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Die Gründungsportale


EXIST

„In den USA muss keinem Unternehmen erst erklärt werden, dass eine Universität ein wichtiger Partner sein kann.“

Foto von Professor Doktor Dietmar Harhoff

Prof. Dr. Dietmar Harhoff

Prof. Dr. Dietmar Harhoff, Ph.D. ist Direktor des LMU Entrepreneurship Center (LMU EC) sowie Vorstand des Instituts für Innovationsforschung, Technologiemanagement und Entrepreneurship an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hat maßgeblich das Sponsoring- und Fundraisingprogramm des LMU EC mitgestaltet. Seit Anfang 2010 ist er Gastprofessor an der Stanford University, Kalifornien, USA.

Herr Professor Harhoff, Sie sind zur Zeit an der Stanford University tätig, einer privaten amerikanischen Hochschule. Sie sind aber auch vertraut mit staatlich finanzierten Hochschulen wie Berkeley oder anderen privaten Universitäten, wie der Harvard University und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT). Welchen Stellenwert haben die Ausbildung und Betreuung von Gründerinnen und Gründern an amerikanischen Hochschulen?

Prof. Dr. Harhoff: Obwohl sich Stanford, Berkeley oder auch die Hochschulen an der Ostküste voneinander stark unterscheiden, ist allen Einrichtungen gemeinsam, dass sie in der Entrepreneurship-Ausbildung einen wichtigen Bestandteil des Curriculums sehen. Nicht nur aus volkswirtschaftlichen Gründen, sondern auch, um Studierenden Optionen für die Realisierung ihrer Lebensvorstellungen und Karrieren zu eröffnen. Dass diese Überzeugung auch an unseren Hochschulen inzwischen stärker greift, halte ich für sehr wichtig. Wir haben da in den letzten zehn Jahren infolge von EXIST und anderen Maßnahmen große Fortschritte gemacht. Aber die Hochschulen in den USA sind da schon weiter.

Was können wir von amerikanischen Hochschulen in Sachen Entrepreneurship-Ausbildung lernen?

Prof. Dr. Harhoff: In Deutschland wird oft gedacht, dass an US-Hochschulen eine zentrale Institution für die Ausbildung und Unterstützung von Gründern zuständig ist. Das geht an der Realität vorbei. Wenn Sie sich Stanford oder Berkeley oder das MIT anschauen, dann gibt es immer eine Vielzahl von Akteuren, die da zusammenwirken. In Stanford gibt es wichtige Einrichtungen in der School of Engineering und daneben in der Business School. Das Office of Technology Licensing ist ein weiterer Spieler. Manche Lehrstühle und Forschungslabore unterhalten ihre eigenen Kontakte zu Wagniskapitalgebern und Inkubatoren. Die Einrichtungen kooperieren zwar untereinander, arbeiten aber auch selbständig oder haben Fördermaßnahmen, die mit externen Partnern betrieben werden. Außerdem existieren erfolgreiche, privat betriebene Inkubatoren im Umfeld. Das ist tendenziell an großen deutschen Hochschulen nicht anders: dort gibt es üblicherweise Stellen in der Verwaltungsorganisation, die für den Technologietransfer und arbeitsrechtliche Aspekte zuständig sind, dann sind da noch Lehrstühle, die in Ausbildung und Forschung tätig sind, und letztlich dann Zentren für Entrepreneurship-Ausbildung und Gründerunterstützung. Die Heterogenität der Akteure ist also in den USA ähnlich wie bei uns, nur gehen wir vielleicht noch nicht sehr produktiv damit um. In den USA gibt es natürlich auch schon länger Erfahrungen mit diesen Einrichtungen. Zudem werden Ausbildung und Unterstützung intensiver als bei uns betrieben.

Worin besteht diese höhere Intensität?

