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Handwerk und Start-ups: der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

Traditionelles Handwerk und innovative Start-ups: Dazwischen liegen Welten, könnte man meinen. Ein Trugschluss. Erfolgreiche Beispiele aus München und Cottbus zeigen, dass es jede Menge vielversprechende Berührungspunkte gibt.

Handwerker berechnet Bauteil am Laptop

„Ich habe in den letzten Jahren immer wieder festgestellt, dass viele neue Geschäftsmodelle, die sehr nah am Handwerk sind, nicht immer im Handwerk selbst, sondern auch im akademischen Bereich entstehen“, sagt Georg Räß. Grund genug für den Beauftragten für Innovation und Technologie (BIT) der Handwerkskammer für München und Oberbayern Start-ups und Handwerk endlich einander näher zu bringen.

„Start-up trifft Handwerk“

Im Dezember 2016 fand daher erstmalig „Start-up trifft Handwerk“, eine Veranstaltung der Handwerkskammer München in Kooperation mit Munich Startup, dem Webportal der Landeshauptstadt München für Gründerinnen und Gründer, statt. „Wir haben dabei drei Ziele verfolgt: Erstens dem Handwerk Ideen von Start-ups vorzustellen und darüber zu informieren, was sich technologisch tut. Zweitens das Handwerk zu inspirieren, über neue Geschäftsmodelle nachzudenken. Und drittens Handwerk und Start-ups aufeinander aufmerksam zu machen, sei es als Auftraggeber und Kunden oder auch als Kooperationspartner zum Beispiel für den Protoypenbau“, so Georg Räß. 

Eingeladen waren elf innovative Unternehmen – sowohl aus dem Handwerksbereich als auch aus den Hochschulen. Sie hatten jeweils fünf Minuten Zeit, um ihr Geschäftsmodell vorzustellen. Anschließend konnten sie sich an kleinen Messeständen präsentieren. Bei der Auswahl geeigneter Kandidaten achten Georg Räß und Regina Bruckschlögl von Munich Startup darauf, dass junge Unternehmen aus dem Handwerk und Start-ups aus Hochschulen gleichermaßen vertreten sind. Gut in Erinnerung ist ihm das Unternehmen eines Augenoptikermeisters, der mittels 3D-Scanner und Laserintertechnologie für jeden das passgenaue Brillengestellt anfertigt. Oder auch eine Ausgründung der TU München, die eine Art Weißbierflasche und Glas in einem entwickelt haben und sowohl für Fertigung als auch für den Vertrieb auf der Suche nach Handwerksbetrieben sind.

Als Absolvent und ehemaliger Gründer an der Technischen Universität München nutzt Georg Räß seine Kooperation mit Munich Startup und die Kontakte zu den Gründungsberatern der UnternehmerTUM, des Strascheg Center und der LMU Entrepreneurship Centre, um Start-ups zu einem Pitch bei „Start-up trifft Handwerk“ einzuladen. Inzwischen kommen die Gründer – sowohl aus den Hochschulen als auch aus dem Handwerk – aber auch schon von selbst auf ihn zu.

Veranstaltung Start-up trifft Handwerk Start-up trifft Handwerk 2017.
© Michael Schumann

Offensichtlich schließt das Format eine Lücke im Eventangebot der Münchener Gründungsszene. Knapp 70 Besucher kamen zur ersten Veranstaltung. Bei der nächsten waren es bereits weit über 100 Interessenten. Themen-Schwerpunkt der zweiten Runde: „Zukunftstechnologien, Geschäftsmodelle und kreative Schmankerl“. Handwerk und Start-ups aus Hochschulen nutzen die neue Chance, sich kennenzulernen. Auch wenn es sich bei den Besuchern aus dem Handwerksbereich bislang noch um eine spezielle Klientel handelt, wie Georg Räß feststellt: „Das sind zum Teil große Betriebe, die selber Akademiker in der Geschäftsführung haben. Dazu gehören Inhaber von großen Bäckereien mit über 100 Mitarbeitern und Hightech-Ausstattung, genauso wie Unternehmen, die der Automobilbranche nahestehen: Modellbauer, Werkzeugbauer, Feinwerktechniker. Oder auch aus dem Gesundheitsbereich, also Augenoptiker, Orthopädietechniker oder Zahntechniker. Und dann natürlich alle Gewerke rund um das Thema Smart Home: Elektro, Heizung-Sanitär, Klimatechnik. Die sind einfach gegenüber neuen Technologien aufgeschlossen und daran interessiert, mit Start-ups in Kontakt zu treten.“

