
Prof. Dr. Jürgen Schmude
Seit 2001 sind vier Ausgaben des Rankings "Vom Studenten zum Unternehmer: Welche Universität bietet die besten Chancen?" erschienen. Im November 2009 haben Prof. Dr. Jürgen Schmude und Stefan Heumann vom Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München sowie Prof. Dr. Kerstin Wagner von der Hochschule für Technik und Wirtschaft im Schweizerischen Chur eine weitere Studie veröffentlicht. Unter die Lupe genommen wurde darin die akademische Gründungsförderung an 59 von insgesamt 395 deutschen Hochschulen sowie an 14 Hochschulen in Österreich, der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein.
Herr Prof. Schmude, welche Hochschulbereiche werden bei Ihrem Ranking eigentlich untersucht? Nur die Wirtschaftswissenschaften?
Prof. Dr. Schmude: Nein, wir erfassen mit unserem Ranking nicht nur die Aktivitäten der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten, sondern das komplette Lehrangebot einer Hochschule. Der Grund dafür ist, dass die akademische Gründungslehre ein sehr breites Spektrum abdecken sollte. Das beginnt mit der Sensibilisierung für das Thema „Gründung“, aber beinhaltet natürlich auch die Vermittlung von ganz praktischen Fähigkeiten, wie beispielsweise die Erstellung eines Businessplans, die Finanzierung, Teambildung usw. Hinzu kommen Softskills wie Teamfähigkeit, persönliches Auftreten oder auch kommunikative Kompetenzen. Insofern sollten also nicht nur Wirtschaftswissenschaftler, sondern auch Pädagogen oder Psychologen an der Gründungslehre beteiligt sein, genauso auch Juristen, Mediziner oder Ingenieure. Schließlich bringt jede Fachrichtung ganz besondere Aspekte ein und erfordert je nach Branche auch eine besondere Herangehensweise. Man kann sagen: Je interdisziplinärer die Gründungslehre in der Hochschule aufgestellt ist, desto besser. Das zeigen auch die Ergebnisse des Ranking.
Mittlerweile liegen fünf Rankings vor. Ist es schwierig, Hochschulen für eine Teilnahme zu gewinnen?
Prof. Dr. Schmude: Inzwischen nicht mehr. Wir stellen fest, dass das Interesse der Hochschulen, sich an dem Ranking zu beteiligen, immer mehr zunimmt. Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Ergebnisse deutlich zeigen, was Hochschulen in Sachen Gründungslehre leisten können. Insofern dienen die Ergebnisse auch als Argumentationshilfe, um innerhalb der Hochschule Prozesse anzuschieben, die den Ausbau der Gründungslehre unterstützen. Zum anderen können sich die Hochschulen mit Hilfe des Ranking klarer positionieren. Denn mittlerweile hat sich unter den Studierenden herumgesprochen, dass sich ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern, wenn sie im Rahmen ihres Studiums auch gelernt haben, unternehmerisch zu denken und zu handeln. Sowohl Studierende als auch Unternehmen, die Führungskräfte suchen, nutzen das Ranking daher als Orientierungshilfe.
Wie lauten die wichtigsten Ergebnisse des aktuellen Rankings?
Prof. Dr. Schmude: Bevor wir über die Ergebnisse sprechen, muss man zunächst wissen, dass wir die Studie in acht Themenfelder unterteilt haben, und zwar in 1. Entrepreneurship Education, 2. Außercurriculare Qualifizierung und Betreuung, 3. Externe Vernetzung, 4. Hochschulpolitische Rahmenbedingungen, 5. Kooperation und Koordination, 6. Kommunikation, 7. Mobilisierung und 8. Ausgründungsaktivität. Insgesamt lässt sich feststellen, dass das Niveau gestiegen und sich die Hochschulen in ihren Angeboten ähnlicher geworden sind. Das betrifft insbesondere die „außercurriculare Qualifizierung und Betreuung“ sowie den Bereich „Kommunikation“. Beide stehen im engen Zusammenhang mit den Maßnahmen, die durch EXIST gefördert werden. Große qualitative und quantitative Unterschiede gibt es hingegen beim Lehrangebot der „Entrepreneurship Education“ und bei den „Ausgründungsaktivitäten“. Was die Einzelergebnisse des Rankings betrifft, zeigt sich, dass die Hochschulen, die bereits in den vergangenen Rankings gut abgeschnitten haben, nach wie vor Spitzenplätze belegen. Im aktuellen Ranking ist die Universität Potsdam mit 285 Punkten die Erstplatzierte unter den deutschen Universitäten, gefolgt von der Bergischen Universität Wuppertal, den technischen Universitäten in Dresden und der TU München. Das wichtigste Kennzeichen der Erstplatzierten ist, dass sie ihre Gründungslehre breit aufgestellt haben, und sich nicht nur wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten, sondern auch beispielsweise die Pädagogen sowie die Hochschulleitung die akademische Gründungslehre unterstützen.
