
v.l.n.r.: Verena Bosse, Dr. Lyudmyla Malysheva-Otto
"Die Veranstaltungen, Ringvorlesungen und Workshops sind ungemein hilfreich für uns. Die Themen orientieren sich genau an den Bedürfnissen der Gründerinnen und Gründer, die ja alle - wie wir - aus der Wissenschaft kommen."
Interview mit Dr. Lyudmyla Malysheva-Otto und Verena Bosse
KURZINFO
Dr. Lyudmyla Malysheva-Otto
Dipl.-Ing. agr. Verena Dehmel
Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und
Kulturpflanzenforschung (IPK)
www.ipk-gatersleben.de
Frau Dr. Malysheva-Otto, mit welcher Geschäftsidee werden Sie sich selbständig machen?
Dr. Malysheva-Otto: Unsere Gründungsidee basiert auf unserer Forschung, die wir hier am Leibniz Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben seit 2001 betreiben. Das IPK ist eine weltbekannte Forschungseinrichtung im Bereich Pflanzenbiologie mit dem Schwerpunkt molekular-genetische Forschung an Kulturpflanzen. In diesem Bereich hat die internationale Forschung in den letzten Jahrzehnten eine große Datenmenge über pflanzliche Genome gesammelt. Allerdings wurden die dadurch gewonnenen Erkenntnisse bisher nur sehr eingeschränkt in der Pflanzenzüchtung eingesetzt. Wir haben daher spezielle Datenbanken entwickelt, die molekular-genetische Informationen über wichtige Pflanzenmerkmale, wie Ertragsleistung, Krankheitsresistenzen, Inhaltsstoffe u.a. enthalten. Auf Basis dieser Informationen ist es möglich, effiziente molekulare Marker für die so genannte markergestützte Selektion vorzuschlagen.
Und wie funktioniert das in der Praxis?
Dr. Malysheva-Otto: Nehmen wir folgendes Beispiel: Ein Pflanzenzüchter möchte eine neue Sorte für Braugerste züchten, die über eine exzellente Brauqualität verfügt und außerdem gegenüber einer bestimmten Pilzkrankheit resistent ist. Das klassische Zuchtverfahren sieht hier die Kreuzung zweier Sorten vor: Die eine besitzt die gewünschte Brauqualität - die andere die gewünschte Resistenz. Aus den nachfolgenden Pflanzengenerationen, die aus dieser Kreuzung entstehen, werden nun immer wieder diejenigen Pflanzen selektiert, die die beiden gewünschten Merkmale vorweisen. Um bei diesem Verfahren die bestmögliche Qualität zu erzielen, ist meist ein Zeitraum von bis zu zehn Jahren notwendig. Mit Hilfe der markergestützten Selektion ist es möglich, diesen Prozess zu beschleunigen, da sich dadurch direkt und bereits in einem sehr frühen Wachstumsstadium feststellen lässt, ob die Pflanze über die gewünschten Eigenschaften verfügt oder nicht. Damit lässt sich das ganze Selektionsverfahren um zwei Jahre reduzieren, was sich letztlich für den Züchter in barer Münze auszahlt: Er kann mit seiner neuen Sorte schneller auf den Markt und spart darüber hinaus Kosten. Eine Kostenersparnis entsteht außerdem durch das frühere Aussortieren von Nachwuchspflanzen, die die gewünschten Eigenschaften zu diesem Zeitpunkt nicht aufweisen.
Sie werden von Leibniz X, der Gründungs-Beratung der Leibniz-Gemeinschaft unterstützt. Wie kam der Kontakt zustande?
Und wie sieht die Unterstützung aus?
Verena Bosse: Der Kontakt kam ganz einfach über das IPK zustande. Es handelt sich ja um ein Leibniz-Institut und gehört damit zur Leibniz-Gemeinschaft. Unterstützt haben uns die Mitarbeiter von Leibniz X zunächst bei der Antragsvorbereitung für das EXIST-Gründerstipendium.
