EXIST-Gründerstipendium

Gründungsbeispiel für www.exist.de

Beate Cuypers und Gudrun Mernitz,<br/>Ressourcenzentrum Marine Organismen GmbH

Beate Cuypers und Dr. Gudrun Mernitz,
Ressourcenzentrum Marine Organismen GmbH

"Wir bekommen durch jedes Kundengespräch neue Hinweise, die für die Entwicklung unseres Businessplans wichtig sind."

Interview mit Dr. Gudrun Mernitz und Beate Cuypers,
Ressourcenzentrum Marine Organismen GmbH

Kurzinfo

Ressourcenzentrum Marine Organismen GmbH
Dr. Gudrun Mernitz
Beate Cuypers
Gründungsjahr: 2007
www.rzmo.de

Frau Dr. Mernitz, Sie arbeiten mit marinen Organismen. Was hat es damit auf sich?

Dr. Mernitz:

Diese Organismen enthalten eine Vielzahl verschiedener Wirkstoffe, die nicht nur in der Human- und Veterinärmedizin sondern auch in der Lebensmittelindustrie, Kosmetik, Landwirtschaft oder in der Fischindustrie eingesetzt werden können. Es handelt sich bislang noch um einen relativ neuen Forschungsgegenstand, so dass es noch nicht viele Spezialisten auf dem Gebiet gibt.

Wie kamen Sie auf die Idee, sich mit dieser Spezialisierung selbständig zu machen?

Dr. Mernitz:

Wir haben an der Universität Greifswald acht Jahre in der pharmazeutischen Biologie gearbeitet und uns mit marinen Organismen beschäftigt. Wir haben uns dabei von einer befristeten Stelle zur nächsten weiter "gehangelt". Und so waren wir auf der Suche nach einer Alternative: Eine Stelle in der freien Wirtschaft, oder wir machen uns selbständig.

Ich hatte bereits in der Vergangenheit zwei Jahre in einem Diagnostikunternehmen gearbeitet und schon etwas „Unternehmerluft“ geschnuppert. Darüber hinaus war das Thema „Existenzgründung“ bei uns an der Uni kein Fremdwort. Das damalige Förderprogramm EXIST-SEED (jetzt: EXIST-Gründerstipendium. Anm. d. Red.) kannten viele der Absolventen und Wissenschaftler, und außerdem hatten sich in Greifswald bereits mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit kleineren Unternehmen selbständig gemacht. Insofern hatten wir viele Anknüpfungspunkte.

Cuypers:
Entscheidend war natürlich auch, dass uns klar war, dass wir in einem Bereich arbeiteten, der eine sehr gute wirtschaftliche Verwertung versprach. Aus marinen Organismen kann man eben jede Menge Wirkstoffe gewinnen. Und die Nachfrage aus der pharmazeutischen und kosmetischen Industrie ist groß. Bislang gibt es aber weltweit noch nicht viele Spezialisten auf dem Gebiet. Insofern ist die Ausgangslage für uns als wissenschaftsorientierte Gründerinnen natürlich sehr gut. Wir beziehen unsere Mikroorganismen aus dem Ostseeraum, testen sie, kultivieren sie und prüfen, für welche Zwecke sie einsetzbar sind. Es gibt beispielsweise Mikroorganismen, die antibakterielle Eigenschaften besitzen. Daraus lässt sich zum Beispiel ein Antibiotikum entwickeln. Andere besitzen anti-cancerogene Eigenschaften. Ein weiteres Beispiel sind Algen: Sie eignen sich hervorragend als UV-Schutz und können als Cosmeceuticals, also einer Kombination aus Pflege und hochwirksamen Bestandteilen, in der Kosmetikindustrie eingesetzt werden. Unseren potenziellen Kunden bieten wir damit passgenaue Organismenkulturen an, die sie zu pharmazeutischen oder kosmetischen Produkten weiterentwickeln können.

Sie sprechen von „wir“. Wer gehörte zum Gründungsteam, und wie haben Sie sich vorbereitet?

Dr. Mernitz:

Das Gründungsteam bestand zunächst aus Susanne Hessel, Beate Cuypers und mir. Wir kannten uns alle durch unsere biologische Forschungsarbeit an der Universität Greifswald. Uns war klar, dass wir nicht einfach so vom Fleck weg ein Unternehmen gründen können, sondern dass wir für die Vorbereitung Zeit brauchten. Daher waren wir froh, dass Susanne Hessel und ich EXIST-SEED erhielten, um während der Vorbereitungszeit unseren Lebensunterhalt zu sichern. Beate Cuypers hatte leider schon die Altersgrenze überschritten, konnte sich aber in dieser Zeit durch kleinere Auftragsarbeiten „über Wasser halten“.