Welche Rolle spielt die Förderung durch EXIST?
Prof. Dr. Schmude: Fest steht: „EXIST“-Universitäten“ schneiden tendenziell besser ab als andere Hochschulen. Dabei wirken sich die bisherigen EXIST-Förderrunden I bis III ganz unterschiedlich auf die Ergebnisse der bisherigen Rankings aus. Universitäten, die an EXIST I teilgenommen haben, schneiden besonders bei den eher „Milieu“-orientierten Bausteinen „Hochschulpolitische Rahmenbedingungen“, „Kooperation und Koordination“ und „Mobilisierung“ besser ab. Universitäten, die über EXIST III gefördert werden, können in immerhin vier von acht Bausteinen „Außercurriculare Qualifizierung und Betreuung“, „Externe Vernetzung“, „Hochschulpolitische Rahmenbedingungen“, „Kommunikation“ wesentlich bessere Ergebnisse erzielen als die Kontrollgruppe. Ernüchternd ist allerdings, dass die „EXIST I“- und „EXIST II“-Universitäten beim Baustein „Außercurriculare Qualifizierung und Betreuung“ unter dem Gesichtspunkt der „Nachhaltigkeit“ bestenfalls durchschnittlich abschneiden. Offensichtlich ist es zumindest in der Breite nicht gelungen, das Angebot an Ausbildungs- und Beratungsleistungen nach dem Wegfall der Förderung in annähernd gleichem Umfang aufrechtzuerhalten.
Durchschnittlich sind die „EXIST“-Universitäten auch beim Baustein „Entrepreneurship Education“.
Prof. Dr. Schmude: Stimmt, aber das ist insofern nachvollziehbar, da die Förderung lehrstuhlbezogener Studienangebote keine zentrale Rolle bei EXIST spielt. Die vom Bund unterstützten Qualifizierungsmaßnahmen sind auf Breitenwirkung angelegt und daher meist bei zentralen Einrichtungen oder fachübergreifenden Initiativen angesiedelt. In unserer Studie werden sie unter „Außercurriculare Qualifizierung und Betreuung“ erfasst. Und hier zeigt sich auch die Stärke gegenüber anderen Hochschulen. Dies gilt im Übrigen auch für den Baustein „Externe Vernetzung“, da zahlreiche EXIST-Projekte als hochschulübergreifende Verbundvorhaben angelegt sind.
Stichwort „Bachelor/Master-Studiengänge“: Besteht die Gefahr, dass die Gründungslehre zukünftig immer weiter zurückgedrängt wird?
Prof. Dr. Schmude: Wir erleben, dass mit zunehmender Standardisierung des Curriculums Freiräume eingeengt werden. Das gilt insbesondere für den Bachelor. In den Master finden wir dagegen einiges von dem wieder, was in Diplomstudiengängen möglich war. Allerdings ist aktuell auch eine Gegenbewegung zu beobachten, die wir nicht zuletzt den Studentenprotesten zu verdanken haben. Vielleicht wird es zukünftig ja doch frei wählbare Module geben, die den Studierenden die Möglichkeit bieten, beispielsweise Entrepreneurship-Veranstaltungen in Verbindung mit Leistungsnachweisen zu besuchen. Ich denke, wir müssen noch zwei bis vier Jahre warten, bis tatsächlich der letzte Diplomstudiengang abgeschlossen ist. Noch befinden wir uns ja in einer Übergangszeit.
Wie stellen Sie sich die Integration der Gründerlehre idealerweise vor?
Prof. Dr. Schmude: Es gibt zweifellos viele verschiedene Wege, die Entrepreneurship Education an der Hochschule zu erhalten und auszubauen. Entscheidend ist, dass sie überhaupt Bestandteil des Curriculums ist. Ich halte grundsätzlich frei wählbare Module für wichtig, weil Studenten die Möglichkeit erhalten sollten, Themen nach ihren Neigungen zu wählen. Dabei ist die Gründungslehre nur ein Thema von vielen. Allerdings scheint es für viele Studierende doch von großer Attraktivität zu sein.
Kontakt
Prof. Dr. Schmude
Ludwig-Maximilians-Universität München
Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung
Luisenstraße 37
80333 München
Tel.: 089 289-22876
juergen.schmude@geographie.uni-muenchen.de
www.geographie.uni-muenchen.de (www)
Das Ranking 2009 „Vom Studenten zum Unternehmer: Welche Universität bietet die besten Chancen?“ kostet 50 Euro und ist zu beziehen über:
Andrea Beigel
Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung
Telefon: 089-289-22803
wigeo.sekr@geographie.uni-muenchen.de


Gründungslehre in der Hochschule