EXIST-Dialog

"Für eine breit verankerte ‚Gründungskultur’ fehlt es in Deutschland noch an geeigneten Voraussetzungen."

Dr. Marianne Kulicke

Dr. Marianne Kulicke

Interview mit Dr. Marianne Kulicke vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe. Sie begleitet seit 1999 das Programm "EXIST - Existenzgründungen aus der Wissenschaft" und ist Jurymitglied beim Wettbewerb Gründung.NRW sowie bei SIGNO Hochschulen – Strategieförderung, einem Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, das zur Verbesserung des Technologietransfers an Hochschulen beiträgt. Darüber hinaus ist sie Mitglied des Evaluationsteams für das österreichische A plus B-Programm, das zu Gründungen an Hochschulen motiviert.

Frau Dr. Kulicke, was bedeutet Nachhaltigkeit im Kontext der EXIST-Förderung?

Dr. Kulicke: Durch das EXIST-Förderinstrumentarium konnte in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Maßnahmen auf den Weg gebracht werden, um Hochschulen zum Aufbau einer Gründungskultur zu verhelfen. Ergänzend dazu wurden Gründungslehrstühle mit Hilfe von Stiftungsmitteln eingerichtet. Die meisten davon sind heute an den Hochschulen etabliert und haben ihre Kapazitäten sogar teilweise in Form von Entrepreneurship-Instituten ausgebaut. Also: Wenn man die heutige Situation mit der von vor zehn Jahren vergleicht, hat sich in Sachen „Gründungskultur“ doch sehr viel an Hochschulen getan. Der Anfang ist also gemacht und der Bund hat dazu mit EXIST eine wichtige Anschubfinanzierung geleistet.

Aber um den Weg weiter zu beschreiten und die vielen guten Ansätze nicht im Sande verlaufen zu lassen, braucht es weitere finanzielle Unterstützung. Und hier sind die Hochschulen aufgefordert, sich um die notwendige Anschlussfinanzierung zu kümmern, sei es über Landes- oder EU-Mittel oder über private Sponsoren. Nachhaltigkeit im Sinne von EXIST bedeutet daher, dass die Hochschulen die Voraussetzungen dafür schaffen, um die eingeleiteten Maßnahmen zur Etablierung einer Gründungskultur dauerhaft und in eigener Verantwortung fortzuführen.

Der Gedanke der Nachhaltigkeit war von Beginn an fester Bestandteil von EXIST. Sehen Sie bei den EXIST-Projekten der „ersten Stunde“ diesen Gedanken bereits in der Praxis umgesetzt?

Dr. Kulicke: Bei den ersten EXIST-Projekten war eine Aufgabenteilung zwischen Hochschulen und externen Netzwerkpartnern geplant. Die Hochschulen haben sich auf ihre Kernaufgaben in Lehre und Forschung konzentriert und die Entrepreneurship Education vorangetrieben. Die Netzwerkpartner sollten sich demgegenüber um die praxisnahe Gründerbetreuung und anteilige Finanzierung der verschiedenen Maßnahmen kümmern. Dahinter stand der richtige Gedanke, dass für den Aufbau einer dauerhaften Gründungsinfrastruktur gleichermaßen sowohl private als auch öffentliche Mittel notwendig sind. Nur muss man sehen, dass damals andere Verhältnisse herrschten: Der Neue Markt entwickelte sich dynamisch, die Internetbranche boomte, die Euphorie war groß. Beteiligungskapitalgeber erwarteten, dass sich mit Neugründungen aus dem High-Tech-Bereich Geld verdienen ließ, und empfingen die Gründungsteams auch aus den Hochschulen mit offenen Armen - bis zu dem Punkt, an dem die Internetblase platzte und viele der neu gegründeten Unternehmen keine Anschlussfinanzierungen erhielten und z.T. wieder schließen mussten. Und damit zogen sich auch die privatwirtschaftlich arbeitenden Netzwerkpartner größtenteils zurück. In den folgenden Jahren haben sich die Hochschulen dann auf die Entrepreneurship Education und die Betreuung von Gründungsvorhaben konzentriert und dazu teilweise Hochschulmittel eingesetzt bzw. Landes- und EU-Mittel oder eine weitere Förderung durch EXIST erhalten. Aber dies reicht bei weitem nicht aus, um eine Nachhaltigkeit im oben beschriebenen Sinn zu finanzieren.

