
Dr. Eva Lankenau (Bild: Anne Oppermann) und Dr. Stefan Oelckers - OptoMedical Technologies GmbH
„Wir müssen unseren Businessplan fast wöchentlich umschreiben, weil alles viel schneller läuft als erwartet.“
Interview mit Dr. Eva Lankenau
Kurzinfo:
OptoMedical Technologies GmbH
Dr. Eva Lankenau, Dr. Stefan Oelckers
EXIST-Forschungstransfer
Gründung: 2010
www.opmedt.com
Eine spezielle Kamera für die medizinische Diagnostik hat Dr. Eva Lankenau am BMO, dem Institut für Biomedizinische Optik der Universität zu Lübeck, entwickelt. Mit Unterstützung von EXIST-Forschungstransfer hat sie Anfang Januar 2010 gemeinsam mit Dr. Stefan Oelckers die OptoMedical Technologies GmbH gegründet. Das Unternehmen entwickelt sich in großen Schritten vorwärts und schreibt bereits schwarze Zahlen.
Frau Dr. Lankenau, Sie haben eine so genannte universelle OCT-Kamera für die medizinische Diagnostik entwickelt. Wofür steht OCT?
Dr. Lankenau: OCT steht für Optische Kohärenz Tomographie. Es handelt sich dabei um ein neues nichtinvasives bildgebendes Verfahren, ähnlich wie in der Ultraschalldiagnostik. Gelegentlich wird sie auch als „Ultraschall mit Licht“ bezeichnet. Das Verfahren ermöglicht eine ultraschallähnliche Bildgebung menschlichen Gewebes mit einer Auflösung, die deutlich besser ist als bei Ultraschall. Im Unterschied zur Ultraschalltechnik ist die OCT aber ein berührungsloses optisches Messverfahren. Das bedeutet, man hat keine Sterilitätsproblematik, kann es in etablierte optische Geräte wie OP-Mikroskope oder Endoskope integrieren und stört somit den intraoperativen Workflow nicht.
Wird das OCT-Verfahren bereits angewandt?
Dr. Lankenau: Ja, allerdings nur in der diagnostischen Augenheilkunde. Dort ist OCT ein etabliertes Verfahren, um beispielsweise Netzhautablösungen zu diagnostizieren. Es gibt aber eine Vielzahl möglicher weiterer Anwendungen: z. B. bei der Tumorfrüherkennung in der Harnblase oder in den Stimmlippen. Außerdem lässt sich die OCT bei Operationen von Mikroimplantaten, beispielsweise im Innenohrbereich, als Navigationshilfe nutzen. Oder auch zur Qualitätskontrolle von mikroskopischen Eingriffen. Trotz der vielfältigen Einsatzbereiche außerhalb der Augenheilkunde gibt es aber bis heute keine geeignete Produktüberführung und Kommerzialisierung seitens der Industrie.
Und das werden Sie ändern?
Dr. Lankenau: Ich hoffe es, denn immerhin vereinfacht der universelle Einsatz unserer Kamera die Anwendung des OCT-Verfahrens erheblich. Sie kann an bereits etablierte Medizingeräte wie OP-Mikroskope, Endoskope oder auch Kolposkope angeschlossen werden. Das funktioniert fast wie bei einer normalen Videokamera oder einem Fotoapparat, die mit einem standardisierten Kameraport verbunden werden. Das bedeutet, man muss nicht mehr für jede neue medizinische OCT-Anwendung ein komplett neues Gerät entwickeln und spart somit Entwicklungszeit und -kosten.
Wie kam es zu der Idee?
