EXIST-Dialog

„Der Staat sollte Gründerinnen und Gründern bessere Bedingungen bieten“

Heiko Bergmann

Heiko Bergmann

Interview mit Heiko Bergmann vom Schweizerischen Institut für Klein- und Mittelunternehmen an der Universität St. Gallen ist an dem Forschungsprojekt „Global Entrepreneurship Monitor“ (GEM) beteiligt. GEM vergleicht jedes Jahr Gründungsaktivitäten in 42 Ländern.

Was ist der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) genau?

Bergmann: Der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) ist ein internationales Forschungsprojekt, das 1997 die London Business School (UK) und das Babson College (USA) entwickelt haben. Bis dahin gab es keine Datengrundlage, auf deren Basis man den Umfang und die Art von Gründungsaktivitäten international vergleichen konnte. Das Global-Entrepreneurship-Monitor-Projekt untersucht Gründungsaktivitäten in 42 Ländern weltweit. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die folgenden drei Forschungsfragen: In welchem Maße variiert das Niveau der Gründungsaktivitäten zwischen Ländern? Welche Faktoren hemmen bzw. fördern Gründungsaktivitäten? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Gründungsaktivitäten und dem wirtschaftlichen Wachstum eines Landes? Dazu wurden 2007 weltweit mehr als 140.000 Personen nach ihren unternehmerischen Aktivitäten und Einstellungen befragt.

Wie erfolgreich sind Förderprogramme Ihrer Meinung nach?

Bergmann: Der Erfolg von Programmen zur Gründungsunterstützung lässt sich nur in den seltensten Fällen an der Gesamtzahl der Gründungen in einem Land oder einer Region ablesen. Ich glaube generell, dass die Bedeutung von Förderprogrammen überschätzt wird. Viele sehr erfolgreiche Gründungen haben nie Fördermittel beantragt. Geförderte Gründungen entwickeln sich in den meisten Fällen auch nur durchschnittlich. Die Beantragung von Fördergeldern bedeutet für Unternehmensgründerinnen und Unternehmensgründer Aufwand und lenkt vom eigentlichen Tagesgeschäft ab. Der Staat sollte sich weitgehend auf die Schaffung positiver Rahmenbedingungen konzentrieren. Dann sind Förderprogramme weniger notwendig.

Worin unterscheiden sich Deutschland und die Schweiz in Bezug auf Gründungsaktivitäten und deren Unterstützung?

Bergmann: Die Rahmenbedingungen für Entrepreneurship unterscheiden sich deutlich zwischen Deutschland und der Schweiz. Das Angebot an Förderprogrammen für Unternehmensgründungen ist in der Schweiz in den vergangenen Jahren zwar professionell ausgebaut worden, liegt aber immer noch deutlich unter dem Niveau Deutschlands. In Deutschland beispielsweise haben Gründungen aufgrund fehlender Erwerbsalternativen in den vergangenen Jahren sehr stark zugenommen. Unter den Industrienationen nimmt Deutschland daher inzwischen einen unrühmlichen Spitzenplatz ein, was den Anteil der „Notgründungen“ angeht. Trotz Förderanstrengungen ist die Anzahl an Hochtechnologiegründungen demgegenüber eher rückläufig. In der Schweiz findet man eine völlig andere Situation vor. Der Anteil der Gründungen aus der Not ist in der Schweiz sehr gering. Die Gründungsquote liegt hier zudem insgesamt höher als in Deutschland, wo sich der Arbeitsmarkt in letzter Zeit auffällig entspannt hat.

Was genau können wir von den Schweizern in Bezug auf Gründungen lernen?

Bergmann: In Deutschland wird immer schnell der Ruf nach dem Eingreifen des Staates und nach neuen Förderprogrammen laut, sobald man irgendwo eine Schwachstelle oder eine nicht zufrieden stellende Situation festgestellt hat. Stattdessen sollte man stärker auf die Kraft der Unternehmerinnen und Unternehmer vertrauen und diesen möglichst positive Rahmenbedingungen bieten, insbesondere im Hinblick auf die steuerliche und administrative Belastung, die in Deutschland verbesserungswürdig ist. Wenn man Unternehmerinnen und Unternehmer fragt, was sie vom Staat erwarten, sind es selten Förderprogramm sondern meist stabile und unternehmensfreundliche Rahmenbedingungen. Hier kann Deutschland noch von der Schweiz lernen. In der Schweiz gibt es auch zwischen den Kantonen einen erheblichen Steuerwettbewerb, der die steuerliche Belastung der Unternehmen niedrig hält. Auch das Thema Verringerung der administrativen Belastung hat eine sehr hohe Bedeutung.

Kontakt:

Dr. rer. pol. Heiko Bergmann
Schweizerisches Institut für Klein- und Mittelunternehmen
an der Universität St. Gallen
KMU-HSG
Dufourstrasse 40a
CH - 9000 St. Gallen
heiko.bergmann@unisg.ch
www.kmu.unisg.ch (www)