EXIST-Gründerstipendium

Gründungsbeispiel für www.exist.de

Foto von Johannes Eckstein, Dr. Daniela de Oliveira Maionchi

Johannes Eckstein, Dr. Daniela de Oliveira Maionchi
Foto: „Stuttgart Research Centre for Simulation Technology“ (SRC SimTech) - Universität Stuttgart.

„Wir wollen unser Team um eine weitere Person mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund erweitern, mit der wir zusammen die Marketing- und Finanzierungskonzepte für unser Unternehmen vorbereiten können.“

Interview mit Johannes Eckstein und Dr. Daniela de Oliveira Maionchi

KURZINFO:

Johannes Eckstein, Dr. Daniela de Oliveira Maionchi
EXIST-Gründerstipendium: 2011-2012

Computerbasierte Simulationsmodelle tragen dazu bei, Maschinen und Verfahren zu entwickeln, die den Anforderungen an die Praxis genau angepasst sind. Sie können damit kostenaufwändige Experimente ersetzen. Die beiden Wissenschaftler, Dr. Daniela de Oliveira Maionchi und Johannes Eckstein, haben nun an der Universität Stuttgart ein neues Simulationswerkzeug entwickelt, um damit in die berufliche Selbständigkeit zu starten.

Frau Maionchi, erklären Sie uns Ihre Geschäftsidee?

de Oliveira Maionchi: Wir möchten eine innovative wissensbasierte Dienstleistung anbieten, die Mehrkörpersysteme und Partikel oder auch Fluide zusammen simuliert. Nehmen wir als Beispiel einen Bagger: Der Bagger ist ein Mehrkörpersystem, der Sand besteht aus Partikeln. Dem Baggerhersteller, der seine Maschine optimieren möchte, können wir mit unserem Modellierungswerkzeug ein genaues Bild davon machen, welche Kräfte beim Graben auf den Bagger wirken, wie sich die Sandpartikel verhalten und welche Optimierungspotenziale es gibt. Bisher konnte man bei solchen Simulationen entweder nur die Maschine oder nur die Partikel darstellen. Bei dem von uns entwickelten Verfahren können wir beides koppeln und auf diese Weise sehr genaue und praxisnahe Ergebnisse erreichen. Das gilt selbstverständlich nicht nur für Bagger, sondern auch für Verpackungsmaschinen, die beispielsweise Flüssigkeiten abfüllen oder auch Betonpumpen. Das heißt, in erster Linie gehören Unternehmen aus der Maschinenbaubranche zu unsere Zielgruppe, aber wir sind offen. Genauso gut könnte unser Angebot auch in der Automobil-, der Eisenbahnindustrie oder auch der Verfahrenstechnik angewandt werden.

Wie stellen Sie die Ergebnisse Ihrer Simulation dar?

Eckstein: Kurz gesagt, erfassen wir zunächst im Detail die Maschine mit ihren einzelnen Funktionen, lassen uns das Problem bzw. die Optimierungswünsche des Herstellers erläutern und geben die notwendigen Daten in unser Computerprogramm ein. Die Simulation liefert dazu Optimierungsvorschläge. Dabei geht es um Parameter an der Maschine, die geändert werden können. Im Ergebnis können wir dem Kunden einen Videofilm zeigen, der die Ergebnisse verdeutlicht.

Wie sind Sie auf Ihre Geschäftsidee gekommen, und was qualifiziert Sie dafür?

Eckstein: Daniela hat im Bereich Partikel- und Fluiddynamik promoviert und anschließend als Gastwissenschaftlerin am Institut für Technische und Numerische Mechanik (ITM) an der Universität Stuttgart mit einer Software für Partikelsimulation gearbeitet. Ich habe mich im Rahmen meines Studiums und meiner Diplomarbeit mit Mehrkörpersimulation beschäftigt. Irgendwann hatten wir dann die Idee, unsere beiden Forschungsbereiche zusammenzuführen und den Anforderungen in der Industrie anzupassen. Und so haben wir das Projekt für unsere Gründung vorgeschlagen.

Hat die Selbständigkeit Sie gereizt? Sie hätten auch in der Industrie oder Forschung bleiben können.

