
Dr. Merle Arnika Fuchs
Dr. Merle Arnika Fuchs ist Inhaberin des TechnologieContors, das u.a. innovative technologieorientierte Unternehmen berät. Darüber hinaus hat sie das EXIST-Gründerbüro in Jena aufgebaut, engagiert sich im Thüringer Gründungsnetzwerk, ist akkreditierter Coach im High Tech Gründerfonds, Mitglied im Wirtschafts- und Innovationsrat des Thüringer Wirtschaftsministers sowie im EXIST-Beirat.
Frau Dr. Fuchs, worin besteht der größte Beratungsbedarf bei innovativen Gründungen?
Dr. Fuchs: Das lässt sich kaum verallgemeinern, weil die Gründungsteams völlig unterschiedlich zusammengesetzt sind, sich in verschiedenen Gründungsphasen befinden, unterschiedlichen Branchen angehören und verschiedene Märkte adressieren. Die Hauptfrage ist dennoch immer: Lässt sich die Gründung überhaupt finanzieren? Das sollte auch deswegen geklärt werden, um das restliche Team zu motivieren. Dann kommt die Frage nach der zeitlichen Strukturierung des gesamten Gründungsprozesses.
Und schließlich die Frage, die sich häufig als Gründungsproblem erweist, nämlich wie die Aufgaben im Unternehmen verteilt werden. Es müssen nicht alle aus einem Gründungsprojekt Gesellschafter sein. Wer wird also beispielsweise angestellt? Das muss sehr frühzeitig geklärt werden, weil das sonst zu massiven Missstimmungen führen kann. Der Geschäftsführer steht zumindest bei Hightech-Gründungen in der Regel fest. Das ist normalerweise der Know-how-Träger, der die Ergebnisse seiner Arbeit der letzten Jahre mit in das Unternehmen einbringt.
Sollte der Geschäftsführer auch das kaufmännische Wissen mitbringen?
Dr. Fuchs: Im Gegensatz zu VC-Gesellschaften glaube ich nicht, dass der klassische Kaufmann immer die beste Lösung für ein innovatives Gründungsteam darstellt. Es muss zwar jede Menge kaufmännischer Probleme lösen, aber dafür ist ein unerfahrener Betriebswirt als kaufmännischer Geschäftsführer nicht unbedingt die richtige Besetzung, weil er an der Hochschule oftmals zu wenig gründungsrelevantes Know-how mit auf den Weg bekommt.
Manchmal ist es besser, für die Gründungsphase sehr gute Spezialisten mit unternehmerischer Erfahrung „einzukaufen“, zum Beispiel einen erfahrenen Verkäufer, der sich mit Märkten und Kunden auskennt, oder einen guten Controller. Das bedeutet aber nicht, dass der Geschäftsführer diese kaufmännischen Aufgaben völlig abgeben kann. Er muss zum Beispiel in der Lage sein, zu beurteilen, was der Controller ihm liefert. Er muss auch fähig sein, die Finanzplanung zu erstellen. Aber dieses Wissen kann er sich auch als Naturwissenschaftler aneignen.
Wie schätzen Sie die Beratung an den Hochschulen ein?
Dr. Fuchs: Sie hört häufig am Hochschultor auf. Die Berater speisen die Gründungsprojekte noch in einen Businessplanwettbewerb ein, aber für die Phase danach fehlt ihnen die Erfahrung. Es wäre daher sehr sinnvoll, auch in früheren Phasen externe Berater, die dichter am Markt oder an der Finanzierung sind, in die Betreuung von EXIST-geförderten Projekten einzubinden.
Die EXIST-Förderung sieht zwar die Einbindung externer Coaches vor, allerdings schwankt deren Qualität sehr. Es gibt ganz hervorragende Coaches und es gibt mittelmäßige. Ich finde es gefährlich, einen mittelmäßigen Coach an ein herausragendes Projekt anzudocken. Coaches müssen in ganz vielen Bereichen top sein, weil die Gründungsvorhaben spätestens mit dem Ende der Förderphase eine Menge Geld brauchen. Sie brauchen also einen Coach, der ein Unternehmen VC-fähig machen kann. Coaches sollten daher nachgewiesene Erfolge in diesem Bereich haben und das sollten die EXIST-Projekte überprüfen, bevor sie sie an Gründungsteams vermitteln.
Sie fordern also ein besseres externes Coaching?
Dr. Fuchs: Ja, ein Problem ist dabei allerdings, dass Gründerinnen und Gründer, die extern gut betreut werden, der Hochschule entgleiten. Deshalb würde ich auf ein monatliches halbstündiges Gespräch bestehen, um sich nicht aus den Augen zu verlieren. Dadurch erfährt die Hochschule nicht zuletzt, welche Veranstaltungen für Gründer interessant sind und welche zusätzlichen Berater ins Netzwerk passen könnten. Ziel ist ja auch, von den Gründerinnen und Gründern etwas zurückzubekommen.
Darüber hinaus werden Gründerinnen und Gründer häufig zu wenig in Netzwerke integriert. Hightech-Gründungen funktionieren am besten, wenn die Gründerinnen und Gründer von ähnlichen, aber fortgeschrittenen Vorhaben umgeben sind. Gute Voraussetzungen hierfür trifft man in Businessplanwettbewerben, Innovationsinitiativen oder auch an Gründerstammtischen. In dem Umfeld sollten sich die Gründer bewegen, selbst wenn sie einen herausragenden Coach zur Seite haben. Es ist wichtig, dass sich die Gründer auch mental aus dem Forschungsbereich lösen und lernen, wie ein Unternehmer zu handeln und zu denken. Und das gelingt am besten, wenn sie sich in Netzwerken und Strukturen bewegen, die von Gründern und Unternehmern geprägt sind. Die Berater an Hochschulen sollten ihre Gründerinnen und Gründer wirklich drängen, sich in diese Strukturen zu begeben.
Wie kann das praktisch aussehen?
Dr. Fuchs: Wenn ich meine Gründer zum Beispiel zu Terminen schicke, gebe ich denen immer als Hausaufgabe mit, mindestens drei Visitenkarten mitzubringen. Das bedeutet: Sie müssen sich mit mindestens drei Leuten unterhalten haben. Wenn sie das ein halbes Jahr machen, kennen sie viele Leute. Dann laufen die Gespräche von alleine.


Coaches sollten Erfolge nachweisen