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Einen Versuch war’s wert

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Nicht immer wird aus einer vielversprechenden Idee ein erfolgreiches Unternehmen. Im Gegenteil: Nicht selten holen sich Start-ups eine blutige Nase. Kein Grund, es nicht noch einmal zu versuchen.

Besprechung Start-up

„Das ist natürlich ein Wechselbad der Gefühle, ein tägliches Auf und Ab. Aber irgendwann sagt man dann, okay, gut, es war abzusehen, dass es so kommt. Und dann akzeptiert man auch sein Schicksal.“ Matthias Pein und seine Kollegen hatten mit Unterstützung von EXIST-Forschungstransfer ihre Gründung vorbereitet. Das EmaCure-Team hatte ein Verfahren zur Herstellung bioaktiver Wundheilungsauflagen entwickelt. Erste Tests mit Patienten verliefen positiv. Auch das Unternehmenskonzept kam gut an und wurde beim Gründerwettbewerb Science4life ausgezeichnet. Dennoch blieb der Erfolg aus. Gescheitert ist das Projekt der Technischen Universität München letztlich an der Frage der Patentierung. „Anfangs waren wir alle davon überzeugt, dass wir unser Verfahren patentrechtlich schützen lassen könnten. Wir haben dann sehr viele Runden mit Patentanwälten und Consultants gedreht, aber letztendlich hat sich immer wieder herausgestellt, dass ein Schutz unseres Verfahrens nicht möglich ist. Der Grund war, dass es bereits ein wesentlich einfacheres Verfahren gab, das zum gleichen Ergebnis wie das unsere führte. Eine Unternehmensgründung ergab daher aus unserer Sicht keinen Sinn.“ Das Ende vom Lied: Das Verfahren wird – nach einvernehmlicher Abstimmung mit dem EmaCure-Team – seit 2017 von einem etablierten Hersteller für Medizintechnik und Pharmaprodukten eingesetzt. Der nutzt das von Matthias Pein und seinen Kollegen entwickelte Verfahren auch weiterhin, allerdings nicht in der Wundheilung, sondern in der plastischen Chirurgie.

Abgehakt hat Matthias Pein das Thema Selbständigkeit trotzdem nicht, auch wenn er derzeit mit seiner Tätigkeit als Angestellter in einem Pharmaunternehmen sehr zufrieden ist. „Grundsätzlich möchte ich die Erfahrungen nicht missen wollen, weil es doch eine spannende Zeit war. Ich glaube auch, wenn man einmal mit dem ‚Unternehmervirus‘ infiziert ist, kann man sich gut vorstellen, es noch einmal zu versuchen. Also wenn sich irgendwann eine Möglichkeit bietet, würde ich die Chance auf jeden Fall nutzen.“

Keine Angst vor Fehlern

Die Erkenntnis, dass nicht jede Gründung von Erfolg gekrönt sein muss, setzt sich in  der heranwachsenden Start-up-Szene in Deutschland langsam durch. Immer mehr Gründer gehen zunehmend selbstbewusst mit der Tatsache um, dass, wo Neues entstehen soll, eben auch Fehler gemacht werden, die letztlich auch zur Aufgabe des gerade gegründeten Unternehmens führen können. Dennoch fehlt es in der breiten Öffentlichkeit und den Medien vielfach noch an Verständnis für unternehmerische Misserfolge, stellt Prof. Dr. Andreas Kuckertz fest. Er ist Leiter des Fachgebiets Unternehmensgründungen und Unternehmertum an der Universität Hohenheim und Initiator der Studie „Gute Fehler, schlechte Fehler– wie tolerant ist Deutschland im Umgang mit gescheiterten Unternehmern?“ „Es stimmt schon, dass die Kultur des Scheiterns in der Start-up-Szene ganz gut angekommen ist. Aber unter dem Strich neigen wir in Deutschland immer noch zu schnell dazu, Unternehmer, die Schiffbruch erlitten haben, zu stigmatisieren. Dahinter steckt zum einen der in Deutschland tief verwurzelte Hang zum Perfektionismus, der zweifellos auch wichtig und notwendig ist, aber eben jeden Fehler, jeden Misserfolg sehr kritisch bewertet. Zum anderen gibt es meiner Ansicht nach auch ein Wahrnehmungsproblem. Jeder kennt solche Fälle wie die Schlecker-Pleite, die natürlich desaströs sind und so nicht hätten passieren dürfen. Das entspricht aber keinesfalls dem Gros der mittelständischen Unternehmen, die im Fall der Fälle ganz geordnet geschlossen werden. Und es entspricht schon gar nicht  dem jungen Unternehmer, der vielleicht etwas Innovatives, etwas Neues ausprobieren wollte und dann festgestellt hat, dass es keinen Markt dafür gibt. Der wird dann womöglich gleichgesetzt mit einzelnen Unternehmer, die in der Presse für negative Schlagzeilen sorgen. 