Dr. Lankenau: Der Grundstein für das OCT-Verfahren wurde 1992 gelegt. Damals hat Professor Reginald Birngruber von der Universität Lübeck die Idee für das OCT-Verfahren vom Massachusetts Institut of Technology in Boston, dem MIT, nach Lübeck mitgebracht. Dort wurde dann unter der Leitung von Ralf Engelhardt die OCT-Arbeitsgruppe an der MLL, der Medizinischen Laserzentrum Lübeck GmbH, ins Leben gerufen. 2005 wurde das MLL zum großen Teil in ein Universitätsinstitut überführt. Heute leitet Dr. Gereon Hüttmann, unser Mentor, die OCT-Arbeitsgruppe am BMO, dem Institut für Biomedizinische Optik der Universität zu Lübeck. Ich selbst arbeite seit 1994 in der OCT-Arbeitsgruppe und habe im Anschluss an meine Promotion in Physik bereits diverse OCT-Funktionsmuster [Anm. d. Red.: Vor der Entwicklung von Prototypen lässt sich mit Mustern die Funktionalität medizintechnischer Verfahren testen.] für verschiedene medizinische Anwendungen entwickelt und dabei immer interdisziplinär mit Partnern aus Medizin und Industrie gearbeitet.
Die Kamera gab es damit aber noch nicht. Was gab den Anstoß zu deren Entwicklung?
Dr. Lankenau: Wir haben immer gehofft, dass die eine oder andere Entwicklung unserer OCT-Arbeitsgruppe von der Industrie kommerzialisiert würde. Aber unseren Industriepartnern war das Risiko zu groß, weil die OCT noch kein etabliertes Verfahren war. Also haben wir uns erstens überlegt, dass es ein OCT-Gerät für alle Anwendungen geben müsste, um zeitnah höhere Stückzahlen zu erreichen und um Entwicklungszeit und -kosten zu verringern. Und dass wir es zweitens selber entwickeln müssten, da hierfür ein langjähriges OCT-Know-how zwingend notwendig ist.
Statt immer wieder neue Funktionsmuster für die Industriepartner zu entwickeln, die von diesen letztlich nicht in Produkte überführt werden, kamen Gereon Hüttmann, Stefan Oelckers und ich zu dem Schluss, dass die Alternative ist, die Produktentwicklung in die eigenen Hände zu nehmen. Und mit der EXIST-Förderung wurde diese Idee überhaupt erst möglich. Im Rahmen von EXIST-Forschungstransfer Förderphase I konnten wir neben der universellen Auslegung unserer OCT-Kamera für uns entscheidend wichtige Lichtwellenleiter entwickeln und produkttauglich konfektionieren, um den intraoperativen Einsatz der OCT ohne Beeinträchtigung des intraoperativen Workflow zu ermöglichen. Für mich lag der Hauptanreiz, ein eigenes Unternehmen zu gründen darin, dass ich, nachdem ich mehr als 15 Jahre in der OCT-Forschung gearbeitet hatte, auch die praktische Anwendung beobachten und daran teilhaben wollte. In dieser Situation war EXIST-Forschungstransfer genau das Richtige. Ohne diese Unterstützung hätten wir das Risiko, eine Firma zu gründen und unsere universelle OCT-Kamera zu entwickeln, nicht alleine tragen können.
Sie haben Ihr Unternehmen mit Dr. Stefan Oelckers gegründet?
Dr. Lankenau: Ja, er ist auch Physiker und hat neben seiner Arbeit in der Entwicklungsabteilung über zehn Jahre Erfahrungen u. a. in der Produktüberführung gesammelt. Das ist auf jeden Fall ein enormer Vorteil, da er weiß, wie eine medizinisch-technische Firma strukturiert ist und welche betriebswirtschaftlichen und finanziellen Anforderungen erfüllt sein müssen. Ich habe vor allem den fachlichen Input dazu beigetragen und besitze auch viel Know-how, was die Kommerzialisierung von Forschungsergebnissen betrifft, da ich durch meine Arbeit am MLL und am BMO immer sehr industrienah gearbeitet habe. Das heißt, bei der Finanzierung über Drittmittel waren Finanzplanung oder Projektplanung immer auch Aufgaben desjenigen, der im Labor gestanden hat. Jetzt sind natürlich noch neue Aspekte dazugekommen, beispielsweise das Thema „Rechtsformen“. Aber das sind keine großen Hürden. Mit solchen Themen haben wir uns z. B. über Fachvorträge und Seminare des Projektträgers Jülich vertraut gemacht. Das war für uns das i-Tüpfelchen im Rahmen der EXIST-Förderung, die für uns wirklich maßgeschneidert ist und die wir auch in den nächsten Monaten noch brauchen werden: Wir wollen dieses Jahr noch ein eigenes Qualitätsmanagement installieren und uns außerdem an Messen beteiligen. Das bedeutet, wir benötigen noch jede Menge Informationen und Beratung.
