EXIST-Gründerstipendium

Gründungsbeispiel für www.exist.de

Dr. Barbara Friedmann

Dr. Barbara Friedmann

"Meines Erachtens ist es wichtig, vor seiner Selbständigkeit erst einmal Erfahrungen in der Industrie zu sammeln. An der Uni ist man doch eher in einem geschützten Bereich."

Interview mit Dr. Barbara Friedmann

Kurzinfo:

NoreTEc - No Reflection Technologies (in Gründung)
Dr. Barbara Friedmann
www.hf-lab-koeln.de
Gründung vorauss.: 2008/2009

Frau Dr. Friedmann, Sie entwickeln hochfrequenzabsorbierende Materialien. Wozu braucht man die?

Dr. Friedmann: Solche Materialien werden für Gebäude und Objektverkleidungen sowie für die Luft- und Raumfahrt benötigt. Stellen Sie sich vor: Ein Schiff mit Radarortung fährt unter einer Brücke, an deren Unterseite sich H-Träger aus Stahl befinden. Diese bewirken, dass der Radarstrahl mehrfach hin und her reflektiert wird. Das Ergebnis ist ein unauswertbares Bild auf dem Radarschirm des Schiffes. Durch Anbringen von Hochfrequenzabsorbern an der Unterseite der Brücke werden diese störenden Mehrfachreflexionen vermindert und sichern so die Radarortung, die insbesondere bei Fahrten im Nebel oder nachts wichtig ist. Darüber hinaus werden Störstrahlungen von elektronischen Komponenten, wie man sie zum Beispiel von Handys kennt, reduziert. Die Materialien bestehen aus Polymer-Schichten in Form von Platten, dünnen Folien oder aus Farbschichten, mit denen das betreffende Objekt verkleidet, beschichtet oder lackiert wird.

Was qualifiziert Sie für Ihre Unternehmerinnenlaufbahn?

Dr. Friedmann: Ich habe nach meinem Chemiestudium und meiner Promotion mehrere Jahre in der Industrie gearbeitet und unter anderem in der Kundenberatung im technischen Außendienst viele Erfahrungen gesammelt. Vor kurzem habe ich außerdem ein Zusatzstudium der Nachrichtentechnik abgeschlossen. Fachlich bin ich also fit. Was mein unternehmerisches Know-how angeht, bin ich allerdings auch nicht ganz unerfahren. Denn bevor ich mein Zusatzstudium begonnen hatte, war ich über zehn Jahre zu Hause und habe mich um meine Familie gekümmert. In dieser Zeit habe ich nebenbei ein Kleinstunternehmen für Hundesportartikel geführt und musste mich mit Marketingfragen, Kundenakquise, Preiskalkulation usw. auseinandersetzen. Die Erfahrungen kommen mir bei meinem jetzigen Gründungsvorhaben zugute, auch wenn es natürlich einige Nummern größer und wesentlich anspruchsvoller ist.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, sich selbständig zu machen?

Dr. Friedmann: Mich hat das Thema Hochfrequenzabsorber eigentlich immer schon interessiert. Zufällig kam ich darüber mit Professor Rainer Kronberger vom Institut für Hochfrequenztechnik hier an der FH Köln ins Gespräch. Er ist einer der wenigen, der den recht intransparenten Markt sehr gut beurteilen kann und weiß, wo Hochfrequenzabsorber auch zukünftig benötigt werden. Er war es eigentlich, der mich dann auf den Gedanken gebracht hat, mich mit der Entwicklung von Absorbermaterialien selbständig zu machen. Mein Vorteil ist, dass ich sowohl Chemikerin als auch Nachrichtentechnikerin bin. Beides wird in der Hochfrequenzabsorbertechnik benötigt. Nur: Die Vertreter beider Fachrichtungen sprechen in der Regel ganz unterschiedliche Sprachen. Da ist die Zusammenarbeit nicht so einfach. Das Problem habe ich nicht. Professor Kronberger hat mich dann sehr bei den Vorbereitungen unterstützt und mich auch auf das EXIST-Gründerstipendium aufmerksam gemacht.

Und wie ging es dann weiter?

Dr. Friedmann: Das ging dann alles recht schnell: Ich habe einen Antrag für das EXIST-Gründerstipendium gestellt. Damit hatte ich für die folgenden zwölf Monate ein festes Einkommen, so dass ich mich auf meine Gründungsvorbereitungen konzentrieren konnte. Außerdem habe ich damit einen Teil meiner Laborausstattung finanziert. Vieles hatte ich zwar in den Jahren zuvor privat gekauft, über eBay zum Beispiel, aber für ein funktionierendes Labor, das sowohl elektrotechnische Messungen als auch chemische Untersuchungen ermöglichen sollte, fehlten mir bis dahin die wesentlichen Messgeräte. Den Raum hat mir übrigens die Fachhochschule Köln sofort nach Bewilligung meines EXIST-Antrags zur Verfügung gestellt. Auch sonst hat mich die FH bei meinen Gründungsvorbereitungen mit Rat und Tat unterstützt.