Ein solches gesellschaftliches Stigma habe er persönlich nie erfahren, so die Erfahrung von Martin Allmendinger: „Und selbst wenn, sollte es einen als Unternehmer nicht groß interessieren, was die anderen sagen. Jeder Unternehmer geht ein Risiko ein, weil niemand wirklich zu 100 Prozent sagen kann, ob es klappt oder nicht.“ Den Begriff des Scheiterns an sich hält der studierte Betriebswirt und Unternehmer sowie Co-Autor der oben genannten Studie daher auch für grundsätzlich unpassend: „Scheitern steht meiner Ansicht nach für einen finalen, absoluten und unumkehrbaren Tiefpunkt. Wenn man alles auf eine Karte gesetzt hat, wirklich alles verloren hat – insbesondere persönlich –  und nur schwer aus dieser Situation wieder herauskommt. Wir wurden damals wohl eher als nicht erfolgreich wahrgenommen. Das ist ein Unterschied für mich. Wenn man mit einem Projekt oder einer Idee nicht erfolgreich ist, sagt man, okay, wir haben es ausprobiert, aber es hat nicht funktioniert. Also versuchen wir etwas Neues. Viel wichtiger ist dabei auch, dass man ein gutes und harmonierendes Team gefunden hat. Ein richtig gutes Team kann verschiedene Ideen umsetzen und darauf aufbauend theoretisch auch mehrere Unternehmen gründen.“

Frau macht sich Notizen, wirkt nachdenklich

Lernen durch Erfahrung

Martin Allmendinger und seine Kollegen hatten im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Universität Hohenheim eine digitale Plattform weiterentwickelt, das zu besseren Entscheidungen bei Verhandlungen beitragen sollte. Ihre Gründung haben sie mit Hilfe von EXIST-Gründerstipendium vorbereitet. „Letztlich hatten wir zwar eine technische Lösung, nur gab es das dazugehörige Problem eigentlich gar nicht auf dem Markt. Wir sind da viel zu akademisch dran gegangen und mussten letztlich feststellen, dass ein international angesehenes Forschungsprojekt noch lange nicht bedeutet, dass es deswegen auch einen Markt nach wirtschaftlichen Spielregeln gibt.“

Natürlich habe es ihn und seine Partner gewurmt, dass sie keinen Erfolg hatten, so Martin Allmendinger. „Aber trotzdem war dieses eine Jahr, in dem wir EXIST-Gründerstipendium erhalten haben, unglaublich wichtig für uns als Team, weil wir alle drei gemerkt haben, dass Unternehmertum für jeden von uns genau das richtige ist und wir uns als Team gegenseitig auch sehr gut ergänzen und wertschätzen. Wir hätten ja auch jederzeit hier in Süddeutschland attraktive Jobs bei großen Unternehmen suchen und sicherlich bekommen können. Aber uns wurde klar, wie wichtig uns allen Unabhängigkeit und  Entscheidungsfreiheit sind. Frei zu agieren nach unserem Maßstab, nach unseren Werten und nicht einfach das machen zu müssen, was ein Vorgesetzter sagt.“ Hoch motiviert und um viele Erfahrungen reicher, haben Martin Allmendinger und seine Gründungspartner dann einen Neustart gewagt und in 2014 das Beratungs- und Softwareentwicklungsunternehmen OMM Solutions GmbH mit heute 10 Mitarbeitern gegründet. Seitdem unterstützen sie Unternehmen bei der Planung und Umsetzung der digitalen Transformation und sind damit sehr erfolgreich.