In welchem Stadium befinden Sie sich jetzt mit Ihrem Unternehmen?
Dr. Lankenau: Die Entwicklung verläuft deutlich schneller als gedacht. Wir haben bereits erste Aufträge und Anfragen von medizintechnischen Unternehmen, einem Krankenhaus, aber auch von forschenden Ärzten. Außerdem erhalten wir spezielle Entwicklungsaufträge aus der Industrie. Das heißt, wir müssen unseren Businessplan fast wöchentlich umschreiben, weil alles viel schneller läuft als erwartet. Wir mussten sogar schneller als geplant unser Unternehmen gründen, weil die Nachfrage so groß war. Über die gute Entwicklung freuen wir uns natürlich, genauso wie übrigens auch über den Uni-Gründerpreis der Sparkasse zu Lübeck, den wir erst kürzlich erhalten haben.
Wie sieht es mit der weiteren Finanzierung aus?
Dr. Lankenau: Einerseits erhalten wir EXIST-Forschungstransfer für unsere weitere Forschungsarbeit im Institut und unseren Unternehmensaufbau. Andererseits erwirtschaften wir mit unserem Unternehmen bereits Umsätze. Durch spezielle OCT-Entwicklungsaufträge aus der Industrie konnten wir sehr schnell für liquide Mittel sorgen. Wir bereiten zurzeit einen Forschungsantrag im Bereich Endoskopie über das ZIM-Förderprogramm vor und überlegen, ob wir Venture Capital beim High-Tech Gründerfonds beantragen sollen.
Besser kann es eigentlich nicht laufen. Verursacht das schnelle Wachstum auch Probleme?
Dr. Lankenau: Ja, allerdings. Man muss schnell qualifiziertes Personal finden. Das kann man natürlich ganz klassisch über Inserate suchen. Noch besser sind aber persönliche Kontakte, beispielsweise über die Uni. Da sind wir gerade dran und lassen uns zum Beispiel Diplomanden empfehlen.
Die Räumlichkeiten reichen auch nicht mehr aus. Zum Glück haben wir uns frühzeitig im Multifunktionscenter in Lübeck eingemietet. Das ist ein öffentlich gefördertes Infrastruktur zur Verfügung stellt. Wir haben hier jetzt drei Räume mit der Option, noch ein, zwei weitere Räume dazu zu mieten.
Wie geht es Ihnen als Unternehmerin?
Dr. Lankenau: Noch erhalten wir ein regelmäßiges monatliches Einkommen, da wir bis Ende August über EXIST-Forschungstransfer finanziert werden. Ab September müssen wir natürlich auf eigenen Füßen stehen. Aber da bisher alles so gut gelaufen ist, mache ich mir da wenig Sorgen. Wenn die Entwicklung auch nur annähernd so bleibt wie in den letzten eineinhalb Jahren, stellt sich mir eher die Frage, wie wir schnell genug mit der Arbeit hinterherkommen. Was sich natürlich geändert hat, ist die Arbeitsbelastung. Die ist deutlich höher als vorher. Aber es macht trotzdem Spaß, selbst wenn wir am Wochenende arbeiten müssen. Zum Glück klappt es auch familiär: Ich bin verheiratet und habe einen zwölfjährigen Sohn, der aber zum Glück sehr selbständig ist.
Was würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern empfehlen?
Dr. Lankenau: Als Fazit würde ich sagen: Eigene Ideen und eigene Visionen selbstbewusst vertreten, geeignete Fördermittel beantragen und den Mut haben, diese Ideen auch zu verwirklichen.


OptoMedical Technologies GmbH