Eckstein: Ich habe das ehrlich gesagt nicht erst am Ende meines Studiums entschieden, sondern schon im ersten Studienjahr. Mir war damals schon klar, dass ich selbst ein Unternehmen gründen möchte. Bei mir gab es schon immer die Bestrebung, es erst einmal mit der beruflichen Selbständigkeit zu probieren.

de Oliveira Maionchi: Ich habe in Brasilien promoviert und dann in Deutschland zwei Jahre als Projektleiterin gearbeitet. Während dessen habe ich jede Menge Erfahrungen gesammelt und mit verschiedenen Unternehmen zu tun gehabt. Irgendwann fand ich dann auch, dass es nicht schlecht wäre, sich mit einer eigenen Idee selbständig zu machen.

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Selbständigkeit vor? Sie stehen ja noch ziemlich am Anfang.

Eckstein: Ja, stimmt. So richtig angefangen haben wir erst im Februar dieses Jahres, seit dem wir beide das EXIST-Gründerstipendium erhalten. Wir haben eine Marktrecherche durchgeführt und dabei festgestellt, dass zwar viele Ingenieurbüros Simulationen im Bereich Mehrkörper- oder Partikeldynamik anbieten, aber wir sind derzeit die einzigen, die das Know-how für die gekoppelte Simulation beider Systeme besitzen.

de Oliveira Maionchi: Insgesamt ist es schwierig, die Nachfrage für unser Simulationsangebot im Maschinenbau einzuschätzen, weil es bisher nichts Vergleichbares gibt. Deshalb kümmern wir uns zurzeit vorrangig um die technische Optimierung. Ich denke, wenn wir in zwei, drei Monaten mit einigen potenziellen Kunden gesprochen haben, können wir besser einschätzen, in welchen Bereichen wir unseren Fokus legen werden und wie viele Aufträge wir bearbeiten können. Dann sind wir auch in der Lage genauer die Finanzierung für unser zukünftiges Unternehmen einzuschätzen, um spätestens in zwei Jahren ein Team aufgebaut zu haben.

Welche Beratung nutzen Sie?

Eckstein: Bis jetzt haben wir uns von der Technologie Transfer Initiative, TTI, der Universität Stuttgart, beraten lassen. Das Exzellenzcluster „Simulation Technology“, Simtech, ermöglicht uns, Kontakt zu potenziellen Kunden zu knüpfen.

de Oliveira Maionchi: Außerdem erhalten wir von unseren beiden Paten am Institut für Technische und Numerische Mechanik (ITM) tatkräftige Hilfestellung: Institutsleiter Professor Peter Eberhard und Professor Peter Meinke unterstützen uns durch ihre Kontakte zur Industrie. Professor Meinke war außerdem 20 Jahre lang Abteilungsleiter in einem Maschinenbaukonzern und gibt jetzt seine Erfahrungen an uns weiter.

Wie sieht Ihre unternehmerische Qualifizierung aus?

de Oliveira Maionchi: Jetzt, in der Anfangsphase, versuchen wir das alles selbst zu bewältigen und nehmen daher gerade an einer kaufmännischen Weiterbildung teil. Ich besuche gerade zwei Kurse an der IHK. Als nächstes steht der Besuch von Existenzgründungsseminaren auf der Agenda. Wenn wir uns in Zukunft vergrößern werden, können wir für die kaufmännischen Aufgaben zwar jemanden einstellen. Aber ich finde es trotzdem wichtig, dass wir selbst ebenfalls über das notwendige kaufmännische Grundlagenwissen verfügen.

Wollen Sie noch weitere finanzielle Förderung in Anspruch nehmen?

Eckstein: Wir schließen das auf keinen Fall aus. Wir wollen unser Team um eine weitere Person mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund erweitern, mit der wir dann zusammen die Marketing- und Finanzierungskonzepte für unser Unternehmen vorbereiten können. Wie weitere Finanzierungsmöglichkeiten oder Beteiligungen aussehen könnten, müssen wir noch im Detail abwägen. Wir vertrauen da auch auf die Erfahrungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TTI. Die kennen unsere Geschichte und können uns sicher weiter beraten.