausgezeichneten Technischen Universität Berlin.

Porträt von Fenna Neubauer Fenna Neubauer
© privat

Deutlich sichtbar war die Schieflage auch bei der Erstsemesterbegrüßung 2014 im Bereich Elektro-, Informationstechnik und Maschinenbau an der Hochschule Hannover. Fenna Neubauer, Entrepreneurshipbeauftragte und Vertretungsprofessorin für Betriebswirtschaft  und Entrepreneurship an der Fakultät für Wirtschaft und Informatik der Hochschule Hannover, konnte unter den mehr als hundert Studienanfängern nicht mehr als gerade mal fünf Frauen entdecken." Da zeigt sich deutlich, wie sehr unser Bildungsanspruch und unser Rollenverständnis kulturell geprägt sind. Damit sich hier etwas ändert, muss man zweifellos viel früher ansetzen." "Früher" heißt: im Elternhaus, im Kindergarten und in der Schule. Dort bereits muss bei Mädchen das Interesse für Technik, Mathematik und Naturwissenschaften stärker gefördert werden. Nur so wird sich zukünftig der Anteil von Studentinnen in den MINT-Fächern und damit letztlich auch das Gründungspotenzial erhöhen.

Warum kein eigenes Start-up gründen?

Damit wäre für Fenna Neubauer allerdings nur ein Teil des Problems gelöst „Es ist schon sehr auffällig, dass es an Hochschulen nur sehr wenige Frauen gibt, die sich für die unternehmerische Selbständigkeit entscheiden. Das gilt aber nicht nur für den MINT-Bereich. Ich beobachte bei uns an der Hochschule auch in der Betriebswirtschaftslehre, dass das Gründungsinteresse bei Frauen geringer ist als bei Männern.“ Die Gründe dafür, warum generell für Frauen eine Karriere als Unternehmerin weniger attraktiv ist als für Männer, wurden in den vergangenen Jahren immer wieder untersucht: Dazu gehören eine vergleichsweise höhere Risikoaversität, die Angst zu scheitern oder auch die Befürchtung Familie und Beruf nicht unter einen Hut zu bekommen.

Aber auch die gute Konjunktur macht dem GründerInnengeist einen Strich durch die Rechnung. "Die Unternehmen kommen praktisch mit dem Arbeitsvertrag in der Tasche an die Hochschulen, um sowohl Ingenieure und Informatiker als auch Ingenieurinnen und Informatikerinnen anzuwerben", so Frau Neubauer.  Kein Wunder, dass sowohl  Männer als auch Frauen einen gut bezahlten Job mit geregelten Arbeitszeiten, bezahltem Urlaub oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall vorziehen anstatt sich auf das Experiment "Selbständigkeit" einzulassen. Dies machen nicht zuletzt die insgesamt sinkenden Gründungszahlen der letzten Jahre deutlich. 

"Fesseln" des Angestellten-Jobs hinter sich lassen?

Dennoch „unter dem Strich“ hat der Anteil der von Frauen gegründeten Unternehmen in den letzten Jahren insgesamt und in allen Branchen zugenommen, so die bundesweite gründerinnenagentur bga. Insbesondere der Anteil der Gründerinnen mit Hochschulabschluss ist größer geworden. Eine immer wichtigere Rolle spielt dabei die Möglichkeit, Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume selbst ausgestalten zu können. "Den Weg selber bestimmen zu können, darin sehe ich einen entscheidenden Vorteil, auch wenn man viel Zeit investieren muss und es jede Menge Stolpersteine gibt", so Dr. Barbara Mayer, die ihre feste Stelle am Klinikum Großhadern  2006 aufgegeben hat, um Unternehmerin zu werden. Viele hoch-qualifizierte Frauen nehmen zudem die "gläserne Decke" in Führungsetagen zum Anlass, ein eigenes Unternehmen zu gründen.

Foto von Dr. Barbara Mayer Dr. Barbara Mayer
© SpheroTec GmbH

Insgesamt hat außerdem der Anteil der Gründerinnen und Gründer im Alter von 45 bis 55 Jahren zugenommen, heißt es im KfW-Gründungsmonitor 2015. Ein Grund dafür: Viele Akademikerinnen - und Akademiker - möchten erst einmal berufliche Erfahrungen im Angestelltenverhältnis sammeln und erst später in die berufliche Selbständigkeit starten. Im Übrigen stellt der KfW-Gründungsmonitor fest: „Gründungsbeteiligung von Frauen bleibt Top“. Was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass laut Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2015 in Deutschland Frauen (4,0 %) immer noch deutlich seltener gründen als Männer (6,5 %).