Warum können die bisherigen Finanzierungsmodelle nur partiell für Nachhaltigkeit sorgen?

Dr. Kulicke: Das liegt nach meiner Ansicht u.a. daran, dass für die Schaffung einer breit verankerten „Gründungskultur“ Voraussetzungen in den Hochschulen gegeben sein müssten, wie wir sie in Deutschland so noch nicht haben. Gründungskultur setzt auch eine Verwertungskultur voraus, d.h. bei zumindest einem Teil der Wissenschaftler und Forscher in Hochschulen und Forschungseinrichtungen eine Haltung, die Ergebnisse der eigenen Arbeit in eine kommerzielle Verwertung überführen zu wollen, aber auch die Fähigkeiten, Potenziale für Anwendungsmöglichkeiten von Forschungsergebnissen zu erkennen. Eine solche „Kultur“ drückt somit eine ganz bestimmte Haltung aus, die besagt: „Wir sind eine unternehmerisch denkende und handelnde Hochschule.“ Eine Hochschule also, deren Leitung, Verwaltung und Mitarbeiter sich dessen bewusst sind, dass die Arbeit ihrer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ganz entscheidend zur wirtschaftlichen Wertschöpfung beiträgt und ihre Ideen, Produkte und Leistungen kommerziell verwertet. Dabei ist die Gründung von Unternehmen zweifellos eine Möglichkeit der Verwertung. Aber: Es ist eben nur eine Variante von mehreren. Wesentlich häufiger realisierte Verwertungswege bei Patenten sind Lizenzverträge mit etablierten Unternehmen und der Verkauf von Patenten an solche Unternehmen. Bei den Verwertungsformen für nicht durch Schutzrechte abgesicherte Forschungsergebnisse dominieren neben Publikationen/Konferenzen die Wege Basis für Drittmittelakquisitionen und Verwertung durch Unternehmen, mit denen kooperiert wird. Nur selten beteiligen sich Hochschulen in Deutschland als Gesellschafter an Ausgründungen und ihre Anteile (z.B. gegen Einbringen von Schutzrechte) sind dann so niedrig bzw. führen so selten zu nennenswerten finanziellen Rückflüssen, dass allein mit der Förderung von Unternehmensgründungen keine Hochschule die finanziellen Ressourcen erwirtschaften kann, um eine dauerhafte Gründungskultur beziehungsweise eine unternehmerisch denkende und handelnde Hochschule zu etablieren.

Und woher könnten die notwendigen finanziellen Mittel kommen?

Dr. Kulicke: Wenn wir uns Großbritannien oder die USA anschauen: Dort hat sich an einigen der renommiertesten Hochschulen eine nachhaltige unternehmerische Denk- und Handlungsweise über einen langen Zeitraum etablieren können: Sowohl am MIT und an der Stanford University als auch an den britischen Eliteuniversitäten Cambridge und Oxford gibt es beispielsweise eigene Verwertungsgesellschaften, die sich mit der Verwertung von FuE-Ergebnissen beschäftigen. Dort stehen zahlreiche hoch qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bei der Technologietransfer-Gesellschaft der Universität Oxford sind es beispielsweise 56, zur Verfügung, deren Aufgabe es ist, nach Möglichkeiten zu suchen, die Forschungsergebnisse ihrer Hochschule wirtschaftlich zu verwerten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu beraten und selbstverständlich auch Gründungsvorhaben zu betreuen.