Außerdem hätten wir unseren ersten Businessplanentwurf mit den dazugehörigen Fragen zur Marktanalyse, zur Preisfindung usw. ohne deren Hilfe kaum bearbeiten können. Und seit der Bewilligung des Gründungsstipendiums im Januar 2008 hilft uns Leibniz X, unsere Meilensteine zu erreichen, einer davon ist zum Beispiel die Erstellung unseres Coaching-Fahrplans.
Welche weitere Beratung nehmen Sie in Anspruch?
Lyudmyla Malysheva-Otto: Wir versuchen, ein relativ großes Spektrum an Beratern und Gründungsnetzwerken in Anspruch zu nehmen. In der Nähe von Gatersleben, in Halle, gibt es sehr gute Gründungsnetzwerke: Univations und Scidea. Die Mitarbeiter von Scidea und Univations sind einfach großartig. Auch die Veranstaltungen, Ringvorlesungen und Workshops sind ungemein hilfreich für uns. Die Themen orientieren sich genau an den Bedürfnissen der Gründerinnen und Gründer, die ja alle - wie wir - aus der Wissenschaft kommen. Beide Netzwerke verfügen außerdem über einen regionalen Beraterpool, so dass wir dadurch Berater gefunden haben, die genau unsere Anforderungen erfüllen. Hinzu kommen die Networking-Möglichkeiten: Auf einem der Seminare haben wir zum Beispiel die Gründer eines Unternehmens kennen gelernt, mit denen wir im Bereich Softwareentwicklung für unsere Datenbanken kooperieren werden.
Sie haben beide ein EXIST-Gründerstipendium beantragt. Warum?
Dr. Malysheva-Otto: Mit dem EXIST-Gründerstipendium können wir unsere Gründungsidee in die Realität umsetzen und dabei den täglichen Lebensunterhalt sichern. Außerdem haben wir mit dem Stipendium unsere neuen Computer sowie Beratungs- und Reisekosten bezahlt. Aktuell finanzieren wir damit die Entwicklung einer Oberfläche für unsere Datenbanken.
Gibt es besondere Hürden, die Sie im Rahmen Ihrer Gründungsvorbereitung nehmen müssen?
Dr. Malysheva-Otto: Ich denke, unsere Vorbereitungen verlaufen im Großen und Ganzen optimal. Dafür müssen wir uns bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Leibniz X bedanken. Aber auch die Verwaltung unseres Heimat-Instituts, das IPK, unterstützt uns sehr bei unserem Vorhaben. Es wickelt den gesamten kaufmännischen Bereich für uns ab, zum Beispiel durch die Bearbeitung der Reisekostenanträge. Wenn wir Fragen zur Finanzierung, zu Versicherungen oder Rechtsformen haben, erhalten wir von der Abteilung Technologietransfer erste Informationen. Und selbst die EDV-Abteilung des IPK hilft uns und gibt uns nützliche Tipps in Sachen Softwareentwicklung.
Das bedeutet allerdings nicht, dass wir keine Probleme hätten: Wir arbeiten ja in der so genannten „Grünen Biotechnologie“. Die hier zu erwartenden Renditen lassen sich nicht mit denen anderer Branchen wie beispielsweise der umsatzstarken Pharma-Branche vergleichen. Auf Grund der vergleichsweise schwachen Renditeerwartungen gestaltet sich die Suche nach Kapitalgebern daher leider als schwierig.
Verena Bosse: Ein weiteres Problem ist, dass wir beide eine naturwissenschaftliche Ausbildung haben und bisher überwiegend in der wissenschaftlichen Forschung gearbeitet haben. Insofern waren kaufmännische Fragestellungen für uns bislang nicht relevant gewesen. Aber ohne dieses Wissen lässt sich ein Unternehmen weder gründen, geschweige denn führen. Wir benötigen daher viel Zeit, uns hier einzuarbeiten, was leider nicht selten auf Kosten der Produktentwicklung geht. Natürlich hatten wir schon daran gedacht einen kaufmännisch versierten Partner mit „ins Boot zu holen“. Nur fehlt uns zur Zeit dafür die notwendige Finanzierung. Aber das mag sich im nächsten Jahr ändern, wenn wir erste Umsätzen verzeichnen können.


Gründungsbeispiele