Über das EXIST-Gründerstipendium konnten Sie auch ein Coaching finanzieren?

Dr. Friedmann: Ja, ich habe mich über einen Zeitraum von zwölf Monaten coachen lassen. Zu wissen, dass da jemand ist, den man jederzeit fragen kann - das war schon sehr hilfreich. Hinzu kam, dass mein Coach nicht nur Mitarbeiter der Kreissparkasse Köln ist, sondern auch Maschinenbauingenieur. Insofern sprachen wir auch fachlich fast dieselbe Sprache. Gleich zu Beginn unserer Zusammenarbeit gab er mir den Tipp, mich am Businessplanwettbewerb des NUK Neues Unternehmertum Rheinland zu beteiligen. Für das EXIST-Gründerstipendium musste ich ohnehin einen Businessplan schreiben, insofern kostete mich die Teilnahme am Wettbewerb keinen zusätzlichen Aufwand. Im Gegenteil: Von der Teilnahme habe ich sehr profitiert, weil man sich mit allen relevanten Inhalten eines Businessplans wie Marktrecherche, Preisgestaltung, Vertrieb oder auch Personalplanung beschäftigen muss.

Am besten hat mir gefallen, dass meine Gründungsvorbereitungen durch die regelmäßigen Treffen an Struktur gewannen. Wir haben uns alle drei bis vier Wochen im Labor getroffen und sind einzelne Fragen zum Businessplan durchgegangen. Bis zum nächsten Termin musste ich dann immer bestimmte Aufgaben erledigen: europa- und weltweite Wettbewerberzahlen beschaffen, potenzielle Kunden ermitteln, Entwicklungsbedarf feststellen usw. Auf diese Weise ist mein Businessplan Schritt für Schritt gewachsen...

... und war schließlich erfolgreich: Sie haben beim NUK-Wettbewerb den zweiten Platz belegt.
Wie sehen Ihre weiteren Schritte aus?

Dr. Friedmann: Der wichtigste Schritt ist, eine geeignete Anschlussfinanzierung zu finden. Das EXIST-Gründerstipendium ist ja im August 2008 ausgelaufen. Ich würde die Beteiligung durch einen Business Angel favorisieren. Aber man muss mehrere Eisen im Feuer haben. In Frage kommen auch Venture-Capital-Geber. Die haben allerdings meist sehr kurzfristige und hohe Renditeerwartungen. Gegebenenfalls würde ich auch eine weitere Forschungsförderung beantragen. Ich kann nur jedem empfehlen, sich möglichst früh um eine geeignete Anschlussfinanzierung zu kümmern, am besten direkt zu Beginn der EXIST-Phase. Die Zeit vergeht einfach so schnell. Wichtig dabei ist, nicht nur auf ein Pferd zu setzen. Wenn ein Kapitalgeber kurz vor Vertragsabschluss wieder absagt, steht man wieder mit leeren Händen da. Von daher sollte man wirklich mit allen in Frage kommenden Finanzierern Kontakt aufnehmen.

Wo wir schon bei den Tipps sind: Welche weiteren Empfehlungen würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben?

Dr. Friedmann: Meines Erachtens ist es wichtig, vor seiner Selbständigkeit erst einmal Erfahrungen in der Industrie zu sammeln. An der Uni ist man doch eher in einem geschützten Bereich. Aber in der Wirtschaft herrschen ganz andere Spielregeln. Da gibt es auch jede Menge Fallstricke, die man erst kennen lernen sollte. Ja, und dann vielleicht noch etwas zum Gründungsalter: Mir war zwar schon mit Anfang 20 klar, dass ich mich beruflich selbständig machen möchte, aber es fehlte einfach die „zündende“ Geschäftsidee. Dann kamen Promotion, Berufstätigkeit und Elternzeit hinzu. Jetzt bin ich 48, bin fachlich auf dem aktuellen Stand, habe reichlich berufliche Erfahrungen und – was man nicht unterschätzen sollte – Erfahrungen mit vielen unterschiedlichen Menschen, auch aus der Branche, gesammelt. Insofern sollte man sich darüber bewusst sein, dass eine Unternehmensgründung jenseits der 30 nicht nur möglich ist, sondern auch jede Menge Vorteile bietet.