EXIST

EXIST - Brücke zwischen Hochschule, Forschung und unternehmerischem Denken

Foto von Doktor Johannes Velling, Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie

Dr. Johannes Velling, Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi)

Welche Bedeutung haben Gründungen aus der Wissenschaft in Deutschland?

Dr. Velling: Wenn man diese Bedeutung auf eine Kurzformel bringen wollte, könnte man sagen: klein aber fein. Gründungen aus der Wissenschaft haben nämlich hierzulande zwar nur einen Anteil am Gesamtgründungsgeschehen, aber sie schaffen um ein Vielfaches mehr Arbeitsplätze als „herkömmliche“ Gründungen.

Gründungen aus der Wissenschaft erfüllen darüber hinaus aber eine ganz wichtige Funktion im Wissens- und Technologietransfer. Denn sie dienen dazu, zahlreiche Ideen, die Jahr für Jahr an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen entwickelt werden, weiter auszuarbeiten und wirtschaftlich umzusetzen. Wenn man weiß, dass viele dieser Gründungen die Wachstumsträger von morgen sind, dann können Sie ihre Bedeutung einschätzen. Sie sind in Branchen unterwegs, die unsere zukünftigen Lebens- und Arbeitsweisen entscheidend prägen. Und sie haben das Potenzial, zu den Technologiekonzernen der Zukunft aufzusteigen. Zahlreiche börsennotierte Unternehmen gab es vor zehn Jahren noch gar nicht. Sie haben ihren Ursprung oftmals in einem wissenschaftlichen Forschungsergebnis.

Welche Branchen innerhalb der Hightech-Gründungen spielen bislang die größte Rolle?

Dr. Velling: Da ist zunächst einmal die Software- und Multimediasparte. Die meisten High-Flyer, die wir bisher gefördert haben, gründen in diesem Bereich. Auch beim High-Tech Gründerfonds stellen Software- und Multimediagründungen die größte Gruppe, gefolgt von dem gesamten Lifescience-Bereich also Biotechnologie, Medizintechnik usw. Es wäre aber falsch, nur diesen klassischen Start-Up-Branchen seine Aufmerksamkeit zu schenken, denn es gibt auch sehr interessante Gründungen in der Umwelttechnologie, im Energiesektor, insbesondere bei den erneuerbaren Energien, den Materialwissenschaften und der Nanotechnologie. Für besonders spannend halte ich persönlich gerade auch Gründungen in Branchen, in denen Deutschland der globale Leitmarkt ist. Hierzu gehören für mich der Automobilbereich einschließlich Zulieferindustrie, die Kommunikationssparte, der gesamte Bereich der erneuerbaren Energien, die Chemie und natürlich der Maschinen- und Anlagebau mit seinen zahlreichen Nischenmärkten.

Welche besonderen Herausforderungen müssen Gründerinnen und Gründer aus der Wissenschaft meistern?

Dr. Velling: Versetzen Sie sich doch einmal in die Lage eines Forschers. Der Sprung von seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zur unternehmerischen Herangehensweise eines Gründers ist riesig. Der Kundennutzen steht plötzlich im Vordergrund, nicht mehr die technische Perfektion. Für Unternehmer geht Schnelligkeit vor Gründlichkeit. Denn der zweitschnellste hat in der Regel das Nachsehen, auch wenn sein Produkt vielleicht einen Tick besser ist. Diese vollkommen konträre Denke zu dem, was sie an der Alma Mater gewohnt sind, machen die ersten Gehschritte für Gründer aus der Wissenschaft alles andere als leicht.

Darum haben wir mit Hilfe von EXIST versucht, eine Brücke zwischen Hochschule, Forschung und unternehmerischem Denken zu schlagen. Inzwischen sind ca. 200 regionale Gründungsnetzwerke bei der Antragstellung der EXIST-Förderprogramme aktiv, die Studierenden und Absolventen, aber auch wissenschaftlichen Mitarbeitern und Professoren, unternehmerisches Bewusstsein nahe bringen und Gründungsinteressierten gute Startbedingungen bieten.