Prof. Dr. Harhoff: Zunächst einmal ist die Zahl der Studierenden, die in diese Aktivitäten eingebunden sind, größer. Darüber hinaus ist es so, dass einige der Hochschulen, also beispielsweise das MIT, aber auch Stanford, mit dem Label „Entrepreneurship“ inzwischen Studierende ganz gezielt anziehen. Die Business School in Stanford rekrutiert in diesem Zusammenhang eine ganze Reihe von Studenten, die später in einem Startup-Unternehmen tätig sein wollen. Die sind nicht unbedingt an rein akademischen Leistungen interessiert, haben aber unternehmerisches Talent und bringen sehr viel Energie mit. Das bedeutet, sie meistern ihr Studium meist sehr gut und engagieren sich zusätzlich in Start-up-Teams mit ungewöhnlichen und innovativen Ideen. Und dann kommt dazu: Es stehen deutlich mehr finanzielle Mittel zur Verfügung.

Wie finanzieren amerikanische Hochschulen die Ausbildung und Betreuung von Gründerinnen und Gründern?

Prof. Dr. Harhoff: Stanford verfügt als private Hochschule über sehr viel Eigenkapital - das Endowment betrug im Jahr 2009 12,3 Mrd. Dollar, und es wurden 640 Mio. Dollar an Spenden eingenommen. Etwa drei Viertel des Endowments der Universität ist für spezifische Projekte vorgesehen. In der Forschung nutzt die Universität natürlich wie staatlich finanzierte Hochschulen wie Berkeley auch öffentliche Fördermittel, um die es einen intensiven Wettbewerb gibt. Die Unterstützung von Gründern wird fast ausschließlich aus privaten Mitteln betrieben. So unterstützt die Kauffman-Foundation eine Vielzahl von Programmen an privat und öffentlich finanzierten Universitäten.

Das Fundraising wird seitens der Hochschuleinrichtungen sehr professionell betrieben. Der Kontakt zu potenziellen Kapitalgebern wird entweder über eigenes qualifiziertes Personal der Hochschule oder über spezialisierte Dienstleister hergestellt. Als Sponsoren sind natürlich Branchenriesen wie Hewlett-Packard, Microsoft, Apple oder Google gefragt, da liegen die Hochschulen auch durchaus im Wettbewerb untereinander. Dass Stanford beim Einwerben dieser Mittel erfolgreich ist, lässt sich allein an den Namen der Gebäude ablesen – Gates, Hewlett, Packard, Allen und viele andere. Aber es gibt auch zahlreiche „kleine“ Spenden.

Wie gehen die Unternehmen mit den Fundraisern um?

Prof. Dr. Harhoff: Entspannt. In den USA muss keinem Unternehmen erst erklärt werden, dass eine Universität oder ein Entrepreneurship Center ein wichtiger Partner sein kann. Fundraising ist also eine selbstverständliche Aktivität – sowohl für die Hochschulen als auch für ihre potenziellen Geldgeber. Das heißt nicht, dass das Verhältnis zwischen einer Hochschule, die auf Eigenständigkeit achten muss, und einem Sponsor, der eigene Interessen verfolgt, ohne Spannungen ist. Da kommt es sehr wohl zu intensiven Diskussionen, gerade auch innerhalb der Universitäten. Hochschulen dürfen nicht zu verlängerten Werkbänken der Industrie werden – das ist auch in den USA unstrittig. Aber anders als in Deutschland versucht man immer wieder, gute Kompromisse zu finden. Wir sehen da in Deutschland ja die Eigenständigkeit der Hochschule schon bedroht, wenn ein Hörsaal nach einem Stifter benannt werden soll.

Was lässt sich in puncto nachhaltiger Finanzierung auf deutsche Hochschulen übertragen?

Prof. Dr. Harhoff: Sicherlich ist übertragbar, dass man Fundraising aktiv und langfristig betreiben muss. Es dauert eine Weile, bis eine Organisation steht, ein Fundraising-Plan entwickelt wurde und erste Gespräche mit potentiellen Geldgebern stattfinden. Interessant erscheint mir eine Fundraising-Komponente, die in Deutschland bisher noch kaum zum Zuge kommt. Das sind erfolgreiche Gründerinnen und Gründer, die irgendwann mit Geldgeschenken oder Stiftungen zu ihrer Universität oder ihrem Entrepreneurship-Center zurückkommen, wenn sie dort gute Unterstützung erfahren haben. Das ist viel wichtiger als die Lizenzeinnahmen, auf die sich Technologietransferstellen oft konzentrieren und die irrtümlich als große Einnahmequelle dargestellt werden.

