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„Hochschulen sollten ihre Möglichkeiten nutzen, um Entrepreneurship geschlechterübergreifend zu stärken sowie IT-orientierte Studiengänge für Frauen attraktiver zu machen.“

Dr. Alexander Hirschfeld, Bundesverband Deutsche Startups e.V. Dr. Alexander Hirschfeld, Bundesverband Deutsche Startups e.V.
© Alexander Hirschfeld

Seit drei Jahren nimmt der Bundesverband Deutsche Startups e.V. die weibliche Start-up Szene ins Visier. Zusammengefasst werden die Ergebnisse im jährlich erscheinenden Female Founders Monitor (FFM). Wir haben Dr. Alexander Hirschfeld, Projektleiter der Studie, gefragt, vor welchen besonderen Herausforderungen Start-up Gründerinnen in Deutschland stehen.

Herr Dr. Hirschfeld, der diesjährige Female Founders Monitor hatte die Themen Finanzierung und Netzwerke im Fokus. Welche Ergebnisse haben Sie dabei am meisten überrascht?
Dr. Hirschfeld: Dass Gründerinnen bei größeren Finanzierungsummen immer noch massiv unterrepräsentiert sind. Der Anteil der Start-up-Gründerinnen ist mit 16 Prozent ohnehin schon niedrig. Und wenn davon dann nur ein Bruchteil über eine solide VC- oder Business Angel Finanzierung verfügt, ist das schon sehr bedenkenswert. Einerseits gesellschaftlich, aber vor allem auch wirtschaftlich, weil wir dadurch bestehende Potentiale nicht nutzen. Viele Gründerinnen würden ihr Start-up gerne durch Venture Capital oder Business Angels finanzieren, aber der Anteil derer, die das realisieren können, ist sehr gering. Diese Diskrepanz zeigt, dass beim Thema Start-up-Finanzierung leider immer noch ein großer Gender-Gap existiert.

Liegt das daran, dass die Investmentbranche überwiegend von Männern dominiert wird?
Dr. Hirschfeld: Es ist ja bekannt, dass man dazu neigt, sich in Auswahlprozessen für Menschen zu entscheiden, die einem selbst ähnlich sind. Dieser „similarity bias“ greift bei Bewerbungsverfahren ebenso wie im Investmentbereich. Und da der Investorensektor sehr stark von Männern geprägt ist, sind frauengeführte Unternehmen schon allein deswegen strukturell im Nachteil. Studien zeigen zudem, dass Gründerinnen im Vergleich zu Gründern im Rahmen der Pitches andere Fragen gestellt bekommen. Dabei geht es häufig um den Kundenstamm oder die aktuelle Finanzausstattung. Gründer werden dagegen häufiger nach dem Entwicklungspotential des Unternehmens gefragt: Wie wird sich der Markt entwickeln? Was für Chancen seht ihr? Eine ähnliche Schieflage gibt es auch bei der Bewertung der Kandidatinnen. Pitchen bedeutet ja immer, sich ein Stück weit aus dem Fenster zu lehnen. Männer werden dabei häufiger als mutig und risikobereit wahrgenommen, während Frauen dagegen Naivität unterstellt wird.

Es scheint also immer noch jede Menge Vorurteile zu geben, die dazu führen, dass Frauen nicht zugetraut wird, ein Start-up erfolgreich auf den Weg zu bringen?
Dr. Hirschfeld: Ja, ich glaube, dass das ein ganz entscheidender Punkt ist. Frauen werden anders bewertet und ihnen wird, wie Sie es zugespitzt gesagt haben, weniger zugetraut. Wobei vielen Investoren dieser Gender-Bias sicherlich gar nicht bewusst ist. Daher ist es wichtig, sie entsprechend zu sensibilisieren.

Erstaunlich ist es trotzdem. Bei Investoren hat man die Vorstellung, dass es sich um scharf kalkulierende und rational denkende Unternehmer handelt. Von daher müssten sie eigentlich gerade Gründerinnen bevorzugen, schließlich belegen Studien immer wieder das gute Abschneiden von frauengeführten Unternehmen.
Dr. Hirschfeld: Ich weiß. Es gibt im Start-up-Bereich eine Reihe von Studien, die zeigen, dass frauengeführte Unternehmen im Mittel, was den Umsatz, aber auch Return von Investment angeht, besser dastehen als von Männern geführte Unternehmen. Das muss man immer wieder ins Zentrum der Debatte rücken: Es geht nicht nur darum, Gründerinnen eine Chance zu geben. Es geht auch um ganz klare ökonomische Vorteile für Investorinnen und Investoren und in der Folge auch für die gesamte Wirtschaft.

