
Prof. Dr. Heinz Klandt
Prof. Dr. Heinz Klandt ist seit 1998 Inhaber des ersten deutschen Lehrstuhls für Entrepreneurship an der European Business School in Wiesbaden/Oestrich-Winkel. Er ist geschäftsführender Direktor des bifego – betriebswirtschaftliches Institut für empirische Gründungs- und Organisationsforschung sowie Ehren-Präsident des FGF – Förderkreis Gründungs-Forschung – Entrepreneurship Research und Initiator der jährlichen IntEnt-Konferenz “Internationalizing Entrepreneurship Education and Training“ sowie der G-Forum Konferenz. Im folgenden Interview beurteilt er die Chancen der Gründungslehre bzw. Entrepreneurship-Education in Zeiten von Bachelor und Master.
Gerät bei uns die Gründungslehre im Unterschied zu angelsächsischen Hochschulen wegen Bachelor und Master ins Hintertreffen?
Prof. Dr. Klandt: Wir müssen bei solchen internationalen Vergleichen, die an den Begriffen Bachelor und Master festgemacht werden, vorsichtig sein. Ein Bachelor in den USA und ein Bachelor in Deutschland bzw. in Europa sind nicht ein und dasselbe. Die typischen Bachelor-Programme in USA umfassen beispielsweise acht Semester. Unser Bachelor dauert meist sechs Semester. Dazu kommt, dass die ersten zwei Semester der USA-Version eher allgemeinbildenden Charakter haben. Sie sind also eher mit unserer gymnasialen Oberstufe vergleichbar als mit unseren ersten Hochschulsemestern. Zu Ihrer Frage: Insgesamt sind die Briten und US-Amerikaner sicherlich unverkrampfter, wenn es um das Thema „Selbständigkeit“ geht. Wir können allerdings feststellen, dass auch wir in Deutschland heute schon sehr viel positiver und konstruktiver damit umgehen als noch vor wenigen Jahren.
Inwieweit hat die Bildungsreform die Gründungslehre behindert bzw. gefördert?
Prof. Dr. Klandt: Also, grundsätzlich muss das Thema „Unternehmensgründung“ nicht unter der Umstellung der Studienabschlüsse leiden. Ein solcher Neuanfang bietet viele Chancen. Es kommt aber entscheidend darauf an, wie man die gegebenen Freiräume nutzt. Hier geht es vor allem um Offenheit, um das Interesse am unternehmerischen Handeln, um den Unternehmergeist bei denen, die die Studieninhalte gestalten. Die aktuelle Praxis sieht so aus: Mit dem Bachelor-Studium erhält man meist einen breit gefächerten Einstieg in Betriebswirtschaft und Management. Das ist bei uns an der European Business School also beispielsweise beim Bachelor in General Management so. Hier steht für vertiefende Themen wie die Gründungslehre nur wenig Zeit zur Verfügung.
Das war früher bei den Diplom-Studiengängen anders. Da musste man, wenn man zum Beispiel BWL zum Diplom-Kaufmann studierte, zwei spezielle BWLs auswählen: also beispielsweise BWL der Industrie oder Produktion, des Marketings, der Finanzierung und der Steuerlehre oder der Wirtschaftsprüfung. Darüber hinaus war typischerweise auch noch ein Wahlpflichtfach zu belegen. Ich hatte bei meinem Studium das Wahlpflichtfach Wirtschafts- und Sozialpsychologie gewählt. Damit kamen wir auf zwölf Semesterwochenstunden, die wir oft noch mit zusätzlichen, optionalen Veranstaltungen aufstocken konnten. Solche Schwerpunkte oder Vertiefungen kann man heute auch beim Bachelor wählen. Stundenmäßig kommt man dabei aber nur auf vier bis sechs Semesterwochenstunden. Und selbst wenn dann noch ein General Master folgt, wodurch insgesamt etwa die Semesterzahl eines Diplom-Studiums erreicht wird, kommen nur weitere vier Semesterwochenstunden für Vertiefungen dazu. Das ist also immer noch deutlich weniger als das, was man im Diplom an Gründungslehre hätte genießen können. Anders sieht das natürlich bei einem “Specialist Master for Entrepreneurship“ aus. Den gibt es aber in Deutschland kaum.
Noch etwas: Schauen Sie sich die verfügbare Zeit an, die seinerzeit für Diplomarbeiten zur Verfügung stand und die man heute für Bachelor-und Masterarbeiten hat. Zu der Zeit, als ich meine Diplomarbeit geschrieben habe,
gab es nicht wenige Leute, die alles in allem zwei Jahre für die Arbeit gebraucht haben. Die Bachelor-Arbeit dauert nur sechs Wochen, die Masterarbeit derzeit 16 Wochen. Wenn man sich hier beispielsweise mit einer „Unternehmensgründung“ auseinandersetzen will, kann das nur weit weniger intensiv sein.
Wie schon gesagt: Die Zeitbilanz fällt etwas günstiger zugunsten der Gründungslehre aus, wenn man die Zeiten addiert, die Studierende für einen Bachelor und einen konsekutiven Master insgesamt aufwenden. Diese Kombination haben ja viele Studierende und auch die Hochschulleitungen so im Hinterkopf. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sich das durchsetzt. Für die USA zumindest ist es eher untypisch, ein Masterstudium direkt an einem Bachelor anzuschließen. Die meisten Studierenden belassen es dort beim Bachelor und gehen danach direkt in den Beruf. Ob sie dann später noch einen Master draufsetzen, ist eher die Frage.
