
Dr. Johannes Velling, Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi)
EXIST - Brücke zwischen Hochschule, Forschung und unternehmerischem Denken
Interview mit Dr. Johannes Velling, Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi)
Welche Bedeutung haben Gründungen aus der Wissenschaft in Deutschland?
Velling:
Wenn man diese Bedeutung auf eine Kurzformel bringen wollte, könnte man sagen: klein aber fein. Gründungen aus der Wissenschaft haben nämlich hierzulande zwar nur einen Anteil von drei Prozent am Gesamtgründungsgeschehen, aber sie schaffen rund siebenmal mehr Arbeitsplätze als „herkömmliche“ Gründungen.
Gründungen aus der Wissenschaft erfüllen darüber hinaus aber eine ganz wichtige Funktion im Wissens- und Technologietransfer. Denn sie dienen dazu, zahlreiche Ideen, die Jahr für Jahr an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen entwickelt werden, weiter auszuarbeiten und wirtschaftlich umzusetzen. Wenn man weiß, dass viele dieser Gründungen die Wachstumsträger von morgen sind, dann können Sie ihre Bedeutung einschätzen. Sie sind in Branchen unterwegs, die unsere zukünftigen Lebens- und Arbeitsweisen entscheidend prägen. Und sie haben das Potenzial, zu den Technologiekonzernen der Zukunft aufzusteigen. Zahlreiche im TecDax notierte Unternehmen gab es vor zehn Jahren noch gar nicht. Sie haben ihren Ursprung oftmals in einem wissenschaftlichen Forschungsergebnis.
Welche Branchen innerhalb der Hightech-Gründungen spielen bislang die größte Rolle?
Velling:
Da ist zunächst einmal die Software- und Multimediasparte. Die meisten High-Flyer, die wir bisher gefördert haben, gründen in diesem Bereich. Auch beim High-Tech Gründerfonds stellen Software- und Multimediagründungen die größte Gruppe, gefolgt von dem gesamten Lifescience-Bereich also Biotechnologie, Medizintechnik usw. Es wäre aber falsch, nur diesen klassischen Start-Up-Branchen seine Aufmerksamkeit zu schenken, denn es gibt auch sehr interessante Gründungen in der Umwelttechnologie, im Energiesektor, insbesondere bei den erneuerbaren Energien, den Materialwissenschaften und der Nanotechnologie. Für besonders spannend halte ich persönlich gerade auch Gründungen in Branchen, in denen Deutschland der globale Leitmarkt ist. Hierzu gehören für mich der Automobilbereich einschließlich Zulieferindustrie, die Kommunikationssparte, der gesamte Bereich der erneuerbaren Energien und natürlich der Maschinen- und Anlagebau mit seinen zahlreichen Nischenmärkten.
Welche besonderen Herausforderungen müssen Gründerinnen und Gründer aus der Wissenschaft meistern?
Velling:
Versetzen Sie sich doch einmal in die Lage eines Forschers. Der Sprung von seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zur unternehmerischen Herangehensweise eines Gründers ist riesig. Der Kundennutzen steht plötzlich im Vordergrund, nicht mehr die technische Perfektion. Für Unternehmer geht Schnelligkeit vor Gründlichkeit. Denn der zweitschnellste hat in der Regel das Nachsehen, auch wenn sein Produkt vielleicht einen Tick besser ist. Diese vollkommen konträre Denke zu dem, was sie an der Alma Mater gewohnt sind, machen die ersten Gehschritte für Gründer aus der Wissenschaft alles andere als leicht.
Darum haben wir mit Hilfe von EXIST versucht, eine Brücke zwischen Hochschule, Forschung und unternehmerischem Denken zu schlagen. Als Ergebnis der beiden ersten EXIST-Förderphasen gibt es mittlerweile 15 EXIST-Netzwerke und weitere Partnerregionen, die Studierenden und Absolventen, aber auch wissenschaftlichen Mitarbeitern und Professoren, unternehmerisches Bewusstsein nahe bringen und Gründungsinteressierten gute Startbedingungen bieten.
Ein weiteres wichtiges Thema ist, wie so oft im Leben, das Geld. Eine große Herausforderung ist nämlich der enorme Kapitalbedarf einer technologieorientierten Gründung. Bis ein solches Unternehmen tatsächlich schwarze Zahlen schreibt, müssen oft noch mehrere Jahre für Forschung und Entwicklung sowie Markteinführung finanziell überbrückt werden. Die Kapitalsuche ist ein äußerst mühsames Geschäft, denn eine klassische Gründungsfinanzierung über Kreditinstitute und öffentliche Förderdarlehen kommt da nicht in Frage. Mit dem High-Tech Gründerfonds geben wir hier einen entscheidenden Impuls.
Dazu kommen dann noch die rechtlichen Fragen. Viele Gründungen aus der Wissenschaft beruhen ja auf den Erfindungen, die an Hochschulen und Forschungseinrichtungen getätigt wurden. Rechteinhaber dieser Erfindungen sind jedoch die öffentlichen Einrichtungen. Damit sind die Gründerinnen und Gründer darauf angewiesen, dass der Schutz ihrer Erfindung von dort aus betrieben wird und ihnen die Patente oder Ähnliches schnell und ohne Einschränkungen zur Verfügung stehen. Gerade manche Hochschulen tun sich nach der Abschaffung des Hochschullehrerprivilegs im Jahre 2002 immer noch schwer, wirtschaftlich interessante Erfindungen schnell und im richtigen Umfang zu schützen und diese zu fairen Konditionen für alle Beteiligte in junge Unternehmen einzubringen.