Die Botschaft ist: Es lohnt sich in Gründerinnen zu investieren.
Dr. Hirschfeld: Ja, es lohnt sich. Und es gibt auch eine Reihe von Investoren, die genau das tun, zum Beispiel Ada Ventures in Großbritannien, der Female Founders Fund in den USA und Unconventional VC in Europa. In Deutschland unterstützt zum Beispiel die Beteiligungsgesellschaft Auxxo gezielt nachhaltige Geschäftsmodelle und hat dadurch ebenfalls einen klaren Fokus auf Gründerinnen.

Es gibt also so eine „Wir-finanzieren-auch-Gründerinnen“-Nische, die nicht zum Mainstream gehört?
Dr. Hirschfeld: Ja, aktuell ist das so. Im Idealfall ist das Teil einer positiven Entwicklung, weil man das Problem erkannt hat und nun Fonds gründet, die dem begegnen, es aber in der Szene auch zur Sprache bringen. Der nächste Schritt – und der ist aktuell im Gange – ist ein generelles Umdenken.

Kommen wir zu einer weiteren Hürde, die der Monitor hervorhebt: die Nichtvereinbarkeit von Familie und Beruf. Ist das eher eine Befürchtung oder tatsächlich ein Fakt?
Dr. Hirschfeld: Es ist auf jeden Fall ein Fakt. In der letztjährigen Studie hatten wir den Schwerpunkt Vereinbarkeit von Familie und Beruf und haben die GründerInnen gefragt, wie viel Arbeitszeit ihnen für ihr Start-up zur Verfügung steht. Dabei wurde sehr deutlich, dass Gründerinnen mit betreuungspflichtigen Kindern im Mittel wesentlich weniger Arbeitszeit zur Verfügung steht als Gründerinnen ohne Kinder. Wenn wir das mit Gründern vergleichen, sehen wir, dass es dort kaum einen Unterschied zwischen Männern mit Kind und Männern ohne Kind gibt. In der Konsequenz heißt das, Gründerinnen bzw. Unternehmerinnen sind wesentlich stärker in familiäre Verpflichtungen eingebunden und haben dementsprechend deutlich weniger Ressourcen für Ihr Start-up. Das war für uns ein sehr klarer Indikator dafür, dass das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine große Rolle spielt. Man sieht es auch daran, dass Frauen hier wesentlich häufiger politische Unterstützung fordern.

Nun heißt es oft: Frauen, gründet im Team, dann könnt ihr euch die Arbeit besser aufteilen. Dann ist auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf leichter zu bewerkstelligen. Was ist da dran?
Dr. Hirschfeld: Wenig. Der Hebel ist vielmehr, die Arbeitsteilung zu Hause anders zu organisieren. Ich denke, wenn man im Team gründet, mit zwei oder drei Personen, lässt das die Verantwortung und die Arbeitsbelastung nicht weniger werden. Deswegen ist eine Arbeitsaufteilung zu Hause viel wichtiger. Sie muss es Gründerinnen - genauso wie Gründern - ermöglichen, frei darüber zu entscheiden, wie viel Arbeitszeit sie in ihr Start-up investieren möchten.

Was – nicht nur Frauen – davon abhält, sich selbständig zu machen, sind auch die guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wenn wir an die Vor-Coronazeiten anknüpfen.
Dr. Hirschfeld: Gute Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt stehen immer in Konkurrenz zu einer Unternehmensgründung. Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Wichtig ist daher, eine Unternehmensgründung als berufliche Option überhaupt sichtbar zu machen und mit Vorbildern zu arbeiten. Viele Frauen haben das ja gar nicht „auf dem Schirm“. Darüber hinaus muss natürlich auch die Attraktivität des „Unternehmerinnen-Berufs“ hervorgehoben werden. Und da komme ich wieder auf das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. An den beiden Stellschrauben muss man drehen.

Welche Rolle spielen die Hochschulen dabei? Müssten die ihre Wissenschaftlerinnen und Studentinnen nicht viel deutlicher für eine „Karriere“ als Unternehmerin sensibilisieren?
Dr. Hirschfeld: Auf jeden Fall. Hochschulen, aber auch Schulen spielen eine ganz zentrale Rolle, weil man in diesen Institutionen die Möglichkeit hat, beiden Geschlechtern Expertisen, Netzwerke usw. in gleichem Maße verfügbar zu machen. Schwierig wird es ja immer dann, wenn sich Männer etwas exklusiv aneignen und Netzwerke bilden, zu denen Frauen keinen Zugang haben. Insofern sollten gerade die Hochschulen ihre Möglichkeiten nutzen, um Entrepreneurship geschlechterübergreifend zu stärken sowie IT-orientierte Studiengänge für Frauen attraktiver zu machen. Darüber ließe sich die Gründungsbereitschaft bei jungen Frauen sicherlich erhöhen.