Ein weiteres wichtiges Thema ist, wie so oft im Leben, das Geld. Eine große Herausforderung ist nämlich der enorme Kapitalbedarf bei vielen technologieorientierten Gründungen. Bis ein solches Unternehmen tatsächlich schwarze Zahlen schreibt, müssen oft noch mehrere Jahre für Forschung und Entwicklung sowie Markteinführung finanziell überbrückt werden. Die Kapitalsuche ist ein äußerst mühsames Geschäft, denn eine klassische Gründungsfinanzierung über Kreditinstitute und öffentliche Förderdarlehen kommt da nicht in Frage. Mit dem High-Tech Gründerfonds geben wir hier einen entscheidenden Impuls.

Dazu kommen dann noch die rechtlichen Fragen. Viele Gründungen aus der Wissenschaft beruhen ja auf den Erfindungen, die an Hochschulen und Forschungseinrichtungen getätigt wurden. Rechteinhaber dieser Erfindungen sind jedoch die öffentlichen Einrichtungen. Damit sind die Gründerinnen und Gründer darauf angewiesen, dass der Schutz ihrer Erfindung von dort aus betrieben wird und ihnen die Patente oder Ähnliches schnell und ohne Einschränkungen zur Verfügung stehen. Gerade manche Hochschulen tun sich immer noch schwer, wirtschaftlich interessante Erfindungen schnell und im richtigen Umfang zu schützen und diese zu fairen Konditionen für alle Beteiligte in junge Unternehmen einzubringen.

Inwieweit hat EXIST dazu beigetragen, Gründungen aus der Wissenschaft zu unterstützen?

Dr. Velling: Aus meiner Sicht hat EXIST einen ganz entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung einer Gründungskultur an deutschen Hochschulen gehabt. Wir unterstützen seit dem Jahr 1998 in vier EXIST-Phasen insgesamt 72 Projekte an Hochschulen mit ca. 104 Millionen Euro. Im Mittelpunkt stehen u. a. die Herausbildung von Anlaufstellen für Gründungsinteressierte, die Aus- und Weiterbildung potenzieller Gründerinnen und Gründer, die Vernetzung mit Gründungsakteuren in der Region sowie die Verankerung des Themas „Existenzgründung“ in den Curricula der technisch-naturwissenschaftlichen Fachbereiche. Außerdem gehörten zu allen Projekten vielfältige Beratungs- und Coaching-Angebote für Gründerinnen und Gründer. Aktuell führen wir den Wettbewerb „Die Gründerhochschule“ durch, um Hochschulen dabei zu unterstützen, eine ganzheitliche hochschulweite Strategie zu Gründungskultur und Unternehmergeist herauszubilden, um die Start- und Betreuungsangebote für Existenzgründerinnen und Existenzgründer aus der Wissenschaft weiterzuentwickeln, den Gründungsprozess zu erleichtern und mehr Unternehmergeist an den Hochschulen zu verbreiten. Hierbei setzen derzeit zehn geförderte Hochschulen mit unterschiedlich fokussierten Ansätzen ihre Gesamtstrategien um. Zum Beispiel nutzt die als EXIST-Gründerhochschule ausgezeichnete Carl von Ossietzky Universität Oldenburg die Erfahrungen regionaler Unternehmer, von denen die Gründerinnen und Gründer als Mentoren betreut werden.

Zugleich hat EXIST auf hervorragende Weise den nahezu gleichzeitigen Aufbau der Entrepreneurship-Lehrstühle in Deutschland ergänzt. Diese „Gründungsprofessoren“ haben als Teil der Professorenschaft einen ganz anderen Zugang in die unterschiedlichen Fakultäten, da sie dort auf Augenhöhe wahrgenommen werden, und können daher die Bemühungen der Transferstellen und Gründerzentren an den Hochschulen von einer ganz anderen Seite kommend ergänzen. Es gibt unter den Entrepreneurship-Professoren in Deutschland eine ganze Reihe, die sehr aktiv in der Gründer Ausbildung und der Begleitung von Gründungsvorhaben sind und selbst über Gründungserfahrung verfügen. Diese Professorinnen und Professoren sind ideale Partner für EXIST.