Diese Einrichtungen wurden in den ersten acht bis zehn Jahren, zumindest in Großbritannien, mit einer Anschubfinanzierung aus Universitätsmitteln und öffentlichen Mitteln unterstützt. Mittlerweile tragen sie sich selbst und erwirtschaften deutliche Rückflüsse, weil sie eben das gesamte Register der Verwertung ziehen und sich nicht nur auf die Förderung von Unternehmensgründungen beschränken.

Wie bewerten Sie die Chancen für eine solche Entwicklung an deutschen Hochschulen?

Dr. Kulicke: In Deutschland sind die Idee der unternehmerisch handelnden Hochschule und damit auch der Verwertungsgedanke im Vergleich dazu nur schwach ausgeprägt. Es gibt zwar gute Ansätze wie die TuTech Innovation GmbH der Technischen Universität Hamburg-Harburg, die Humboldt Innovation GmbH der Humboldt Universität in Berlin oder das Projekt UnternehmerTUM der Technischen Universität in München, die mit größeren personellen Kapazitäten die Verwertung von Forschungsergebnissen oder Ausgründungen fördern. Interessant ist, dass die TU München sogar beim Exzellenz-Wettbewerb mit ihrem Konzept einer unternehmerischen Hochschule, der „TUM.The Entrepreneurial University“, erfolgreich war. Aber die überwiegende Haltung der Hochschulleitungen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist doch nach wie vor, dass Verwertung bzw. Kommerzialisierung nicht zum Kerngeschäft der Universitäten gehören. Außerdem haben Hochschulen in Deutschland aufgrund ihrer anderen Trägerstruktur nur relativ begrenzte finanzielle Möglichkeiten mit der Folge, dass auch in der Regel keine Ressourcen für den Aufbau professioneller Verwertungsstrukturen zur Verfügung gestellt werden können.

Hinzu kommt, dass das Gewicht sowohl des Gründungs- als auch des Verwertungsthemas insgesamt immer noch stark von der personellen Besetzung der Hochschulleitung abhängen. Die mangelnde institutionelle Verankerung verhindert aber die kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Thema und den nachhaltigen Aufbau notwendiger Strukturen.

Was wäre notwendig, um Verwertungsgesellschaften nach anglo-amerikanischem Vorbild zu schaffen?

Dr. Kulicke: Zunächst einmal müsste, wie schon gesagt, von Seiten der Hochschulen die Möglichkeiten bestehen - und auch die Notwendigkeit erkannt werden -, solche Verwertungsgesellschaften einzurichten. Dabei muss man sorgfältig abwägen, für welche Hochschulen sich solche Einrichtungen überhaupt lohnen würden. Es kommen in erster Linie die großen forschungsstarken Hochschulen in Frage, die über die notwendige kritische Masse verfügen, damit sich das Verwertungsgeschäft langfristig auch tatsächlich rentiert. Von öffentlicher Seite wäre eine Basisfinanzierung notwendig, die den Aufbau in den ersten fünf bis sechs Jahren unterstützt. Dies erfordert allerdings ein Umdenken in der Förderpolitik, die ihre Förderprogramme bislang meist in Dreijahresscheiben anlegt. Drei Jahre reichen allerdings nicht aus, um Strukturen zu schaffen, die auf Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Tragfähigkeit angelegt sind. Hinzu kommt, dass sie für befristete Drei-Jahres-Verträge keine Mitarbeiter mit den notwendigen Qualifikationen und Erfahrungen bekommen. Verwertungsgesellschaften, die erfolgreich arbeiten sollen, benötigen aber hoch qualifiziertes Personal, das in der Lage ist, gemeinsam mit den Forscherinnen und Forscher den geeigneten Weg der Verwertung zu finden und den Verwertungsprozess zu begleiten. Ein weiteres gravierendes Problem ist, dass Hochschulen solche Mitarbeiter nicht finden werden, so lange sich die Höhe der Gehälter am Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst bemisst.