Hätten Sie konkrete Vorschläge, was Hochschulen tun können?
Dr. Hirschfeld: Informatik hat zum Beispiel immer noch den Ruf, männlich zu sein – was, nebenbei bemerkt, so nicht stimmt, wenn man zurück zur Entstehung des Fachs Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts blickt. Wenn wir aber zeigen können, welche gesellschaftlichen Probleme mit Informatik gelöst werden können, zum Beispiel im Bereich des Bildungs- und Gesundheitswesens oder im Umweltschutz und diese Gestaltungsmöglichkeiten mit der Perspektive einer Unternehmensgründung verknüpft, bin ich mir sicher, dass wir bei vielen Schülerinnen und Studentinnen das Interesse an diesem Fach und auch an einer späteren unternehmerischen Selbständigkeit wecken. Man muss die Menschen einfach bei ihren Interessen, bei ihren Leidenschaften packen – ganz gleich, ob es sich um Frauen oder Männer handelt. Und wenn man dabei mit geeigneten Vorbildern arbeitet, die auch für einen persönlichen Austausch zur Verfügung stehen, ist man auf jeden Fall auf dem richtigen Weg.

Die Wirtschaftswissenschaften spielen laut Ihrer Studie eine wichtige Rolle bei der Gründung von Start-ups. Aber sind Betriebswirtinnen und Betriebswirte tatsächlich die großen Innovationstreiber?
Dr. Hirschfeld: Ich würde gar nicht so eindeutig unterscheiden wollen zwischen Innovation und Technik auf der einen Seite und Volks- oder Betriebswirtschaft auf der anderen Seite. Um beispielsweise ein Softwareunternehmen aufzubauen, muss man nicht unbedingt InformatikerIn sein. Viel wichtiger ist, ein Gespür dafür zu haben, was die Gesellschaft bzw. was der Markt brauchen könnte. Und da spielt die wirtschaftliche Expertise eine wichtige Rolle. Das ist auch der Grund dafür, warum GründerInnen aus dem Beratungssektor im Start-up-Bereich ziemlich erfolgreich sein. Die gründen ja nicht direkt nach der Hochschule, sondern haben Berufserfahrung und wissen daher, was der Markt braucht und wie er funktioniert. Die technische Expertise holt man sich dann dazu – entweder durch Co-GründerInnen oder MitarbeiterInnen. Unsere Studie zeigt, dass 40 Prozent der GründerInnen in Deutschland einen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund haben. Dabei sind Frauen gleich stark vertreten. Die so wichtige Businessexpertise ist also auf jeden Fall vorhanden. Das Argument, dass es so wenige Start-up Gründerinnen gibt, weil in den MINT-Fächern weniger Frauen vertreten sind, überzeugt daher nicht.

Der Female Founders Monitor betont, dass gemischte Gründungsteams Frauen im Start-up-Bereich stärken. Auch auf die Gefahr hin ein Klischee zu bedienen, aber meistens sehen die Teams doch so aus: Es gibt zwei, drei Jungs, die sind für die Produktentwicklung zuständig und eine Co-Gründerin, die sich ums Marketing kümmert. Überspitzt gesagt: Frauen sind immer fürs Marketing zuständig. Entspricht das Ihrem Bild einer Start-up Gründerin?
Dr. Hirschfeld: Im Grunde kann man sagen, dass sich unsere gesellschaftlichen Rollenbilder beim Aufbau eines Teams ein Stück weit reproduzieren. Dennoch ist es unabhängig vom Schwerpunkt enorm wichtig, dass Frauen überhaupt in den Gründungsteams vertreten sind. Sicher sind es dabei Bereiche wie Marketing und Operations, die stärker von Frauen besetzt werden als von Männern. Aber es macht einen großen Unterschied, ob man als Angestellte oder als Co-Gründerin im Marketing eines Unternehmens arbeitet. Der Grund ist: Im Gründungsteam hat man immer Einfluss auf strategische Entscheidungen. Das ist ganz wichtig, gerade auch für die weitere Entwicklung des Unternehmens. Hier zeigen Studien, wie zum Beispiel der Kauffman Foundation, dass in gemischten Gründungsteams im Mittel zweieinhalbmal so viele Frauen im Tech-Bereich eingestellt werden. Das ist für die Steigerung von Diversität in der Tech-Branche unglaublich wichtig. Damit erhalten Frauen Zugang zu bislang männerdominierten Unternehmen und haben damit die Chance, sich dort beruflich zu entwickeln und Einfluss zu nehmen.

Stand: Juli 2020

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