Aufbauen und halten: Kontakte zwischen Handwerkskammer und Hochschule

Ihrem Ziel, Handwerk und Start-ups miteinander ins Gespräch zu bringen, ist die Handwerkskammer für München und Oberbayern mit ihrem Veranstaltungsformat einen großen Schritt nähergekommen. Damit das Handwerk aber tatsächlich einen festen Platz im Bewusstsein der akademischen Gründungsszene bekommt, reicht eine einmal jährlich stattfindende Veranstaltung nicht aus, findet Georg Räß: „Das ist auch der Grund, warum ich immer wieder in den Gründerzentren der Hochschulen unterwegs bin. Die Gründungsteams und Berater sollen einfach wissen, dass es in der Handwerkskammer einen Ansprechpartner gibt, an den sie sich wenden können. Ganz gleich, ob es zum Beispiel um die Entwicklung eines Prototypen geht oder die Expertise aus einem bestimmten Handwerksbereich benötigt wird.“

Die Zeiten, in denen die Handwerkskammer an den Hochschulen auf sich aufmerksam machen musste, liegen im brandenburgischen Cottbus schon ein paar Jahre zurück. „Wir arbeiten heute sowohl mit den Fachbereichen Elektrotechnik, Maschinenbau, Bauingenieurwesen und Informatik als auch mit den Entrepreneurship- und Gründungsservices der Technischen Hochschule Wildau und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg eng zusammen. Da gibt es einfach sehr viele Schnittmengen mit dem Handwerk“, sagt Manja Bonin, Leiterin der Abteilung Unternehmensberatung in der Handwerkskammer Cottbus.

Potentielle Unternehmensnachfolger fürs Handwerk: Studierende sensibilisieren

Seit 2010 führt die Handwerkskammer Cottbus regelmäßig Veranstaltungen im Rahmen ihrer Nachfolgerakademie sowohl mit der BTU als auch der TH Wildau durch. Manja Bonin: „Unser Ziel ist es, Studierende für eine spätere Nachfolge im Handwerk zu interessieren. Dazu bringen wir die jungen Leute, die sich bereits etwas intensiver mit dem Thema Gründung und Nachfolge auseinandergesetzt haben, mit übergabefähigen Unternehmern, zusammen. Konkret sieht es so aus, dass die Handwerksunternehmer im Rahmen der Veranstaltungen von ihren Erfahrungen und ihren Geschäftsmodellen berichten und Fragen der Studierenden beantworten. Das bedeutet aber nicht, dass die Studierenden nach dem Abschluss ihres Studiums gleich auf dem Chefsessel Platz nehmen sollen. Als Unternehmensnachfolger benötigt man ja zunächst einmal eine gewisse Berufserfahrung. Unser Ziel ist vielmehr, dass wir mit diesem Veranstaltungsformat zunächst einmal für das Thema Nachfolge sensibilisieren.“

Handwerkerin lächelt kompetent in die Kamera

Bei den Veranstaltungen treffen durchschnittlich zehn bis 15 Studierende auf 20 bis 30 Handwerksbetriebe. „Das ist natürlich kein Selbstläufer und mit viel Akquise-Arbeit verbunden. Das heißt, wir rufen in der Regel bei den Betrieben an und erläutern Sinn und Zweck der Veranstaltung. Aber der Aufwand lohnt sich. Insbesondere bei Unternehmen mit mehr als zehn Mitarbeitern kommt das Angebot sehr gut an,“ freut sich Manja Bonin. Sie ist davon überzeugt, dass auf diese Weise der Grundstein dafür gelegt wird, dass vielleicht in ein paar Jahren die eine oder andere Unternehmensnachfolge oder Ausgründung zustande kommt. Erste Kontakte haben bisher jedenfalls schon zu einer Reihe von Praktika von Studierenden in Handwerksbetrieben geführt. 