Neben EXIST-Gründungskultur verfügen wir über zwei Maßnahmen, die ganz konkret Gründungsprojekte finanziell unterstützen. Mit jährlich 200 geförderten Projekten bei EXIST-Gründerstipendium und EXIST-Forschungstransfer an Hochschulen betreiben wir an den Hochschulen hier eine aktive Gründungsförderung, um die uns die Hochschulen im Ausland begleiten . Es freut mich immer wieder, wenn ich EXIST-geförderte Unternehmen unter den Gewinnern von Businessplan-Wettbewerben und Innovationspreisen sehe. Dies zeigt, dass wir die richtigen im Fokus haben, die es sonst vielleicht gar nicht geben würde oder zumindest viel später gestartet wären.

Wie genau wirken die Förderinstrumente zusammen?

Dr. Velling: Wichtig für uns war und ist der Synergieeffekt zwischen den verschiedenen Förderinstrumenten. Über EXIST-Gründungskultur werden wichtige Voraussetzungen an den Hochschulen geschaffen, um Studierende, wissenschaftliche Mitarbeiter und Absolventen für das Thema Existenzgründung zu sensibilisieren, zu motivieren, auszubilden und schließlich bei konkreten Gründungsprojekten zu beraten und ggf. erste Niederlassungsmöglichkeiten zu bieten. Das Netzwerk an Gründungs- und Entrepreneurshipzentren, Transferstellen und Entrepreneurship-Professuren ist schließlich auch von elementarer Bedeutung für die Funktionsfähigkeit unserer konkreten Unterstützungsmaßnahmen. EXIST-Gründerstipendium oder EXIST-Forschungstransfer. Die Gründungsnetzwerke sind Ansprechpartner für Gründungsinteressierte, über sie werden die Projektanträge abgewickelt, sie beraten die geförderte Gründerin bzw. den geförderten Gründer bei der Umsetzung der Geschäftsidee, vermitteln bei Bedarf spezielle Beratungs- und Coachingmöglichkeiten, helfen aber auch bei der Suche nach einer Anschlussfinanzierung. Durch die enge Zusammenarbeit mit Kapitalgebern, wie Business Angel, Venture Capital-Gesellschaften haben die wachstumsstärksten EXIST’ler zugleich eine große Chance, eine erste externe Finanzierung zu erhalten. Allein beim High-Tech-Gründerfonds sind 50 Prozent der im Jahr 2012 finanzierten Unternehmen ehemals EXIST-geförderte Start-ups.

Was ist neu an EXIST? Welche Schwerpunkte werden hier gesetzt?

In den ersten beiden Phasen von EXIST standen regionale Netzwerke im Vordergrund. Sie müssen wissen: Damals wurde an kaum einer Hochschule in Deutschland unternehmerisches Denken und Handeln systematisch vermittelt, und Gründungsinteressierte hatten kaum Ansprechpartner. EXIST III hat dann bundesweit dazu beigetragen, „weiße Flecken“ zu beseitigen und Lücken im Qualifizierungs- und Unterstützungsangebot zu schließen. Mit insgesamt 47 geförderten Projekten hat EXIST III eine ausgeprägte Breitenwirkung erzielt. Mit dem Wettbewerb „Die Gründerhochschule“ befindet sich die Förderung hochschulbezogener Gründungsinitiativen seit 2010 in einer neuen Phase: Gefördert werden nun in einem Exzellenzansatz Universitäten und Fachhochschulen, die sich insgesamt als gründungsprofilierte Hochschule weiterentwickeln möchten. Ausschlaggebend ist, dass die Hochschule eine Gesamtstrategie zur akademischen Gründungsförderung entwickelt, die geeignet ist, das Potenzial an technologieorientierten und wissensbasierten Gründungen am Hochschulstandort nachhaltig zu erschließen. Darüber hinaus soll die Gründungsförderung aus dem Status der temporär begrenzten, inhaltlich beschränkten Projektförderung in einer strategische Daueraufgabe überführt werden.