Für die Ausarbeitung unserer Geschäftsidee haben wir dann Kontakt mit dem FMV Forschungsverbund Mecklenburg Vorpommern e. V. aufgenommen, deren Mitarbeiter uns wirklich sehr geholfen haben. Der FMV ist ein Förderverein und Netzwerkpartner von EXIST. Neben der individuellen Beratung haben wir hier auch die verschiedenen Seminare zu betriebswirtschaftlichen Fragen, Verhandlungsführung, Telefonakquise in Anspruch genommen. Vor allem aber hat der FMV Coaches für uns gefunden, die sich in der Biotechnologiebranche auskennen und uns bei der Entwicklung unseres Geschäftsmodells zur Seite standen.

Übrigens haben sich dann nur Beate Cuypers und ich selbständig gemacht. Susanne Hessel ist aber bei uns angestellt.

Was war für Sie in der Vorbereitungszeit besonders wichtig?

Cuypers:

Für uns war natürlich der Besuch von Messen sehr wichtig, vor allem um potenzielle Kunden zu finden. Die Reisen konnten wir übrigens über EXIST-SEED bezahlen. Eine gute Sache war auch die EXIST-Kinderbetreuungspauschale: Wenn zum Beispiel abends oder am Wochenende Seminare stattfanden, war es einfach ein große Erleichterung, eine Betreuung bezahlen zu können. Und irgendwie unersetzlich ist natürlich der Rückhalt, den man durch den Partner, durch Freunde und Nachbarn bekommt. Ohne dieses Netzwerk hätten wir es nicht geschafft. Und bei uns machen gerade die Kinder gut mit und sind auch schon stolz, wenn Mama in der Presse vorgestellt wird.

Mit welchen Herausforderungen hatten Sie besonders zu kämpfen?

Dr. Mernitz:

Es war nicht einfach, das Geschäftsmodell auf den Punkt zu bringen. Schon nach den ersten Gesprächen mit potenziellen Kunden haben wir gemerkt, dass wir noch daran feilen müssen. Anfangs wollten wir zum Beispiel möglichst großen Pharmaunternehmen marine Organismenkulturen verkaufen, so dass diese dann unsere Kulturen für ihre Zwecke einfach weiterzüchten. Durch Gespräche mit Kunden haben wir aber bald festgestellt, dass das nicht geht. Denn damit hätten wir praktisch unser Kapital aus der Hand gegeben.

Mittlerweile setzen wir mehr auf Exklusivität und züchten Organismen, die genau zu den Bedürfnissen unserer Kunden passen. Dazu gehören nun auch nicht mehr nur die „big player“, sondern kleine und hoch spezialisierte Forschungsunternehmen, mit denen wir eng kooperieren. Die entwickeln beispielsweise Medikamente gegen bestimmte Krebsarten, gegen Alzheimer oder aber gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Man muss einfach beweglich bleiben im Kopf. Wir bekommen fast durch jedes Kundengespräch neue Hinweise, die für die Entwicklung unseres Businessplans wichtig sind.

Eine weitere Hürde war das Thema Verhandlung und Vertragsgestaltung. In unserer Branche spielen ja Geheimhaltungsvereinbarungen eine große Rolle. Insofern ist es schwierig, Informationen zu erhalten, an denen man sich als Gründer orientieren kann. Hier brauchen wir immer noch Hilfe von unseren Coaches. Im Vordergrund steht bei uns daher jetzt weniger die Kundenakqiuse als vielmehr Überlegungen dazu, zu welchen Bedingungen wir unser Produkt an unsere Kunden verkaufen.

Hat Sie die Uni bei Ihren Gründungsvorbereitungen unterstützt?

Dr. Mernitz:

Ja, wir haben insgesamt ein tolles Netzwerk an unserer Uni. Unsere ehemalige Professorin Ulrike Lindquist hilft uns bei der Kontaktaufnahme zu Kunden weltweit. Und für unsere Stammsammlung an marinen Organismen haben wir von der Hochschule gegen eine Lizenzgebühr die alleinigen Verwertungsrechte bekommen. Darüber hinaus können wir viele Laborgeräte, die der Uni gehören, kostenfrei nutzen. Und hier im Biotechnikum, einem Gründungszentrum, das von der Stadt und dem Land betrieben wird, stehen uns zu sehr günstigen Konditionen Büro und ein Labor zur Verfügung.
Überhaupt ist die Atmosphäre hier sehr angenehmen. Zwischen den Unternehmen herrscht vor allem kooperatives Miteinander statt konkurrierendes Gegeneinander. Man gibt sich gegenseitig gute Tipps und fühlt sich einfach willkommen.

Wie sieht Ihre weitere Planung aus?

Cuypers:

Wir wollen uns langfristig erfolgreich auf dem Markt etablieren. Aus diesem Grund konzentrieren wir uns jetzt erst einmal auf die Weiterentwicklung unseres Kernangebots, eben unserer ganz speziellen Wirkstoffextrakte aus dem Meer. Auch wenn wir bisher noch keine riesigen Umsätze erwirtschaften und vor allem vom Gründungszuschuss der Arbeitsagentur und von Preisgeldern leben, sind wir sehr zuversichtlich. Wir halten mit den marinen Mikroorganismen eine einzigartige Geschäftsgrundlage in den Händen.