Was Hochschulen tun können: Beispiel TU Berlin

Dass es nicht damit getan ist, die geringen Gründungsaktivitäten von Wissenschaftlerinnen und Studentinnen mit deren niedrigen Zahl in den MINT-Fachbereichen und dem allgemein geringeren Gründungsinteresse von Frauen zu begründen, zeigt die Technische Universität Berlin. Dort hat man schon vor Jahren den Hebel umgelegt. Mit deutlichem Ergebnis, so Agnes von Matuschka: "Prozentual gesehen sind die Unterschiede in den MINT-Fächern an der TU Berlin inzwischen gar nicht mehr so groß. In der Chemie haben wir sogar mehr Ausgründungen durch Frauen, nur bei der Informatik und Elektrotechnik sind die Zahlen tatsächlich niedriger. Aber auch hier ist der Unterschied nicht eklatant." Entscheidend für diese Entwicklung waren Erfahrungen, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Centre for Entrepreneurship an der TU Berlinim Rahmen des BMBF-geförderten Projekts "Power für Gründerinnen" in den Jahren 2007 bis 2011 gemacht haben. Agnes von Matuschka: "Wir haben damals u.a. festgestellt, dass Frauen zwar einerseits risikobewusster sind, aber dass sie - wenn sie sich erst einmal für eine Gründung entschieden haben - sich ihrer Sache sicherer sind als ihre männlichen Kollegen. Für unserer Berater sind sie daher sehr angenehme Sparringspartner, weil sie sich über die Risiken schon mehr Gedanken gemacht haben und dann sehr genau wissen, was sie wollen. Auf der anderen Seite gründen dadurch natürlich auch weniger Frauen, weil ihnen das Projekt zu riskant ist." 

Panoramablick auf den Ernst-Reuter-Platz und die Gebäude der TU Berlin entlang der Straße des 17. Juni. Panoramablick auf den Ernst-Reuter-Platz und die Gebäude der TU Berlin entlang der Straße des 17. Juni.
© TU Berlin/ Weiß

Aufs Thema kommt es an

Aus den Erkenntnissen des BMBF-Projekts hat die TU Berlin Konsequenzen gezogen und dabei eine interessante Entdeckung gemacht, so Agnes von Matuschka: " Wir haben damals begonnen unser gesamtes Beratungsangebot auch mit weiblichen Rollenvorbildern auf Plakaten zu bewerben: an der ganzen Universität und über Jahre hinweg. Außerdem haben wir verstärkt Beraterinnen eingestellt. Das Ergebnis war allerdings ernüchternd: Es kamen kaum mehr Frauen zu uns in die Beratung als vorher. Bis wir festgestellt haben, dass Frauen sich weniger für Kurse anmelden, die betriebswirtschaftliche Themen zum Inhalt haben. Dagegen interessieren sich viele Frauen für soziale und gesellschaftsrelevante Themen - auch Naturwissenschaftlerinnen und Ingenieurinnen. Also hat das CfE Veranstaltungen zur Sharing Economy, zu Social Entrepreneurship und so weiter angeboten. Und tatsächlich kam auf einmal eine beträchtliche Zahl an Studentinnen und Wissenschaftlerinnen in unsere Workshops, die sich von unseren anderen Veranstaltungen zu Lean Start-up, App-Programmierung oder Business Model Canvas einfach nicht angesprochen fühlten. Damit war die Eingangshürde genommen. Im nächsten Schritt konnten wir dann zeigen, dass sich über sozial- oder umweltbezogene Ideen  - so wie andere Ideen auch - das Gründen lernen lässt." Das sei, so von Matuschka, letztlich das Entscheidende: Die Workshopteilnehmerinnen für das Thema Entrepreneurship zu begeistern und ihnen die Sicherheit zu geben, dass sie damit auch erfolgreich sein können.

Während in der Sensibilisierungs- und Motivationsphase unterschiedliche Interessen bei Frauen und Männern berücksichtigt werden, gilt jedoch für den weiteren Betreuungsprozess durch das Centre for Entrepreneurship "unisex". "Wer sich einmal dazu entschieden hat, im Technologiebereich zu gründen, für den spielt die besondere Ansprache keine große Rolle mehr. Insofern machen wir bei der konkreten Gründungsvorbereitung keinen Unterschied mehr", sagt Agnes von Matuschka. Dass das Genderthema später, wenn man sein Start-up gegründet und zu einem erfolgreichen Unternehmen geführt hat, eine wichtige Rolle spielt, bezweifelt auch Dr. Barbara Mayer: "Klar brauchen wir mehr Unternehmerinnen. Als Frauen bewegen wir uns immer noch wie Aliens in der Entrepreneur-Gesellschaft. Aber trotzdem ist der Austausch mit unseren männlichen Geschäftspartnern sehr gut und die Wertschätzung durch die männlichen Kollegen ist hoch. Letztlich haben wir doch alle als Unternehmerinnen und Unternehmer tagtäglich mit denselben Fragen zu tun: Mit wem können wir kooperieren? Wie schreibt man neben seiner ganzen Arbeit noch Förderanträge? Wo finde ich einen guten Anwalt? Diese und weitere Fragen sind es, die wir beantworten müssen, damit unser Unternehmen erfolgreich bleibt." 