Das gilt auch für Carsten Hoppe und sein Biotech Start-up ProVisus Ophthalmics. Seinen ersten Gründungsversuch hatte der Biochemiker mit einer Technologieplattform gemacht, um Tierversuche bei Augentherapeutika durch alternative Verfahren zu ersetzen. Unterstützt wurde er bei seiner Gründung durch den Gründerservice an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Schluss war für das EXIST-unterstützte Vorhaben letztlich mit der fehlenden Anschlussfinanzierung. Carsten Hoppe: „Der Grund dafür war, dass wir in erster Linie eine technische Lösung entwickeln wollten. Die gewerbliche Anwendbarkeit und auch die Frage der Vermarktung waren für uns eher zweitrangig. Das ist bei unserem neuen Unternehmen ganz anders. Jetzt stehen die wirtschaftlichen Aspekte im Vordergrund, gefolgt von der methodenhaften Umsetzung.“

Seit 2010 führt Carsten Hoppe zusammen mit seinen Kollegen erfolgreich ein international tätiges pharmazeutisches Unternehmen und einen Arzneimittelgroßhandel. Dass es mit dem ersten Unternehmensstart nicht geklappt hat, sieht er inzwischen gelassen. „Es gehört einfach dazu. Wenn man hinfällt, muss man lernen, wieder aufzustehen und weiterzugehen. Das stärkt einen. Dazu kommt, dass ein Scheitern ja letztendlich auch hilft, Ressourcen zu sparen. Anstatt in ein aussichtloses Projekt zu investieren, ist man gefordert, flexibel zu sein und sich an neue Denkansätze zu wagen.“

Treppe aus Holzbausteinen

Perspektive Neustart

Laut Deutschem Startup Monitor 2016 würden 61 Prozent der befragten Jungunternehmer nach einem Scheitern wieder ein Start-up gründen wollen. Genau deswegen sind Beispiele wie das von Martin Allmendinger, Carsten Hoppe oder auch Matthias Pein so wichtig. Sie zeigen, dass es unternehmerische Experimentierräume braucht, die Fehler und grob gesagt „Unternehmenspleiten“ zulassen, um Lern- und Innovationsprozesse weiterzuführen und einen (eventuell späteren)  unternehmerischen Neustart zu erleichtern. „Aber nicht nur für Start-ups!“ wünscht sich Prof. Dr. Andreas Kuckertz: „Nehmen Sie zum Beispiel einen Gastronom: Ist er neu im Geschäft, muss er sich überlegen, wie er am besten Kunden wirbt. Ist er bereits etabliert, muss er immer wieder überlegen, wie er sich am Markt halten kann. Bei all diesen Überlegungen und Maßnahmen kann einfach auch viel schiefgehen. Das ist das viel zitierte unternehmerische Risiko. Und da wünsche ich mir mehr gesellschaftliche Akzeptanz. Anderenfalls laufen wir Gefahr, neue Ideen oder Innovationen im Keim zu ersticken.“ 

Dass sich Start-up-Gründer bislang mit einem Neustart womöglich leichter tun als der Großteil der anderen Gründer dürfte dabei noch andere Gründe haben. Beispiel Finanzierung: Wer seinen Unternehmensstart mit Unterstützung von Zuschüssen wie EXIST sowie mit Beteiligungen durch Investoren finanziert, sitzt, wenn es schiefgeht, nicht auf einem Schuldenberg. Anders sieht es bei Gründern und Gründern aus, die ein Darlehen in Anspruch nehmen. Scheitern sie mit ihrem Unternehmen, müssen sie in der Regel zunächst ihre Kredite tilgen, bevor an einen unternehmerischen Neustart zu denken ist.

Es kann klappen, muss aber nicht …

Wie auch immer: Damit der Frust über den zerplatzten Start-up-Traum nicht allzu groß wird, rät Martin Allmendinger von vorneherein zu einer guten Portion Realismus. „Wir sollten doch inzwischen alle wissen, dass es mindestens sieben von zehn Start-ups eher nicht schaffen. Und wenn man mit diesem Risikobewusstsein als Erstgründer an die Sache herangeht, kommt man damit auch gut zurecht. Es gibt sehr viele Gründer, die schließen die Möglichkeit kategorisch aus, dass sie keinen Erfolg haben könnten. Wer in so einer Parallelwelt lebt und nicht in der Lage ist, seine Situation laufend zu reflektieren, hat es dann schwer, mit einer Bruchlandung umzugehen. Psychologisch und strategisch halte ich es daher für wichtig, die Erwartungshaltung bewusst eher niedrig zu halten. Wir haben immer gesagt: ‚Schau‘n wir mal, was passiert‘, und nicht ‚Ich bin in zwei Jahren Millionär‘ und sind damit bislang sehr gut gefahren.“

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