
v.l.n.r.: Florian Benz, Alexander Goldmaier
Quelle: Foto: Autarcon GmbH
„Die von uns entwickelten Technologien sollen auch ökologisch und sozial nachhaltig sein.“
Interview mit Florian Benz
Kurzinfo
Florian Benz, Alexander Goldmaier
AUTARCON GmbH
EXIST-Gründerstipendium: 2009
Gründung: 2010
www.autarcon.com
Herr Benz, Sie und Ihr Mitgründer, Alexander Goldmaier, möchten nicht nur Geld verdienen, sondern auch etwas Gutes tun.
Benz: Ja, uns ist es nicht nur wichtig, dass sich unser Unternehmen betriebswirtschaftlich langfristig trägt, sondern dass die von uns entwickelten Technologien auch zur ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit beitragen. Diesem Ziel kommen wir mit unserer Geschäftsidee, eine dezentrale Trinkwasseraufbereitung vor allem für den ländlichen Einsatz in Entwicklungsländern und Schwellenländern zu entwickeln und zu vertreiben, sehr nah.
Anlagen zur Trinkwasseraufbereitung sind eigentlich nichts Neues. Was ist das Besondere an Ihrer Entwicklung?
Benz: Da gibt es mehrere Besonderheiten: Zum einen arbeiten wir mit einem lektrolytischen Verfahren. Das heißt, unser SuMeWa|SYSTEM braucht zwar Strom, allerdings verwenden wir dafür keine Batterien, sondern Solarenergie mittels Photovoltaik-Modulen. Mit Hilfe der Elektrolyse verbinden wir die Salze im Wasser zu Chlor. Und damit sind wir bei der zweiten Besonderheit: Anders als bei bisher üblichen Desinfektionsverfahren, bei denen Wasser in einem zusätzlichen Schritt mit Chlor angereichert wird, geschieht dies bei uns im selben Kreislauf, so dass niemand mit den Chemikalien direkt in Berührung kommt. Dadurch ist das Wasser vor Wiederverkeimung geschützt. Drittens hat die Anlage keine Verschleißteile und kann von jedermann gewartet, auseinander- und wieder zusammengebaut werden. Wie die Wartung funktioniert, erklären wir über Bilder und als Werkzeug reicht eine Zahnbürste und Zitronensaft bzw. Essig. Man benötigt also kein technisch geschultes Personal. Für die einfache Bedienung und Wartung haben wir bereits den Solar AWARD 2011 in der Kategorie Photovoltaik verliehen bekommen.
Und wie viel Trinkwasser erzeugt Ihre Anlage?
Benz: Bis zu vierhundert Liter keimfreies Trinkwasser pro Stunde. Wobei es natürlich schwierig ist, den Pro-Kopf-Verbrauch realistisch einzuschätzen. Das Haupteinsatzgebiet sind Brunnen und Oberflächenwasser in kleinen Kommunen. Da geht es nicht nur ums Trinkwasser, sondern auch ums Händewaschen, Gemüsewaschen usw. Im Durchschnitt kann man mit den 400 Litern bis zu 100 Menschen versorgen, die an ein kleines Wassernetz angeschlossen sind und einfach nur den Wasserhahn aufdrehen. Wenn die Leute das Wasser mit Eimern oder Kanistern holen müssen, ist der Verbrauch sehr viel niedriger und es können sehr viel mehr Menschen versorgt werden.
Wie ist diese Idee entstanden?
Benz: Das ganze Projekt ist schon 2000 ins Leben gerufen worden. Damals wurden am Lehrstuhl für „Rationelle Energiewandlung“ an der Universität Kassel unter der Leitung des derzeitigen Vorstandes des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik, Prof. Dr.-Ing. Jürgen Schmid, die Anforderungen an eine dezentrale energieautarke Trinkwasseraufbereitungsanlage zusammengefasst. Kurz darauf, im Jahr 2003, kam es zu einer Kooperation zwischen der Universität in Fortaleza, Brasilien, und der Universität Kassel. Damals entstand der Prototyp, der in Brasilien getestet wurde. Das lag damals in der Verantwortung von Alexander Goldmaier. Über ihn habe ich das Projekt auch kennen gelernt. Und weil uns beide die Idee überzeugt hat, haben wir uns zusammengetan und durchgerechnet, ob es sich finanziell lohnen würde, mit der Entwicklung und dem Vertrieb von Trinkwasseraufbereitungsanlagen in die unternehmerische Selbständigkeit zu gehen.
Und das Ergebnis war offensichtlich positiv.