Mehr weibliche Role Models

Dr. Barbara Mayer nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie über ihre unternehmerischen Erfahrungen berichtet. Dabei sind es gerade weibliche Rollenvorbilder wie sie, die an vielen Hochschulen noch fehlen. Fenna Neubauer: "Das fängt schon bei der Professorinnenquote an. Die liegt gerade einmal bei etwa 20 Prozent. In den MINT-Fächern sind maximal zwei von 20 Professoren weiblich, und die haben dann häufig gar kein Unternehmen gegründet - oder waren  bestenfalls, wie allerdings die meisten männlichen 'Gründungs'-Professoren auch, primär beratend oder als Mitgesellschafter tätig.“ Ähnlich ist die Situation dann auch in der Gründerszene und im Wirtschaftsleben: Hightech- und Lifescience-Branchen sind ganz klar  männlich geprägt, obwohl es dort - wenn auch in weitaus geringerer Zahl - Gründerinnen und Unternehmerinnen gibt , sind sie so gut wie nicht sichtbar."

Ob IT-Stammtische, Networking-Events, Podiumsdiskussionen, Vorträge und weitere Veranstaltungen mit Gründern, Unternehmern und anderen männlichen Gründungsakteuren: Frauen nehmen daran in der Regel bestenfalls als Moderatorin teil. Bei allem Hype um innovative Start-ups und deren Gründern - was die Rolle von Frauen und Männern betrifft, wird den Besucherinnen und Besuchern solcher Veranstaltungen ein eher verstaubtes Rollenmodell präsentiert, das Frauen als aktive, erfolgreiche und autonom handelnde Persönlichkeiten ausblendet. Die TU Berlin hat daher einen anderen Weg eingeschlagen. "Bei uns ist der Gender-Gedanke fest verankert. Wir achten in Textbeiträgen auf die weibliche Form und versuchen Podien mit mindestens einer Unternehmerin oder Gründerin zu besetzen", so Agnes von Matuschka.

Logo der BMWi-Initiative "Frauen unternehmen"

 

FRAUEN unternehmen

Wie wichtig weibliche Vorbilder sind, hat auch das Bundeswirtschaftsministerium erkannt und im vergangenen Jahr die Initiative FRAUEN unternehmen ins Leben gerufen. Rund 180 so genannte Vorbild-Unternehmerinnen wurden dabei ausgewählt. Mit dabei: Fenna Neubauer, die  neben ihrer Tätigkeit an der Hochschule Hannover auch als Gründerin der Neubauer Handwerkstechnik GbR mit ihrem patentierten Zangensystem bereits vielfach ausgezeichnet wurde sowie Dr. Barbara Mayer und ihre Kollegin Dr. Ilona Funke. Ihre Aufgabe als Vorbild-Unternehmerinnen ist es, bei Frauen das Interesse an Unternehmensgründungen zu wecken und darüber hinaus weibliches Unternehmertum sichtbar zu machen. Was würden sie einer Wissenschaftlerin sagen? Dr. Barbara Mayer: "Wenn sie noch in einem Forschungsprojekt tätig ist, würde ich ihr empfehlen, ihre Forschung an der Universität so lange wie möglich voranzutreiben. Unsere Forschungslandschaft ist von den Fördermaßnahmen her sehr viel besser aufgestellt als die Investorenlandschaft. Das Produkt oder Verfahren sollte daher so weit wie möglich gediehen sein, damit es auch für Investoren von Interesse ist. Dann braucht sie  ein ganz klares Konzept, wie weit sie mit Ihrer Idee kommen möchte. Möchte sie im Team gründen und die Idee über eine eigene Unternehmensgründung verwerten? Möchte sie sie auslizensieren?  Oder gar verkaufen? Und wenn es eine Wissenschaftlerin ist, die im Life-Science-Bereich tätig ist, würde ich sie einfach einladen und mich mit ihr über ihre Fragen unterhalten. Das kann auch zu einer Hospitanz in unserem Unternehmen führen. So wie neulich, als wir eine Hochschulabsolventin zwei Wochen im Unternehmen hatten, die einfach einmal wissen wollte, wie es ist, ein Unternehmen zu führen. Die wenigsten haben doch eine Vorstellung davon, was es heißt, Unternehmerin zu sein."

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