
Alexander Scholz, Johannes Clauss, Hans-Georg Gruber
'Man muss so früh wie möglich Kontakt ‚mit dem Markt' aufnehmen. Und dieser Prozess braucht einfach sehr viel Zeit.
Interview mit Hans-Georg Gruber, kaufmännischer Geschäftsführer der Senseinside GmbH
KURZINFO
Senseinside GmbH
Hans-Georg Gruber
Johannes Clauss
Alexander Scholz
Gründungsjahr: 2006
www.senseinside.de
Herr Gruber, Sie haben mit Ihren beiden Mitstreitern ein Unternehmen gegründet. Wie kam dieses Trio zustande?
Gruber:
Ich hatte schon immer den Wunsch gehabt, mich selbständig zu machen und meine Zukunft eigenständig zu gestalten. Durch meine Arbeit am Heinz Nixdorf-Lehrstuhl für medizinische Elektronik der Technischen Universität München habe ich dann Johannes Clauss und Alexander Scholz kennen gelernt. Dabei hat sich herausgestellt, dass wir nicht nur gut miteinander können, sondern auch eine gute Geschäftsidee haben. Wobei ich zugegebenermaßen schon etwas Überzeugungsarbeit leisten musste: Denn anders als ich hatten die beiden nicht das Ziel, sich beruflich selbständig zu machen. Aber schließlich haben dann doch beide „Feuer gefangen“.
Und was war der zündende Funke?
Gruber:
Gegenfrage: Wissen Sie, dass 10 Prozent der Bevölkerung in Deutschland mit den Zähnen knirscht? Bruxismus heißt das in der Fachsprache. Die Folgen sind Muskelverspannungen, Kopfschmerzen, Schäden an Kaugelenken und Zähnen. Bisher bekommen „Zähneknirscher“ eine Zahnschiene angepasst. Deren Erfolg lässt aber – vorsichtig ausgedrückt – manchmal zu wünschen übrig. Wir, genauer gesagt Johannes Clauss und Alexander Scholz, haben daher ein Verfahren entwickelt, mit dem wir dieses Zähneknirschen individuell analysieren und therapieren können.
Johannes Clauss hatte sich bereits in seiner Diplomarbeit damit beschäftigt und das Thema anschließend in seiner Dissertation vertieft. Betreut wurde er dabei von Alexander Scholz und Professor Bernhard Wolf. Beide kommen aus der Elektrotechnik. Ich komme dagegen von der betriebswirtschaftlichen Seite und habe mich in meiner Dissertation ebenfalls einem medizinischem Thema gewidmet: den Innovationsbarrieren und ökonomischen Auswirkungen in der Telemedizin. Darüber hinaus habe ich nach meinem Studium Erfahrungen in einer Unternehmensberatung gesammelt.
Um festzustellen, ob Ihre Idee Hand und Fuß hat, haben Sie zunächst einen Businessplan geschrieben.
Gruber:
Ja, und um diese Zeit finanziell zu überbrücken, hatten wir Mittel aus dem Förderprogramm EXIST SEED beantragt. Damit konnten am Lehrstuhl zwei halbe Stellen für die Dauer eines Jahres für uns eingerichtet werden. Darüber hinaus bekamen wir über EXIST SEED finanzielle Mittel, um die notwendige Hardware zu kaufen und die Kosten für die Businessplan- und Patentberatung zu finanzieren. Mit EXIST SEED waren wir für die Vorbereitungsphase also gut versorgt.
Sie haben über ein Jahr an Ihrem Businessplan gearbeitet. Hat die Zeit ausgereicht?
Gruber:
Ja, aber nur, weil wir sie wirklich intensiv genutzt haben. Mein Eindruck ist, dass viele Gründerinnen und Gründer aus dem akademischen Bereich ihre Zeit vor allem in ihre Dissertation stecken und meinen, den Businessplan dann einfach schnell anschließend schreiben zu können. Da kann ich nur vor warnen. Denn dabei kommt mit Sicherheit kein Businessplan heraus, der Kapitalgeber überzeugt. Die meisten Hightech-Gründungen sind aber auf Kapitalgeber angewiesen. Also muss man sehr gründlich planen. Und das erfordert nun einmal viel Zeit.
Wofür braucht man so viel Zeit?
