EXIST-Dialog

"War die Zukunft früher besser?"

Prof. Dr. Andreas Knie

Prof. Dr. Andreas Knie
Foto: Georg Kumpfmüller

Interview mit Prof. Dr. Andreas Knie, Leiter der Projektgruppe “Mobilität”, Bereichsleiter DB Rent GmbH, Geschäftsführung Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel GmbH (InnoZ) und Professor an der Technischen Universität Berlin.

Herr Professor Knie, fallen Ihnen auf Anhieb drei deutsche Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler ein, die sich in der Vergangenheit mit innovativen Geschäftsideen selbständig gemacht haben?

Prof. Knie: Aber ja, da fällt mir eine ganze Reihe ein: Carl von Linde beispielsweise war Professor für Maschinenbau an der Polytechnischen Schule München und hat sich dort unter anderem mit der Entwicklung kältetechnischer Anlagen beschäftigt. Nachdem er eine Kühlmaschine entwickelt hatte, die beim Bierbrauen für eine konstante Temperatur beim Gärungsprozess sorgte, gründete er 1879 die „Gesellschaft für Linde’s Eismaschinen AG“. Das Unternehmen war innerhalb kürzester Zeit in Europa führend auf dem Gebiet der Kältetechnik. Dann fällt mir Hugo Junkers ein, Professor für Thermodynamik an der Technischen Hochschule Aachen und Grün der zahlreicher Unternehmen wie Junkers & Co, der Junkers Flugzeugwerke AG, der Junkers Flugzeugführerschule oder auch der Versuchsanstalt Professor Junkers. Und wer kennt nicht Konrad Zuse, der nach seinem Ingenieurstudium den Grundstein für die Entwicklung des ersten Computers gelegt hat. Von ihm stammt übrigens auch die erste universelle Programmiersprache. Mit seinem Unternehmen, der „Zuse Apparatebau“, hat er seine Idee umgesetzt und die von ihm hergestellten Computer verkauft.

Sind diese Beispiele eher Ausnahmen gewesen oder war es die Regel, dass im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Wissenschaftler und Hochschulabsolventen auch als Unternehmer tätig waren?

Prof. Knie: Damals war es tatsächlich sehr populär, als Wissenschaftler und Hochschullehrer ein Unternehmen zu führen. Alois Riedler hat sich zum Beispiel bei seiner Berufung zum Rektor der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg ausbedungen, weiter als Unternehmer tätig sein zu dürfen. Dabei hat er nicht nur Maschinen konstruiert, sondern war auch Rationalisierungsberater, also eine Art Unternehmensberater. Unter dem Strich kann man also festhalten: Die Unternehmen der damaligen sciencebased-industry wurden überwiegend von Wissenschaftlern gegründet. Es war viel selbstverständlicher als heute, dass man als Hochschullehrer auch unternehmerisch tätig war. Wobei ich sagen muss, dass im Vergleich zu anderen Ländern Deutschland auch damals eine geringere Gründungsquote hatte. Selbst in der so genannten Gründerzeit, Ende des 19. Jahrhunderts, waren andere Länder da wesentlich aktiver. Aber feststeht, dass der Anteil der Hightech-Gründer, wie wir heute sagen würden, damals auf jeden Fall höher war. Nur dass damals nicht Hightech, Lifescience, Materialforschung, Verkehr und Logistik zu den innovativen Branchen gehörten, sondern Maschinen- und Fahrzeugbau, Luftfahrt, Chemie und Pharmazeutik sowie Anlagen- und Maschinenbau. Seit Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es für deutsche Verhältnisse daher ein kontinuierliches Gründungsgeschehen, das fast bis 1945 angehalten hat. Dann kam eine deutliche Zäsur.

Diese Zäsur kam durch die beiden Weltkriege zustande?

Prof. Knie: Ja, insbesondere der Zweite Weltkrieg hatte einen ganz wesentlichen Einfluss. Sowohl Hochschulen als auch wissenschaftsorientierte Unternehmen erhielten ja damals lukrative Aufträge vom Staat, die in erster Linie militärischen Zwecken dienten. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs setzte in den Wissenschaften dann ein Umdenken ein. Es war unwiderlegbar, dass die Wissenschaften eine Mitverantwortung an der Zerstörung und dem menschlichen Leid hatten. Spätestens nach den Atombombenabwürfen auf Nagasaki und Hiroshima wurde deutlich, dass Wissenschaft weder wertfrei noch moralisch integer war. Wissenschaftler in den USA und in Europa riefen daher zu einem Umdenken auf. Es gab eine große moralische wissenschaftliche Debatte um klare Trennungslinien zwischen Wissenschaft und Staat und Wissenschaft und Wirtschaft. Nehmen Sie beispielsweise das Manifest von Bertrand Russell, Albert Einstein und weiteren namhaften Wissenschaftlern.