Ein Blick auf die erfolgreichen Technologietransferinstitutionen in den USA zeigt, dass das eine Fehleinschätzung ist. Das Lizenzierungsgeschäft liefert oft bestenfalls eine schwarze Null, aber keine großen Nettoerträge. Da hilft es dann auch nicht, wenn man den Gründern mit überzogenen Lizenzforderungen die Lust aufs Gründen verdirbt oder die Beziehung zur Hochschule nachhaltig stört. Hochschulen, die eine relativ große Zahl von Gründungen hervorbringen, können von den Startups langfristig profitieren, indem sie kleine Eigenkapitalpositionen aufbauen, aber mehr noch, indem sie gute Beziehungen zu den Gründerinnen, Gründern und zu den Investoren aufbauen und behalten. Dann kann man auch darauf hoffen, dass irgendwann etwas aus dem geschaffenen Wohlstand zugunsten von Forschung und Lehre in die Universität zurückfließt.

Wie stellen Sie sich die Zukunft der Entrepreneurship-Ausbildung an deutschen Hochschulen vor?

Prof. Dr. Harhoff: Wir sollten anstreben, dass solche Inhalte zum normalen Curriculum dazugehören. Interessierte Studenten sollten die Möglichkeit erhalten, Entrepreneurship-Kurse in ihr Ausbildungsprogramm integrieren zu können. Die Hochschulen sollten sich zwar keiner Missionierung zugunsten von Entrepreneurship verschreiben. Aber wir sollten uns schon von der Vorstellung verabschieden, dass Hochschule und Wirtschaftsleben klinisch steril voneinander getrennt werden können: hier die Universitas, die mit Wirtschaft nichts zu tun hat, und da draußen das private Unternehmertum, das einmal im Jahr die Absolventinnen und Absolventen am Tor der Universität abholt. Und das ist dann der gesamte Wissenstransfer, den die Hochschule leistet. Leider herrscht aber in den Köpfen vieler Akteure, sowohl in der Politik, als auch in den Universitäten, immer noch eine solche Vorstellung vor.

Auch die Absolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften arbeiten heute zu großen Teilen nach dem Studium in privatwirtschaftlichen oder öffentlichen Unternehmen. Selbst wenn das nicht der Fall ist – sozial motivierte Gründungen, im Sinne des Social Entrepreneurship, können ebenfalls davon profitieren, dass sie ihre Ziele effizient verfolgen und nicht alle Fehler wiederholen müssen, die andere schon vor ihnen gemacht haben. Ohne unternehmerische Kreativität wären Organisationen wie Greenpeace, Umweltverbände u. a. NGOs nicht erfolgreich. Einige der kreativsten Ideen, die wir am LMU EC gesehen haben, kommen aus diesem Bereich, den wir jetzt auch intensiv ausbauen – dank einer finanziellen Unterstützung durch die BMW Stiftung Herbert Quandt. Auch deutsche Universitäten sind in komplexe gesellschaftliche und wirtschaftliche Kontexte eingebettet. Daraus ergibt sich die Herausforderung, die Beziehungen zu externen Akteuren konstruktiv zu gestalten und dennoch Eigenständigkeit zu bewahren. Aber während sich Hochschulen in den USA dieser Herausforderung regelmäßig stellen, scheuen wir in Deutschland noch häufig diese Diskussion. Wir verhalten uns da gelegentlich wie der Fuchs, dem die Trauben zu hoch hängen - also werden sie als sauer deklariert.

Kontakt:

Prof. Dr. Dietmar Harhoff
Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München
Institut für Innovationsforschung, Technologiemanagement
und Entrepreneurship (INNO-tec)
80539 München
Kaulbachstraße 45
harhoff@lmu.de
www.inno-tec.bwl.uni-muenchen.de (www)