Benz: Ja, wir haben noch einige Zeit recherchiert und haben dann den Antrag für EXIST-Gründerstipendium gestellt. Im Januar 2009 begann die Förderung und ein Jahr später haben wir unser Unternehmen, die AUTARCON GmbH, gegründet. Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg, denn die Anlage funktionierte zwar, aber sie war noch nicht verkaufsfertig. Beim Design gab es zum Beispiel noch viel zu tun. Und auch, was den Auf- und Abbau betraf. Außerdem musste die Anlage für den Versand bestimmte Maße einhalten. Hinzu kam, dass wir auf Verpackungsmaterial verzichten wollten. Wir haben daher die einzelnen Bestandteile so entwickelt, dass der Reaktionsbehälter zugleich als Transportkiste dient. Alle zusätzlichen Komponenten sind vor Ort erhältlich und können ganz einfach installiert werden.
Auf so eine Anlage haben doch sicherlich viele Kunden gewartet?
Benz: Wir hatten uns während der EXIST-Förderphase mit Coaches unterhalten, die im Marketing tätig sind und die uns mit ihren Netzwerken unterstützt haben. Darüber haben wir erste Kontakte zu potenziellen Kunden bekommen, also zu Entwicklungshilfeorganisationen, Nicht-Regierungs-Organisationen oder auch ausländischen Unternehmern, die hier in Deutschland nach interessanten Technologien für ihre Heimatländer Ausschau halten. Hinzu kommen Unternehmen der Ökotourismus-Branche, die beispielsweise für abgelegene Lodges nach Möglichkeiten der Wasserversorgung suchen. Größtenteils mussten wir allerdings ziemlich schnell feststellen, dass der Markt für Trinkwasseraufbereitungsanlagen sehr zurückhaltend ist gegenüber neuen Technologien. Das hatten wir nicht erwartet.
Gab es Schwierigkeiten während der Aufbauphase?
Benz: Klar, die Finanzplanung, Buchführung und weitere kaufmännische Aufgaben waren nicht einfach für uns, da wir beide Diplom-Ingenieure sind. Wir haben daher gleich zu Beginn unserer Gründung eine Betriebswirtin eingestellt, die das Unternehmen aber inzwischen wieder verlassen hat. Damit standen wir vor einem Problem, mit dem vor allem kleinere Unternehmen zu kämpfen haben, denn bei einem Personalwechsel geht immer
auch Wissen verloren. Und bis sich alles wieder eingespielt hat, das Wissen wieder vorhanden ist und die Aufgaben neu verteilt sind, vergeht viel Zeit.
Besonders schwer getan haben wir uns mit juristischen Fragestellungen, insbesondere was die Gründung der GmbH betrifft. Für uns als Ingenieure war das Neuland, genauso wie der Vertrieb, die Verkaufsgespräche oder die Vertragsgestaltung. Da haben uns am Anfang unsere Coaches sehr geholfen. Außerdem haben wir hier in Kassel die Seminare von Promotion Nordhessen besucht, die uns ebenfalls sehr geholfen haben. Die Finanzierung
konnten wir mit Förderdarlehen der KfW Bankengruppe und einer Bürgschaft der Bürgschaftsbank Hessen auf die Beine stellen.
Insgesamt haben wir aus der Vorbereitungsphase gelernt, dass es wichtig ist, ein gutes Zeitmanagement aufzubauen. Ein halbes Jahr Vorlaufzeit für eine Unternehmensgründung
ist sehr knapp bemessen. Vor allem der Vertrieb muss sehr sorgfältig geplant werden.
Wie hat Sie Ihre Hochschule bei den Gründungsvorbereitungen unterstützt?
Benz: Wir konnten Räume über die Universität Kassel mieten und hatten dadurch zunächst einmal keinen Umzugsstress. Außerdem wurden uns im Rahmen des Finishing-Tools zwei Berater zur Seite gestellt, die mit allen EXIST-Gründungsteams Gruppen- und Einzelsitzungen durchgeführt haben. Da ging es um allgemeine Herausforderungen einer Unternehmensgründung, um individuelle Fragen der einzelnen Projekte und auch ganz persönliche Ängste oder Bedenken. Darüber hinaus hat uns Professor Dr. Jürgen Schmid, der u. a. auch Mitglied des wissenschaftlichen Beirats „Globale Umweltveränderungen“ der Bundesregierung ist, mit potenziellen Auftraggebern in Verbindung gebracht. Das war letztlich entscheidend für die bisherige erfolgreiche Entwicklung unseres Unternehmens.


AUTARCON GmbH