Aber warum ist es für Hochschulen überhaupt sinnvoll, vermehrt in unternehmerischen Kategorien zu denken?

Dr. Kulicke: Hochschulen stehen zunehmend im Wettbewerb: um begabte Studienanfänger, qualifiziertes wissenschaftliches Personal und Drittmittel aus der freien Wirtschaft. Dieser Wettbewerb findet nicht nur innerhalb Deutschlands statt, sondern ist zunehmend international ausgerichtet.

Fangen wir bei den Studienanfängern an: Hier kann die Entrepreneurship Education zweifellos ein Wettbewerbsfaktor werden, wenn Hochschulen das Thema breiter vermarkten und nicht nur damit werben, das Handwerkszeug für Unternehmensgründungen zu vermitteln, sondern auch im Curriculum die Vermittlung von unternehmerischem Denken und Handeln verankern. Es geht also nicht nur um Entrepreneurhsip, sondern gleichermaßen um Intrapreneurship. Es ist doch kein Geheimnis mehr, dass Unternehmen von ihrem zukünftigen Führungspersonal nicht nur fachliche, sondern auch unternehmerische Kompetenzen erwarten, sei es zu Fragen der Unternehmensorganisation, der Vertriebsorientierung, der Mitarbeiterführung, Kommunikation usw. Die Absolventen bekommen also nicht nur die Chance, sich auf eine Karriere als selbständiger Unternehmer vorzubereiten, sondern werden gleichermaßen auch auf die Anforderungen in der Arbeitswelt in größeren Unternehmen vorbereitet.

Ein weiterer Punkt ist der Wettbewerb um wissenschaftliches Personal. Sehen Sie: Ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an deutsche Hochschulen berufen werden, erwarten entsprechende Angebote wie Verwertungsgesellschaften, die sie bei der Umsetzung ihrer Forschungsergebnisse unterstützen. Darüber hinaus trägt das Verwertungsgeschäft zur Profilierung der Hochschulen bei. Es macht nach außen hin deutlich, dass Forschung an der Hochschule nicht nur der Erarbeitung wissenschaftlicher Grundlagen dient, sondern genauso auch durch seine Anwendung in der Praxis zur Wertschöpfung beiträgt. Dadurch wird die Hochschule interessant für Forschungsaufträge aus der Wirtschaft. Flankierend dazu dient das Verwertungsgeschäft dazu, die notwendigen finanziellen Ressourcen zu erwirtschaften, die notwendig sind, um dauerhafte Strukturen und Angebote an der Hochschule einzurichten, die für den notwendigen Gründer- und Unternehmergeist sorgen.

Und schließlich der Wettbewerb um Sponsoren. Es gibt zwei Gründe, warum sich Sponsoren aus der freien Wirtschaft an Hochschulprojekten beteiligen. Erstens: Um damit Geld zu verdienen, indem sie sich zum Beispiel über Kooperationen mit Unternehmensgründungen Zugang zu Forschungsvorhaben und neuartigen Lösungen verschaffen. Zweitens: Um an Renomée zu gewinnen, indem sie zum Beispiel Lehrstühle stiften oder interessante Technikfelder durch die Finanzierung von Instituten unterstützen. In jedem Fall spielt das Verwertungsmanagement der Hochschule hier eine wichtige Rolle: Es fungiert als eine Art Anlauf- oder Servicestelle für potenzielle Sponsoren, die sich hier einen Überblick über die Forschungsaktivitäten, praktischen Anwendungen und Verwertungsmöglichkeiten informieren können.

Kontakt:

Dr. Marianne Kulicke
Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)
Breslauer Straße 48
76139 Karlsruhe
Tel.: 0721 6809-0
E-Mail: marianne.kulicke@isi.fraunhofer.de
Internet: www.isi.fraunhofer.de (www)