Inwieweit hat EXIST dazu beigetragen, Gründungen aus der Wissenschaft zu unterstützen?
Velling:
Aus meiner Sicht hat EXIST einen ganz entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung einer Gründerkultur an deutschen Hochschulen gehabt. EXIST hat nicht nur in den ersten fünf EXIST-Regionen und zehn EXIST-Transferregionen viel für das Gründungsthema getan. Über die „EXIST-Partner“ und die regelmäßigen EXIST-Workshops hat es auch erheblich in nicht-geförderte Regionen ausgestrahlt.
Zugleich hat EXIST auf hervorragende Weise den nahezu gleichzeitigen Aufbau der Existenzgründungslehrstühle in Deutschland ergänzt. Und EXIST-SEED, ein Programm, das vor kurzem vom EXIST-Gründerstipendium abgelöst worden ist, hat enorm dazu beigetragen, das Gründungsthema an den Hochschulen mit konkreten Inhalten zu füllen.
Die Zahlen sprechen ja für sich: Mit EXIST-SEED haben wir seit dem Jahr 2000 circa 500 Gründungsvorhaben ermöglicht. Und mit ihnen sind viele neue Arbeitsplätze entstanden. Ich gehe davon aus, das wir diese Erfolgsgeschichte mit dem neuen Gründerstipendium fortschreiben werden. Es handelt sich, wie der Name schon sagt, um ein Stipendium, das für die Dauer eines Jahres an die angehenden Gründerinnen und Gründer ausgezahlt wird. Als Stipendiaten sind sie keine Mitarbeiter der Hochschule, so wie es noch die Förderung durch das Vorgängerprogramm EXIST-SEED vorsah. Wir sorgen damit für mehr Unabhängigkeit der jeweiligen Gründungsvorhaben. Dazu gehört beispielsweise auch, dass nun bereits schon während der Förderphase das Unternehmen gegründet werden darf. Auch für die beteiligten Hochschulen und Forschungseinrichtungen bringt die Stipendienvariante Vorteile, da sich der administrative Aufwand verringern wird.
Neu hinzugekommen ist auch die Dienstleistungsbranche. Wissensintensive innovative Dienstleistungsvorhaben mit einem deutlichen Alleinstellungsmerkmal werden nun, genauso wie produktionsorientierte Technologieunternehmen, bei ihren Gründungsvorbereitungen unterstützt.
Wie genau wirken die Förderinstrumente zusammen?
Velling:
Wichtig für uns war und ist gerade der Synergieeffekt zwischen den verschiedenen Förderinstrumenten. Über EXIST werden Klima und Infrastruktur in den Regionen geschaffen, um Studierende, wissenschaftliche Mitarbeiter und Absolventen für das Thema Existenzgründung zu interessieren. Das EXIST-Gründerstipendium steht dann für die individuelle Förderung zur Verfügung. Und im Anschluss an den Businessplan kann der Aufbau des Unternehmens über den High-Tech-Gründerfonds erfolgen.
Was ist neu an EXIST III? Welche Schwerpunkte werden hier gesetzt?
Velling:
In den ersten beiden Phasen von EXIST standen regionale Netzwerke im Vordergrund. Sie müssen wissen: Damals wurde an kaum einer Hochschule in Deutschland unternehmerisches Denken und Handeln systematisch vermittelt, und Gründungsinteressierte hatten kaum Ansprechpartner. Inzwischen sind die Voraussetzungen besser, so dass wir nun bundesweit helfen können, „weiße Flecken“ zu beseitigen und Lücken im Qualifizierungs- und Unterstützungsangebot zu schließen. Deshalb konzentriert sich EXIST III auf die Förderung einzelner, klar definierter und abgegrenzter Projekte, die aber oftmals gemeinsam mit Partnern durchgeführt werden. Dabei setzen wir einen besonderen Schwerpunkt auf die natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fachbereiche.
Dazu zwei Beispiele: Die Universität Potsdam und der Wissenschaftspark Golm bieten einen so genannten PreInkubator an, dessen Mitarbeiter Ansprechpartner für Gründerinnen und Gründer in allen Phasen der Gründung sind. Er dient sozusagen als One-Stop-Agency und wird über EXIST III gefördert.
Oder die Julius-Maximilian Universität Würzburg: Sie will mit der EXIST-Förderung ein speziell auf Nachwuchswissenschaftler zugeschnittenes Angebot aufbauen. Zunächst wird ihnen geholfen, dass kommerzielle Potenzial ihrer Forschungsergebnisse auszuloten, dann erhalten sie eine gründungsbezogene Ausbildung inklusive eines persönlichen Eignungschecks. Vor allem werden sie sowohl vor als auch nach der Unternehmensgründung betreut.
Wer kann EXIST III beantragen?
Velling:
Den Antrag für EXIST III können Fachhochschulen und Universitäten alleine oder im Verbund mit Forschungseinrichtungen beim Projektträger Jülich in Berlin stellen. Die Projekte können eine Laufzeit von bis zu drei Jahren haben. Wir haben drei Förderrunden vorgesehen.


EXIST im Interview