EXIST-Forschungstransfer

Gründungsbeispiel "Forschungstransfer" für www.exist.de

Bild von Dr. Helmut Wurst und Dr. Brigitte Angres

Dr. Helmut Wurst und Dr. Brigitte Angres
Bild: Naturwissenschaftliches u. Medizinisches Institut an der Universität Tübingen (NMI)

„Durch das Angebot an Netzwerken, Coaching und Beratung hier im Großraum Stuttgart hat man das Gefühl als Gründer wirklich willkommen zu sein.“

Kurzinfo:

Cellendes GmbH
Dr. Helmut Wurst
Dr. Brigitte Angres
EXIST-Forschungstransfer Förderphase I
www.nmi.de

EXIST-news: Frau Dr. Angres, Sie haben zusammen mit Ihrem Kollegen, Dr. Helmut Wurst, ein spezielles Gel entwickelt, um darin Zellen zu kultivieren. Welchen Vorteil bietet dieses Verfahren gegenüber herkömmlichen?

Dr. Angres: Lassen Sie mich dazu etwas ausholen: Jahrzehnte lang wurden in der medizinischen und biologischen Forschung Zellen in so genannten Petrischalen kultiviert. In diesen flachen Schalen wachsen die Zellen auf einem glatten, harten Schalenboden und sind nur mit flüssiger Nährlösung bedeckt. Nun häufen sich seit etwa fünfzehn Jahren Hinweise darauf, dass sich Zellen je nach Beschaffenheit ihrer unmittelbaren Umgebung sehr unterschiedlich verhalten. Ihre Entwicklung und ihr Wachstum werden durch Wechselwirkungen mit ihrer Umgebung stark beeinflusst.

Bei der Kultivierung auf einem zweidimensionalen Schalenboden handelt es sich um eine Umgebung, die in den seltensten Fällen der natürlichen Zellumgebung im Organismus entspricht. Daher ist man in den letzten Jahren zunehmend dazu übergegangen, Zellen in Gelen zu kultivieren. Die Zellen befinden sich damit in einem dreidimensionalen Umfeld, das dem Gewebe eines Organismus ähnlich ist.

Bislang werden dazu meist Gele verwendet, die als Extrakt aus tierischem oder menschlichem Gewebe gewonnen werden. Diese Extrakte enthalten also natürliche Komponenten, die jedoch oft aus Gewebe stammen, das nicht dem der zu kultivierenden Zellen entspricht. Sie können zudem Bestandteile enthalten, die die Zellen in ungewollter und untypischer Weise beeinflussen.

Unsere Idee basiert daher auf der Entwicklung so genannter biomimetischer Gele. Dabei handelt es sich um synthetische Gele, die den Wassergehalt, die mechanischen Eigenschaften sowie die molekularen Signale, die zum Beispiel die Voraussetzungen schaffen, um die Interaktion zwischen Zellen und natürlicher Umgebung zu ermöglichen, nachzuahmen und damit insgesamt den tatsächlichen biologischen Bedingungen der Zellen möglichst nahe kommen.

EXIST-news: Woher wissen Sie, dass es dafür einen Markt gibt?

Dr. Wurst: Zunächst einmal liegt es auf der Hand, dass Forschungsinstitute und Unternehmen auf Materialien angewiesen sind, die zu zuverlässigen Testergebnissen führen. Aber als ich mir den Markt für Biomaterialien bzw. Gele näher angeschaut habe, wurde mir klar, dass es eigentlich nichts zu kaufen gibt, das es ermöglicht, die spezifische Kulturbedingungen herzustellen. Außerdem ist es für viele Forschungsinstitute und Pharmaunternehmen zu aufwändig eigene Gele zu entwickeln und herzustellen.

Insofern war deutlich zu erkennen, dass es einen Markt für biomimetische Gele in allen Bereichen gibt, in denen Zellen für analytische oder therapeutische Zwecke eingesetzt werden, etwa in der Grundlagenforschung, der Arzneimittelentwicklung oder der Medizintechnik.

EXIST-news: Sie haben mehrere Jahre in den USA wissenschaftlich gearbeitet. Haben Sie von dort auch Ihre Idee, sich beruflich selbständig zu machen, mitgebracht?

Dr. Wurst: Wir wurden auf jeden Fall dafür sensibilisiert. Während unserer fünfjährigen Tätigkeit in der Forschungs- und Entwicklungs-Abteilung eines Biotech-Unternehmens in den USA, wo wir beide nach unserer Postdoc-Tätigkeit an der Stanford University beschäftigt waren, haben wir beispielsweise gelernt das Potenzial für innovative Produkte zu erkennen. Wir haben auch gesehen, wie wichtig es ist, diese Produkte einfach und reproduzierbar anwendbar und verständlich zu machen, damit sie erfolgreich werden können.