Hilfreich ist auch das Programm „Brandenburger Innovationsfachkräfte“ des Landes Brandenburg. Es fördert unter anderem Handwerksunternehmen, die zum Beispiel einen Absolventen der BTU beauftragen, um ein Digitalisierungsprojekt im Betrieb zu begleiten. „Und wenn dann zwischen Unternehmer und Hochschulabsolvent ‚die Chemie stimmt‘, kann es durchaus zu einer Festanstellung kommen, mit der Perspektive auf eine Führungsposition. Und spätestens dann spielt das Thema Unternehmensnachfolge wieder eine Rolle“, so Manja Bonin.

Regionale Wirtschaft kennenlernen: Studenten on Tour

Damit Studierende das Handwerk bzw. die regionale Wirtschaft überhaupt „auf den Schirm“ bekommen, organisieren die Handwerkskammer und die Industrie- und Handelskammer Cottbus sowie die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes Brandenburg gemeinsam mit der BTU Betriebsbesichtigungen in der Region. „Studenten on Tour“ nennt sich das Format, das zweimal im Jahr stattfindet. Dabei stehen pro Tour drei Unternehmen auf dem Programm. Dazu eingeladen werden Studierende aus den passenden Fachbereichen. Im Schnitt beteiligen sich 20 Studierende an einer Tour. Manja Bonin: „Die Teilnehmer packen wir in einen Kleinbus, und dann machen wir mit denen eine Tagestour und besuchen die Betriebe. Dabei sehen wir dann immer ganz erstaunte Gesichter, wenn die jungen Leute erkennen, dass in den Handwerksbetrieben nicht nur geschraubt und gefeilt, sondern eben auch sehr viel mit Hightech gearbeitet wird. Dieser Aha-Effekt ist für alle Beteiligten immer eine tolle Sache. In der Regel gibt es dann auch noch jemanden, der etwas über die Stadt oder die Region erzählt, die wir gerade besuchen, und so versuchen wir, nicht nur Handwerk und Studierende zusammenzubringen, sondern die Studierenden und Absolventen auch hier in der Region zu halten“.

Kein ‚Medienbruch‘: Start-ups im Deutschen Handwerksblatt

Dass auch kleine Maßnahmen eine gute Wirkung haben können, zeigt ein weiteres Beispiel aus der Cottbusser Region. Start-ups haben dort zum Beispiel die Möglichkeit, sich mit ihren Produkten und Dienstleistungen kostenfrei im Deutschen Handwerksblatt zu präsentieren. „Das wird einmal im Monat an alle Handwerksbetriebe verschickt. Und da gibt es durchaus den einen oder anderen Unternehmer, der sich dafür interessiert und Kontakt aufnimmt,“ so die Erfahrung von Manja Bonin.

Aber auch sonst gibt es zwischen regionaler Wirtschaft und Hochschule wenige Berührungsängste. So ist der Gewerbeförderverein im November zu Gast im Innovationszentrum Moderne Industrie Brandenburg an der BTU, um sich über neue Anwendungsmöglichkeiten in der Robotik, der Virtual Reality und Augmented Reality für das Handwerk zu informieren. Schon jetzt besuchen die Mitarbeiter des Innovationszentrums Unternehmen des produzierenden Gewerbes sowie des Handwerks, um gemeinsame Lösungsvorschläge in Sachen Digitalisierung zu entwickeln. Dass sich dabei auch der Blick der Wissenschaftler und der Studierenden auf das Handwerk ändern wird, liegt nahe.

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