Gruber:
Zum Beispiel für die Kontaktaufnahme mit Experten. Man sollte möglichst früh außerhalb der Uni potenzielle Kunden und Kooperationspartner aufsuchen. Nur so kann man feststellen, welchen tatsächlichen Nutzen Kunden von einem Produkt haben. Das wirkt sich dann auch unmittelbar auf das Aussehen und die Funktionalität des Produkts aus. Darauf kommt man einfach nicht, wenn man in der Uni oder zuhause sitzt und darüber nachdenkt. Man muss so früh wie möglich Kontakt mit dem Markt aufnehmen. Und das dauert einfach.
Wir brauchten zum Beispiel das Feedback derjenigen, die unsere Produkte zukünftig anwenden sollten, um sicherzustellen, dass alle fachlichen und ergonomischen Anforderungen erfüllt sind. Wir haben daher Zahnmediziner und -techniker gesucht, um den medizinischen Input zu bekommen, den wir für unsere Produktentwicklung benötigten. Die Zeit dafür hatten wir total unterschätzt.
Hatten Sie denn niemanden, der Ihnen bei den Vorbereitungen half?
Gruber:
Doch. Vor allem unser Business Angel, den wir schon frühzeitig zufällig auf einer Medizintechnikmesse kennen gelernt hatten, war und ist uns eine sehr, sehr große Hilfe. Er hat selbst ein Medizintechnik-Unternehmen und verfügt über jede Menge Know-how. Aber die Kontaktaufnahme und überhaupt die ganze Gründungsvorbereitung mussten wir natürlich schon selbst übernehmen. Unterstützt hat uns auch Professor Bernhard Wolf vom Lehrstuhl für medizinische Elektronik mit Mitteln der Heinz Nixdorf Stiftung. Er hat dafür gesorgt, dass wir die notwendige Infrastruktur an der Uni nutzen konnten, um unsere Ausgründung zu realisieren.
Kommen wir noch einmal auf die Finanzierung zu sprechen. Als Sie Ihren Businessplans fertig gestellt hatten, war auch die Förderung über EXIST SEED beendet. Nun brauchten Sie Kapital, um Ihr Unternehmen tatsächlich „ans Laufen“ zu bringen.“
Gruber:
Da kamen uns unsere vielen Netzwerkkontakte zu Gute. Auf einigen Veranstaltungen hatten wir vom High-Tech Gründerfonds gehört, der Beteiligungskapital in junge Technologieunternehmen investiert. Damit stellt er das nötige Startkapital zur Verfügung und bietet darüber hinaus Betreuung und Unterstützung für die Geschäftsführung an. Also haben wir uns mit unserem Businessplan dort um eine Förderung beworben. Kurze Zeit später wurden wir zu einem persönlichen Gespräch eingeladen, um unser Vorhaben vorzustellen. Das Ergebnis war erfreulich: Man hat uns nämlich einen Investmentmanager zur Seite gestellt, mit dessen Hilfe wir uns intensiv auf den nächsten Schritt vorbereiten konnten: die Präsentation unseres Vorhabens vor einem Investment-Gremium in Bonn.
Wir haben das ganze dann wirklich generalstabsmäßig vorbereitet und mögliche Fragen zu Vertriebswegen, Patentstatus, Produktion usw. durchgespielt. Schließlich haben wir unser Projekt testweise vor Freunden und Bekannten präsentiert und gehofft, für alle Eventualitäten gewappnet zu sein.
Und dann ging es nach Bonn...
Gruber:
Wir waren natürlich mächtig aufgeregt. Aber unser Investmentmanager hat sich alle Mühe gegeben, um uns zu beruhigen. Er war auch bei der Präsentation dabei und hat sich für uns stark gemacht. Tatsächlich war das Gremium sehr wohlwollend, hat uns jedoch auf Herz und Nieren geprüft: ein Hochschul-Professor, ein Unternehmer plus vier Vertreter des High-Tech Gründerfonds und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Durch deren Fragen erhielten wir sogar wichtige Hinweise für unser Vorhaben. Das Tolle war: Noch am selben Tag haben wir die Mitteilung erhalten, dass das Beteiligungskapital bewilligt worden war. Damit und mit einer Beteiligung der Bayern Kapital war unser Unternehmen dann endlich startklar.

High Tech Gründerfonds (www)


Gründungsbeispiele