Der Gründungsboom, den wir damals in der IT- und Biotech-Branche miterlebt haben, hat uns sicherlich auch beeinflusst. Damals haben sich viele Kollegen selbständig gemacht. Viele dieser Gründerinnen und Gründer haben ihr Unternehmen inzwischen wieder verlassen und haben entweder weitere Unternehmen gegründet oder sind mittlerweile wieder als Angestellte in attraktiven Positionen tätig. Es ist also einen Versuch wert, denn das Risiko, nach einer Unternehmensgründung beruflich nicht mehr Fuß fassen zu können, ist - zumindest in den USA - eher gering. Und wir hoffen natürlich sehr, dass dies auch für Deutschland gilt.

EXIST-news: Sie haben dann hier in Deutschland am NMI mit Ihren Gründungsvorbereitungen begonnen.

Dr. Wurst: Ja, es zog uns beide wieder zurück nach Deutschland. Wir haben daher hier am Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut an der Universität Tübingen (NMI) begonnen, an Gelen für Zellkulturen zu arbeiten. Als wir dann mit unseren konkreten Gründungsvorbereitungen anfingen, war ich positiv überrascht über die vielseitige Hilfestellung und Unterstützung. Durch das Angebot an Netzwerken, Coaching und Beratung hier im Großraum Stuttgart hat man das Gefühl als Gründer wirklich willkommen zu sein. Großen Anteil daran hat die BioRegio STERN Management GmbH, die hier in der Region im öffentlichen Auftrag Gründerinnen und Gründer in der Biotech-Branche unterstützt.

Ein solches umfangreiches Angebot kannten wir aus den USA nicht. Das liegt vermutlich daran, dass die Leute dort einfach risikobereiter als in Deutschland sind. Insofern hat das hiesige Betreuungs- und Beratungsangebot sicherlich auch die Aufgabe, den Leuten die Angst vor einer Gründung zu nehmen.

EXIST-news: Sie arbeiten seit Anfang dieses Jahres an Ihrem Businessplan. Wie ist es Ihnen bisher ergangen?

Dr. Angres: Eigentlich ganz gut: Wir haben den Vorteil, dass uns durch unsere Arbeit in der Industrie Themen wie „Marketing“ und „Finanzierung“ nicht fremd sind. Trotzdem benötigt die Ausarbeitung des Businessplans sehr viel Zeit, die uns bei der Weiterentwicklung unserer Technologie fehlt. Im Grunde bräuchten wir einen 48-Stunden-Tag, nicht zuletzt, um auch das ganze Unterstützungsangebot zur Planung und Gründung des Unternehmens zu nutzen. Wenn wir jede Veranstaltung und jedes Fortbildungsangebot in Anspruch nehmen würden, bliebe uns wahrscheinlich überhaupt keine Zeit mehr für unsere Arbeit im Labor. Wir stehen also derzeit vor der Aufgabe, die richtige Auswahl an geeigneten Beratungsangeboten zu treffen.

EXIST-news: Sie befinden sich in der ersten Phase von EXIST-Forschungstransfer. Wie sind ihre bisherigen Erfahrungen mit dieser Förderung?

Dr. Wurst: Zunächst muss ich ein großes Lob aussprechen. Die Programmverantwortlichen kümmern sich sehr intensiv um ihre „EXISTler“. Zum Beispiel sind die zuständigen Mitarbeiter des Projektträgers hierher nach Reutlingen zum Gründungsdialog gekommen, um mit uns über die Aufgaben und Meilensteine unseres Gründungsvorhabens zu sprechen. Kurz darauf bekamen wir eine Einladung nach Berlin, um andere Gründerinnen und Gründern kennen zu lernen, Erfahrungen auszutauschen und verschiedene Aspekte der Unternehmensgründung in Seminaren zu diskutieren. Und durch die finanzielle Unterstützung können wir unsere Technologie weiter entwickeln und außerdem die Gründung vorbereiten – auch wenn uns dabei oft die Zeit wegläuft.

Dr. Angres: Auch die individuelle Betreuung durch unsere Coaches, die über einen Etat des EXIST-Forschungstransfer-Programms finanziert werden, hat uns schon ein ganzes Stück weitergebracht. Diese Beratung umfasst Fragen zur Lizenzierung wichtiger Schutzrechte des NMI sowie viele Fragen zur Gründung, der Unternehmensstrategie und Unterstützung bei der Kapitalsuche.

EXIST-news: Sie haben schon jede Menge Erfahrungen gesammelt. Was würden Sie Gründungsinteressierten raten?

Dr. Angres: Dasselbe, was uns bereits andere erfahrene Gründerinnen und Gründer mehrfach geraten haben: Mutig sein und machen! Und sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren, was gar nicht so einfach ist.

EXIST-news: Wie sehen Ihre nächsten Schritte aus?

Dr. Wurst: Das Projekt ist bis Mitte 2010 beim NMI angesiedelt. Dann, im Juli 2010, werden wir unseren ersten Arbeitstag in unserem eigenen Unternehmen antreten. Wir möchten natürlich auch die zweite Phase von EXIST-Forschungstransfer nutzen und einen Kapitalgeber ins Boot holen. Erste Schritte dazu haben wir bereits unternommen und beispielsweise bei einem gemeinsamen Treffen mit Vertretern von BioRegio STERN und dem High-Tech Gründerfonds informiert, welche Anforderungen Kapitalgeber an junge Unternehmen wie das unsere stellen.