Man wollte sich nun nicht mehr für politische Interessen instrumentalisieren lassen. Auch die ökonomische Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse wurde in dem Zusammenhang kritisch gesehen. Nach 1945 zog insbesondere in Deutschland in den Hochschulverwaltungen ein neuer Geist ein, der auf die hohe wissenschaftliche Autonomie setzte. Unternehmensgründungen wurden nicht nur nicht unterstützt. Im Gegenteil: Es gehörte in der Wissenschaftsgemeinde auch schlichtweg nicht mehr zum guten Ton, seine Forschungsergebnisse wirtschaftlich direkt zu verwerten und ein Unternehmen zu gründen. Vereinfacht kann man sagen: Es begann der Rückzug in den Elfenbeinturm – zumindest tendenziell. Wissenschaft galt nunmehr am produktivsten, wenn sie unabhängig von Aufträge bzw. Zugriffen des Staates und frei von ökonomischem Druck war. Vielleicht wollte man es auch als eine Art Läuterungsprozess sehen.

Hinzu kamen weitere Faktoren: So war das Unternehmerbild generell in Deutschland in den 60er, 70er Jahren nicht besonders populär. Außerdem richteten Industrieunternehmen immer häufiger eigene Forschungslabore ein, um Grundlagenforschung zu betreiben. Aufträge aus der Industrie gingen daher zurück.

Aber seit den letzten Jahrzehnten weht doch wieder zunehmend ein „Unternehmergeist“ durch deutsche Hochschulen, oder?

Prof. Knie: Also, wenn ich den „Unternehmergeist“ heutiger Hochschulen mit der Zeit vor 1945 vergleiche, ist er doch noch ein ziemlich „laues Lüftchen“. Da waren die damaligen Hochschulen doch ein ganzes Stück weiter; die begriffen sich als Teil einer Industrielandschaft. An der TH Berlin-Charlottenburg bestanden beispielsweise enge Verbindungen zu Siemens, Borsig oder Daimler. Da war es selbstverständlich, dass wissenschaftliche Mitarbeiter der Hochschule für eine Weile in einem Industrieunternehmen tätig waren oder Wissenschaftler aus Unternehmen an der Uni Vorlesungen hielten. Das war insgesamt alles doch sehr viel flexibler und durchlässiger. Das heißt: Die Verbindung zwischen Hochschule und Unternehmertum war eigentlich immer gegenwärtig, ohne dass es dafür spezielle Programme gab. Auch die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, die Vorgängerinstitution der Max-Planck-Institute, pflegte enge Beziehungen zu Unternehmen.

Aber um zurück auf die heutige Zeit zu kommen: Ja, es tut sich etwas, wenn auch in sehr kleinen und langsamen Schritten. Die Ablehnung unternehmerischen bzw. ökonomischen Denkens hat sich über Jahrzehnte hin sehr verfestigt und wird erst seit relativ kurzer Zeit hinterfragt. Und eigentlich muss man sagen, dass innerhalb der scientific community das unternehmerische Denken und das Interesse an Unternehmensgründungen langsam erst wieder in den 80er Jahren eingesetzt hat. Erste Impulse dafür gab es in den späten 70er Jahren, bedingt durch Veränderungen am Arbeitsmarkt und einer engeren Verbindung zur Industrie sowie der berühmten Debatte um die „technologische Lücke“ zu den USA. Damals begann die Industrie auch ihre unternehmenseigene Forschung zurückzufahren, so dass sowohl die universitäre als auch außeruniversitäre Forschung wieder mehr Aufträge aus der Wirtschaft erhielt. Parallel brach sich eine weitere Erkenntnis bahn, nämlich, dass es immer deutlicher wurde, wie gering der Anteil innovativer Gründungen im Vergleich zu anderen Ländern war. Volkswirtschaftlich begann eine Debatte darüber, wo und wie die innovativen Potenziale der Volkswirtschaft zu heben sind. In dieser Zeit entstanden dann Förderprogramme wie EXIST.

Mittlerweile gibt es natürlich Hochschulen und vor allen Dingen auch Fachhochschulen, die sehr gute Arbeit leisten und sowohl ihr wissenschaftliches Personal als auch ihre Absolventen auf eine berufliche Karriere – sei es als selbständige Unternehmer oder als Angestellte vorbereiten. Speziell was die Etablierung von Förderangeboten an Hochschulen angeht, hat EXIST viel Positives dazu beigetragen. Dennoch sprechen wir hier immer noch über Ausnahmeerscheinungen. Die Folgen davon, dass Hochschulen jahrzehntelang fast ausschließlich für die Hochschulen selbst ausgebildet haben, sind heute leider immer noch spürbar. Es mangelt immer noch sowohl an praxisorientiertem Fachpersonal als auch an Existenzgründern.

Speziell in den Naturwissenschaften ist der Weg zum eigenen Unternehmen bis heute kein normaler beruflicher Weg. Aber auch in den anderen Studiengängen ist die Situation kaum besser. Der Weg von der Wissenschaft in die Wirtschaft bleibt leider zum großen Teil immer noch sehr steinig. Das Bild des Wissenschaftsunternehmers ist wenig populär und wissenschaftlich noch nicht wirklich akzeptiert.

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