Ist die Qualität der Gründungslehre trotz der quantitativen Begrenzung unter dem Strich besser als vorher?
Prof. Dr. Klandt: Ja, von der Idee her schon. Das setzt aber immer voraus, dass an den Hochschulen auch wirklich die Bereitschaft da ist, von einem eher wissenschaftlich theoretisch orientierten Studium auf der Bachelorebene
zu einem eher auf die berufliche Praxis ausgerichteten Studium überzugehen. Bei der partiell von der Politik erzwungenen Veränderung vom Diplom zum Bachelor/Master bestand natürlich auch die Gefahr, dass man vieles nur umetikettiert hat, aus Überzeugung, oder um den Veränderungsaufwand zu begrenzen, so dass sich an manchen Hochschulen die Inhalte vielleicht gar nicht so sehr verändert haben.
Eine solche inhaltliche Veränderung ist wahrscheinlich auch eine Frage des Generationenwechsels bei den Hochschullehrern. Und wenn man die Praxisorientierung und Berufsqualifizierung des Bachelor aber tatsächlich ernst nimmt, ist noch viel Raum für Veränderungen da. In den USA zum Beispiel wird – das habe ich verschiedentlich gehört – auch die Entwicklung eines Businessplans als Bachelor-Arbeit akzeptiert. So etwas wäre durchaus sinnvoll, so wie das Bachelor-Studium angelegt sein soll. Das wäre ein Impuls für die Praxisorientierung des Bachelor mit Blick auf eine unternehmerische Selbständigkeit. Wobei ich hier noch hinzufügen muss: Ich plädiere nicht etwa dafür, von der Hochschule direkt in die Selbständigkeit zu gehen. Es gibt einige empirische Untersuchungen, die zeigen, dass man besser beraten ist, drei, vier oder fünf Jahre in die Praxis in abhängiger Beschäftigung zu gehen, und seine Arbeitgeber sozusagen die Lehrgelder zahlen lässt, die man sonst aus der eigenen Tasche bezahlen müsste.
In welche Richtung wird sich nach Ihrer Einschätzung die Gründungslehre entwickeln?
Prof. Dr. Klandt: Wir machen derzeit einen Lernprozess durch. Wir haben ja nicht auf Anhieb die Struktur gefunden, mit der man auf Dauer arbeiten kann. Es gibt nur wenige Hochschulen, die schon vieljährige Erfahrungen mit Bachelor und Master haben. Man musste erst einmal Erfahrungen sammeln und in der einen oder anderen Richtungen nachkorrigieren. Dazu kommt: Viele Hochschulen sind erst sehr spät auf den Zug aufgesprungen. Deswegen sind viele Dinge auch im Fluss.
Aber ich denke, dass das Potenzial für solche Anpassungen vorhanden ist. Man muss auch bedenken: Entrepreneurship oder Gründungslehre gibt es bei weitem immer noch nicht an allen Hochschulen, sondern nur bei einer Minderheit. Aber wir haben in Deutschland immerhin mehr als 70 einschlägige Professuren. Und die Zahl der Hochschulen, die auch ohne Entrepreneurship-Lehrstuhl Veranstaltungen in der Gründungslehre anbieten, ist sogar noch sehr viel höher.
Eins ist natürlich richtig: Der Bachelor sollte – und wenn’s gut geht, ist er’s auch – von vornherein sehr viel früher für den Berufseinstieg qualifizieren. Wenn man vor hat, sich mit einem Unternehmen selbständig zu machen, ist der Blick für die unternehmerische Praxis geschärft und das Interesse an eher theoretischen Reflexionen nicht so groß. Das ist das Ziel. Der Weg dorthin kann durchaus etwas anders aussehen als bisher. In den USA beispielsweise gibt es für Entrepreneurship-Kurse, in denen ein Businessplan erarbeitet wird, zwei verschiedene Ansätze: Der eine ist ein sogenannter ganzheitlicher Einstieg, wie wir ihn auch von unserer Gründungslehre kennen: ein überschaubarer Mikrokosmos, der den Blick für die Prozesse, die sonst isoliert vermittelt werden, erleichtert. Der andere Ansatz ist einer, beim dem die Gründungslehre den Abschluss, den capstone, also den Schlussstein wie bei einem Rundbogen bildet. Hier fügt man die vielen einzelnen Mosaiksteine, die man während des Studiums gesammelt hat - Marketing, Finanzierung, Steuern usw. – mit einem Kurs zu einem Gesamtbild zusammen.
Für beide Ansätze gibt es gute Argumente. Eine weitere Möglichkeit wäre, einen spezialisierten Bachelor und möglicherweise auch einen darauf abgestimmten konsekutiven Master in Entrepreneurship anzubieten. Also von vornherein die unternehmerische Selbständigkeit als Ziel beispielsweise mit dem Bachelor und auch der Bachelor-Arbeit, die ein Businessplan wäre, zu verbinden. Dann wäre Entrepreneurship nicht nur ein Lern-Schwerpunkt mit maximal sechs Semesterwochenstunden verteilt über sechs Semester, sondern
von vornherein zentraler Inhalt, auf den auch andere Veranstaltungen des Ausbildungsgangs – beispielsweise juristische oder volkswirtschaftliche – ausgerichtet sind.
Kontakt:
Prof. Dr. Heinz Klandt
Lehrstuhl für Entrepreneurship an der
European Business School (EBS)
Rheingaustr. 1
65375 Oestrich-Winkel
Tel.: 06723 69-0
heinz.klandt@ebs.edu
www.ebs.edu (www)


Im Lernprozess