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„Immerhin sehen 35 Prozent der befragten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sogar neue Geschäftsmöglichkeiten durch die Pandemie.“

Dr. Teita Bijedić Dr. Teita Bijedić, Institut für Mittelstandsforschung (IfM)
© privat

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf die Gründungsbereitschaft von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an Hochschulen? Dieser Frage ist das Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) im Frühjahr 2020 nachgegangen. Auch wenn heute das Ergebnis aufgrund der nach wie vor andauernden Pandemie etwas anders ausfallen könnte, bietet die Studie dennoch interessante Einblicke in das Gründungsverhalten von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vor dem Hintergrund des ersten Lockdowns. Wir haben mit Dr. Teita Bijedić, Leiterin der Befragung, über die Ergebnisse gesprochen.

Frau Dr. Bijedić, Sie haben bereits zum dritten Mal Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Hochschulen zu ihrem Gründungsinteresse befragt. Wie ist die Umfrage aufgebaut?
Dr. Bijedić: Es ist richtig, dass die Daten, aus denen wir die aktuellen Ergebnisse generiert haben, aus der dritten Welle einer Panel-Studie stammen, die wir seit 2013 durchführen. Ziel ist es, den Einfluss struktureller Rahmenbedingungen auf die Gründungsneigung und den Gründungserfolg von WissenschaftlerInnen über einen bestimmten Zeitraum hinweg zu untersuchen. Studierende und Absolventen haben wir bei unserer Umfrage nicht berücksichtigt, da es dazu bereits eine gute Datenlage gibt. Wir haben also 2013, 2016 und zuletzt 2020 an 73 Hochschulen immer wieder dieselben über 7.300 Personen befragt. Berücksichtigt wurden dabei alle Hierarchiestufen der Hochschulangestellten - von DoktorandInnen bis hin zu verbeamteten ProfessorInnen. Hinsichtlich der Fachrichtungen decken wir eine sehr breite Palette ab, von den MINT-Fächern über Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Kreativfächern bis hin zu Jura und natürlich auch den Wirtschaftswissenschaften.

Sind das allesamt DoktorandInnen und ProfessorInnen, die sich bereits auf eine Unternehmensgründung vorbereitet hatten?
Dr. Bijedić: Damals, als wir die Umfrage gestartet haben, waren alle noch an der Hochschule in irgendeiner Form angestellt. Einige waren schon im Nebenerwerb selbstständig, teilweise auch im Zusammenhang mit ihren Forschungsarbeiten an der Hochschule. Aber bereits in der zweiten Befragungswelle, 2016, konnten wir feststellen, dass ein kleiner Teil bereits in den selbstständigen Vollerwerb gegangen ist. Das heißt, die sind aus dem Wissenschaftsbetrieb ausgestiegen und waren dann vollzeitselbstständig. Diese Anzahl hat sich jetzt, in der dritten Welle, etwas erhöht: Ungefähr sechs Prozent sind als UnternehmerInnen im Vollerwerb und weitere circa 30 Prozent als UnternehmerInnen im Nebenerwerb selbstständig. Die restlichen 64 Prozent sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zwar häufig über eine Gründungsneigung verfügen, aber sich noch nicht an den Markt getraut haben oder die ihr Gründungsvorhaben in der Zwischenzeit verworfen haben sowie diejenigen, die nach wie vor nicht an einer Gründung interessiert sind.

Konnten Sie einen Unterschied im Gründungsverhalten zwischen Männern und Frauen feststellen?
Dr. Bijedić: Der Männer- und Frauenanteil unter den Befragten ist ungefähr gleich verteilt. Etwas über 40 Prozent der Stichprobe sind Frauen. Wir sehen aber, dass Männer mit aktuell 43 Prozent viel häufiger über eine Gründungsneigung verfügen als Frauen mit einem Anteil von etwa 30 Prozent. Zudem sind sie häufiger selbstständig In der aktuellen Befragungswelle circa sieben Prozent der Männer und drei Prozent der Frauen im Vollerwerb, einer von drei Männern und eine von fünf Frauen sind im Nebenerwerb selbstständig. Das war in allen drei Wellen der Fall. Allerdings haben wir jetzt in der dritten Welle – das fanden wir sehr interessant – gesehen, dass Frauen, wenn sie denn gründen, viel häufiger direkt in den Vollerwerb gehen als Männer.

Bleiben wir bei der dritten Befragungswelle, weil die natürlich auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie besonders interessant ist. Laut Ihrer Untersuchung hat sich die Pandemie eher als ein Gründungstreiber denn als Gründungshemmnis erwiesen. Wie können Sie das erklären?
Dr. Bijedić: Wenn wir uns die Treiber und Hemmnisse allgemein anschauen, sehen wir, dass bei den Hochschulangehörigen die sogenannten Pull-Faktoren dominieren. Das heißt, sie gründen primär nicht aus der Not heraus, sondern eher, weil sie eine zündende Idee haben oder sich selbstverwirklichen wollen, weil sie unabhängig sein wollen und so weiter. Wobei: Rund 35 Prozent der Befragten sahen aufgrund ihrer coronabedingten ungewissen Arbeitssituation einen Anlass, sich selbständig zu machen. Für die meisten aber war mit 86 Prozent der ausschlaggebende Gründungstreiber, ein gutes und innovatives Produkt auf den Markt bringen zu wollen – unabhängig von der Pandemie. Und immerhin sehen 35 Prozent durch die Pandemie sogar neue Geschäftsmöglichkeiten.

Wir wissen aus der vorherigen Forschung, dass sich diese sogenannten Chancen-Gründerinnen und Gründer mehr Vorbereitungszeit nehmen, auch beständiger am Markt sind und im Durchschnitt schneller wachsen. Zum Teil ist also zu vermuten, dass sie in der Corona-Pandemie einen Anlass sahen, ihr bereits geplantes Gründungsvorhaben auf den Markt zu bringen, unter anderem weil ihr Arbeitsbereich aufgrund des Lockdowns ungewisser wurde oder sich aufgrund der veränderten Konsum- und Arbeitsweisen akut neue Gelegenheiten auf dem Markt ergeben haben.

Und inwiefern spielte Corona als Gründungsbarriere eine Rolle?
Dr. Bijedić: Lediglich eine bzw. einer von acht Gründungsinteressierten sieht die Corona-Pandemie als Gründungshindernis. Corona steht damit am untersten Ende der Skala bei den Barrieren. An erster Stelle rangieren mit jeweils ca. 50 Prozent die Unvereinbarkeit der Selbstständigkeit mit der aktuellen beruflichen Situation und die hohe zeitliche Belastung einer Unternehmensgründung sowie das Fehlen finanzieller Mittel.

Wichtig ist auch, in welcher Phase der Gründungsvorbereitungen sich die Gründerinnen und Gründer befinden. Haben Sie dahingehend differenziert?
Dr. Bijedić: Wir haben die TeilnehmerInnen nicht direkt gefragt, in wie viel Monaten sie an den Markt gehen wollen, sondern welche Schritte sie bereits unternommen haben, um die Gründung voranzutreiben. Das heißt, der Gründungsfortschritt wird an Schritten gemessen. Dabei haben wir gesehen, dass diejenigen Gründerinnen und Gründer, die mit ihrem Vorhaben bereits weit fortgeschritten waren, besonders häufig gesagt haben, ich setze mein Gründungsvorhaben ungeachtet der Corona-Pandemie um.

Wenn die Gründerinnen und Gründer mehr oder minder unverdrossen ihre Pläne für den Markteintritt weiterverfolgen, besteht da nicht die Gefahr, dass bestimmte Märkte falsch eingeschätzt werden? Dass der Einfluss von Corona zu sehr außer Acht gelassen wird?
Dr. Bijedić: Da müssen wir unterscheiden zwischen Gründungsinteressierten und bereits Gegründeten. Die Gründungsinteressierten haben sich von Corona bei ihrem Gründungsvorhaben nicht hindern lassen. Diejenigen aber, die bereits im Vollerwerb selbstständig sind und ihre Lebenshaltungskosten aus ihrer selbständigen Tätigkeit bestreiten, befürchteten schon eher einen Rückgang der Nachfrage. Es ist aber nicht so, dass sie ihr Unternehmen deshalb wieder aufgeben oder in den Nebenerwerb gehen möchten. Vielmehr haben sie vor, ihr Geschäftsmodell anzupassen und stärker zu digitalisieren.

Die Befragung fand im Frühjahr 2020 statt, also eher in der Anfangsphase von Corona. Das Ergebnis könnte heute etwas anders ausfallen.
Dr. Bijedić: Das kann gut sein, da viele Unternehmen ja inzwischen mit weiteren Konsequenzen des zweiten coronabedingten Lockdowns zu kämpfen haben. Wir planen am Institut, die Auswirkungen der Corona-Pandemie hinsichtlich der Rahmenbedingungen für Zielgruppen, wie zum Beispiel mittelständische Unternehmen sowie Gründerinnen und Gründer zu untersuchen. Dies ist aber ein mehrjähriges Unterfangen, da sind wir noch in der Planungsphase.

Stand: Januar 2021

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